mini|Monatsbild „September“, Très Riches Heures des Herzogs von Berry (1412/16–1485; Chantilly, Musée Condé, Ms. 65, fol. 9v) – herbstliche Weinlese am Fuße des Schlosses Saumur, darüber astrologisches Kalendarium mit Tierkreiszeichen (Jungfrau, Waage) und Sonnenwagen.
Monatsbilder (auch Monatsarbeiten genannt) sind zu einem geschlossenen Zyklus zusammengestellte visuelle Repräsentationen der Monate des abendländischen Kalenders. Monatsbildzyklen stellen ein klassisches Thema der vormodernen europäischen bildenden Kunst dar und finden sich besonders prominent a ls Teil der Bildprogramme der gotischen Kathedralen, der spätmittelalterlichen Buchmalerei und des profanen Wandschmucks der frühen Neuzeit.
Die Monatsbilder stehen häufig in enger Verbindung mit den Darstellungen der zwölf Tierkreiszeichen. Mit den vierteiligen Zyklen der Jahreszeiten sind sie nahe verwandt. Ihnen wird eine entscheidende Rolle für die Ausbildung der nachantiken Landschafts- und Genremalerei in Europa zugeschrieben.
Überblick mini|Kalenderblatt aus dem Fragment eines Sakramentars (Fulda, um 980; SBB-PK) – Frühform der Monatsbilder, mit „Annus“ im Zentrum, um ihn herum die vier Jahreszeiten, in den Medaillons „Tag“ und „Nacht“, in den Kolumnen die Monate und Monatsarbeiten. Die „klassische Grundform“ der Monatsbildzyklen enthält die zwölf Repräsentationen der Monate, die einen im weitesten Sinne agrarwirtschaftlichen Kalender konstituieren (siehe unten) und denen die Tierkreiszeichen des entsprechenden Zeitraums beigeordnet sind. Die Gestaltung kann schematisch auf einer einzelnen Seite oder als vier-, sechs-, zwölf- oder vierundzwanzigteiliger Zyklus erfolgen. Die Tierkreiszeichen können dabei als selbständige Einheiten den Monatsdarstellungen gegenübergestellt sein, beispielsweise in eigenen Medaillons, jedoch auch beliebig weit in die Monatsbilder selbst integriert werden, etwa als szenischer Bestandteil.D. Pearsall, E. Salter: Landscapes and Seasons of the Medieval World. 1973, S. 144. Durch diese In-Beziehung-Setzung der jahreszeitlichen Aktivitäten mit den Abläufen am Himmel ordnete sich der irdische Jahreslauf und der in ihm handelnde Mensch in die von Gott gesetzte kosmische Ordnung ein.Heribert M. Nobis: Zeitmaß und Kosmos im Mittelalter. In: Albert Zimmermann (Hrsg.): Mensura: Mass, Zahl, Zahlensymbolik im Mittelalter. Halbband 2. (= Miscellanea Mediaevalia. 16,2). Berlin u. a. 1984, S. 274. Die Tierkreiszeichen können auch fehlen, doch ist dies weitaus seltener der Fall, als es den Anschein hat: viele Abbildungen in der Literatur „unterschlagen“ diese, weil sie vom Künstler räumlich getrennt dargestellt wurden (z. B. auf der gegenüberliegenden Blattseite in einer Handschrift).
Während die frühesten Zyklen zunächst symbolische oder mit spezifischen Attributen ausgestattete, frontale Halb- oder Ganzfiguren verwendeten, entwickelten sich während des Mittelalters langsam kleine Genreszenen, die größtenteils durch monatstypische, zur jeweiligen Zeit existenziell bedeutsame land-, jagd-, forst- oder hauswirtschaftliche Arbeitsvorgänge, später auch vergnüglichen Tätigkeiten, geprägt sind. In beiden Gestaltungsformen wird dabei in vielfältiger Weise auf den jahreszeitlichen Vegetationszyklus verwiesen, indem mit verschiedenen eindeutigen Symbolen, Attributen oder der Abbildung saisonaler Produktionsprozesse – die so genannten „Monatsarbeiten“ oder später „Monatsfreuden“ – auf diesen Bezug genommen wird.
Entscheidend für die spezifische Ausprägung eines Zyklus sind zum einen der Kontext (sakral oder profan), der Zweck (didaktisch oder ornamental) und natürlich die individuelle Absicht des Künstlers oder Auftraggebers. Doch auch wenn die Monatsbildzyklen zwischen frühem Mittelalter und der Mitte des 15. Jahrhunderts im Einzelnen Unterschiede in Inhaltswahl und Komposition für jeden Monat aufweisen, so blieb doch das Gesamtkonzept trotz erkennbarer Unterschiede bemerkenswert gleichförmig.J. C. Webster: The Labors of the Months in Antique and Mediaeval Art to the End of the Twelfth Century. 1938, S. 94.
mini|links|„Januar“, Breviarium Grimani (Flandern, ca. 1510; Venedig, Bibl. Marc.) – Ausblick auf alle Themenkreise: Brot (Mühle, Esel mit Getreidesäcken, pickende Vögel), Fleisch (Schwein), Wein (Fässer), Holz (Feuer), Wolle (Schafe, Spinnerin); „realistische“ Architektur und Landschaft; Genreelemente (urinierendes Kind, häusliche Szene). Das Reifen, Ernten (Schlachten) und die Weiterverarbeitung von Naturprodukten während eines gewöhnlichen Jahreslaufs bestimmte die Gestaltung der frühen Kalenderordnungen und damit der Monatsbildzyklen. Da die einzelnen Kompartimente für die Monate recht bald mit jahreszeitlich festliegenden Sujets verbunden worden waren, konnten sich neue Elemente zunächst nur schwer durchsetzen. Damit bilden die Monatsbilder aufgrund der Konstanz der Motive einen eigenständigen ikonographischen Typus. Stilistische und kompositorische Veränderungen über die Jahrhunderte hinweg weisen allerdings auch auf eine allmähliche Weiterentwicklung hin, bis sich nach 1420 die Inhalte und Intentionen stärker zu verändern begannen.G. Strohmaier-Wiederanders: Imagines anni / Monatsbilder: Von der Antike bis zur Romantik. 1999, S. 8.
Mit den Très Riches Heures (um 1412/16) wandelte sich der Charakter der Zyklen grundlegend. Die frühen Monatsbilder hatten noch mehr oder weniger statische Personen oder Personifikationen mit Attributen bzw. symbolischen Funktionen gezeigt, aus denen sich kleine Handlungen entwickelt hatten, die vor allem für den jeweiligen Zeitraum repräsentative jahreszeitliche Arbeiten ins Bild brachten. In diesem Stundenbuch des Herzogs von Berry nahm zum ersten Mal jedes einzelne Monatsbild in einer Handschrift exklusiv eine eigene, komplette Seite ein.Shane Adler: Months. 1998, S. 626. Auch wenn solche Einzelblätter weiterhin als Teil einer, nur im Zusammenhang verständlichen, Gesamtkonzeption erkennbar bleiben, ist doch (ähnlich wie bei den Kalenderblättern, die allerdings die Monatsbilder noch in ihren besonderen eigenen Kontext einbeziehen) durch die Reihung auf Einzelseiten der Gesamtzyklus nicht mehr unmittelbar erfassbar. Solche vergleichsweise großformatigen Bildanlagen führten aber auch zu neu verfügbaren Gestaltungsräumen, die es den Künstlern erlaubten, die traditionelle Themenvorgabe durch zusätzliche Motive, etwa im Hintergrund der Bilder, aufzubrechen.B. A. Henisch: The Medieval Calendar Year. 1999, S. 184. In den folgenden Jahrhunderten setzte sich das Konzept der ausgearbeiteten, erweiterten und variableren Szenen in den Handschriften nach und nach durch. Dabei lösten sich die Motivfügungen – vor allem in der Tafelmalerei – langsam aus den Zusammenhang der Monatszyklen und entwickelten sich als eigenständige Sujets weiter.
Geschichte Altertum mini|Links: Monatsbild „März“, Kalender des Philocalus (345, Stich nach einer Kopie aus dem 9. Jh.), Beispiel für die antike Form eines Monatsbildes; Rechts: antikisierende Wiederverwendung im 18. Jh. (Kupferstich, Ausschnitt).
Die frühen Hochkulturen verbildlichten den Zeitrhythmus des Jahreskreises gerne durch Darstellungen der Jahreszeiten oder Tierkreiszeichen.Zu den Tierkreiszeichen siehe Hans Georg Gundel: Zodiakos. Tierkreisbilder im Altertum: Kosmische Bezüge und Jenseitsvorstellungen im antiken Alltagsleben. (= Kulturgeschichte der Antiken Welt. 54). Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1992, ISBN 3-8053-1324-1. Erst aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. sind die frühesten Repräsentationen einzelner Monate bekannt. Cäsars Kalenderreform von 46 v. Chr. war der entscheidende Faktor zur Ausbildung einer europäischen Monatsbildtradition, da die Ablösung des Mondmonats durch den Sonnenmonat die landwirtschaftlichen Planungs- und Organisationsvorgänge, die stets vom Sonnenjahr abhängig sind, vereinfachten und vereinheitlichten.
Die frühesten Monatsbildzyklen werden in zwei ursprüngliche Traditionsstränge eingeteilt. Die griechische Tradition gibt die Abfolge „heidnisch“-liturgischer Feste im Jahreskreis wieder. Fragmente der ältesten Monatsbildzyklen, die heute noch erhalten sind, finden sich in Athen, etwa als attischer Fries an der Metropolitankirche Hagios Eleutherios (Panagia Gorgoepikoos). Jedem Monat wurden dabei Götter und Kulthandlungen zugeordnet, was eine Funktion als illustrierter Festkalender nahelegt. Bereits damals nahmen die um Vegetation und Ernte kreisenden Dionysos-Feste eine besondere Stellung ein. Die Tendenz zur Personifikation abstrakter Begriffe und Ideen erleichterte später die Rezeption und Anpassung durch das Christentum, da sich hierdurch später leicht geistige Sinngehalte und christlich-religiöse Symbolik miteinander verbinden konnten.G. Strohmaier-Wiederanders: Imagines anni / Monatsbilder: Von der Antike bis zur Romantik. 1999, S. 14.
Die römische Tradition besteht hauptsächlich aus profanen Motiven landwirtschaftlicher Arbeiten, die an bukolische Szenen angelehnt sind. Die Darstellungen begründeten sich wohl aus der schwärmerischen Sehnsucht nach dem Ideal eines „einfachen“ und „natürlichen“ Lebens auf dem Lande. Sie waren oftmals Teil der Ausstattung bürgerlicher römischer Villen und dienten damit vornehmlich dekorativen Zwecken. Die notwendigen Voraussetzungen für ein allgemeines Interesse an Monatsbildern hatten die römischen Steckkalender geschaffen, die bereits Abbildungen der Planetengötter und Tierkreiszeichen als symbolische Herrscher über Tage, Wochen und Monate (Chronokratoren) verwendet hatten.G. Strohmaier-Wiederanders: Imagines anni / Monatsbilder: Von der Antike bis zur Romantik. 1999, S. 8f. u. 13.
Spätantike und frühes Mittelalter mini|Monatsbilder auf dem Blatt einer Handschrift (Salzburg, um 818; Clm 210) – Übergangsform vom antiken „Festkalender“ zum mittelalterlichen „Arbeitskalender“.
Die grundsätzliche Voraussetzung für die Weiterführung der Monatsbildtradition und ihre christianisierende Umformung in den frühmittelalterlichen Handschriften war der teilweise Erhalt von Bildungs- und Kulturgütern der Antike im Abendland. Eine Schlüsselstellung nimmt der in mehreren Kopien seit dem 9. Jahrhundert erhaltene Kalender von 354 (auch Chronograph des Philocalus oder Fasti Philocaliani genannt) ein, der noch keine sichtbaren christlichen Einflüsse aufweist. Er stellt das früheste Werk dar, welches neben einem Kalender auch einen zwölfteiligen Monatsbildzyklus umfasst, der von vierzeiligen erläuternden Monatsversen begleitet wird.
Die Protagonisten des antiken Festzyklus wurden hier nicht etwa durch christliche Symbole, sondern durch religiös „neutrale“ Figuren und Attribute der jahreszeitlich bedingten Arbeiten ersetzt. Dies war möglich, da sich der ursprüngliche Festkreis bereits auf saisonale Gegebenheiten bezogen hatte. Eine „Verchristlichung“ des Sinngehalts des Gesamtzusammenhangs der Monatsbildzyklen fand erst ganz allmählich im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte statt. Dabei tendierte die Entwicklung zunehmend zur Gestaltung kleiner Szenen, die durch im weitesten Sinne agrarwirtschaftliche Arbeiten geprägt waren.
Diese Entwicklung von einer unmittelbar sakralen Bedeutung hin zu (oberflächlich betrachtet) recht profanen Themen verhinderte allerdings nicht, dass die Monatsbilder in liturgische Handschriften integriert wurden – offenbar als Symbolisierung der irdischen Zeit. Dieser Verwendungskontext bezeugt auch die große Bedeutung des Naturrhythmus des Jahres und der Jahreszeiten für den Lebensvollzug in der agrarisch strukturierten Gesellschaft des frühen Mittelalters.
Zu den ältesten bekannten Monatsbildzyklen in frühmittelalterlichen Handschriften gehören die Miniaturen in zwei Salzburger Handschriften aus der Zeit um 818 (Clm 210 und Wien, ÖNB, Nr. 387). In einer byzantinischen Ptolemäushandschrift des Vatikans (Rom, Mitte des 9. Jahrhunderts), der karolingischen Kopie einer antiken Handschrift (der so genannte Leidener Germanicus) zeigt sich der Übergang von den repräsentativen Personifikationen zu den Monatsarbeiten.