mini|Ira Aldridge als Othello, 1826 Othello, der Mohr von Venedig (frühneuenglisch The Tragœdy of Othello, The Moore of Venice) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Es handelt von dem dunkelhäutigen Feldherren Othello, der aus übertriebener und durch den Intriganten Iago beförderter Eifersucht seine geliebte Ehefrau Desdemona und daraufhin sich selbst tötet. Shakespeares Quelle war eine Erzählung aus der Sammlung Hecatommithi des Italieners Giraldo Cinthio. Der Autor hat das Werk vermutlich um die Jahre 1603 oder 1604 fertig gestellt. Die erste Druckausgabe ist von 1622. Ein Jahr später erschien in der First Folio eine leicht revidierte Version des Stücks. Als früheste Aufführung ist aus einem Eintrag im Accounts Book des Master of the Revels eine Aufführung des Stücks durch die Schauspieltruppe Shakespeares im großen Festsaal der königlichen Residenz in Whitehall am 1. November 1604 bekannt. Die erste deutsche Übersetzung war Teil der Gesamtausgabe von Shakespeares Theatralischen Werken (1762–1766) durch Christoph Martin Wieland. Die deutsche Erstaufführung fand 1766 in Hamburg statt. Othello war schon zu Shakespeares Zeit ein äußerst erfolgreiches und populäres Werk, das seit seiner Entstehung eine dichte und ununterbrochene Bühnenpräsenz aufweist. Die bekannteste Adaption ist Verdis Oper Otello.
Handlung Für die Inhaltsangabe werden die aktuellen zweisprachigen Ausgaben von Frank Günther und Balz Engler verwendet. Der englische Text der dtv-Ausgabe entspricht der New Penguin Shakespeare-Edition von Kenneth Muir.Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, S. 275 Die Stauffenburg-Ausgabe verwendet die von Alfred Harbage besorgte Ausgabe des The Complete Pelican Shakespeare.Balz Engler (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2004, S. 7. Beide englische Editionen basieren auf der Folio-Version des Werkes. Textnoten und Randglossen sind dem Apparat sowie dem Szenenkommentar der englisch-deutschen Studienausgabe entnommen.
Akt I Brabantio wird aus dem Schlaf geweckt. Fremde lärmen vor seinem Haus und höhnen, seine Tochter habe sich davongemacht. Man ahnt das Schlimmste und begibt sich sofort auf die Suche. Tatsächlich hat Desdemona heimlich den Befehlshaber Othello geheiratet. Jetzt logiert das Paar im Haus „Zum Schützen“. Dort treffen ein wütender Vater mit seinen Angehörigen auf Abgesandte des Senates in Begleitung von Soldaten. Sofort stehen sich alle mit blankgezogenen Waffen gegenüber. Das Getümmel verstummt, als der Feldherr Ruhe gebietet, und beide Gruppen ziehen unvermittelt zum Palast des Dogen, denn es droht ein Überfall einer feindlichen Flotte. Der Krieg verlangt, dass Othello unverzüglich ausrückt, um das verbündete Zypern zu schützen. Der Senat legitimiert die heimliche Hochzeit des Paares und die junge Frau darf Othello begleiten.
[Szene 1] Der Edelmann Roderigo und Iago, ein Soldat niederen Ranges, sind nachts in Venedig unterwegs. Roderigo beschwert sich, dass Iago ihm etwas Wichtiges verschwiegen habe, obwohl er – der Begüterte – ihm stets Geld gab. Iago will aber von der Sache überrascht worden sein und ist ebenfalls wütend, weil er bei einer Beförderung übergangen wurde. Ein unerfahrener Konkurrent – Michael Cassio aus Florenz – sei bevorzugt worden, obwohl er, Iago, seinem Vorgesetzten – einem Mohren – stets treu gedient habe („… ich weiß um meinen Wert, der Posten steht mir zu.“).Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 1, 11. Nun hat er beschlossen sich zu verstellen („… ich bin nicht, was ich bin.“)Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 1, 66. und nur noch aus Eigennutz zu dienen. Als sie bei ihrem Ziel – dem Haus eines Venezianers – ankommen, fordert der nunmehr maskierte Iago seinen Begleiter auf, durch lautes Geschrei den Hausherrn Brabantio aus dem Schlaf zu wecken. Brabantio erscheint am Fenster, beschwert sich über den Lärm und muss hören, seine Tochter sei heimlich mit einem Fremden durchgebrannt. Der Hausherr erkennt einen der nächtlichen Ruhestörer – Roderigo – als den unerwünschten Freier seiner Tochter und wähnt einen üblen Scherz („… mit vollgesoffnem Hirn … kommst Du frech und störst mir meine Ruh.“).Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 1, 100. Ohne den Namen zu nennen, erklären die beiden ungebetenen Gäste mit derben Worten („schwarzer Bock, Berberhengst, Karnickelstellung“),Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 1, 89, 112, 117. dass Brabantios Tochter ohne dessen Einwilligung, heimlich, mitten in der Nacht den farbigen Feldherrn – Iagos Vorgesetzten – zum Mann genommen hat. Der Schwur des Edelmannes Roderigo, die Sache sei wahr, verunsichert Brabantio; er sucht seine Tochter im Haus, jedoch erfolglos, und bittet den nunmehr vertrauenswürdig erscheinenden Roderigo um Hilfe. Währenddessen macht sich Iago, der unerkannt bleiben will, davon. Brabantio ist außer sich, in Begleitung seiner Diener macht er sich im NachtgewandFrank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 1, 159: Enter Brabantio in his night-gown. (Bühnenanweisung). Vgl. Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): William Shakespeare: Hamlet. The Texts of 1603 and 1623. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 2, Bloomsbury, London 2006, Hamlet Q1, 11, 57: Enter the Ghost in his night-gown. (Bühnenanweisung) zusammen mit Roderigo auf, ergreift Waffen, befiehlt, seinen Bruder, seine Verwandten und die Nachtwache zu alarmieren, um seine Tochter zu suchen und ihren Freier, den Feldherrn, dem er Zauberei unterstellt, festzunehmen.
[Szene 2] Iago treibt ein doppeltes Spiel. Noch in derselben Nacht sucht er Othello vor dessen Haus auf und berichtet, dass Brabantio seinen Herrn mit so üblen Worten geschmäht habe, dass er – dem es eine Gewissenssache sei, nie geplant zu morden – den Magnifico habe umbringen wollen. Othello solle sich vorsehen, denn Brabantio sei ein mächtiger und einflussreicher Gegner („… der halst Ihnen Last und Ärger auf, wie das Gesetz ihm Leine lässt.“).Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 2, 15-17. Othello vertraut Iago blind, er berichtet ihm, was er bislang niemandem mitgeteilt hat, nämlich dass er von hoher, königlicher Abkunft ist. In Begleitung von Dienern des Rates eilt Cassio herbei, der Othello eine äußerst dringliche Nachricht des Dogen bringt. Der Senat habe sich mitten in der Nacht versammelt wegen eines unmittelbar bevorstehenden Krieges („… drei Trupps sind ausgeschickt, Sie aufzustöbern“).Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 2, 46f. Während Othello – „auf ein Wort“ – sein Haus betritt, unterhalten sich Fähnrich und Leutnant über die heimliche Hochzeit ihres Generals, als auch schon Brabantio auf der Suche nach Othello eintrifft und sich sofort beide Gruppen mit blankgezogenen Klingen gegenüberstehen („Die Waffen weg!“).Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 2, 82. Vgl. Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Romeo und Julia. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2014, Akt I, 1, 85f: "Bei Folterqual, laßt die mißbrauchten Waffen aus euren blutsudligen Händen fallen." Der betrogene Vater spart nicht mit deutlichen Worten („… der Drecksdieb, … die Kreatur mit rußschwarzer Brust … habe ein Kinderherz mit Kräutergift missbraucht … und sei ein Adept verbotener Künste.“).Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Othello. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2010, Akt I, 2, 62-81. Brabantio will den Feldherrn in Haft sehen, aber ein Offizier des Dogen verlangt Gehör und überbringt das Gesuch, das beide wegen „dringlichster Staatsgeschäfte“ umgehend in den Senat bestellt.