mini|Logo des brasilianischen Bildungsministeriums Das Bildungssystem in Brasilien umfasst Schulen, berufliche Bildungseinrichtungen und Universitäten bzw. Hochschulen. Zu ihr gehört die 14-jährige, kostenlose und obligatorische Basisbildung (educação básica), die sich von der Vorschule (pré-escola) über die Primarbildung (ensino fundamental) bis zur Sekundarschule (ensino médio) erstreckt. Hinzu kommt die fakultative Ergänzung der frühkindlichen Bildung (educação infantil) für Kinder bis drei Jahren, die höhere Bildung an Hochschulen und Universitäten (ensino superior) sowie die fachliche Bildung (ensino técnico), die jedoch teilweise in die Sekundarschule integriert ist.

Die Verantwortung über das Bildungssystem unterliegt dem MEC (Ministério da Educação „Bildungsministerium“).

Neben den kostenlosen staatlichen Schulen und Universitäten gibt es eine Vielzahl privater Einrichtungen, teilweise in kirchlicher Trägerschaft.

Das Lei de Diretrizes e Bases da Educação Nacional („Gesetz über die Richtlinien und Grundlagen der nationalen Bildung“), kurz LDB, vom 20. Dezember 1996 legte die derzeitige Organisation des brasilianischen Bildungssystems fest.

In der PISA-Studie von 2022 schnitt Brasilien in allen drei Kompetenzbereichen schlechter ab als der OECD-Durchschnitt.

Die Human Rights Measurement Initiative hat für das Jahr 2020 ermittelt, dass Brasilien in Hinblick auf das Recht auf Bildung 74,5 % dessen erreicht, was gemessen am Niveau der Einkünften des Landes möglich sein sollte.

Geschichte Die soziale Ungleichheit kennzeichnet den Weg Brasiliens seit der Kolonialzeit. Bis heute wirkt sie sich stark auf das von der Bevölkerung erreichte Bildungsniveau aus. Einer der entscheidenden Faktoren, der zur sozialen Ungleichheit auch im Bildungsbereich beiträgt, ist die Sklaverei der zunächst indigenen, später hauptsächlich afrikanischen Völker von etwa 1530 bis 1888. In diesen mehr als 350 Jahren wurden diese Völker von den wenigen schulischen Einrichtungen der Kolonie ausgeschlossen. Weitere Faktoren für das derzeitige Niveau der brasilianischen Schulbildung sind die wirtschaftlichen Entwicklungsmodelle des Landes, die zu einer Zunahme von Armut, einer Konzentration von Einkommen, einem ungleichen Zugang zu Dienstleistungen, einer unkontrollierten Verstädterung und zu Gewalt führten.

Kolonialzeit (1500–1822) mini|Ehemalige Igreja do Colégio dos Jesuítas, daneben das Colégio (1862) Seit Beginn der Kolonialisierung war die Schulbildung in Brasilien fast ausschließlich ein Vorrecht der Jesuitenorden. Sie kamen 1549 ins Land und gründeten unter der Leitung von Pater Manuel da Nóbrega die erste Primarschule in Salvador da Bahia. Mit der Gründung von Primarschulen in anderen Orten sowie Gymnasien, dehnte sich ihr Bildungsnetz aus. Im 16. und 17. Jahrhundert bemühten die Jesuiten sich um Europäisierung und Christianisierung. Als die indigene Bevölkerung die christlichen und europäischen Elemente mit eigenen Einflüssen färbte, konzentrierten sich die Jesuiten vor allem auf die Schulbildung der männlichen Bevölkerung, nahmen jedoch auch darüber hinaus die Bildung in den Fokus. Durch Klosterschulen sollten die Kinder und Jugendlichen von synkretischen Vorstellungen getrennt werden. Die Erziehung und Ausbildung richtete sich nach christlichen und europäischen Standards und konzentrierte sich überwiegend auf Geisteswissenschaften und die lateinische Sprache. Zusätzlich sollten die Absolventen der Klosterschulen als Multiplikatoren dieser christlich-europäischen Bildung wirken, indem sie Einfluss auf ihr Umfeld nahmen. Dazu sollten sie angesehene weltliche oder religiöse Positionen bekleiden, die nur durch Bildung und/oder politische Hilfe zu erreichen waren.

Parallel zur Ausbildung durch die Jesuiten stellte die portugiesische Regierung ab 1648 Spezialisten für militärische Kurse ein. Diese sollten Personal für den Bau von Festungsanlagen zur Verteidigung des brasilianischen Landes ausbilden.

Die jesuitischen Klosterschulen waren in den ersten 200 Jahren der Kolonialisierung Brasiliens die Hauptzentren der Verbreitung brasilianischer Kolonialkultur. Schulen wie Schüler waren die ersten, die eine solche brasilianische Kultur definierten.

In diesem Zeitraum kam es auch zu Konflikten zwischen den Jesuiten und den Herrenhäusern, in denen es primär um die politische Vorherrschaft der Institutionen ging.

Die aristokratischen Großfamilien verfügten ihren eigenen Privatunterricht. Richtlinien dafür setzten in der Regel die Erbfolge des Patriarchen und die Bedürfnisse des Standes. Von hoher Bedeutung war die Betonung der aristokratischen Differenzierungsmerkmale, beispielsweise in der Sprache. Keine Rolle spielten bei der Auswahl von Schülern und Stoff die Begabungen, Erfolgsversprechen, wirtschaftliche bzw. wissenschaftliche Zweckmäßigkeiten oder geistlicher Anspruch.

Die Klosterschulen wurden für die Patriarchen zur Herausforderung durch ihr Ansehen und das nach ihrem Weltbild gestaltete soziale, wirtschaftliche und geistliche Umfeld. Ihre strategischen Ziele standen denen der Patriarchen entgegen. Sie beinhalteten politische Macht und geistigen Vorrang: Den Herrenhäusern sollten ihre beiden wichtigsten Funktionen entrissen werden, die Schule und die Kirche. Die Strukturen der Klosterschulen waren für die Oberschicht provozierend wie herausfordernd. Sie waren bei der Aufnahme von Schülern nicht dazu verpflichtet, nach Hautfarbe oder Reputation der Familie zu entscheiden. So konnten auch Schüler mit wirtschaftlich schwachem Hintergrund akzeptiert werden. Auf diese Weise schufen die Ordensschulen schon früh eine gewisse Form der Chancengleichheit in Brasilien. Durch „Bildungstransfer“ und individuelle Entwicklungsmöglichkeiten trugen die Schulen zum sozialen Ausgleich bei. Ihnen kam so eine wichtige Ausgleichs- und Integrationsfunktion auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu. Zudem legten sie die Qualifikationsgrundlage einer einheimischen Bildungs- und Führungselite. mini|220x220px|„Ausweisung der Jesuiten“ von Louis-Michel van Loo und Claude-Joseph Vernet, 1766 (Museu da Cidade de Lisboa) Am 3. September 1759 wies die portugiesische Elite unter dem damaligen leitenden Minister, dem Marquês de Pombal, die Jesuiten formell aus dem gesamten Reich aus. Rund vierzehn Jahre später, am 16. August 1773, ordnete ein Erlass von Papst Clemens XIV. an, alle jesuitischen Einrichtungen aufzulösen, die den Ausweisungsbefehl überstanden hatten. Dies schloss ein großes Netz an Schulen, Hochschulen und Krankenhäusern ein. Es blieben nur wenige Schulen, die von anderen religiösen Orden betrieben wurden, sowie militärische Bildungseinrichtungen. Am 6. November 1772 verabschiedete die portugiesische Regierung für ihr gesamtes Reich ein Gesetz, das die Nebenfächer und Lehreranweisungen regelte. Brasilien wurde dadurch für insgesamt 44 königliche Klassen (aulas régias) zuständig, 17 davon sollten die ersten Buchstaben lehren, 15 die lateinische Grammatik, sechs Rhetorik, drei die griechische Grammatik und drei weitere Philosophie. Später wurden die mathematischen Disziplinen Arithmetik, Algebra und Geometrie ergänzt.

Nachdem im Jahr 1808 der gesamte portugiesische Königshof aufgrund der napoleonischen Invasion nach Brasilien verlegt wurde, veränderten sich die bildungspolitischen und kulturellen Merkmale erheblich. Es kam zu mehreren Gründungen neuer Einrichtungen.

Kaiserzeit (1822–1888) Mit der ersten Verfassung Brasiliens von 25. März 1824 wurde eine unentgeltliche Primarbildung garantiert. Dennoch verabschiedete der Kongress erst am 15. Oktober 1827 das erste Gesetz über den nationalen öffentlichen Unterricht in Brasilien. Es sah vor, dass es in jeder Stadt und jedem besiedelten Gebiet Primarschulen geben sollte. Im Jahr 1834 förderte die Regierung eine Dezentralisierung des Unterrichts, die die Verantwortung der Primarbildung auf die durch die Provinzen vertretenen Verwaltungseinheiten übertrug. Infolgedessen wurde es unmöglich, ein Schulsystem zu schaffen, das die Bevölkerung des ganzen Landes versorgte. Erschwerend kam hinzu, dass in den kolonialisierten Metropolen die Bildung für die Sklaven als entbehrlich betrachtet wurde. Hinzu kam die Weite des unbesiedelten Landes, die die Errichtung von flächendeckenden Bildungseinrichtungen erschwerte. links|mini|Imperial Colégio de Pedro II; Zeichnung von P. G. Bertichem aus dem Jahr 1856 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es nur wenige Einrichtungen, die eine militärische oder Hochschulausbildung anboten. Mehrere Sekundarschulen bereiteten ihre Schüler auf die Aufnahmeprüfungen vor. Insbesondere für die juristischen Fakultäten umfassten die Prüfungen mehrere Fächer. Im Jahr 1837 gründete der Reichsminister Bernardo Pereira de Vasconcelos die erste öffentliche Sekundarschule in Rio de Janeiro, dem damaligen Sitz des Hofes. Dabei ließ er sich von der Organisation französischer Schulen inspirieren. Das Imperial Colégio de Pedro II. („Kaiserliches Kolleg von Pedro II.“) war sowohl als Internat als auch als Tagesschule konzipiert. Die Dauer des Studiums betrug sechs bis acht Jahre und umfasste vor allem die klassisch-humanistischen Fächer. Daneben wurden auch moderne Sprachen, Natur- und Physikwissenschaften, Geschichte und Mathematik (Arithmetik, Algebra, Geometrie, später auch Trigonometrie) unterrichtet. Vorherrschaft behielten die literarischen und humanistischen Fächer. Wer alle Fächer des Kurses bestand, wurde von den Prüfungen für die Zulassung zu höheren Bildungsgängen befreit.

Das Imperial Colégio de Pedro II. wurde zur Mustereinrichtung für die Sekundarstufe in Brasilien. Bis ins Jahr 1873 mussten die Schüler für die Prüfungen aus dem ganzen Land nach Rio de Janeiro fahren, da diese dort zentral abgelegt wurden. Erst später erlaubte die Gesetzgebung es, solche Prüfungen auch in anderen Regionen durchzuführen. De facto gab das Imperial Colégio de Pedro II. den offiziellen Lehrplan vor. mini|Rita Lobato Velho Lopes am Tag ihres Abschlusses 1887 Zwar boten während des Kaiserreichs mehrere Einrichtungen eine Sekundarschulbildung an, jedoch kam die Einführung einer abgestuften Sekundarschulbildung nur langsam voran. Der gesamte Unterricht war auf die vorbereitenden Prüfungen ausgerichtet. Nach der Gründung des Imperial Colégio de Pedro II. gab es Bemühungen, ein Zertifikat über den Abschluss der Sekundarstufe einzuführen, doch während des gesamten 19. Jahrhunderts reichte das Bestehen der verschiedenen Prüfungen aus, um Zugang zur höheren Bildung zu erhalten. Viele Schüler, die diese Prüfungen bestanden, schlossen daraufhin die Sekundarschule nicht ab, sodass sich keine abgestufte Sekundarschulbildung entwickelte.

Die Sekundarstufe wurde in dieser Zeit nahezu ausschließlich von der männlichen Wirtschaftselite des Mannes absolviert. Diese bereitete sich so auf die Übernahme von politisch-administrativen Positionen oder eine höhere Ausbildung vor. Die Frauen aus der Oberschicht wurden für gewöhnlich in laizistischen oder religiösen Frauenschulen oder zu Hause mit Hilfe ausländischer Lehrkräfte für die Haushaltstätigkeiten und soziale Aufgaben ausgebildet. Sie lernten Lesen und Schreiben, Französisch, Musik, Klavier und hauswirtschaftliche Fertigkeiten. Frauen aus den unteren Schichten konnten die Primarbildung, die Lehrerausbildung in den Escolas Normais und Berufsschulen besuchen.

Seit dem Jahr 1880 besuchten auch Frauen das Imperial Colégio de Pedro II. Sieben Jahre später war Rita Lobato die erste Frau des Landes, die als Arzt ihr Studium abschloss. In ihrer Klasse war sie die einzige Frau.

Erste Brasilianische Republik (1889–1930) Die Republik entstand unter Bedingungen, die Gleichheit und Bürgerrechte versprachen und deren Zivilisationsmodell von Frankreich repräsentiert wurde. Zu Beginn der Republik war die große Mehrheit der Bevölkerung Analphabeten (85 %). Die Bildungssituation im Land war untragbar. Die zuständige Regierungsbehörde wurde das Ministerium für Bildung, Post und Telegrafie, Benjamin Constant ihr erster Leiter.