Heinz Rall (* 28. September 1920 in Stuttgart; † 29. August 2006 in Güglingen) war ein deutscher Architekt. Er baute seit den 1950er Jahren 22 evangelische Kirchen einschließlich Gemeindezentren sowie zahlreiche Profanbauten. Daneben schrieb er als Fachschriftsteller über Kirchenbau und Kunst im öffentlichen Raum und lieferte als Fotograf Beiträge zu den Werkkatalogen seiner Frau Ursula Stock.
Leben Heinz Rall wurde am 28. September 1920 in Stuttgart als zweites Kind des Beamten Christian Heinrich Rall (1888–1967) und dessen Ehefrau Marie Hermine Rall geb. Hildebrandt (1888–1955) geboren. Er besuchte das Schickhardt-Gymnasium Stuttgart, das er mit dem Abitur abschloss. Am 1. Oktober 1939 wurde er zur Luftwaffe der Wehrmacht eingezogen. Er absolvierte eine Fliegerausbildung und war 1942 als Leutnant in der 8. Staffel des Kampfgeschwaders 54 eingesetzt. Am 25. November 1942 wurde seine Junkers Ju 88 A-4, nach einem Luftkampf mit feindlichen Jagdflugzeugen so schwer getroffen, dass er 60 km südwestlich von Tunis notlanden musste. Bei Kriegsende war er Staffelkapitän der 8. Staffel. Seine Kriegserinnerungen und die seines Schulfreunds Hans Röper (1921–2014), der ihm als Navigator zugeteilt war, fanden ihren Niederschlag in dem Buch Vorgestern über dem tunesischen Bergland abgeschossen.
Nach dem Krieg wohnte Rall wieder in Stuttgart. Von 1947 bis 1953 studierte er zusammen mit Hans Röper Architektur an der Technischen Hochschule Stuttgart und schloss das Studium mit dem akademischen Grad eines Diplom-Ingenieurs ab, zu seinen Lehrern zählten Hans Volkart und Rolf Gutbrod. Ab 1950, noch während des Studiums, arbeiteten er und Hans Röper im Büro von Hans Volkart. Rall war u. a. an der Planung der Volksschule in Marbach am Neckar beteiligt.
1953 gründete Rall zusammen mit Hans Röper ein Architekturbüro in Stuttgart. Aus dieser bis 1960 dauernden Zusammenarbeit gingen u. a. sechs Kirchenbauten und die Stadthalle in Marbach am Neckar hervor. Im Jahr 1960 gründete Rall in Stuttgart das Büro Rall und Partner. Mit diesem Büro schuf Rall viele weitere Kirchen und Profanbauten.
Beim Umbau der Mauritiuskirche in Güglingen 1976/1977 wurde Rall auf die verfallene Ortsmitte aufmerksam und setzte sich für deren Sanierung ein, die er in den folgenden Jahren federführend durchführte. 1977 begann Ralls Zusammenarbeit mit der Bildhauerin Ursula Stock. 1999 heirateten Rall und Stock. 1987 verlegte das Paar seinen Lebensmittelpunkt nach Güglingen in das von Rall erbaute Wohn- und Atelierhaus Stockheimer Straße 47.Michael Ohnewald: Stuttgarter-Zeitung.de, 11. April 2006.
Als Güglinger Bürger widmete sich Rall neben seiner beruflichen Tätigkeit weiterhin der Kunst im Stadtraum, insbesondere war er beteiligt an der Rekonstruktion des modernen Güglinger Palmtuchs. Im Jahr 1981 gründete Rall den Kunstverein Bürgerstiftung Kunst für Güglingen mit dem Ziel, die Kunstsammlung der Stadt Güglingen zu vergrößern und das Ansehen Güglingens als Kunststadt zu fördern. Durch eine großzügige Spende und die kostenlose Planung für den Umbau des Alten Rathauses ermöglichte Rall den Aufbau des Römermuseums Güglingen, das erst nach seinem Tod eingeweiht wurde.
Heinz Rall starb am 29. August 2006 in Güglingen. Sein Grabmal auf dem Friedhof in Güglingen wurde von seiner Frau entworfen und von Jörg Failmezger ausgeführt.
Die Hälfte des Wohn- und Atelierhauses, das ihm und seiner Frau gemeinsam gehörte, vermachte er der Kunststiftung Baden-Württemberg zur Förderung von Künstlern. Aus Anlass seines 90. Geburtstags veranstaltete Ursula Stock 2010 im Rathaus der Stadt Güglingen eine Gedenkausstellung, die einen Querschnitt durch sein Schaffen zeigte.
Werk
Sakralbauten mini|hochkant|Grundrisstypologie der Kirchen von Heinz Rall mini|hochkant|Grundriss der Christuskirche in Sindelfingen mini|hochkant|Christuskirche in Sindelfingen
Thesen Rall stellte folgende Thesen zum zeitgenössischen Kirchenbau auf: Wenn die Kirche „ein bedeutender gemeinschaftsbildender und ordnender Brennpunkt innerhalb unserer Wohnstädte“ sein soll, müssen Standort und städtebauliche Einordnung dies widerspiegeln. Aus wirtschaftlichen Gründen lässt sich ein Bauvorhaben meist nur in mehreren Abschnitten ausführen, denen jedoch unbedingt eine Gesamtplanung zu Grunde liegen muss. Statt ein „allein gültiges Rezept“ für die äußere und innere Gestalt einer Kirche zu postulieren, setzt er sich für die „Vielfalt der Lösungen“ ein. Der Kirchenraum soll „ein Raum der Stille und Geborgenheit sein“, daher soll sich der Architekt jeder Effekthascherei enthalten. Er wendet sich gegen den damaligen Trend, die Kirchen als Multifunktionsräume auszugestalten und die Gemeinderäume in den Kirchenraum einzubeziehen. Diese sollen im Gegensatz zum Kirchenraum „keinesfalls eine kirchliche oder gar sakrale Stimmung vortäuschen“. Der künstlerische Schmuck einer Kirche bedarf der besonderen Aufmerksamkeit von Gemeinde und Architekt.
Bauten Nach dem Bau einiger Profanbauten gewann das Büro Rall und Röper 1956 den Architekturwettbewerb für den Bau der 1959 eingeweihten evangelischen Christuskirche in Sindelfingen, bei der er seine Grundideen für den zeitgemäßen Sakralbau erstmals verwirklichen konnte. Der Stahlbetonskelettbau mit fünfeckigem Zentralraum, Faltdach und Campanile-artigem Turm liegt zwischen zwei Wohngebieten auf einer weithin sichtbaren Geländekuppe. Der schlicht gehaltene Innenraum wird geprägt durch Ziegelsteinwände und eine schwebende, zeltförmige Holzdecke. Durchbrochene Wände im Rücken der Gemeinde lenken das Hauptlicht zum Altarraum, und ein umlaufendes Fensterband am Deckenansatz spendet dezentes Rundumlicht.
Von 1959 bis 1977 bauten Rall bzw. Ralls Büros (Rall und Röper, Rall und Partner) zusammen mit wechselnden Mitarbeitern 22 evangelische Kirchen, meist in Württemberg. In Güglingen und in Leutkirch wurden bestehende Kirchen umgebaut, die übrigen waren Neubauten. Ab 1977 konzentrierte sich Rall auf die Stadtkernsanierung in Güglingen.
Nach dem Muster der ersten Kirche in Sindelfingen erhielten später einige weitere Kirchen einen fünfeckigen Grundriss. Während bei diesen Kirchen keine Seite bevorzugt wurde, wurden die übrigen Kirchen auf gerichteten Grundrissen erbaut, einige auf drachenförmigem, die meisten auf rechteckigem Grundriss. Besondere Aufmerksamkeit widmete Rall einer dezenten, aber wirkungsvollen Lichtführung. Er beteiligte 24 zeitgenössische Künstler an der Ausstattung seiner Kirchen, meist für die künstlerische Verglasung, die Portalgestaltung und den Entwurf des zentralen Kreuzes. Rall bevorzugte beim Bau seiner Kirchen (neben dem unverzichtbaren Beton) natürliche Materialien, wie Schiefer, Naturstein, Ziegel und Holz.
Heinz Rall zählt zu den wichtigen Kirchenarchitekten Südwestdeutschlands, wie es die zahlreichen Besprechungen seiner Kirchen in der einschlägigen Literatur belegen. In der Ausstellung Bauen in Deutschland 1945–1962 des Bundes Deutscher Architekten (BDA), die 1963 in Hamburg stattfand, wurde die Böblinger Paul-Gerhardt-Kirche von Heinz Rall als eine von neun repräsentativen Kirchen der Nachkriegszeit vorgestellt.
Profanbauten mini|Rathaus in Talheim unterhalb der historischen Burg Talheim, davor ein Brunnen von Ursula Stock Zu den von Rall erbauten Profanbauten gehören: öffentliche Gebäude wie die Stadthalle in Marbach am Neckar, die Rathäuser in Talheim und Güglingen, die Pädagogische Hochschule Weingarten, die Autobahnraststätte Bruchsal West, das Kurhaus Oberstaufen, das Deutsche Zweirad- und NSU-Museum in Neckarsulm, Geschäftshäuser und Einkaufszentren wie ein Geschäftshaus in Berlin, ein Einkaufszentrum in Leoben, die Kreissparkasse Heilbronn, die Kreissparkasse Neckarsulm, ein Einkaufszentrum und die Kreissparkasse in Plochingen, Sportstätten wie die Sporthalle in Bruck an der Mur, das Hallenschwimmbad in Eisenerz, das Schul- und Sportzentrum in Trofaiach. Büro- und Wohngebäude (Schwäbisch Gmünd, Stuttgart). Siedlungsbau (Plochingen-Stumpenhof).
Stadtkernsanierung Güglingen mini|Zehntscheuer in Güglingen nach dem Umbau 1978 Ab Mitte der 1970er Jahre widmete sich Rall der Stadtkernsanierung in Güglingen, in deren Rahmen er zahlreiche Gebäude umbaute, renovierte oder neu erbaute.
Der Pfarrer der sanierungsbedürftigen Mauritiuskirche in Güglingen, Werner Marquardt, war von der durch Rall 1965 erbauten Andreä-Kirche in Göppingen-Jebenhausen derart beeindruckt, dass er ihn unbedingt für die Sanierung in Güglingen gewinnen wollte. Rall übernahm den Auftrag. Im Jahr 1974 erfuhr er von der Absicht der Güglinger Volksbank, die marode Zehntscheuer abzubrechen und auf dem Grundstück ein modernes Bankgebäude zu errichten. Rall entwickelte einen Alternativvorschlag zum Umbau und der Restaurierung des mittelalterlichen Gebäudes unter Beibehaltung der historischen Substanz. Die Volksbank ging auf den Vorschlag ein.
Stadtkern I Mit dem Umbau der Zehntscheuer im Jahr 1976 begann die erste Phase der Stadtkernsanierung, die seit 1972 nach dem neuen Städtebauförderungsgesetz von Bürgermeister und Gemeinderat beschlossen worden war. Der Ortskern sollte zu einem Kleinzentrum mit Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Büroflächen, aber auch mit attraktiven Wohnungen umgebaut und durch eine Fußgängerzone aufgewertet werden. Die Zehntscheuer war Teil des Deutschen Hofs, einer Platzanlage aus dem 16. Jahrhundert. Auch der Deutsche Hof und die umliegenden historischen Gebäude, besonders die Herzogskelter und das Band- oder Helferhaus, wurden umgebaut und saniert.
Stadtkern II Ab 1979 bemühte sich die Stadt um die Erweiterung des Sanierungsgebiets Stadtkern I im Rahmen des Städtebauförderungsgesetzes. Im Jahr 1983 wurde schließlich auch das daran angrenzende Sanierungsgebiet Stadtkern II genehmigt. Das Alte Amtshaus am Marktplatz wurde zu einem Rathaus umgebaut und durch einen Anbau erweitert. Die an den Marktplatz angrenzenden Gebäude wurden modernisiert bzw. zu Wohngebäuden umgebaut. An der zentrumsnahen Kleingartacher Straße wurden das Altenzentrum Gartacher Hof sowie Büroflächen und Wohnungen gebaut. Die Realschule wurde um einen Vorbau für Fachklassen erweitert und die alte Gaststätte Adler zum Adlereck umgestaltet.
Kunst im Stadtraum
Heinz Rall zog von vorneherein die „Kunst im Stadtraum“ in die Planung mit ein, an der sich auch die Bildhauerin Ursula Stock, seine spätere Frau, aktiv und beratend beteiligte. Nach Heinz Rall wurden bei der künstlerischen Ausstattung des Stadtraums folgende Grundsätze beachtet: „Ein wichtiges Hilfsmittel für die Signifikanz dieser Stadt ist die Integration von Kunst. Arbeiten zeitgenössischer Künstler, historische Fundstücke und kunsthandwerkliche Beiträge geben dem Ortskern sein besonderes Gepräge.“ „Die meisten Künstler wurden bereits im frühen Stadium in die Planung einbezogen. Anstelle eines puristischen Konzepts sollte der Stilpluralismus unserer Zeit zur Geltung kommen und ein breites Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen verwirklicht werden.“
Der Deutsche Hof wurde zusammen mit der Herzogskelter und der Zehntscheuer als Erstes restauriert und mit Kunstwerken ausgestattet. Auf dem Platz wurde zu Ehren des örtlichen Weinbaus ein wein- und wasserspendender Brunnen von Ursula Stock installiert. Auch die umliegenden Gebäude wurden durch Kunst am Bau oder freistehende Kunstwerke aufgewertet.
Auch nach der ersten Phase der Stadtkernsanierung wurde die Installation öffentlicher Kunst im Stadtraum beharrlich fortgesetzt, bis heute entstanden über 40 Kunstwerke.
Römermuseum Güglingen mini|hochkant|Römermuseum Güglingen