mini|Hautnaht in Einzelknopfnähten bei einer Schnittverletzung an der Fingerbeere
mini|Alter wiederbefüllbarer chirurgischer Fadenspender (Mitte des 20. Jh.) Nähen bezeichnet in der Medizin die Form der Gewebevereinigung mittels Nadel und Faden, wobei die Fadenenden meist verknotet werden. Es ist eine grundlegende und bis heute unverzichtbare chirurgische oder operative Technik, da eine Wunde am schnellsten komplikationslos verheilt, wenn zusammengehörige Wundschichten spannungsfrei aneinander liegen, gegebenenfalls wird zur eigentlichen Wundnaht eine Entlastungsnaht gesetzt. Der Wundverschluss wird durch verschiedenste Nahttechniken ermöglicht und soll den Zeitraum überbrücken, bis aus der Wundnaht durch Wundheilung eine belastbare biologische Narbe entstanden ist.
Materialien Fäden mini|hochkant=0.6|Verschlussmechanismus eines Fadenspenders
Das Nähen ist eine historisch sehr alte Behandlungsform. Bedeutende Fortschritte wurden und werden bei den Materialien, das heißt den Nadeln und den Fäden, gemacht. Verschiedene Aufgaben erfordern dabei verschiedene Nahtmaterialien. Früher verwendete man beispielsweise Naturseide (für Seidenfäden als nicht resorbierbares FadenmaterialGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 459 (seidenfaden bzw. seiden faden).) und Schafdarm (Catgut) als Nahtmaterial. Heute werden fast ausschließlich hochmoderne Kunststoffe eingesetzt.Volker Schumpelick: Chirurgisches Nähen - Geschichte, Innovationen, Optimierungsansätze. In: nahdran. 2/08, Aesculap, Tuttlingen, online (PDF; 1,87 MB), auf bbraun.de, abgerufen am 25. März 2017.Moderne Nahtmaterialien und Nahttechniken der Chirurgie. (PDF; 4 MB) ueberweisungspraxis-bremen.de; abgerufen am 24. März 2017.Monika Franziska Maria Flury: Historische Wurzeln der verschiedenen Nahtmaterialeigenschaften. Dissertation, Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Würzburg 2002; , bibliothek.uni-wuerzburg.de (PDF; 6,5 MB).J. R Siewert, M. Rothmund, V. Schumpelick (Hrsg.): Gastroenterologische Chirurgie. 3. Auflage, Springer, 2011, ISBN 978-3-642-14222-2, S. 164–176; .Severian Dumitriu: Polymeric Biomaterials. Second Edition, Marcel Dekker, 2002, ISBN 0-8247-0569-6, S. 492–506, .
Geschichte 3000 v. Chr. älteste chirurgische Instrumente mit Öhrnadel (Ägypten). 1500 v. Chr. älteste chirurgische Naht (am Bauch einer Mumie) (Leinen-, Seidenfäden) 1000 v. Chr. erste Verwendung von Darmsaiten Bogensehnen (Ayurveda) 500 v. Chr. Pflanzenfasern (Baumwolle, Leinen, Hanf, Seide), Tiersehnen, Ameisennaht, Dornen Antike In Griechenland werden Tiersehnen, Faszien und Golddrähte verwendet, in Rom Darmsaiten, menschliches Haar, Metallclips sowie Textilfäden (Leinen, Wolle, Seide). Im 1. Jahrhundert n. Chr. war gemäß Celsus bei den Römern die Knopfnaht und die fortlaufende Naht ebenso wie die Gefäßligatur und die DarmnahtPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 10. bekannt. 650 bis Neuzeit Metall (Silber, Gold, Platin, Blei, Kupfer, Messing etc.) (Legierungen), später Tantal, Magnesiumlegierungen, Chrom-Nickel-Stahl, Aluminium-Bronze 1400 Federkiele 16. Jh. Das Wort „Catgut“ taucht erstmals in einem Lexikon auf (J. A. Murray). Ende 16. Jh. Gabriel von Ferrara beschrieb NervennähteWolfgang Seeger, Carl Ludwig Geletneky: Chirurgie des Nervensystems. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 229–262. (bereits Lanfrank von Mailand soll im 13. Jahrhundert eine Nervennaht durchgeführt habenGünter Klamroth: Lanfranks „Kleine Chirurgie“ in moderner deutscher Übertragung. Medizinische Dissertation, Würzburg 1978 (in Kommission bei Königshausen & Neumann, Würzburg), S. 4 f.). 1852 Der Frauenarzt J. Marion Sims führte zur Verminderung des Infektionsrisikos das Nähen mit Silberdraht in die neuzeitliche Chirurgie ein.Barbara I. Tshisuaka: Sims, James Marion. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1334.J. Marion Sims: On the Treatment of Vesico-vaginal Fistula. In: American Journal of the Medical Sciences. 23, 1852, S. 59–87. 1860 Einführung von Karbol-Catgut. Anfang 20. Jh. Es existieren etwa 100 verschiedene Sterilisationsverfahren für Catgut. Keines davon ist zuverlässig. 1900 Silkwormgut→Seidenspinner 1908 erste industrielle Fertigung sterilisierten Catguts – Carl Braun, Franz Kuhn, 1907Ulrich A. Dietz, Franz Kehl, Wulf Hamelmann, Christoph Weißer: On the 100th Anniversary of Sterile Catgut: Franz Kuhn (1866–1929) and the Epistemology of Catgut Sterilization. In: World J. Surg. Band 31, 2007, S. 2275–2283, doi:10.1007/s00268-007-9216-y. 1920 Edelstahl 1926 Kollagenfaden aus Pferdemuskeln (Carnofil) 1931 erstes synthetisches Nahtmaterial aus Polyvinylalkohol (Synthofil A von B. Braun) 1939 ummantelte Polyamidfäden (Supramid von BASF), Kollagenfaden aus Rindersehnen (Collafil) 1960er Jahre Einführung der modernen Hautklammerung 1964 Klebstoff aus Cyanoacrylat als Hautkleber zugelassen 1968 erstes resorbierbares synthetisches Nahtmaterial Polyglykolsäure (Polyglycolid) (Dexon) 1968 erster Gewebekleber (Histoacryl) 1974 Polyglactin 910 Poly(Glycolid-Lactid-Copolymer) Polylactid-co-Glycolid (Vicryl), Polyglykolsäure (Safil) 1981 Polydioxanon (PDS) 1984 Polyglyconat Poly(Trimethylencarbonat-Glycolid-Copolymer) (Maxon) 1987 Polyglactin 910 (Vicryl rapid) 1992 Polyglecapron Poly(Caprolacton-Glycolid-Copolymer) (Monocryl) 1998 Polyglykolsäure (Serafit) 1999 Glykomer 631 Poly(Glycolid-Trimethylencarbonat-p-Dioxanon-Copolymer) (Biosyn), Lactomer 9-1 Poly(Glycolid-Lactid-Copolymer) (Polysorb) 2000 Glykonat Poly(Glycolid-Trimethylencarbonat-Caprolacton-Copolymer) (Monosyn), Polyglykolsäure (Safil quick) 2010 Hydroxybutyrate (Monomax)
Die Entwicklung der Chirurgie, etwa die der Darmchirurgie, beruhte unter anderem auf dem Ausbau der Nahttechniken. Zur Behandlung von Darmwunden wurden in der altindischen Medizin (Sushruta, Ayurveda) und etwa 2000 Jahre später durch Abulcasis Ameisen zur Anbringung einer „Klammernaht“ verwendet, deren scherenartiges Gebiss, das nach dem Entfernen des Ameisenkörpers vom Kopf der Tiere weiterwirkt, die Wundränder im Sinne einer Darmnaht vereinigt.Nikolaus Papastavrou: Darm. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 107–131, hier: S. 106–111 (Darmverletzungen und Darmnaht). Hippokrates von Kos (4. Jahrhundert v. Chr.) kannte die Wundnaht, empfahl aber, eine frische Wunde nicht zu nähen, sondern allenfalls zu verbinden. Hans von Gersdorff empfahl 1517 die Wundnaht etwa bei Amputationswunden. Eine zuverlässige Darmnaht entwickelte 1826 Antoine Lembert (1802–1851).Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 10–11 und 33. Heutzutage werden zum Nähen auch die nicht resorbierbaren Materialien Nylon, Polyester, PVDF, Polytetrafluorethylen (PTFE) und Polypropylen, Seide und Edelstahl, sowie Silber verwendet.
mini|Atraumatisches Nahtmaterial Resorbierbare und nicht resorbierbare Fäden
Zunächst unterscheidet man resorbierbare von nicht resorbierbaren Fäden. Die Naht hat, wie oben beschrieben, immer nur eine zeitlich begrenzte Aufgabe und unnötig im Körper verbliebenes Nahtmaterial stellt ein Entzündungsrisiko dar. Deshalb werden zugängliche, nicht resorbierbare Fäden nach ausreichender Zeit entfernt. Man nennt dies „Fäden ziehen“.
Für Bereiche, in denen man die Fäden zum Ziehen nicht erreichen kann, beispielsweise Nähte an inneren Organen oder im Unterhautfettgewebe, verwendet man daher Fäden, die vom Körper selbst abgebaut (resorbiert) werden. Chirurgisches Nahtmaterial wird dabei nach der Resorptionszeit unterschieden – der Zeit, in der es die Hälfte seiner Festigkeit verloren hat –, während die Auflösungszeit die Zeit ist, die bis zu seiner völligen Auflösung verstreicht..
Die Resorption ist nicht nur eine materialspezifische Eigenschaft, sondern auch eine Funktion der Zeit (Hyperbel). Die modernen Fäden werden durch die Anwesenheit von Körperwasser hydrolytisch gespalten. Die Größe der Oberfläche (und somit der Durchmesser) des Fadens spielen deshalb eine ebenso wichtige Rolle wie die Art des genähten Gewebes, dessen Feuchtigkeitsgehalt unterschiedlich ist. Catgut hingegen wird von proteolytischen Enzymen abgebaut.
Dicke und dünne Fäden
Dicke Fäden haben den Vorteil, große Kräfte aushalten zu können, da die Zerreißfestigkeit unter anderem vom Querschnitt abhängt. So werden beim Nähen unter Zugspannung gerne dicke Fäden verwendet. Dicke Fäden hinterlassen aber nach dem Ziehen auch dicke Stichkanäle, die beispielsweise bei einer Hautnaht im Gesicht unschöne Narben verursachen können. Daher stellt die Industrie heute eine sehr große Palette verschiedener Fäden bereit, aus denen der operierende Arzt nach Aufgabenstellung und Erfahrung den jeweils geeigneten Faden wählt.
mini|Einzelknopfnaht mini|Mit Einzelknopfnaht genähte Wunde
Monofile, geflochtene und pseudomonofile Fäden
Monofile (einfädige) Kunststofffäden sind wie Angelschnüre wenig schmiegsam. Zwar gleiten sie beim Nähen gut durch das Gewebe, sie sind aber in der Handhabung störrisch und verhindern durch ihre glatte Oberfläche einen sicheren Knotenhalt.
Durch Flechten oder Verdrehen eines Fadens aus mehreren dünnen Fäden, entsteht ein multifiler geflochtener oder verzwirnter Faden (ein Seil), der wesentlich geschmeidiger und leichter zu knoten und dessen Knotensitz sicher ist. Solche Fäden sägen jedoch beim Gewebedurchtritt, und ihre unverschlossene Oberfläche wirkt wie ein Docht. So können Krankheitserreger in den Körper eindringen und Infektionen begünstigen. Für Nähte im Gesicht gelten daher geflochtene Fäden nicht mehr als zeitgemäß. Für das Nähen beispielsweise der Unterhaut sind sie optimal.
Als Hybride bietet die Industrie pseudomonofile Fäden an. Dabei handelt es sich um geflochtene Fäden mit den genannten Vorteilen bei der Handhabung, deren Oberfläche aber durch Ummantelung oder Beschichtung geglättet ist, wodurch die Säge- und Dochtwirkungen vermieden werden.
Nähnadeln Die Nähnadeln werden für verschiedene Anwendungen in unterschiedlichen Formen und mit speziellen Spitzen hergestellt. Heutige Nadeln sind oft beschichtet, um die Gleitfähigkeit zu erhöhen. Früher wurden Nadeln aus Knochen, Elfenbein, Eisen, Silber, Kupfer und Bronze benutzt, später dann aus Stahl, heutzutage nur noch aus rostfreiem Edelstahl.
Früher wurden Fäden oft als sterile, unter Flüssigkeit in Flaschen gelagerte Meterware geliefert und bei Bedarf in wiederverwendbare Nadeln mit einem Federöhr eingespannt, die aber nur annähernd den noch heute zum Nähen von Stoffen verwendeten ähnlich sind. Letztere besaßen nie ein offenes Federöhr. In der Tiermedizin werden wiederverwendbare Nadeln und Nahtmaterial auf Spulen jedoch nach wie vor eingesetzt.