Als Wohlfahrtsstaat wird in der Politikwissenschaft ein Staat bezeichnet, der als ein wesentliches Staatsziel die Wohlfahrt, also alle Maßnahmen zur Steigerung des sozialen, materiellen und kulturellen Wohlergehens seiner Bürger, besitzt.
Im internationalen Sprachgebrauch und in der Wissenschaft wird Wohlfahrtsstaat als Oberbegriff für alle mehr oder weniger umfangreichen Modelle benutzt.Franz-Xaver Kaufmann: Herausforderungen des Sozialstaates. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 21. Im deutschen Sprachraum werden die Begriffe Wohlfahrtsstaat und Sozialstaat teilweise synonym verwendet. Teilweise wird der Wohlfahrtsstaat aber auch in polemischer Absicht mit dem Begriff des Versorgungsstaats identifiziert,Franz-Xaver Kaufmann: Herausforderungen des Sozialstaates. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 21. und dem Sozialstaat gegenübergestellt, der nur das Ziel hat, dem Menschen in (insbesondere unverschuldeten) Notlagen, denen er aus eigener Kraft nicht mehr gewachsen ist, zur Seite zu stehen und diesen durch langfristig angelegte Maßnahmen vorzubeugen (→ Subsidiarität).
Begriff
Überblick Im deutschen Sprachgebrauch werden Sozialstaat und Wohlfahrtsstaat häufig synonym verwendet. Daneben wird Sozialstaat im Sinne eines „schlankeren“, auf Kernfunktionen der sozialen Sicherung, wie z. B. die Sozialversicherungen, beschränkter Staat verstanden, während der Wohlfahrtsstaat mit umfassender Versorgung und starker staatlicher Reglementierung in Verbindung gebracht wird.
„Wohlfahrtsstaat“ wird auch als Abgrenzung des Modells der Sozialen Marktwirtschaft vom Skandinavischen Modell verwendet, welches seinerseits als „Versorgungsstaat“ bezeichnet wird. Im internationalen Sprachgebrauch gibt es keine Entsprechung zum Wort Sozialstaat.Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37893-0, S. 16. Im Niederländischen ist verzorgingsstaat ein Synonym für „Sozialstaat“; die Begriffsgeschichte ist eng verknüpft mit dem Namen Willem Drees.Drees war 1945-1948 'minister van Sociale Zaken' und legte 1947 mit der 'Noodwet Ouderdomsvoorziening' eine Grundlage für Sozialgesetze. Drees prägte die Nachkriegszeit in den Niederlanden; er war 1948–1958 Minister-president und Minister van Algemene Zaken.
International ist eine konzeptionelle Abgrenzung zwischen Wohlfahrtsstaat und Sozialpolitik üblich. Sozialpolitik im Sinne eines Eingriffs in die Lebensverhältnisse der Bevölkerung hat es schon in früheren geschichtlichen Phasen gegeben (als eine frühe Form gilt die in England im 16. Jahrhundert beginnende Armengesetzgebung). Als staatliche Aufgabe wird Sozialpolitik erst seit dem 19. Jahrhundert angesehen. Von einem Wohlfahrtsstaat wird in der Wissenschaft dann gesprochen, wenn Sozialpolitik nicht mehr allein auf bedürftige Gruppen ausgerichtet ist, sondern auf die Bevölkerungsmehrheit. Die meisten Staaten entwickelten sich zwischen den 1920er und 1960er Jahren zu Wohlfahrtsstaaten.Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37893-0, S. 17.
Wohlfahrtsstaat als Kampfbegriff Der Begriff Wohlfahrt ist sehr viel älter als der Begriff Wohlfahrtsstaat.Thomas Steinforth: Selbstachtung im Wohlfahrtsstaat Eine sozialethische Untersuchung zur Begründung und Bestimmung staatlicher Wohlfahrtsförderung. Herbert Utz Verlag, 2001, ISBN 3-8316-0054-6, S. 47. Im neuzeitlichen aufgeklärten Absolutismus hatte der König oder Fürst eine unbeschränkte Machtposition, die er in seinem Selbstverständnis nur in dem zur „Wohlfahrt“ der Untertanen nötigen Umfang nutzen wollte. Der Inhalt der „Wohlfahrt“ oder „guten Polizey“, die eine Begrenzung der legitimen Machtausübung des Herrschers bildete, wurde von der Obrigkeit nach eigenem Ermessen definiert.Janos Vehervary, Wolfgang Stangl: Menschenrecht und Staatsgewalt. WUV Universitätsverlag, Wien 2000, ISBN 3-85114-487-2, S. 49. Man spricht hier auch vom „Wohlfahrtsabsolutismus“. Soweit im Zusammenhang mit dem fürstlichen Absolutismus der Begriff Wohlfahrtsstaat verwendet wird, erfolgt dies zumeist im Zusammenhang mit Attributen wie „absolutistisch“, „merkantilistisch“ oder „vormodern“. Der Begriff Wohlfahrtsstaat bleibt in der Regel dem „modernen“ Wohlfahrtsstaat vorbehalten, der sich im 19. Jahrhundert im Zuge der sozioökonomischen Umwälzungen durch die Industrialisierung, die Herausbildung von Nationalstaaten und Demokratisierung bildete. Während allerdings der entsprechende englische Begriff welfare state deskriptiv-neutral ist, wird der Begriff Wohlfahrtsstaat in Deutschland als Kampfbegriff mit pejorativem Beiklang benutzt. Ob und inwiefern die negative Konnotation auf die klassisch-liberale Kritik Kants und anderer am „Wohlfahrtsabsolutismus“ zurückgeführt werden kann, kann dahinstehen. Jedenfalls wird der Begriff Wohlfahrtsstaat im Deutschen oft als Übertreibung oder Auswucherung verstanden, dem der Sozialstaat als vernünftiger Staatstyp gegenübergestellt wird.Thomas Steinforth: Selbstachtung im Wohlfahrtsstaat Eine sozialethische Untersuchung zur Begründung und Bestimmung staatlicher Wohlfahrtsförderung. Herbert Utz Verlag, 2001, ISBN 3-8316-0054-6, S. 47, 48.
Im wissenschaftlichen soziologischen Sprachgebrauch wird Wohlfahrtsstaat entsprechend dem internationalen Sprachgebrauch deskriptiv-neutral verwendet.Thomas Steinforth: Selbstachtung im Wohlfahrtsstaat Eine sozialethische Untersuchung zur Begründung und Bestimmung staatlicher Wohlfahrtsförderung. Herbert Utz Verlag, 2001, ISBN 3-8316-0054-6, S. 48.
Entstehung Im Allgemeinen unterscheidet man drei Ansätze zur Erklärung des Wohlfahrtsstaates: einen funktionalistischen, einen konflikttheoretischen und einen institutionalistischen, die sich nicht widersprechen, sondern gut ergänzen.Kaufmann 2003, S. 27 ff.
Der Entwicklung zum Wohlfahrtsstaat liegen zunächst die gesellschaftlichen Umwälzungen im Zeitalter der Industrialisierung zugrunde. Mit Durchsetzung der industriellen Produktionsweise sah sich die Bevölkerungsgruppe der Arbeiter neuen Risiken wie Invalidität (durch Arbeitsunfall) und Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Andere Risiken wie Krankheit und Alter waren nicht neu, die überkommenen Hilfssysteme wie beispielsweise die Großfamilie verloren jedoch durch erforderliche örtliche Mobilität an Bedeutung oder wurden wie im Falle des Zunftwesens im 19. Jahrhundert abgeschafft.Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37893-0, S. 23. Der funktionalistische Ansatz hebt hervor, dass diese Risiken durch die wirtschaftlichen Wachstumsraten des industriellen Kapitalismus gemildert werden konnten. Der steigende Anteil der unselbstständig Beschäftigten ist hier die entscheidende Variable, die den Ausbau der Sozialleistungen erklärt.
Kritiker dieses Ansatzes weisen darauf hin, dass die Höhe der Sozialleistungen noch wenig über deren Verteilung aussagt. Als weitere wichtige Voraussetzung des Wohlfahrtsstaates gilt das Entstehen von Gewerkschaften und sozialistischen Parteien, von denen eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung ausging. Darum galt es, soziale Konflikte mit der aufstrebenden Arbeiterschaft zu befrieden. Eine zusätzliche kulturelle Voraussetzung war die Veränderung der sozialen Deutungsmuster. Aus der Aufklärung stammte die Idee, dass die Lebensverhältnisse weder gottgegeben noch naturgesetzlich unveränderlich sind. Im 19. Jahrhundert setzte sich im Zuge der Verteilungskonflikte allmählich die Vorstellung durch, dass der Staat das geeignete Instrumentarium zur Bewältigung komplexer kollektiver Aufgaben sei.Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37893-0, S. 23.
Der institutionentheoretische Ansatz stellt die Mechanismen der politischen und administrativen Problemlösung in den Vordergrund, deren Pfadabhängigkeit gerade im internationalen Vergleich deutlich wird. Die Grundstruktur des deutschen Wohlfahrtsstaates wurde mit Einführung der bedeutendsten Sozialversicherungen (Rentenversicherung, Krankenversicherung und Unfallversicherung) gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Bismarckschen Sozialreformen gelegt.Zum Entstehen der Bismarckschen Sozialversicherung vgl. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, I. Abteilung: Von der Reichsgründungszeit bis zur Kaiserlichen Sozialbotschaft (1867–1881), Band 2, 5 u. 6; Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, II. Abteilung: Von der Kaiserlichen Sozialbotschaft bis zu den Februarerlassen Wilhelms II. (1881–1890), 2. Band, Teil 1 u. 2; Band 5 u. 6. Zu Anfang wurde nur die Fabrikarbeiterschaft von den Sozialversicherungen erfasst. Weitere schutzbedürftige Bevölkerungsteile wie Landbevölkerung, Angestellte und gewerbliche Arbeiter wurden erst nach und nach erfasst. Erst seit Ende der 1960er Jahre kann von einem voll entwickelten Wohlfahrtsstaat gesprochen werden.Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37893-0, S. 25.
Einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung des Wohlfahrtsstaates leisteten die christlichen (evangelischen wie katholischen) Soziallehren.
Klassifizierung der Wohlfahrtsstaaten Im Anschluss an Esping-Andersen werden drei verschiedene Grundtypen unterschieden:
Der liberale Wohlfahrtsstaatstyp ist durch einen hohen Anteil solcher staatlicher Leistungen geprägt, für die eine Bedürftigkeitsprüfung Voraussetzung ist. Universale und Sozialversicherungsleistungen haben daneben eine geringere Bedeutung. Die Umverteilung von Vermögen fällt gering aus. Beispiele für liberale Wohlfahrtsstaaten sind z. B. die USA (→ Sozialversicherung (Vereinigte Staaten)), Kanada und Australien.Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37893-0, S. 46.
Der konservative Wohlfahrtsstaatstyp ist auf eine viel stärkere Gewährung von sozialer Sicherheit bei Aufrechterhaltung von Statusunterschieden ausgerichtet. Die Christliche Soziallehre übt in diesen Ländern einen großen Einfluss aus, daher wird eine Verpflichtung zum Erhalt traditioneller Familienformen und des Subsidiaritätsprinzips gesehen. Anders als beim liberalen Modell ist die Bedeutung privater Absicherung marginal. Aber auch die Umverteilungswirkung ist eher gering. Der konservative Wohlfahrtsstaat ist durch korporatistische, etatistische und paternalistische Strukturen geprägt. Beispiele für konservative Wohlfahrtsstaaten sind z. B. Deutschland (→ Sozialversicherung (Deutschland)), Österreich (→ Sozialversicherung (Österreich)) und Frankreich.Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37893-0, S. 46.
Im sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatstyp ist Universalität das oberste Gestaltungsprinzip. Soziale Sicherheit wird hier also der gesamten Wohnbevölkerung gewährt. Auch besteht ein hoher Dekommodifizierungsgrad, es ist also in hohem Maße ein marktunabhängiges (insbesondere arbeitsmarktunabhängiges) Leben möglich, ebenso ist das Modell auf Unabhängigkeit von familiärer Unterstützung ausgelegt. In diesem Modell besteht eine höhere Umverteilungswirkung als in den beiden anderen Modellen. Beispiele für sozialdemokratische Wohlfahrtsstaaten sind z. B. Dänemark, Schweden (→ Schwedischer Wohlfahrtsstaat), Norwegen.Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37893-0, S. 47.