mini|Briefmarkenblock von 1937 mit dem finalen Entwurf für den Palast der Sowjets Der Palast der Sowjets () war ein nicht verwirklichtes Bauvorhaben der sowjetischen Regierung in den 1930er Jahren in der Hauptstadt Moskau. Der Palast wäre nach seiner Fertigstellung mit einer Gesamthöhe von 415 Metern das höchste Gebäude der Welt geworden.
Die Ausschreibung um den Entwurf zum Bau des Palastes gewann der sowjetische Architekt Boris Iofan (1891–1976). Im Laufe der Zeit gab es immer wieder Änderungen des Baukonzepts, welche sowohl die Innen- als auch die Außenarchitektur und den Standort in Moskau betrafen.
Geschichte des Palasts der Sowjets Vorgeschichte Nach dem Sturz des Zaren in der Februarrevolution 1917 und der noch im selben Jahr folgenden Oktoberrevolution, in der die Bolschewiki an die Macht kamen, wurden alle künstlerischen Vereinigungen, die noch aus der Zeit des Zarenreiches stammten, aufgelöst und in sogenannte Freie Staatliche Kunstwerkstätten umgewandelt. So entstanden in Moskau 1920, in der Zeit des russischen Bürgerkrieges, viele neue künstlerische Vereinigungen, welche sich von der „alten“ Architektur des Zarenreiches abgrenzten. Zu dieser Zeit war auf Grund des noch andauernden Bürgerkrieges an Neubauten nicht zu denken, von den künstlerischen Vereinigungen wurden jedoch immer wieder umfangreiche Architekturwettbewerbe abgehalten. Der Architekt Alexei Schtschussew erhielt schließlich von der sowjetischen Regierung den Auftrag zum Umbau Moskaus, das durch den Bürgerkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Dieser Auftrag besaß den Namen Neues Moskau (Новая Москва).Selim Chan-Magomedow: Pioniere der sowjetischen Architektur. Dresden 1983.
Als sich die Sowjetunion im Jahre 1925 auf der Exposition internationale des arts décoratifs et industriels moderns in Paris in einem, nach Konstantin Melnikows Plänen erbauten, „kühnen“ und „monumentalen“Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts. Hatje, Stuttgart 1983. Pavillon präsentierte, wurde dies im Ausland und von ausländischen Architekten so interpretiert, als sei diese Architektur für den neuen Staat repräsentativ. Diese Architekturrichtung verbreitete sich jedoch erst 1925. Die kurze Zeitspanne in der sowjetischen Architektur, als dieser Baustil das Bauwesen des Landes bestimmte, wurde anfangs durch zahlreiche gegeneinander arbeitende Vereinigungen geprägt.
Eine dieser Vereinigungen war die OSA (dt.: Vereinigung Moderner Architekten), an der unter anderem Alexander Wesnin und Moisei Ginsburg teilnahmen, die auch als Konstruktivisten bezeichnet werden. Ziel der Vereinigung war es nach einer möglichst hohen Funktionalität im Bauwesen zu suchen.
In der ASNOWA (dt.: Vereinigung Neuer Architekten), an der unter anderem János Mácza und Nikolai Ladowski teilnahmen, wurde nach der Wirkung architektonischer Formen auf die menschliche Psyche geforscht.
In der MAO (dt. Moskauer Architektur-Gesellschaft), an der unter anderem Leonid Wesnin und Alexei Schtschussew teilnahmen, trat man für eine sowohl moderne als auch akademische Architektur ein.
1929 wurde die WOPRA (; dt.: Allunionsvereinigung Proletarischer Architekten) unter János Mácza und Karo Halabjan gegründet. Diese Vereinigung sprach sich gegen alle anderen Vereinigungen aus und polemisierte auch gegen diese und trug letztlich dazu bei, dass 1932 alle verschiedenen Vereinigungen aufgelöst wurden.
Die Phase des ersten Fünfjahresplanes in den Jahren 1928 bis 1932 gilt als die Hauptzeit dieser vielen verschiedenen architektonischen Stilrichtungen, welche zu dieser Zeit überall in der Sowjetunion angewendet wurden und von den Konservativen dominiert wurden. Zu dieser Zeit prallten die städtebaulichen Konzepte zur Umgestaltung aller Städte in Siedlungseinheiten von je 50.000 Einwohnern und die Konzepte zur Desurbanisierung, welche vorsahen, schon bestehende Städte aufzulösen und diese in beliebig große Besiedlungslinien umzugestalten, aufeinander. Die Urbanisten wurde dabei von L.M. Sabsowitsch und den Gebrüdern Wesnin vertreten, die Desurbanisten von M. Ochowitsch, Moissei Ginzburg und Iwan Leonidow.
Im Zentrum der modernen Architektur, welches sich in Moskau befand, setzten sich bereits 1928, im Wettbewerb zum Bau der Lenin-Bibliothek, die Leningrader Akademiker Wladimir Helfreich und Wladimir Schtschuko gegen die Gebrüder Wesnin durch. Beide Entwürfe waren in der stürmischen Phase der Industrialisierung in der Sowjetunion mit einem raschen Bedarf an neuen Industriegebieten wenig brauchbar. Deshalb rief die sowjetische Regierung den Pragmatiker Ernst May mit seiner Gruppe im Jahre 1930 von Frankfurt am Main nach Moskau, damit dieser einen Entwurf zum Bau der Lenin-Bibliothek präsentierte.
Planung Die Planungen für den Bau eines Palastes der Sowjets, wie es in einer Sitzung lautete, der im Stile des sozialistischen Klassizismus erbaut werden sollte, begannen bereits 1922 im Gründungsjahr der Sowjetunion, nachdem auf dem 1. Parteitag der KPdSU im Jahre 1922 Pläne von Josef Stalins potentiellem Rivalen im Machtkampf um die Sowjet(Räte-)herrschaft, Sergei Kirow, über ein solches Bauvorhaben bekannt wurden. Kirow wollte nicht nur einen Palast bauen lassen, er sprach sich des Weiteren für eine komplette Umgestaltung Moskau aus. Dabei sollte die zaristische Bausubstanz abgerissen werden und nach Fertigstellung des „großen Umbaus“ nicht mehr sichtbar sein.
Der Palast der Sowjets sollte zum Mittelpunkt des „Neuen Moskau“ werden, wie das Projekt zum Umbau Moskaus genannt wurde. Es war ein Projekt zum Umbau der historischen Moskauer Städtebaukultur, die größtenteils aus der zaristischen Zeit stammte, in den von der kommunistischen Führung bevorzugten Stil des sozialistischen Realismus bzw. sozialistischen Klassizismus. Moskau sollte „neu errichtet“ werden, nachdem es am 12. März 1918 zur Hauptstadt der Russischen SFSR erklärt worden war, und die neue kommunistische Regierung von Petrograd (dem heutigen Sankt Petersburg), dem Regierungssitz der zaristischen Regierung, nach Moskau in den Kreml am Roten Platz zog. Die neue, kommunistische Hauptstadt der Sowjetunion sollte nicht mehr vom zaristischen, sondern vom neuen sozialistischen Baustil geprägt sein. Kleine Straßenzüge sollten verbreitert werden, um so einen monumentalen Effekt zu erzielen. Nach Fertigstellung dieses städtebaulichen Projektes sollte Moskau zu einer idealtypischen sozialistischen Stadt werden.
Die weiteren Planungen über das „neue Moskau“ wurden in dem Film Moskau aus dem Jahr 1939 dokumentiert, der die Städtebauvision über diese Idealstadt im Sozialismus in der Sowjetunion aufzeigt.
Standort des Palastes mini|Die Twerskaja-Straße in Moskau wurde ursprünglich für den Bau des Palastes vorgesehen mini|Brückenblick über den Fluss Moskwa auf die bis 2000 wiederaufgebaute Christ-Erlöser-Kathedrale. Sie wurde 1931 abgerissen, um das Grundstück für den Bau des Sowjet-Palastes zu beräumen. mini|Die Sprengung der Kathedrale 1931
Ursprünglich wurde für den Palast ein Grundstück im Zentrum Moskaus an der Twerskaja-Straße als Standort gewählt, welche während der sowjetischen Zeit in „Gorki-Straße“ umbenannt wurde. Dieser Vorschlag hätte jedoch eine Reihe von großen baulichen Anstrengungen erforderlich gemacht. Um den erforderlichen Platz für den Palast zu schaffen, hätten etliche Wohnhausreihen in der Moskauer Innenstadt niedergerissen werden müssen. Später wurde, nachdem sich Proteste gegen das Abreißen der Hausreihen starkgemacht hatten, der Vorschlag der Gruppe ASNOWA gewählt. Dieser sah vor, den Palast der Sowjets auf dem direkt am Ufer der Moskwa westlich des Kremls gelegenen Platz der Erlöserkirche zu erbauen. Der Platz wurde Ende des 19. Jahrhunderts zu Gedenken an den Sieg der russischen Armee über Napoléon Bonaparte angelegt. Schließlich wurde am 5. Dezember 1931 das auf dem Platz stehende Kirchenbauwerk auf Befehl des Parteiführers Lasar Kaganowitsch mit Einverständnis von Stalin gesprengt, um auf dem Grundstück den Palast der Sowjets bauen zu lassen. Die Wahl dieses Standortes lässt sich auch als Teil eines Konzepts der Eliminierung konkurrierender Herrschaftsarchitektur interpretieren – während der Periode des „kämpferischen Atheismus“ der 1930er Jahre wurden viele dominante Kirchen und Klosterbauten abgerissen, um Platz für sowjetische Großbauten zu schaffen (vgl. etwa Klosterkirche St. Michael in Kiew).
Erster Wettbewerb Offener Wettbewerb, Dezember 1931 Engerer Wettbewerb, erste Etappe, März–Juli 1932 Engerer Wettbewerb, zweite Etappe, 1932–33 mini|Entwurf von 1932
Die Wettbewerbe zur Planung des Palastes, sowohl für die Innen- als auch für die Außenarchitektur, wurden ab dem Jahr 1931 ausgerichtet. Laut den damaligen Wettbewerbsregeln sollte der Palast als ein monolithischer Komplex und eine kühne Hochhauskomposition mit einem beliebigen Abschluss gestaltet werden. Beim Wettbewerb für den Palast der Sowjets wurden auch Arbeitsentwürfe eingereicht, welche mit konstruktivistischer Architektur nichts zu tun hatten und mit ihrem Symbolgehalt sowie ihrer Monumentalität die Architektur der Sowjetunion in den folgenden Jahren noch deutlich beeinflussen sollten. Ab 1930 wurde in Architektenkreisen immer heftiger darüber gestritten, wie die „richtige“ Architektur im Sozialismus aussehen sollte.
Es gelang der Wettbewerbsjury zu dieser Zeit nicht, zwischen den insgesamt 160 vorgestellten Projekten sowie den 112 eingesendeten Projektentwürfen eine Wahl zu treffen, da sie entweder den Vorstellungen der Jury oder schlichtweg den Wettbewerbsregeln und -anforderungen nicht entsprachen. Dies lag auch daran, dass sich die Vorstellungen der Jury ständig änderten. Die Jury einigte sich schließlich darauf, dass eine vordergründige, nur auf Funktionalität bedachte Bauweise nicht ausreiche, sondern dass das Pathos und die Emotionalität in der Bauweise genauso zu berücksichtigen seien wie die Funktionalität, welche aber auch nicht aus der Bauweise ausgeschlossen wurde. Die ersten Wettbewerbspläne wurden zuerst 1931 der Jury vorgelegt, der auch Stalin selbst angehörte.
Der Wettbewerb wurde als Krönung des von der sowjetischen Regierung aufgestellten Fünfjahresplanes inszeniert. Zu diesem Wettbewerb wurden außer den sowjetischen Architekten, wie zum Beispiel Boris Iofan, auch einige bekannte Architekten aus dem Westen eingeladen.
Den Wettbewerb gewann im Februar 1932 der im westlichen Ausland weniger bekannte Architekt Boris Iofan, dessen Entwurf 1934 bestätigt wurde. Er konnte sich in der Ausschreibung gegen den französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier und die beiden deutschen Architekten Walter Gropius und Erich Mendelsohn durchsetzen. Die Entscheidung der Kommission, den Entwurf Boris Iofans zu nehmen, kann natürlich auch darauf zurückgeführt werden, dass Boris Iofan, auf Grund seiner sowjetischen Staatsbürgerschaft, bei der Ausschreibung gegenüber den nicht-sowjetischen Architekten bevorzugt wurde, doch dies konnte nie ganz aufgeklärt werden.
Baukonzept mini|Lomonossow-Universität mini|Lenin-Stadion (1980)
Der Palast der Sowjets sollte Teil einer umfassenden baulichen Umstrukturierung Moskaus sein, bei dieser sollten aber die historischen Ring- und Radialstrukturen beibehalten werden. Zusätzliche Prunkbauten, wie die Lomonossow-Universität auf den Leninbergen (heute: Sperlingsberge), das Pantheon „Ewiger Ruhm für die großen Menschen des Sowjetlandes“ (nicht verwirklicht) oder das Lenin-Stadion (heute: Luschniki-Stadion des Traditionsvereins Spartak Moskau) an der Biegung der Moskwa wurden in dieser Periode geplant. Zusätzlich sollten Teile eines Grüngürtels bis in das Stadtzentrum dringen.