Agathokles (; † 203 v. Chr. in Alexandria) war im späten 3. Jahrhundert v. Chr. ein führender Politiker während der Herrschaft des ägyptischen Königs Ptolemaios IV. Neben Sosibios war er spätestens ab 219 v. Chr. leitender Minister des Königs und hatte bedeutenden Anteil an den erfolgreichen Vorbereitungen der 217 v. Chr. gegen den Seleukiden-König Antiochos III. ausgetragenen Schlacht von Raphia. Nach dem Tod Ptolemaios’ IV. wurde er im Sommer 204 v. Chr. zusammen mit Sosibios Vormund und Regent für den unmündigen König Ptolemaios V. Bald darauf starb Sosibios, woraufhin Agathokles allein die Regierung führte. Er war aber beim Volk verhasst. Tlepolemos, Kommandant der ägyptischen Grenzfestung Pelusion, machte ihm den Anspruch auf die Regentschaft streitig und rückte mit seinen Truppen gegen Alexandria vor. Dort brach gleichzeitig etwa im Herbst 203 v. Chr. eine Militärrevolte aus, die von den Einwohnern der Hauptstadt unterstützt wurde und zu Agathokles’ Sturz und Ermordung führte. Aufgrund der Agathokles feindlich gesinnten Überlieferung ist keine gerechte Beurteilung seiner Fähigkeiten möglich.

Leben Abstammung; Ministerkarriere unter Ptolemaios IV. Agathokles war der Sohn eines gleichnamigen Vaters und dessen Gemahlin Oinanthe.Polybios, Historíai 14, 11, 1; Plutarch, Kleomenes 33, 2. Der Althistoriker Werner Huß glaubt in Anlehnung an die feindselige Tradition beim hellenistischen Historiker Polybios, dass Agathokles niedriger Herkunft gewesen und erst unter dem König Ptolemaios IV. aufgestiegen sei.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 460. Polybios referiert eine gehässige Charakterisierung von Agathokles’ Familie durch den ägyptischen Feldherrn Tlepolemos, der später Agathokles stürzte. Demzufolge sei Oinanthe eine Sambyke-SpielerinPolybios, Historíai 15, 25, 32; Plutarch (Kleomenes 33, 2) nennt Oinanthe eine Kupplerin, wohl eine Anspielung darauf, dass sie ihre Tochter Agathokleia mit Ptolemaios IV. verkuppelt habe. und Agathokles’ Schwester Agatthokleia ein Putzmädchen gewesen. Walter Ameling nimmt hingegen eine höhere Abstammung des Agathokles an, indem er dessen Vater mit Agathokles, dem Sohn des Diadochenherrschers Lysimachos, identifiziert.

Laut Plutarch stammte Oinanthe aus Samos, und sie brachte wohl während der Herrschaft des Königs Ptolemaios III. ihre Kinder, darunter Agathokles und Agathokleia, nach Ägypten.Plutarch, Amatorius 9, in: Moralia, p. 753 d; dazu In seiner Jugend war Agathokles Mundschenk am Hof Ptolemaios’ III.Polybios, Historíai 15, 25, 32. und später Gefährte () sowie angeblich auch Geliebter () und concubinus (Beischläfer) des Königs Ptolemaios IV.Scholion zu Aristophanes, Die Thesmophoriazusen 1059; Porphyrios, in: Felix Jacoby (Hrsg.): Die Fragmente der griechischen Historiker. (FGrH) Nr. 260, F 45. Er wurde wohl bald nach dessen Regierungsantritt (221 v. Chr.) unter dessen „Freunde“ (Philoi) aufgenommen. Spätestens ab 219 v. Chr. leitete er mit Sosibios gemeinsam die ägyptische Politik und hatte wesentlichen Anteil an der Vorbereitung der erfolgreich verlaufenden Schlacht von Raphia (217 v. Chr.) gegen den Seleukidenherrscher Antiochos III. Da er nicht selbst an diesem Feldzug teilgenommen hatte,Polybios, Historíai 5, 83, 3 und 5, 87, 6. warf Polybios ihm mangelnden soldatischen Mut vor.Polybios, Historíai 15, 34, 3.

Über Agathokles’ weitere politische Karriere unter Ptolemaios IV. ist kaum etwas bekannt. 216/215 v. Chr. war er Alexanderpriester,Ägyptische Urkunden aus den Staatlichen Museen Berlin, Griechische Urkunden (BGU), Band 6, Nr. 1262. 207/206 v. Chr. Inhaber eines Landguts. Seine Schwester Agathokleia war eine einflussreiche Geliebte Ptolemaios’ IV. Wahrscheinlich verdankte er seine machtvolle Stellung vor allem seiner persönlichen Verbundenheit mit dem König. Er teilte auch dessen belletristische Neigungen; so schrieb er einen Kommentar zu der von seinem königlichen Gönner verfassten Tragödie Adonis.Scholion zu Aristophanes, Die Thesmophoriazusen 1059. Allerdings darf sein Einfluss nach Meinung von Werner Huß nicht überschätzt werden; bei Polybios erscheint durchaus Sosibios als der mächtigere Minister. Das von Polybios entworfene äußerst negative Bild von Agathokles dürfte verzeichnet sein.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 461 f.

Regent für Ptolemaios V. Nach dem Tod Ptolemaios’ IV.im Sommer 204 v. Chr. übernahmen Sosibios und Agathokles die Vormundschaft und Regentschaft für den erst fünfjährigen Nachfolger Ptolemaios V. Zahlreiche moderne Forscher nehmen an, dass Ptolemaios IV. diese Aufgabe aber seiner Schwestergemahlin Arsinoë III. zugedacht hatte, wie Polybios dies implizit behauptet.So beispielsweise Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-10422-6, S. 119. Werner Huß vertritt hingegen die Meinung, dass Sobisios und Agathokles tatsächlich testamentarisch vom verstorbenen König mit der Übernahme der Reichsverweserschaft betraut worden seien. Huß weist dabei darauf hin, dass sich nach einhelligen Quellenzeugnissen Ptolemaios IV. und seine Schwestergemahlin entfremdet hatten und bislang noch keine Ptolemäerkönigin die Regierung geführt hatte.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 474 f.

Viele Althistoriker sind der Ansicht, dass Arsinoë III. die Machtübernahme durch die Minister nicht akzeptieren wollte und es zu einem Machtkampf kam, in dessen Verlauf ein Teil des Palasts von Alexandria abbrannteSiehe Johannes von Antiochia, Fragment 54, in: Karl Müller (Hrsg.): Fragmenta historicorum Graecorum. (FHG) Band 4, 1851, S. 558. und die Königinwitwe im Auftrag des Sosibios und Agathokles von PhilammonPolybios, Historíai 15, 25, 12. umgebracht wurde.So beispielsweise Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 119 und Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 475. Kurz darauf beriefen Sosibios und Agathokles die Soldaten der Leibgarde und Palastwache sowie die Offiziere der nahe der Hauptstadt stationierten Kavallerie und Infanterie zu einer Heeresversammlung im größten Hof des alexandrinischen Königspalasts ein. Sie informierten dieses Gremium über den Tod des Königspaars, ordneten landesweite Trauer an und proklamierten den kleinen Ptolemaios V. zum neuen Herrscher. Dann verlasen sie ein – laut Polybios gefälschtes – Testament, laut dem sie vom verstorbenen König zu Vormündern seines jungen Sohns ernannt worden seien. Am Ende der Zeremonie ließen sie zwei silberne Urnen herbeiholen, deren eine die Überreste Ptolemaios’ IV., die andere aber nicht jene Arsinoës III., sondern Spezereien barg. Die Urnen wurden auf Befehl der beiden Regenten im Sema beigesetzt.Polybios, Historíai 15, 25, 3–7. Da Sosibios nach diesem Staatsakt nicht mehr erwähnt wird, dürfte er bald darauf gestorben sein.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 119. Viele Alexandriner betrauerten Arsinoës III., während Agathokles und seine Partei bei ihnen verhasst waren.Polybios, Historíai 15, 25, 8 ff.

Nun führte Agathokles allein die Regierungsgeschäfte weiter. Zu seinem Machterhalt versuchte er sich nach dem Abschluss der Staatstrauer die Loyalität des Heers durch ein Geldgeschenk in der Höhe eines zweimonatigen Solds an jeden Soldaten zu sichern. Den kleinen König übergab er der Obhut seiner Mutter Oinanthe und seiner Schwester Agathokleia. Den durch die Ermordung Arsinoës III. kompromittierten Philammon ließ er mit dem Titel eines Lybarchen (d. h. Stratege) in die Kyrenaika abgehen.Polybios, Historíai 15, 25, 11 f.

Gemäß den diplomatischen Usancen informierte Agathokles mehrere bedeutende Staaten über den Regierungswechsel in Alexandria. So reiste in seinem Auftrag der Makedone Pelops, der früher Stratege von Zypern gewesen war, zur Überbringung der Nachricht an den Hof des Seleukidenherrschers Antiochos III. Dieser verfolgte damals eine expansionistische Politik gegenüber den ptolemäischen Besitzungen in Kleinasien, wie es sich bei Teos und anderen Städten zeigte. Daher hatte Pelops den Antiochos III. zur Einhaltung des nach der Schlacht von Raphia geschlossenen ptolemäisch-seleukidischen Friedensvertrags zu ermahnen.Polybios, Historíai 15, 25, 13; dazu Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 477; Ptolemaios, ein Sohn des verstorbenen Regenten Sosibios, begab sich auf Agathokles’ Anweisung zum Makedonenkönig Philipp V., um diesen nicht nur über den ägyptischen Thronwechsel zu informieren, sondern auch einen Ehevertrag zwischen Ptolemaios V. und einer Tochter Philipps V. abzuschließen. Ptolemaios von Megalopolis, der später eine (nicht erhaltene) Biographie über Ptolemaios IV. verfasste, reiste als Agathokles’ Gesandter nach Rom, um den Senat über den Regierungsantritt Ptolemaios’ V. in Kenntnis zu setzen. Laut Polybios habe Agathokles diese Persönlichkeiten auf die diplomatische Mission geschickt, um sie – wie auch andere – angesehenen Männer aus Ägypten zu entfernen, wohl damit sie seine Machtstellung nicht gefährden konnten. Werner Huß bezweifelt diese Angabe und geht von einer wohlüberlegten diplomatischen Sendung des Regenten aus.Polybios, Historíai 15, 25, 13 ff.; dazu Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 477 f.

Ferner sandte Agathokles den ätolischen Strategen Skopas, Oberbefehlshaber der ptolemäischen Streitkräfte, zur Anwerbung von Söldnern nach Griechenland. Diese sollten im drohenden Krieg mit Antiochos III. Verwendung finden und auch die Soldaten der Leibgarde, der Palastwache und der alexandrinischen Garnison teils ergänzen, teils ersetzen; denn der Regent wollte ihm nicht vertrauenswürdig erscheinende Truppenteile in entferntere ägyptische Festungen und auswärtige Stützpunkte verlegen.Polybios, Historíai 15, 25, 16–19.

Die zu Antiochos III. und Philipp V. geschickten Gesandten hatten aber keinen Erfolg in ihrem Bemühen, die freundschaftlichen ptolemäischen Beziehungen zu diesen beiden Monarchen zu erneuern. Vielmehr kamen der Makedonen- und der Seleukidenkönig im Winter 203/202 v. Chr. in einem Geheimabkommen überein, zumindest die ptolemäischen Außenbesitzungen zu erobern und untereinander aufzuteilen.Polybios, Historíai 15, 20; 16, 1, 9; 16, 10, 1; Titus Livius, Ab urbe condita 31, 14, 5; u. a. Inzwischen soll sich Agathokles, nachdem er noch vakante Stellen in der Riege der königlichen „Freunde“ mit ihm genehmen Personen besetzt hatte und so seine Macht genügend abgesichert glaubte, nach dem Bericht des Polybios Trinkgelagen und Ausschweifungen hingegeben haben. Durch dieses Verhalten sei er beim Volk noch verhasster geworden.Polybios, Historíai 15, 25, 20-24.

Sturz Der Feldherr Tlepolemos beendete durch eine von ihm geschürte Militärrevolte im Herbst 203 v. Chr. Agathokles’ Vormundschaftsregierung. Er war nach dem Tod des Ptolemaios IV. von Agathokles – der damals vermutlich noch im Verbund mit Sosibios handelte – zum Strategen des Distrikts von Pelusion ernannt worden. Zu diesem Zeitpunkt mussten ihn die Vormünder des Ptolemaios V. also für einen sehr vertrauenswürdigen Offizier gehalten haben. Anscheinend hatte Tlepolemos aber auch seine Beteiligung an der politischen Macht durch Aufnahme in einen neu zu schaffenden Kronrat erwartet, der die Regierungsgewalt im Reich ausüben sollte. Als diese Hoffnung enttäuscht wurde, suchte er sich selbst an Stelle des Agathokles zum Reichsregenten zu machen. Zu diesem Zweck bemühte er sich, die ihm unterstellten Soldaten auf seine Person zu verpflichten; auch knüpfte er Verbindungen mit den in Alexandria stationierten Heereseinheiten an.Polybios, Historíai 15, 25, 25-30; dazu Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 479.