mini|hochkant|Abbé Franz Stock Franz Stock (* 21. September 1904 in Neheim; † 24. Februar 1948 in Paris) war ein deutscher römisch-katholischer Priester und während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg Seelsorger für die Gefängnisse von Paris und die Hinrichtungsstätte auf dem Mont Valérien. Er gilt als ein Wegbereiter der Deutsch-Französischen Freundschaft. Papst Johannes Paul II. nannte ihn 1980 in einer Reihe mit großen Personen der deutschen Geschichte.PREDIGT VON JOHANNES PAUL II., Fulda, 18. November 1980, zuletzt abgerufen am 19. März 2016. Das Erzbistum Paderborn eröffnete ein Seligsprechungsverfahren,Thomas Bertram: Ein langer, mühsamer, aber lohnender Weg: der Weg zur Seligsprechung von Franz Stock. In: Katholische-Bildung, Jg. 2014, Heft 1, S. 33–41, hier S. 34–36. das jedoch vom Vatikan im Juni 2022 eingestellt wurde.
Leben Familie und Ausbildung mini|hochkant|Das Elternhaus von Franz Stock. Heute ist es eine Gedenk- und Begegnungsstätte. Am 21. September 1904 wurde Franz Stock als erstes von neun Kindern einer Arbeiterfamilie in der kleinen Industriestadt Neheim in Westfalen geboren. Von 1910 an besuchte er die katholische Volksschule. Als Zwölfjähriger äußerte er erstmals den Wunsch, Priester zu werden. Deshalb wechselte er als Dreizehnjähriger Ostern 1917 auf das Neheimer Realgymnasium. Ostern 1926 machte er dort sein Abitur.
Von 1926 bis 1932 war Stock Student der katholischen Theologie. Er begann sein Studium an der Philosophisch-Theologischen Akademie in Paderborn. Ostern 1928 ging er für drei Semester nach Paris und studierte am Institut catholique. Damit war er der erste deutsche Theologiestudent in Frankreich seit dem Ersten Weltkrieg und der erste deutsche Student am Institut catholique seit dem Mittelalter.Reinhard Richter: Nationales Denken im Katholizismus der Weimarer Republik. Lit-Verlag, 2000, ISBN 3-8258-4991-0, S. 134.
Am 12. März 1932 empfing Franz Stock vom Paderborner Erzbischof Caspar Klein die Priesterweihe. Auf seinem Primizzettel stehen die Worte aus dem 1. Petrusbrief: „Weihet Eure Seele durch Gehorsam gegen die Wahrheit zu aufrichtiger Bruderliebe und habet einander von Herzen lieb. Ihr seid ja wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern unvergänglichem Samen durch Gottes Wort, das lebt und ewig ist.“
Internationale Jugendbewegung / Völkerverständigung Franz Stock wurde in seiner Kindheit und Jugend sehr durch den Ersten Weltkrieg und durch die Folgezeit mit ihren politischen und wirtschaftlichen Änderungen geprägt. Parallel zu seiner religiösen Berufung zum Priester beschloss er, sich für die Völkerverständigung einzusetzen, insbesondere zwischen der deutschen und französischen Jugend.
Bereits in seiner Schulzeit schloss er sich dem Bund Neudeutschland und später der Quickbornbewegung an, einer katholischen Jugendbewegung. Mit ihr nahm er an einer für ihn prägenden internationalen Jugendbegegnung mit über 10.000 Teilnehmern teil, die 1926 in Bierville von einem Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung, Marc Sangnier, einberufen worden war.Matthias Schnettger, Heinz Duchhardt, Jan Gudian: Jahrbuch für Europäische Geschichte. 2005, Band 6, ISBN 978-3-486-57740-2, S. 140. Dort schloss er auch die Bekanntschaft mit Joseph Folliet, der neben Romano Guardini einen besonders großen Einfluss auf ihn ausübte.
Während seiner Studienzeit in Paris trat er ferner den „Compagnons de Saint François“ („Gefährten des heiligen Franziskus“) bei, deren Ideale das einfache Leben und die Verwirklichung des Friedens sind.
Auch in den folgenden Jahren war Franz Stock bei internationalen Begegnungen dabei, so 1931 auf dem vom Friedensbund Deutscher Katholiken organisierten Treffen auf dem Borberg, dem sogenannten „Europaberg“ oder „Friedensberg“ des Sauerlandes zwischen Brilon und Olsberg. Stock war einer der Hauptredner. Nachdem er mit dem farbigen französischen Staatsbürger Louis Achille einen Friedenskuss getauscht hatte, kam es zu Protesten von ebenfalls anwesenden SA-Männern.
Erstes berufliches Wirken in Deutschland und Frankreich Von 1932 bis 1934 war Franz Stock als Seelsorger in Effeln bei Lippstadt und in Dortmund-Eving tätig. Dort lernte Franz Stock auch Polnisch als zweite Fremdsprache, um sich als Vikar mit seinen vielen aus Polen stammenden Gemeindemitgliedern besser verständigen zu können.
1934 suchte der zuständige Kölner Erzbischof Kardinal Schulte einen Geistlichen für die Leitung der deutschen Gemeinde in Paris. Die Neubesetzung war 1934 schwierig, weil seit 1933 die politische Entwicklung in Deutschland vom Ausland her kritisch beobachtet wurde. Es sollte ein Mann gefunden werden, der französische Sprachkenntnisse hatte, der die französische Mentalität kannte und die Seelsorgeprobleme in der Weltstadt Paris überschaute. Es sollte aber vor allem ein Mann gefunden werden, der das Vertrauen des Pariser Erzbischofs, Kardinal Verdier, besaß. Dieser kannte Franz Stock noch aus der Zeit, als er selbst am Institut catholique Professor war. Aus diesen Gründen fiel die Wahl auf den jungen Priester Franz Stock. Anfang September 1934 traf Franz Stock in Paris ein und trat seine Stelle als Rektor der deutschen Gemeinde an. Er wohnte im Quartier Latin, nicht weit entfernt vom Panthéon. Zu der Betreuung von rund 500 Gemeindemitgliedern gehörten neben der seelsorgerlichen Tätigkeit auch viele sozial-karitative Aufgaben – und bald kam die Hilfe für politische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei hinzu. Franz Stocks Gemeindewirken wird als segensreich und einfühlsam beschrieben. Er machte kulturelle Angebote, veranstaltete Ausflüge und schuf Orte der Begegnung mit Franzosen und Nichtkatholiken.
Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 musste Franz Stock weisungsgemäß Paris verlassen. Er übernahm Vertreterstellen in Bodelschwingh bei Lütgendortmund und dann in der Nähe von Magdeburg in Klein Wanzleben.
Seelsorger in den Pariser Wehrmachtsgefängnissen mini|Kapelle auf dem Mont Valérien bei Paris. In der Kapelle befinden sich Erschießungspfähle von der Hinrichtungsstätte. Im Juni 1940 wurde Paris von der deutschen Wehrmacht besetzt. Am 13. August 1940 wurde Franz Stock erneut zum Seelsorger für die Deutschen in Paris ernannt. Er kehrte im Oktober nach Paris zurück, betreute dort allerdings eine andere Gemeinde. Seit 10. Juni 1941 war er gleichzeitig auch Standortpfarrer im Nebenamt.Georg May: Interkonfessionalismus in der deutschen Militärseelsorge von 1933 bis 1945, S. 195, B. R. Gruner, 1978, ISBN 90-6032-103-0. Als nebenamtlicher Standortpfarrer begann er 1941 mit seiner Tätigkeit in den Pariser Wehrmachtsgefängnissen Fresnes, La Santé und Cherche Midi. Ihm oblag die Betreuung der Häftlinge in den Gefängnissen und insbesondere der zum Tode Verurteilten. mini|alternativtext=Aufzeichnungen über die Erschießungen|Aufzeichnungen, die Franz Stock unter eigener Lebensgefahr von den Hinrichtungen, d. h. von den Ermordungen anfertigte mini|An dieser Stelle fanden die Erschießungen statt mini|alternativtext=Glocke mit den Namen der Hingerichteten|Glocke mit den Namen der Hingerichteten. Viele Namen weisen auf Polen oder Juden hin, die sich dem französischen Widerstand angeschlossen haben. mini|alternativtext=Kapelle auf dem Mont Valérien|Kapelle auf dem Mont Valérien in der die zum Tode Verurteilten warten mussten und aus der später die Särge abgeholt wurden. Im Vordergrund die Glocke mit den Namen der Hingerichteten.
Die Gefängnisse von Paris hatten von 1941 bis 1944 etwa 11.000 Gefangene. Vielen Menschen rettete Franz Stock das Leben, indem er Warnungen aussprach und Informationen weiterleitete. Oftmals konnte er es erreichen, dass Todesurteile abgemildert oder die Zahl der geplanten Geiselerschießungen reduziert wurde.René Closset: Er ging durch die Hölle.
Die Erschießungen der Verurteilten und Geiseln fanden meist auf dem Mont Valérien statt. Franz Stock führte ein Tagebuch mit kurzen Notizen über die Gefangenen und zum Tode Verurteilten. Er erwähnte 863 Erschießungen, denen er beiwohnen musste, sagte aber kurz vor seinem Tod einem Bekannten, es seien über 2.000 gewesen. Die Gedenktafel auf dem Mont Valérien nennt eine Zahl von über 4.500.Siehe Bild: https://flickr.com/photos/insunlight/50936048/in/set-1105735/. Diese Zahl wurde aber 1995 von Serge Klarsfeld und Léon TseverySerge Klarsfeld und Léon Tsevery: Les 1007 fusillés du Mont-Valérien parmi lesquels 174 Juifs. Paris, Association des fils et filles des déportés juifs de France, 1995 (Die 1007 Erschossenen vom Mont-Valérien, davon 174 Juden). kritisiert. Bis zum 1. Januar 2009 wurden insgesamt 1014 der Erschossenen identifiziert.
Zeugnisse Überlebender, Bücher und Filme dokumentieren Stocks aufopferungsvollen Dienst an den Verurteilten, seine Menschlichkeit und sein Zugehen auf andere, ohne sich selbst zu schonen. Da die Gefangenen oft bewusst im Unklaren über das Schicksal ihrer Familien gelassen wurden, war es eine große Hilfe für sie, dass Stock Kontakt zu den Familien hielt und den Gefangenen Nachrichten übermittelte, zum Beispiel flüsternd während eines von Aufsehern überwachten Gespräches oder während eines gemeinsamen Gebetes des Priesters und des Gefangenen.
mini|Mémorial de la France Combattante Franzosen gaben Franz Stock die Bezeichnung „L’Aumônier de l’enfer“ („Der Seelsorger der Hölle“) und „L’Archange en enfer“ („Der Erzengel in der Hölle“).
Viele Widerstandskämpfer, wie z. B. Edmond Michelet, Jean de Pange, Robert d’Harcourt, Gabriel Péri und Henri Honoré d’Estienne d’Orves, haben ihm die Ehre erwiesen. Heute ist der Platz vor dem Mémorial de la France Combattante, das an den Widerstand der Franzosen gegen die deutsche Besatzungsmacht erinnert, nach Abbé Franz Stock benannt, was eine außergewöhnliche Ehrung darstellt.
Am 25. August 1944 marschierten frei-französische Truppen unter dem Befehl von Charles de Gaulle in Paris ein. Abbé Stock blieb in Paris und half im Hôpital la Pitié, mehr als 600 nicht transportfähige, verwundete deutsche Soldaten zu betreuen. Das Krankenhaus geriet in die Hände der Truppen der F.F.I. (Forces Francaises de l’Intérieur), der inneren Streitkräfte. Ein Hauptmann drang mit seinen Leuten in das Lazarett ein und forderte die Herausgabe von mehreren Geiseln, um sie wegen der Grausamkeiten von SS und Gestapo erschießen zu lassen. Der Offizier war ein ehemaliger Inhaftierter des Gefängnisses Fresnes. Als er Abbé Stock erkannte, unterzeichnete er ein Papier, das an das Portal des Lazaretts geheftet wurde. Das Krankenhaus wurde damit unter den Schutz der Résistance gestellt, und seine Insassen waren vor Repressalien geschützt.
Als US-amerikanische Soldaten das Lazarett übernahmen, wurde Abbé Franz Stock Kriegsgefangener. Er wurde in das Gefangenenlager von Cherbourg gebracht.
Stacheldrahtseminar von Chartres mini|Von Franz Stock gemaltes Fresko in der Lagerkapelle des Stacheldrahtseminars, 2013 mini|Renovierte Seminarkapelle am 15. Sept. 2011 Franz Stocks Gesundheit war nach dem Krieg schwer angegriffen. Er nahm dennoch die Aufgabe der Gründung eines Priesterseminars für kriegsgefangene deutschsprachige Priester und Seminaristen an. Es wurde auf Initiative der französischen Regierung und mit Unterstützung des Apostolischen Nuntius Roncalli, des späteren Papstes Johannes XXIII., gegründet. Abbé Stock wurde gebeten, die als Stacheldrahtseminar bezeichnete Institution als Regens zu leiten.