Die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes (, ) war eine vom Januar 1942 bis 1955Die halbautonome Organisationsstruktur der Kinderhilfe wurde im Juni 1949 aufgehoben und in die ständigen Strukturen des SRK integriert dauernde Hilfsaktion des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) zugunsten von kriegsgeschädigten Kindern aus mehreren europäischen Ländern. Keine andere Rotkreuzgesellschaft hat sich in den Jahren 1942–1945 ausserhalb des eigenen Landes so weitgehend engagiert.Cornelio Sommaruga in: Serge Nessi: Die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes 1942-1945 und die Rolle des Arztes Hugo Oltramare. Karolinger Verlag, Wien mini|Schweizerisches Rotes Kreuz mini|Schweizerisches Rotes Kreuz, Kinderhilfe

Von 1945 bis 1948 war die Kinderhilfe Aktionsträger der Schweizer Spende, einem vom Schweizer Bundesrat am 25. Februar 1944 eingeleiteten Zusammenschluss konfessionell und politisch unterschiedlich ausgerichteter Hilfswerke, deren Ziel es war, mit einer nationalen Spendensammlung des Schweizer Volkes in achtzehn kriegsgeschädigten Ländern in Europa Humanitäre Hilfe und Wiederaufbauhilfe zu leisten. Vom Bund wurden im Dezember 1944 über 150 Millionen Franken bereitgestellt, während die öffentliche Sammlung weitere 50 Millionen erbrachte.

Vorgeschichte mini|Evakuation von Spanierkindern durch die Ayuda Suiza

Die Kinderhilfe der Schweiz hat eine lange Tradition. Während des Ersten Weltkriegs begannen Schweizer Familien Kinder aus kriegsversehrten Nachbarländern zur Erholung aufzunehmen. Im Jahr 1915 wurden 444 belgische Kinder für einen Ferienaufenthalt in die Schweiz eingeladen. Diese Erholungsaufenthalte wurden ab 1918 für Auslandschweizerkinder durch Private und Organisationen wie Pro Juventute fortgesetzt. In der Zwischenkriegszeit engagierte sich die Kinderhilfe in der Schweiz und während des Bürgerkrieges in Spanien. Während des Zweiten Weltkriegs erhielt die Kinderhilfe eine neue Orientierung: Verfolgte Kinder und teilweise auch ihre Mütter fanden in der zone libre in Südfrankreich in Heimen der Kinderhilfe Zuflucht und Schutz.

Die freiwilligen Helfer organisierten sich 1932 in der Proletarischen Kinderhilfe und 1933 in der Arbeiterkinderhilfe der Schweiz, die 1936 zum Schweizerischen Arbeiterhilfswerk (SAH) fusionierten sowie 1933 im politisch neutralen Schweizer Hilfswerk für Emigrantenkinder (SHEK). Für die Hilfe im Spanischen Bürgerkrieg vereinigten sich 1937 14 Hilfswerke zum Schweizerischen Hilfskomitee für die Kinder Spaniens (SAS)(Ayuda Suiza), die 1940 – infolge der Ausweitung des Kriegselendes auf immer weitere Länder (Finnland, Polen, Benelux, Frankreich) – mit 17 Organisationen zur Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder (SAK)Gründungsmitglieder: Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, Bund Schweizerischer Frauenorganisationen, Pro Juventute, Schweizerischer Caritasverband, Schweizerisches Arbeiterhilfswerk, Schweizerisches Hilfswerk für Emigrantenkinder, Mouvement de la Jeunesse Romande, Schweizerischer Gemeinnütziger Frauenverein, Schweizerischer Lehrerverein, Schweizerischer Lehrerinnenverein, Société Pédagogique de la Suisse Romande, Freunde Schweizerischer Volksbildungsheime, Service civil international (Sektion Schweiz), Verband deutschschweizerischer Jünglingsbünde vom Blauen Kreuz, Schweizer Ärzte- und Sanitätshilfe, Schweizerische Sektion des Weltbundes für Erneuerung der Erziehung, Fédération du Christianisme Social de la Suisse Romande. Später kamen dazu: Katholischer Frauenbund, Bund katholischer Frauenvereine, Ligue pour l’Education nouvelle, Schweizerische Jahresversammlung der Freunde (Quäker) wurde.

Die SAK (1944 aufgelöst) widmete sich der Aufnahme von Kindern aus Frankreich und Belgien und ihrer Unterbringung in Schweizer Familien. Die Genfer Sektion des SAK trug die Hauptarbeit bei der Aufnahme tausender französischer Kinder; und deren 1941 wachsende Zahl begann zum Problem zu werden.

Im August 1941 machte Hugo Oltramare, der Leiter der Aufnahmesektion der SAK Genf, der Leitung des SAK in Bern den Vorschlag, ein grosszügiges, neutrales Hilfswerk für die europaweite Hilfe zu schaffen, das von der ganzen Schweiz und ihren Behörden gemäss ihrer humanitären Tradition getragen würde. Weil der SAK dazu einerseits die personellen und finanziellen Mittel fehlten und sie andrerseits als «politisch» galt, war das nur möglich, indem eine neue, grössere Organisation unter der Schirmherrschaft des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), dessen Statuten gleichzeitig um «zivile» Aufgaben erweitert werden mussten, gegründet wurde.

Die SAK und das SRK, das die Verantwortung für die ganze Tätigkeit trug, einigten sich auf einen Zusammenarbeitsvertrag, dessen Hauptbedingung die unbedingte Aufrechterhaltung der Grundsätze des Roten Kreuzes war. Das SRK stand, wie alle nationalen Rotkreuzgesellschaften, in einer privilegierten Beziehung zur Landesregierung und war vor allem in Kriegszeiten von der politischen Linie abhängig. Der Bundesrat ernannte im Januar 1942 Edouard de Haller zum neu geschaffenen Delegierten für internationale Hilfswerke. Er musste die Hilfswerke beraten, falls ihre Tätigkeiten sie in Situationen bringen würden, die Auswirkungen auf die Aussenpolitik und die Sicherheit der Eidgenossenschaft haben könnten. Das war besonders dann möglich, wenn sie im Ausland tätig waren oder mit Ausländern im Inland zu tun hatten.

Im Januar 1942 wurde das neue Hilfswerk als halbautonome Abteilung unter der Bezeichnung Schweizerisches Rotes Kreuz, Kinderhilfe in das SRK aufgenommen. Während des Krieges wurden vorwiegend Kinder aus Frankreich, Belgien und Serbien aufgenommen. Italien und Deutschland verzichteten auf diese Möglichkeit, und bei Ländern wie Griechenland gab es keine Transportmöglichkeiten.

Das Hilfswerk ersuchte den Künstler Hans Beutler aus Büren an der Aare, der vorher ein Jugendlager im Tessin geleitet hatte, in Le Chambon-sur-Lignon in Südfrankreich ein Kinderheim zu führen. Von 1943 an setzte sich Beutler in Le Chambon-sur-Lignon für die Rettung von Jugendlichen und von Erwachsenen in Frankreich ein. (auf kirche-heute.ch)

Nach Kriegsende wurde die Kinderhilfe auf zahlreiche andere europäische Länder ausgedehnt. Nun kamen auch aus Deutschland, Italien und Österreich erholungsbedürftige Kinder in die Schweiz.

Zweck Die Kinderhilfe diente während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach der physischen und psychischen Betreuung von Kindern, die durch die Auswirkungen des Krieges erkrankt, unterernährt oder verletzt worden waren oder traumatische Kriegserlebnisse, zum Beispiel die Folgen einer Flucht, die Trennung von ihrer Familie oder den Verlust von Familienangehörigen, erlitten hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Schweiz das erste Land, das der deutschen Zivilbevölkerung und insbesondere den Kindern Hilfe leistete.Bernd Haunfelder: Not und Hoffnung. Deutsche Kinder und die Schweiz 1946–1956. Verlag Aschendorff, Münster 2008, ISBN 978-3-402-12776-6.

Auswahlkriterien für die Hilfe Die SRK Kinderhilfe versuchte nach dem Grundsatz der Unparteilichkeit möglichst vielen bedürftigen Kindern aus allen betroffenen europäischen Ländern zu helfen. Bei der Auswahl der Kinder für einen Erholungsaufenthalt in der Schweiz wurden in erster Linie medizinische Kriterien berücksichtigt. Es wurden Kinder ausgewählt, die es gesundheitlich nötig hatten und deren Zustand es erlaubte, dass sie für einen drei- bis sechsmonatigen Aufenthalt in die Schweiz fuhren.

Als sich nach Kriegsende der gesundheitliche Zustand der Kinder wegen der chaotischen Zustände in den kriegsgeschädigten Ländern verschlechterte und sich vielerorts die Tuberkulose ausbreitete, wurde auf Empfehlung von Hugo Oltramare in Adelboden innert kurzer Zeit das bisher grösste Programm des SRK, das gleichzeitig rund 1000 prätuberkulöse Kinder aufnehmen konnte, eingerichtet und vom September 1945 bis März 1946 erfolgreich betrieben. Später wurde diese Aktion auf weitere Kurorte erweitert. Für den Aufenthalt in der Schweiz mussten die Kinder obligatorisch geimpft werden, um die Ausbreitung von Epidemien bei den Helfern, Gastfamilien und in der Schweizer Bevölkerung zu verhindern. In den betroffenen Ländern wurden Kindern und Säuglingen grosse Mengen an Frischmilch, Milchkonserven und Milchpulver abgegeben, um die Ernährungsmängel, die ihr Immunsystem schwächten, zu beheben.

Organe mini|Elsbeth Kasser, Regina Kägi-Fuchsmann, Arnold Saxer, Camp de Gurs, 1942

Das oberste Organ und Exekutivkomitee der SRK Kinderhilfe war der Arbeitsausschuss, der neben dem Präsidenten (Hugo Remund, Chefarzt SRK) aus den Vertretern des SAK: Alfred Siegfried (Pro Juventute), Giuseppe Crivelli (Caritas), Regina Kägi-Fuchsmann (SAH), Hugo Oltramare, den Vertretern des SRK: Gustav Adolf Bohny, Paul Hertig, Heinrich Spengler, H. Moll-Obrecht (bis 1944), Elsbeth Kasser (ab 1945) und den Vertretern des Bundesrates: Edouard de Haller, Arnold Saxer bestand. 1945 wurde der Arbeitsausschuss auf 26 Mitglieder erweitert.

Neben dem Arbeitsausschuss wurden mehrere Kommissionen gebildet. Die für die Aufnahme der Kinder in der Schweiz zuständige Unterbringungskommission wurde in vier Kommissionen aufgeteilt, die eng zusammenarbeiteten: Transport-, Familienunterbringungs-, Kollektiv/Heimunterbringungs- und ärztliche Kommission (Präsident Hugo Oltramare). Dazu kamen die Kommissionen für Propaganda, Geschäftsprüfung, Einkauf (unter anderen mit Gottlieb Duttweiler), Werke im Ausland sowie das Zentralsekretariat in Bern (Rodolfo Olgiati bis 1943; 1944–1948 war er operativer Leiter der Zentralstelle der Schweizer Spende) und die Delegationen in Frankreich: Generaldelegierter war Max Oscar Zürcher, für die Südzone war Maurice Dubois in Toulouse zuständig, für die besetzte Nordzone Odette Micheli in Paris.

Organisatorinnen und Helferinnen am Beispiel Südfrankreichs mini|Zusammenkunft SAK-Mitarbeiter, Château de la Hille, 1941 mini|Zusammenkunft SRK-Mitarbeiter, Montluel, Juni 1942

Von den Hunderten von freiwilligen Helfern der Kinderhilfe in der Schweiz und im Ausland sind hier stellvertretend einige Mitarbeiter der Kinderhilfe in Südfrankreich aufgeführt. Diese waren mehrheitlich Schweizer Krankenschwestern und Lehrerinnen aus allen politischen und neutralen Lagern, die drei oder mehr Sprachen beherrschten. Sie engagierten sich freiwillig für Flüchtlinge und Kinder während der beiden Weltkriege und in der Zwischen- und Nachkriegszeit in der Schweiz, in Spanien während des Spanischen Bürgerkrieges, in der zone libre und im besetzten Südfrankreich, und im zerstörten Nachkriegseuropa. Sie organisierten erfolgreiche Hilfsgüter- und Geldsammlungen, Kinderheime, Kinderzüge und Erholungsaufenthalte, zeigten diplomatisches Geschick in schwierigen Verhandlungen mit Behörden und gewannen durch ihre humanistische Arbeit für die unschuldigen Opfer der politischen Umwälzungen die Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten in der Schweiz:

Hans Beutler Friedel Bohny-Reiter August Bohny Elisabeth Eidenbenz Renée Farny Georgine Gerhard Germaine Hommel Anne-Marie Im Hof-Piguet Elsbeth Kasser Elsa Lüthi-Ruth Marie Meierhofer Rösli Näf Emma Ott Mathilde Paravicini Nettie Sutro-Katzenstein Ruth von Wild

Tätigkeiten Die Hilfsaktionen der SAK (1940–1941), SRK Kinderhilfe (ab 1942) fanden während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit in der Schweiz und in den vom Krieg betroffenen europäischen Ländern statt und hatten den folgenden Gesamtumfang: Aufenthalte in der Schweiz 1940–1955 (Kinderzüge): 180'000 Kinder, wovon über 60'000 aus Frankreich und der Rest aus über einem Dutzend europäischer Länder Hilfe vor Ort (Nahrungshilfe, Kleider usw.): Beispiel Frankreich: 550'000 Kinder Patenschaften 1940–1949: 140'000 Unterbringung prätuberkulöser Kinder in der Schweiz 1945–1955: 7'000 Kinder