miniatur|Jia Zhangke (Gewinner des Goldenen Löwen)

Die 63. Internationalen Filmfestspiele von Venedig (63. Mostra internazionale d'arte cinematografica) fanden vom 30. August bis zum 9. September 2006 statt. Das Filmfestival, das neben den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und der Berlinale zu den bedeutendsten Filmfestivals gezählt wird, findet seit 1932 jährlich im August bzw. im September in Venedig statt. 2006 wurden die Filmfestspiele mit Brian De Palmas Kriminalfilm The Black Dahlia eröffnet. Neben diesem Film nahmen zwanzig weitere sowie ein nicht vorher angekündigter „Überraschungsfilm“ im Wettbewerb um den Goldenen Löwen, den wichtigsten Preis des Festivals, teil. In den drei Hauptsektionen – dem Hauptwettbewerb, der Sektion Orizzonti und dem Kurzfilmwettbewerb Corta Cortissimo – waren 62 Filme aus 27 Ländern zu sehen, die aus über 2.500 Einsendungen ausgewählt worden waren. Erstmals bei den Filmfestspielen von Venedig zu sehen waren Filme aus Tschad, Zypern und Indonesien. Insgesamt waren 2.589 Filme bei der elftägigen Veranstaltung zu sehen, darunter 1.429 Spielfilme.

Der Goldene Löwe ging schließlich an den Chinesen Jia Zhangke für seinen Film Still Life. Einzig der Preisträger für den Goldenen Löwen als Ehrenpreis für ein Lebenswerk stand bereits im Vorfeld bereits fest; der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor David Lynch, der unter anderem durch Blue Velvet und Mulholland Drive – Straße der Finsternis bekannt geworden ist, erhielt die Auszeichnung.

Wettbewerb Jury Präsidentin der Wettbewerbsjury im Jahr 2006 war die französische Schauspielerin Catherine Deneuve, die 1998 für ihre Darstellung im Kriminaldrama Place Vendôme auf der Biennale, wie die Filmfestspiele von Venedig oft auch genannt werden, mit der Coppa Volpi als beste Darstellerin ausgezeichnet worden war.

Deneuve zur Seite standen der italienische Schauspieler und Regisseur Michele Placido, der 1998 den FEDIC-Preis erhalten hatte und mit zwei weiteren Regiearbeiten 2002 und 2004 im Wettbewerb vertreten gewesen war. Der bereits zweimal in Venedig ausgezeichnete, spanische Regisseur und Drehbuchautor Bigas Luna war wie auch der portugiesische Produzent von unter anderem Bis ans Ende der Welt, Paulo Branco, Teil der Jury. Der US-amerikanische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Cameron Crowe, die russische Schauspielerin Tschulpan Nailjewna Chamatowa und der südkoreanische Regisseur und Drehbuchautor Park Chan-wook komplettierten die Wettbewerbsjury.

Filme Das erste Mal seit 1945 feierten alle im Wettbewerb gezeigten Filme ihre Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig. Der Festivalleiter Marco Müller wollte ursprünglich Tom Tykwers 50 Millionen teure Literaturverfilmung Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders als Eröffnungsfilm für das Festival am Lido, die deutsche Produktionsfirma Constantin-Film lehnte dies jedoch ab.Jan Schulz-Olaja: Venedig wollte „Parfum“, Der Tagesspiegel, 25. August 2006

Der einzige deutschsprachige Film im Wettbewerb dieses Jahres war Fallen der Österreicherin Barbara Albert, deren Film Nordrand bereits 1999 im Wettbewerb der Filmfestspiele gelaufen war und für den Nina Proll den Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin erhalten hatte. Fallen, das von der Wiederbegegnung von fünf Frauen nach vierzehn Jahren handelt, ist der erste österreichische Wettbewerbsbeitrag in Venedig seit Ulrich Seidls Hundstage 2001. Daratt des Tschaders Mahamat-Saleh Haroun, der einzige afrikanische Film im Wettbewerb, wurde von Österreich koproduziert. Ausschließlich von Deutschland produzierte Filme befanden sich wie bereits im Vorjahr nicht im Wettbewerb. The Black Dahlia des US-Amerikaners Brian De Palma mit Josh Hartnett, Aaron Eckhart und Scarlett Johansson in den Hauptrollen und der im Zweiten Weltkrieg spielende Thriller Black Book des Niederländers Paul Verhoeven wurden von Deutschland koproduziert.

Die Vereinigten Staaten waren mit fünf Filmen vertreten. So feierte Darren Aronofsky mit seinem Science-Fiction-Drama The Fountain mit Hugh Jackman und Rachel Weisz in den Hauptrollen die Premiere seines ersten Films nach sechs Jahren. Ihm waren mit seinen beiden ersten Spielfilmen Pi und Requiem for a Dream große Erfolge auf Filmfestivals und bei Filmpreisen gelungen. Neben den bereits genannten The Black Dahlia und The Fountain konnten auch Allen Coulters Die Hollywood-Verschwörung mit Adrien Brody und Diane Lane und Emilio Estevez’ Verfilmung der Hintergründe der Ermordung Robert F. Kennedys, Bobby, mit Anthony Hopkins und Demi Moore auf den Goldenen Löwen hoffen. Alfonso Cuarón, der bereits 2001 mit Y Tu Mamá También – Lust for Life im Wettbewerb vertreten gewesen war und dafür den Drehbuch-Preis gewann, präsentierte in Venedig seinen Science-Fiction-Thriller Children of Men mit Clive Owen und Julianne Moore. Stephen Frears’ Porträt von Elisabeth II. mit Helen Mirren in der Hauptrolle und Michael Sheen als Tony Blair startete unter dem Titel Die Queen. Der Franzose Benoît Jacquot, der bereits zweimal mit Filmen im Wettbewerb der Filmfestspiele teilgenommen hatte, war 2006 mit seinem Werk L’intouchable dabei.

Der Anime-Regisseur Katsuhiro Otomo präsentierte mit Mushishi, einer Verfilmung der gleichnamigen Manga-Serie von Yuki Urushibara, seinen zweiten Realfilm nach World Apartment Horror aus dem Jahr 1991. Der einzige Animationsfilm im Wettbewerb war Paprika des Japaners Satoshi Kon, der durch Filme wie Perfect Blue und Tokyo Godfathers große Anerkennung bei Kritikern gefunden hatte. Weitere ostasiatische Vertreter im Wettbewerb waren Jia Zhangkes Still Life, Johnnie Tos Fong juk, Apichatpong Weerasethakuls Sang sattawat und Tsai Ming-Liangs Hei yanquan. Die Teilnahme von Still Life wurde erst während des Festivals als „Überraschungsfilm“ bekanntgegeben.

FilmtitelRegieProduktionslandDarsteller (Auswahl)Black BookPaul VerhoevenNiederlande, Deutschland, GroßbritannienCarice van Houten, Sebastian Koch, Thom Hoffman, Halina ReijnThe Black DahliaBrian De PalmaUSA, DeutschlandJosh Hartnett, Aaron Eckhart, Scarlett Johansson, Hilary SwankBobbyEmilio EstevezUSAAnthony Hopkins, Demi Moore, Sharon Stone, Elijah WoodChildren of MenAlfonso CuarónGroßbritannien, USAClive Owen, Julianne Moore, Michael CaineDarattMahamat-Saleh HarounTschad, Frankreich, Belgien, ÖsterreichAli BarkaiEuphoria – Liebe, Tod und WodkaIwan WyrypajewRusslandPolina Agurejewa, Maxim Uschakow, Michail OkunewFallenBarbara AlbertÖsterreichBirgit Minichmayr, Nina Proll, Kathrin Resetarits, Ursula StraussFong jukJohnnie ToHong KongThe FountainDarren AronofskyUSAHugh Jackman, Rachel WeiszGolden DoorEmanuele CrialeseFrankreich, ItalienCharlotte GainsbourgHei yanquanTsai Ming-liangTaiwan, Frankreich, ÖsterreichChen Shiang-chyi, Lee Kang-sheng, Norman Atun, Pearlly ChuaHerzenAlain ResnaisFrankreich, ItalienSabine AzémaDie Hollywood-VerschwörungAllen CoulterUSAAdrien Brody, Diane Lane, Ben Affleck, Bob HoskinsJene ihrer BegegnungenDanièle Huillet, Jean-Marie StraubItalien, FrankreichAngela Nugara, Vittorio VigneriL’intouchableBenoît JacquotFrankreichIsild Le Besco, Bérangère Bonvoisin, Marc Barbé, Jérémie ElkaïmMushishiKatsuhiro OtomoJapanJoe OdagiriNue propriétéJoachim LafosseBelgien, Luxemburg, FrankreichIsabelle Huppert, Jérémie Renier, Yannick RenierPaprikaSatoshi KonJapanDie QueenStephen FrearsGroßbritannienHelen Mirren, Michael Sheen, James Cromwell, Sylvia SymsSang sattawatApichatpong WeerasethakulThailand, FrankreichNantarat Sawaddikul, Jaruchai Iamaram, Sophon Pukanok, Jenjira PongpasLa stella che non c'èGianni AmelioItalienSergio CastellittoStill LifeJia ZhangkeChinaHan Sanming

Preisträger Gegen die 21 anderen Filme um den Goldenen Löwen für den besten Film konnte sich der Chinese Jia Zhangke mit dem realistisch gefilmten Drama Still Life, das kritisch die Auswirkungen des Drei-Schluchten-Damms am Jangtse behandelt. Die Entscheidung der Jury galt als überraschend, da der Großteil der Presse eher mit einem der englischsprachigen Filme als Preisträger des Goldenen Löwen rechnete und Still Life in letzter Minute, als „Überraschungsfilm“, nachnominiert wurde. Zhangke war bereits zuvor zweimal im Wettbewerb der Biennale vertreten gewesen.

Den Silbernen Löwe für die beste Regie gewann Alain Resnais für seine Theaterverfilmung Herzen, den Spezialpreis vergab die Jury der politischen Parabel Daratt von Mahamat-Saleh Haroun. Die Darstellerpreise, die Coppa Volpi, erhielten Ben Affleck für Die Hollywood-Verschwörung und Helen Mirren für Die Queen. Peter Morgan erhielt für Die Queen zudem den Drehbuchpreis. Den Nachwuchsdarstellerpreis des Festivals, den Marcello-Mastroianni-Preis, gewann Isild Le Besco für L’intouchable. Einen Silbernen Löwen als beste Neuentdeckung vergab die Jury Emanuele Crialese für Golden Door. Der Kameramann Emmanuel Lubezki wurde für seine Arbeit an Children of Men für den besten Technik-Beitrag ausgezeichnet.

Das Regie-Paar Jean-Marie Straub und Danièle Huillet wurde mit einem Spezial-Löwen für die „Erneuerung der Sprache des Kinos“ ausgezeichnet. Der 73-jährige Straub erschien nicht zum Festival, da er nicht zu einer Veranstaltung wolle, bei der so viel öffentliche und private Polizei Terroristen suche.Die Lauen und die Leisen, die tageszeitung, 10. September 2006

Orizzonti In der Sektion Orizzonti (dt. „Horizonte“), die sich den neuen Wegen des Kinos widmet, wurde der Film Akamas des griechisch-zypriotischen Dokumentarfilmers Panicos Chrysanthou gezeigt. Die Regierung Zyperns wollte allerdings nicht, dass der Film, der die politische Geschichte des Landes von den 1950er-Jahren bis 1975 zeigt, aufgeführt wird und wollte, dass Chrysanthou den Film zurückzieht.Niels Kadritzke: Krasse Zensur, krasse Blamage, die tageszeitung, 26. August 2006 In derselben Sektion zeigte der deutsche Regisseur Edgar Reitz den vierten Teil seiner Heimat-Filmreihe und Douglas McGrath seine Verfilmung des Lebens Truman Capotes, Kaltes Blut – Auf den Spuren von Truman Capote, mit Toby Jones und Sandra Bullock.

Unter den 24 Spiel- und Dokumentarfilmen, die in der Sektion gezeigt wurden und die sich Hoffnungen auf die zwei Preise der Sektion machen konnten, befanden sich außerdem zum Beispiel The Hottest State des US-amerikanischen Schauspielers Ethan Hawke, der damit die Verfilmung seines eigenen Romans präsentierte, und Tachiguishi retsuden von Mamoru Oshii. Letzterer Film ist eine Mischung aus Zeichentrick-, Computeranimations- und Realfilm. Beispielsweise Alain Robbe-Grillet und Shinji Aoyama zeigten ebenfalls ihre neuen Filme in der Sektion Horizonte.

Die Jury in der Sektion führte der deutsche Regisseur Philip Gröning an. Weitere Mitglieder der Jury waren der italienische Regisseur Carlo Carlei, der, ebenfalls italienische, Drehbuchautor Giuseppe Genna, die japanische Produzentin Keiko Kusakabe und der ägyptische Regisseur Yousri Nasrallah.

Den Orizzonti-Preis, der 2006 mit 10.000 Euro dotiert war, gewann Liu Jie für Mabei shang de fating. Der Orizzonti-Doc-Preis ging an Spike Lee für seine über vier Stunden dauernde Dokumentation When the Levees Broke über den Hurrikan Katrina.

Corta Cortissimo Siebzehn Kurzfilme, alle unter dreißig Minuten, aus fünfzehn Ländern befanden sich im Wettbewerb um den Corta-Cortissimo-Löwen. Als Präsident der dreiköpfigen Jury in dieser Sektion fungierte der südafrikanische Produzent und Regisseur Teboho Mahlatsi, der 1999 am Lido mit dem Silbernen Löwen für den besten Kurzfilm und 2004 mit einem Menschenrechtspreis bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet worden war. Außerhalb des Wettbewerbs zeigte er sein neuestes Werk Sekalli sa Meokgo.