Der Roman (im Titelblatt des Buches als Erzählung ausgewiesen) Auroras Anlaß des österreichischen Schriftstellers Erich Hackl erschien 1987 in Zürich und ist die erste literarische Veröffentlichung des Autors. Dargestellt wird die fiktive Ausgestaltung der realen Lebensgeschichte von Aurora Rodríguez und deren Tochter Hildegart vor dem Hintergrund der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bis 1955. Für seinen Roman erhielt Hackl den „Aspekte“-Literaturpreis des ZDF.
Inhalt Der Roman beginnt mit einem Mord:
Mit vier Schüssen ins Herz und in den Kopf tötet sie ihre Tochter Hildegart, begibt sich danach mit einem prominenten Rechtsanwalt zum Justizpalast und legt ein Geständnis ab. Nachdem gleich am Anfang Täterin, Tat und Opfer bekannt sind, geht der Roman den Motiven Auroras nach, was der Titel bereits alliterierend andeutet.
mini|Lage von Ferrol in Galicien
Auroras Kindheit
Die nach Tat und Geständnis einsetzende Rückblende beginnt mit Auroras Kindheit in Ferrol. Die Mutter, Pilar Carballeira, ausgebildete Lehrerin aber ausschließlich Hausfrau, wird als kalt, klerikal und konservativ dargestellt. Ihr steht der progressive Vater, Anselmo Rodríguez, Advokat und Prokurator vor Gericht, gegenüber, dessen liberale Ansichten Aurora stark beeinflussen.
Aurora wächst mit drei Geschwistern auf, die bis auf den jüngsten Sohn von einer verarmten Verwandten zu Hause unterrichtet werden. Dabei wird eine bigotte Moral deutlich, die den Jungen alles, den Mädchen aber nichts gestattet. Der 10 Jahre älteren Schwester Josefa und Aurora verbietet die Mutter schon im Kleinkindalter das Springen und das Laufen, ab dem 12. Lebensjahr dürfen die Mädchen das Haus nicht mehr ohne Begleitung verlassen. Andererseits geben die Eltern einer Küchenhilfe Geld, damit sie den ältesten Sohn in die „Praktiken der Liebe“ einführt.
Als die 7-jährige Aurora ein Mandantengespräch ihres Vaters belauscht, wird ihr zum ersten Mal die Situation der spanischen Frau deutlich. Die Mandantin ekelt sich nur noch vor ihrem Mann, fühlt sich benutzt und will sich deshalb scheiden lassen. Als der Vater ihr auseinandersetzt, dass sie dabei ihre Tochter verlieren würde, entschließt sie sich zum Bleiben:
Die Hölle aushalten. Rosa gebe ich nicht her. Als Anselmo Rodríguez später die Bibliothek betrat, hielt seine Tochter immer noch die Puppe im Arm. Eine schöne Puppe, sagte er. Wie heißt sie denn? Rosa, sagte Aurora. Und sie gehört mir ganz allein. (Schluss des ersten Kapitels)
In diesem negativen Umfeld von kühler Mutter und der bösartigen Schwester Josefa entwickelt sich Aurora vor allem durch heimliche Beobachtungen und Lektüre in der Bibliothek des Vaters. Als die Schwester ihr erstes Kind von José Arriola, den kleinen „Pepito“, aus Desinteresse im Elternhaus zurücklässt, übernimmt Aurora zum ersten Mal eine Mutterrolle. Gleichzeitig macht sie aber auch ihre erste Verlusterfahrung: Als der kleine Junge sich als klavierbegabtes Wunderkind erweist, nimmt Josefa ihr den Jungen weg und geht mit ihm auf Tournee.
mini|Charles FourierPilar Carballeira stirbt, als Aurora 15 ist. Sie empfindet den Tod der Mutter als Befreiung und entwickelt einen engeren Kontakt zum Vater, der sie zu Debatten der Freidenker mitnimmt. Sie begegnet den Ideen Charles Fouriers und versucht, diese durch eigene Entwürfe zu realisieren. Aber der Vater fühlt sich zu alt für die konkrete Umsetzung seiner Utopien. Drei Jahre nach der Mutter stirbt auch der Vater.
Aurora ist jetzt 17 und bekommt den gutmütigen Doktor Ochoa zum Vormund, in dessen Haus sie leben muss. Sie unternimmt erste konkrete Versuche, sich politisch zu engagieren. Als sie aber sozialistischen Arbeitern das Lesen und Schreiben vermitteln will, lehnen diese eine Frau als Lehrerin ab. Als Begleiterin des Arztes in die Elendsquartiere gewinnt sie erste Eindrücke von der sozialen Not in Spanien.
Mit 23 kehrt sie volljährig ins Haus der Eltern zurück und beginnt ihren Anteil am Familienbesitz zu verkaufen. Sie produziert einen heftigen Skandal, als sie eine Anzeige aufgibt, in der sie einen Vater für ihr Kind sucht, mit dem sie aber keinerlei Beziehung eingehen wolle. Lediglich „gesund an Körper und Geist“ (Anfang Kapitel 3) müsse der Erzeuger sein. Es meldet sich nach einigen Belästigungen ein Geistlicher der Handelsmarine, der die Rolle übernimmt.
Geburt und Erziehung Hildegarts (Kap. 4 ff)
1914 zieht Aurora nach Madrid, alle Kontakte zu Familie und Heimatstadt bricht sie ab. Schon während der Schwangerschaft wird Auroras Grundmotiv deutlich:
Zu diesem Zweck folgt sie schon während der Schwangerschaft strengen Prinzipien, vermeidet Aufregung und negative Eindrücke, ernährt sich gesund, gestaltet ihr Umfeld neu. Am 8. Dezember 1914 bringt sie ihre Tochter Hildegart zur Welt.
Erst 18 Monate später meldet sie das Kind unter dem Namen „Carmen“, bei den Behörden an, ruft sie aber stets „Hildegart“, was sie sich (falsch) als „Garten der Weisheit“ übersetzt. Der Name soll die Entwicklung des Kindes positiv beeinflussen. Bei der Erziehung des Mädchens versucht sie alles, um sie von der traditionellen Frauenrolle in Spanien fernzuhalten. Sie vermeidet jeden Kontakt Hildegarts zu anderen Kindern, lässt das Kind ohne religiöse oder sexuelle Vorurteile groß werden. Die frühe Vermittlung von Zahlen und Buchstaben führt zu erstaunlichen Leistungen. Mit 3 Jahren legt Hildegart eine Prüfung im Maschinenschreiben ab.
Gleichzeitig macht sich Aurora Sorgen um die genetischen Anlagen ihrer Tochter (Kapitel 6). Von einer früheren Nachbarin erfährt sie zufällig, dass der Erzeuger sich an einer 12-jährigen Tochter seines Bruders vergangen und Geld unterschlagen haben soll. Aufgrund dieser Informationen regen sich in Aurora erste Mordgedanken.
Aus schlechtem Gewissen erlaubt sie Hildegart, die sich nichts sehnlicher wünscht als Kontakt zu anderen Kindern, daraufhin den Besuch einer Schule. Dazu muss sie katholisch getauft werden und nimmt später auch an der Erstkommunion teil, um sich in die Klasse zu integrieren. Aufgrund ihrer freien Ansichten wird sie auf Wunsch des Religionslehrers dennoch vom Religionsunterricht befreit.
Hildegarts Studium und politische und publizistische Aktivitäten
Mit 13 beginnt Hildegart ein Jurastudium an der Madrider Zentraluniversität und findet dabei in Professor Méndez Bejarano einen Unterstützer, auch als zweite gesellschaftskritische Vaterfigur. Mit 14 entschließt sie sich zum Beitritt in den Jugendverband der Sozialisten und der Gewerkschaft und wird im September 1929 Vizepräsidentin des sozialistischen Jugendverbandes. Aurora begleitet Hildegart bei allen Aktivitäten, selbst beim nächtlichen Plakatekleben. Am 10. Dezember 1930 wird sie mit 16 wegen Majestätsbeleidigung angeklagt, wegen der gesellschaftlichen Umwälzungen findet der Prozess nie statt.
Parallel zu Studium und Schule beginnt Hildegart zu publizieren. Mit 12 hatte sie eine erste Studie zur Liebe in der Literatur veröffentlicht, mit dem Nachruf auf eine französische Feministin beginnt sie mit journalistischer Arbeit, zunächst für die Parteizeitung „El Socialista“. mini|page=7|Constitución de la República Española, 1931 (PDF). Am 12. April 1931 kommt es durch langersehnte Wahlen zu einem gesellschaftlichen Umschwung, die Sozialisten treten in die neugebildete Regierung ein (Kap. 8). Aurora begleitet die politischen Entscheidungen Hildegarts solidarisch, dennoch gibt es einen grundlegenden Konflikt zwischen den beiden. Während die Tochter an eine langsame Umgestaltung der Gesellschaft glaubt, setzt Aurora auf einen revolutionären Umsturz, „die reinigende Kraft der Gewalt“ (Kap.8).
Zunehmend stößt Hildegart auf Schwierigkeiten, sie wird von der Kirche wegen ihrer sexualpolitischen Schriften angefeindet, muss bei einem Vortrag aus dem Dorf Matavenero vor den aufgebrachten Einwohnern flüchten. Auch die Haltung der angepassten sozialistischen Funktionäre wie Manuel Cordero, deren Abscheu vor dem Schmutz der Elendsviertel, beginnt sie zu bedrücken.
1931 veröffentlicht Hildegart drei weitere Bücher zur Sexualpolitik, sie fordert die absolute Gleichheit zwischen Mann und Frau vor dem Gesetz, die Abschaffung der Ehe und propagiert die Verhütung.
Nachdem Hildegart anonym bedroht wird, kauft Aurora von einem „Zigeuner“ eine Pistole, um ihre Tochter zu schützen (9. Kapitel).
Entfernung von der Mutter
mini|H. G. WellsBei einem Vortrag der neu gegründeten „Liga für Sexualreform“ lernt Hildegart den britischen Schriftsteller H.G. Wells kennen. Wells vertritt die Malthussche Position zur Bevölkerungspolitik, die für Hildegart nur Ausdruck der Angst der Reichen vor der Masse der Arbeiter ist. Er ist angetan von der emotionalen Gegenrede Hildegarts, die er ironisch „the red virgin“ nennt, und lädt sie ein, bei einem Freund von sich, dem englischen Sexualwissenschaftler Havelock Ellis zu arbeiten.
Nach ihrem Ausschluss aus der sozialistischen Partei im September 1932 veröffentlicht Hildegart ein Buch zur Kritik am Sozialismus. Wider Erwarten radikalisiert sich Hildegart nach diesem Sinneswandel nicht in Richtung Kommunismus oder Anarchosyndikalismus, sondern engagiert sich bei den fortschrittlichen, aber gemäßigten Föderalisten. Sie glaubt nicht an eine kurzfristige sozialistische Perspektive für das rückständige Spanien. In der neuen Partei lernt sie den jungen Abel Velilla kennen und beginnt sich zu Auroras Entsetzen plötzlich für Schmuck und Kleidung zu interessieren.
Wieder steigt die Angst vor dem Erbe von Hildegarts Erzeuger in Aurora auf. Sie reist nach Ferrol und bringt in Erfahrung, dass dieser sich schon vor 10 Jahren durch Aufhängen selbst getötet habe.
Hildegart wird zunehmend attraktiver. Um Hildegarts Verehrer abzuschrecken, erfindet Aurora einen norwegischen Verlobten der Tochter. Es kommt zum Bruch zwischen Mutter und Tochter. Hildegart verweigert jede Kommunikation, bis sie schließlich ankündigt, das Angebot, in England zu arbeiten annehmen zu wollen. Immer mehr verschärft sich der Konflikt. Hildegart beschließt, das Angebot H.G. Wells anzunehmen und nach England zu gehen.
„Du willst also allein fahren, fragte Aurora, und mich hier zurücklassen? Natürlich. Dann bist Du verloren. Zu schwach, um deinen Zielen treu zu bleiben. Ich bin stark, sagte Hildegart. Ich brauche dich nicht mehr. Aber gilt das auch umgekehrt?“
Aurora fasst ihre Wut in ein Gleichnis, in dem sie Kain zum Helden der christlichen Mythologie erklärt, der seinen schwachen und angepassten Bruder, „eine Puppe in Gottes Händen“, in einer „reinigenden Tat“ beseitigt habe (Kap. 10). Lange überlegt sie, sich selbst zu töten. Nach einem letzten Überzeugungsversuch, einem zerstörerischen Gespräch über zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf, beschließt sie, Hildegart zu töten. Laut Roman erklärt sich die Tochter einverstanden.
Die restlichen Kapitel erzählen das Gerichtsverfahren gegen Aurora und ihr Leben in Gefängnis und Psychiatrie, bis sich ihre Spuren in den Wirren der spanischen Geschichte verlieren.
Themen
Mutter-Tochter-Beziehung
Beziehungen zwischen Mutter und Tochter tauchen im Roman mehrfach auf, auch wenn Aurora und Hildegart im Zentrum des Interesses stehen. Dieses Verhältnis ist geprägt von Auroras Gegenentwurf zu ihrer Sicht der Beziehung zu ihrer eigenen Mutter. Dabei sieht Aurora das Kernproblem der eigenen Erziehung in einem Mangel an fundierter Bildung und in fehlendem weiblichem Selbstbewusstsein.
Sie entgeht aber einem Problem nicht, das auch die konservativen Mütter während der Zeit ihrer Kindheit umgetrieben hat: dem Wunsch nach dem alleinigen Verfügungsrecht über ihre Töchter, und die Gefährdung dieses Wunsches durch die Welt der Männer. Schon als Kind hat sie ja angesichts der Machtlosigkeit der Frauen in Bezug auf ihre Puppe formuliert: