Helmut Oehring (* 16. Juli 1961 in Berlin) ist ein deutscher Komponist, Gitarrist, Autor, Choreograf und Regisseur.
Leben Helmut Oehring wurde 1961 in Ost-Berlin als CODA / Kind gehörloser Eltern geboren. Er ist Sohn des gehörlosen Torwarts Gottfried Weber. Helmut Oehrings Muttersprache ist die deutsche Gebärdensprache, deren Syntax und Grammatik auch wesentlichen Einfluss auf die audiovisuelle Kompositionssprache seiner Partituren, audiovisuellen Kompositionen und Bühnenwerke hat. Erst mit viereinhalb lernte Helmut Oehring in einer Pflegefamilie die deutsche Lautsprache. In der DDR wegen mehrmaliger Verweigerung des Wehrdienstes vom Studium ausgeschlossen und als Gitarrist und Komponist Autodidakt, war er zwischen 1990 und 1992 – nach Konsultationen bei Andre Asriel, Helmut Zapf und Friedrich Goldmann – Meisterschüler von Georg Katzer an der Berliner Akademie der Künste, zu deren Mitglied er 2005 gewählt wurde, und komponierte erste Theatermusiken u. a. zu Ruth Berghaus’ Inszenierungen von Werken Bertolt Brechts am Thalia Theater. 1990 Stipendiat der Akademie Schloss Solitude und 1994/1995 Stipendiat an der Villa Massimo in Rom, erhielt er seitdem zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen wie den Orpheus Kammeroper Preis Italien (1995), den Hindemith-Preis (1997) und den Arnold-Schönberg-Preis (2008) für sein Gesamtschaffen, das heute über 500 Werke nahezu aller Genres umfasst. Oehrings Kompositionen und Produktionen werden in Konzertsälen und auf Bühnen in ganz Europa, Asien, Süd- und Nordamerika aufgeführt. Im September 2011 veröffentlichte btb/Random House seine Autobiografie Mit anderen Augen. Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten, die 2015 in seiner Regie als Hörstück vom SWR produziert wurde.
Helmut Oehring war von 2007 bis 2019 Jury-Mitglied des Karl-Sczuka-Preises für internationale Hörspielkunst des SWR und ist seit 2005 Mitglied der Akademie der Künste (Berlin), der Sächsischen Akademie der Künste sowie der Akademie Deutscher Musikautoren.
Zwischen 1997 und 2001 verband Helmut Oehring eine enge Zusammenarbeit mit der Komponistin Iris ter Schiphorst – die gemeinsam in Co-Komposition und Textbüchern verantworteten Werke stellten bis heute in der sogenannten E-Musik, der komponierten zeitgenössisch-klassischen Musik, ein außergewöhnliches und einzigartiges Teamwork dar. Eine weitere enge Zusammenarbeit verbindet Helmut Oehring bis heute mit dem Klangregisseur und Sounddesigner Torsten Ottersberg, mit dem er 1992 das Elektronische Studio GOGH surround music production (das Studio als Instrument) in Berlin gründete, das bis heute seine Werke mit vorproduzierter und Live-Elektronik realisiert, sowie mit der Dramaturgin, Librettistin, Regisseurin und Produzentin Stefanie Wördemann, mit der er seit 2003 mit den beiden gemeinsamen Kindern in der Märkischen Schweiz in Brandenburg lebt und arbeitet.
Seit Anfang der 2000er Jahre liegt der Schwerpunkt von Helmut Oehrings Schaffen in der Komposition und musikalisch-szenischen Realisation von audiovisuellen Werken im Bereich Oper, Musiktheater und szenisch-filmisches Konzert, Konzert-Installation und Hörstückkunst, in denen er ein vokalinstrumentales multimediales Musikdrama entwickelt, das innerhalb der Neukomposition Einflüsse alter und älterer Musik, von Literatur, bildender Kunst und Philosophie aufgreift. Unter Einbeziehung sowohl von Elektronischen Medien sowie grenzüberschreitender Künste wie Gebärdensprache, Tanz, Schauspiel, konzipierte/improvisierte Musik, Hörspielkunst, Film und Bildende Kunst, in enger Zusammenarbeit mit Instrumental- und Vokal-Solisten kreiert er ein vielschichtiges und in ständiger Weiterentwicklung befindliches audiovisuelles Œuvre, das abstrakt-poetische Inhalte und Formen mit dokumentarischen, an der aktuellen Realität orientierten verbindet. Zudem schreibt Helmut Oehring literarische Texte, die integraler Bestandteil seines audiovisuellen Musiktschaffens sind.
Ein weiterer Schwerpunkt in der Arbeit Helmut Oehrings und seines künstlerischen Teams liegt in der Einbindung seiner Kompositionen und Produktionen in den Education-Bereich, der vermittelnd-praktischen Arbeit nationaler und internationaler Kulturinstitutionen und Bildungseinrichtungen mit Kindern, Jugendlichen und Studenten, Gehörlosen, Geflüchteten, Häftlingen u. a.
Auszeichnungen Hanns-Eisler-Preis des Deutschlandsenders Kultur (1990) Europa-Reise-Stipendium der Akademie Schloss Solitude (1990/91) Preis beim Forum Junger Komponisten des WDR in Köln (1992) Arbeitsstipendien des Landes Niedersachsen (Künstlerhof Schreyahn) (1993/94) Kompositions-Stipendium der Cité des Arts in Paris (1994) Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom (1994/95) Orpheus-Preis in Italien (1996) Hindemith-Preis (1997) Schneider-Schott-Musikpreis Mainz (1998) Arnold-Schönberg-Preis (2008) Composer in Residence beim Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (Oder) (2009/10) Artist in Residence des Kurt-Weill-Festes (2010) Deutscher Hörbuchpreis (2012) Deutscher Musikautorenpreis in der Kategorie Komposition Musiktheater (2015) Brandenburgischer Kunstförderpreis in der Kategorie „Komposition/Musik“ (2016) Excellence Fellow der Villa Aurora / Thomas Mann Haus Los Angeles (2020)
Werke (Auswahl) Bücher Sieben (aus: Der Spalt). Gedichte von Helmut Oehring und Zeichnungen von Hagen Klennert. Mariannenpresse, Berlin 1998. Mit anderen Augen. Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten. Autobiografie, btb Verlag, München 2011, ISBN 978-3-442-75296-6.
Musiktheater / Oper / Tanztheater 1993 Dokumentation I 1994 Dokumentaroper, UA: Wittener Tage für neue Kammermusik, Kammerensemble Neue Musik Berlin, Witten 1995. 1996 Das d’Amato System 1998 8cht (aus: Der Riss) 1998 7ieben (aus: Der Spalt) 1999 Bernarda Albas Haus 2000 6echs (aus: Cruiser/Das Opfer) 2000 Als ob Suite 2000 Etttus (Gemeinschaftsarbeit mit Iris ter Schiphorst) 2000 Effi Briest (Gemeinschaftsarbeit mit Iris ter Schiphorst), UA: musikFabrik, Oper Bonn, Bonn 2001. 2001 BlauWaldDorf – weit-aus-ein-ander liegende Tage 2002 Wo-Wwer-Eit – die Katze, das Tier (aus: möchte ich nicht geschenkt kriegen) 2003 Wozzeck kehrt zurück (UA Juni 2004 Theater Aachen,) 2004 Im Dickicht der Zeichen (Die Poetik und der Eigensinn des Raumes) 2004 Kommander Kobayashi eine Opernsaga 2005 Uunsichtbarland (oder: Der Sturm) (UA Mai 2006 Theater Basel, Regie: Claus Guth, Ausstattung: Christian Schmidt) 2007/08 Quixote oder Die Porzellanlanze (UA November 2008 Festspielhaus Hellerau/Dresden mit Matthias Bauer, Maria Lucchese, Jörg Wilkendorf, Daniel Göritz; Regie: Helmut Oehring/Stefanie Wördemann, Film/Grafik: Hagen Klennert, Bühne/Sound: Torsten Ottersberg) 2008 „Gunten“. Eine TagebuchMusik auf Robert Walsers Roman „Jakob von Gunten“ für Oktett, Audiozuspiel und 3 Schauspieler, Libretto von Stefanie Wördemann (UA 16. August 2008 Gare du Nord Basel mit dem Ensemble Phoenix, musikal. Ltg.: Jürg Henneberger, Regie: Marcus Bothe, Sound: Torsten Ottersberg) 2009 Die Wunde Heine, Songspiel; Libretto: Stefanie Wördemann auf Texte Heinrich Heines (UA März 2010 Kurt-Weill-Festspiele Dessau mit Ensemble Modern, Salome Kammer u. a., musikal. Ltg. Franck Ollu, Regie/Ausstattung: Stefanie Wördemann/Helmut Oehring, Film/Grafik: Hagen Klennert) 2012 Kalkwerk, instrumentales Theater auf Thomas Bernhards Roman „Das Kalkwerk“, Libretto: Albrecht Lang/Irene Rudolf (UA Februar 2013 Radialsystem Berlin mit dem ensemble mosaik u. a., Regie/Ausstattung: Albert Lang) 2012 SehnSuchtMEER oder Vom Fliegenden Holländer, Oper unter Verwendung von Musiken Richard Wagners, Libretto: Stefanie Wördemann mit Texten von Heinrich Heine, Richard Wagner, Mathilde Wesendonck, Hans Christian Andersen und Helmut Oehring (UA März 2013 Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf, musikal. Ltg.: Axel Kober, Regie: Claus Guth, Ausstattung: Christian Schmidt) 2012/13 Aschemond oder The Fairy Queen, Oper unter Verwendung von Musiken Henry Purcells, Libretto: Stefanie Wördemann mit Texten von William Shakespeare, Heinrich Heine, Adalbert Stifter und Helmut Oehring (UA Juni 2013 Staatsoper im Schillertheater Berlin, musikal. Ltg.: Michael Boder, Regie: Claus Guth, Ausstattung: Christian Schmidt) 2013/14 Orfeo14. (vol. 1), szenisches Konzert auf Claudio Monteverdis L’Orfeo und Joseph Conrads Heart of Darkness, Uraufführung im Juni 2014 Opéra de Lille mit: Matthias Bauer, Christina Schönfeld, Johna-Mark Ainsley, Roberto Ferreira, Laura Claycomb, Ictus Ensemble, Concert d’Astrée, musikal. Leitung Emmanuelle Haïm 2014/15 Jona, Jonas und der Wal, ein szenisches KonzertAbenteuer für Hörende und NichtHörende, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Live-Elektronik und -Geräuscherzeugung, Gebärdenpoesie, Gesang, Schauspiel, Tanz und Instrumentalensemble, Libretto: Stefanie Wördemann Wördemann frei nach dem Buch Jona und Hans-Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“, Audio- und Zuspielkonzeption und – produktion: Torsten Ottersberg (UA Dezember 2014 Volkstheater Rostock, musikal. Ltg.: Manfred Hermann Lehner, Regie/Ausstattung: Stefanie Wördemann und Helmut Oehring, Klangregie: Torsten Ottersberg) 2014/15 Angelus Novus II. Collage vocal-instrumental mis-en-scène auf Texte Walter Benjamins und Zeichnungen Paul Klees für Vokal- und Instrumentalsolisten, Jazz-Trio, Ensemble, Live-Elektronik und Live-Video, Auftragswerk der Hochschule der Künste Bern HKB (UA Januar 2015, Dampfzentrale Bern, musikal. Ltg.: Lennart Dohms, künstlerische Gesamtleitung: Helmut Oehring, mit David Moss, Kai Wessel, Christian Hiltz, Matthias Bauer u. a.) 2015 Die Brüder Löwenherz, Musiktheater für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Libretto: Stefanie Wördemann auf den gleichnamigen Roman Astrid Lindgrens, Audio- und Zuspielkonzeption und – produktion: Torsten Ottersberg (UA März 2015 Semper 2 Dresden, Lucerne Festival, musikal. Ltg.: Erik Ona, Klangregie: Torsten Ottersberg, Regie: Walter Suttcliffe, Ausstattung: Timo Dentler/Okarina Peter) 2015 Agota? Die Analphabetin (Gestern/Irgendwo), vokalinstrumentales Melodram für eine Sängerin/Sprecherin/Schauspielerin, Instrumentalvokal-Trio, Instrumentalensemble (auch vokal/chorisch), vorproduzierte Zuspiele und Live-Elektronik, Libretto: Stefanie Wördemann auf Texte von Ágota Kristóf, Audio- und Bühnenkonzeption und -produktion: Torsten Ottersberg, GOGH s.m.p. (UA Mai 2016, Staatstheater Wiesbaden, musikal. Ltg.: Peter Rundel, Regie: Ingo Kerkhof, mit Dagmar Manzel, Marena Whitcher, Lukas Rutzen, Nico van Wersch und dem Ensemble Modern) 2017 FinsterHERZ oder Orfeo17, Musiktheater auf Claudio Monteverdis Oper L’Orfeo und die Erzählung Heart of Darkness von Joseph Conrad für Solisten und Orchester, vorproduzierte Zuspiele und Live-Elektronik als künstlerische Begegnung von Brandenburger Orchestermusikern, Solisten mit Flucht/Exil/Asyl-Hintergrund, gehörlosen Geflüchteten und geflüchteten Musikern, Libretto: Stefanie Wördemann mit Texten von Alessandro Striggio und Joseph Conrad (deutsche Nachdichtungen der Conrad-Texte durch die Librettistin), Audiokonzeption und -produktion: Torsten Ottersberg / GOGH s.m.p. (UA September 2017, ARENA Potsdam, musikal. Ltg.: Antonello Manacorda, Regie und Ausstattung: Stefanie Wördemann und Helmut Oehring, Klangregie: Torsten Ottersberg, u. a. mit David Moss, Marena Whitcher, Aleksandr Gabrys, Christina Schönfeld, Mia Oehring, Kammerakademie Potsdam u. a.)