mini|Ehemaliges Lettisches Gymnasium Münster, heute das Lettische Centrum

Das Lettische Gymnasium in Münster (lettisch: Minsteres latviešu ģimnāzija, [MLĢ]) war ab 1957 die einzige anerkannte lettische Schule in Westeuropa, als Lettland von der Sowjetunion besetzt war. Es befand sich im münsterschen Stadtteil Kinderhaus.

Geschichte Wegen der zweiten Besetzung Lettlands durch die Sowjetunion flohen im Winter 1944/1945 und im Frühjahr 1945 rund 200.000 Letten nach Deutschland und etwa 5000 nach Schweden.Ilgvars Butulis, Antonijs Zunda: Latvijas vēsture. Riga 2010, ISBN 978-9984-38-827-4, S. 148. Unter den lettischen Flüchtlingen waren rund 3000 Lehrerinnen und Lehrer.Alfrēds Staris: Latviešu skolas un izglītība Rietumu trimdā. In: Rita Cimdiņa (Red.): Rietumu trimdas latviešu pedagoģiskā doma. RaKa, Riga 2004, hier S. 10.

Den Eltern unter den in Deutschland als Displaced Persons (DPs) registrierten lettischen Flüchtlingen ging es darum, ihren Kindern auch im Exil eine Schulbildung in lettischer Sprache zu ermöglichen. Infolgedessen entstanden in den DP-Lagern in Deutschland 242 Bildungsinitiativen (Kindergärten, Grundschulen, Berufsschulen und Gymnasien), in denen die Lehrerinnen und Lehrer in lettischer Sprache insgesamt 15.520 lettische Kinder und Jugendliche unterrichteten.Alfrēds Staris: Latviešu skolas un izglītība Rietumu trimdā. In: Rita Cimdiņa (Red.): Rietumu trimdas latviešu pedagoģiskā doma. RaKa, Riga 2004, hier S. 11. Eine dieser Schulen war die 1946 in Detmold gegründete lettische Lagerschule für die Kinder aus den umgebenden Flüchtlingslagern. Detmold war nach dem Kriegsende zu einer Anlaufstelle lettischer Flüchtlinge und zum Sitz lettischer Organisationen geworden.Arnolds Klotiņš: Lettische Musiker in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa. Mitteilungen der Internationalen Arbeitsgemeinschaft an der Universität Leipzig, Band 23. Schröder, Leipzig 2021, ISBN 978-3-926196-84-2, S. 77–98, hier S. 80–81. Aus der Detmolder DP-Schule entstand 1951 ein Lettisches Gymnasium, das 1957 nach Münster verlegt wurde.Sabīne Beca, Aija Ebdene, Nīls Ebdens, Dainis Mjartāns und andere: Plakātu izstāde „Minsteres Latviešu ģimnāzija, 1946–1998“, Lettische Nationalbibliothek, Riga, 10. Juli 2026, abgerufen am 24. August 2026 (lettisch).

Während des Kalten Krieges nahm das Gymnasium Schüler aus aller Welt auf, so dass sich die lettische Gemeinde in Münster und das Gymnasium zu einem Zentrum für die Exil-Letten entwickelten. Der Großteil der Schüler kam anfangs aus Deutschland, später aus den USA, aus Kanada, Schweden, Australien und anderen Ländern.Ārvaldis Andrejs Brumanis: Die baltischen Länder und ihr Exil am Beispiel Lettlands. In: Ost-West. Europäische Perspektiven (OWEP), Jg. 7 (2006), Heft 1: Die baltischen Staaten, S. 50–56 (online), abgerufen am 24. August 2026. Die Schüler legten ein Examen ab, das den Vorgaben der Republik Lettland entsprach und dank zwischenstaatlicher Verträge in vielen Ländern ein Universitätsstudium ermöglichte.Ojārs Rozītis, Andris Kadeg̀is: Minsteres latviešu ģimnāzija (1945–1998). Atskats uz sevišķu skolu. Latviešu Tautas kopība Vācijā, Münster / Dailes Teātrī, Riga 1999. Unterrichtet wurde in lettischer Sprache. Dem Gymnasium war ein Internat angegliedert. Später erfolgte der Unterricht teilweise auch in deutscher Sprache, sodass die Schüler auch das deutsche Abitur erlangen konnten. Finanziert wurde das Lettische Gymnasium aus Mitteln der Bundesrepublik Deutschland, des Landes Nordrhein-Westfalen und durch Spenden von im Exil lebenden Letten.Iveta Ķestere, Baiba Kaļķe: Learning National Identity Outside the Nation-State: the Story Of Latvian Primers (Mid-1940s – Mid-1970s). In: Linda Daniela (Hg.): Cilvēks, tehnoloģijas un izglītības kvalitāte. Universität Lettlands, Riga 2020, ISBN 978-9934-18-623-3, S. 35–50, hier S. 37.

Über den Schulunterricht hinaus wurden die Schüler in Arbeitsgemeinschaften mit lettischen Traditionen und Bräuchen vertraut. Ihr Chor und ihr Volkstanzensemble traten bei Konzerten und Festen in Münster und im Umland auf, unter anderem im internationalen Zentrum der Universität Münster „Die Brücke“. Sie beteiligten sich an Veranstaltungen und an Demonstrationen gegen die Besetzung Lettlands durch die Sowjetunion. So wurde das lettische Gymnasium in Münster de facto zu einem lettischen Kulturzentrum außerhalb Lettlands und deshalb oft als „Klein-Lettland“ bezeichnet.

Als die Schlussakte von Helsinki der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) seit Anfang der 1980er Jahre der Freiheitsbewegung in Lettland und im Exil neuen Rückenwind gab, wuchsen die Anfragen an das Lettische Gymnasium als Vermittlungsort lettischer Kultur und lettischer Geschichte in solchem Maße, dass eine Schule dies nicht länger „nebenher“ leisten konnte. Deshalb beschloss die lettische Gemeinschaft in Deutschland 1982, in Münster ein Lettisches Centrum einzurichten.Vom Gymnasium zum Treffpunkt für deutsch-lettische Begegnungen, 22. August 2021, abgerufen am 24. August 2026. 1986 wurde es fertiggestellt. Das Gymnasium und das Internat wurden darin einbezogen.

Die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands 1990/1991 veränderte auch das Lettische Gymnasium in Münster. Zum einen nahm das Gymnasium nun Schüler aus Lettland für die drei Jahre der Oberstufe (11. bis 13. Klasse) auf, die zumeist aufgrund ihrer Leistung ein Stipendium erhielten.Eurydice: Organisation of the education system in Latvia, 2009/2010. Europäische Kommission, Brüssel 2010, S. 156, abgerufen am 24. August 2026. In den Umbruchsjahren nach dem Ende der Sowjetherrschaft gewannen sie so ein Eindruck vom Alltag des Westens, dem Lettland sich zugehörig fühlte und wieder zuwenden wollte. Zum anderen verlor das Gymnasium im Blick auf seinen Gründungszweck, nämlich eine lettische, nicht-sowjetische Bildung, an Bedeutung. Denn eine nicht-sowjetische Bildung ließ sich nun wieder in Lettland verwirklichen. Deshalb beschloss die lettische Gemeinschaft in Deutschland, das Gymnasium auslaufen zu lassen, also keine Schüler in die Unterklassen mehr aufzunehmen, jedoch den gegenwärtigen Schülern den Abschluss zu ermöglichen, bis der letzte Jahrgang (der 53. seit der Gründung) 1998 das Abitur ablegte. Demgemäß wurde das Lettische Gymnasium Münster 1998 aufgelöst.Boris Meissner, Dietrich André Loeber, Detlef Henning (Hg.): Die deutsche Volksgruppe in Lettland während der Zwischenkriegszeit und aktuelle Fragen des deutsch-lettischen Verhältnisses. Bibliotheca Baltica Tallinn 2000, ISBN 9985-800-21-4, S. 10. Im Laufe der Jahre hatten mehr als 2200 lettische Kinder und Jugendliche aus aller Welt das Lettische Gymnasium in Münster besucht. Viele seiner Absolventen, die in westlichen Ländern Karriere gemacht hatten, zogen nach 1990 in die Heimat ihrer Eltern und Großeltern und wurden zu Führungspersönlichkeiten im wieder freien Lettland.

Gegenwart Was die Fortführung der Bildungsarbeit betrifft, so widmet sich das Lettische Centrum unter anderem der Erwachsenenbildung, betreibt einen Kindergarten und veranstaltet eine Sommerschule.

Bekannte Schüler Egils Levits (geb. 1955), von 2019 bis 2023 lettischer Staatspräsident, Schüler 1972/1973 Krišjānis Kariņš (geb. 1964), von 2019 bis 2023 lettischer MinisterpräsidentLettlands Premier würdigt früheres lettisches Gymnasium. In: Die Zeit, 17. Mai 2023, abgerufen am 19. Mai 2023.

Nachleben Die Lettische Nationalbibliothek erinnerte 2026, anlässlich des 80-jährigen Jubiläums der Gründung des Lettischen Gymnasiums in Münster, mit einer Ausstellung an dessen Geschichte und Bedeutung.

Vergleichbare Initiativen Im selben Jahr gründeten litauische Flüchtlinge in Diepholz ein eigenes Gymnasium, das 1954 nach Hüttenfeld bei Mannheim zog.

Literatur in der Reihenfolge des Erscheinens Minsteres Latviešu ǧimnazija / Lettisches Gymnasium Münster. Lettisches Zentralkomitee, Münster 1981. Ojārs Rozītis, Andris Kadeg̀is: Minsteres latviešu ģimnāzija (1945–1998). Atskats uz sevišķu skolu. Latviešu Tautas kopība Vācijā (Lettische Gemeinschaft in Deutschland), Münster / Dailes Teātrī, Riga 1999 [Übersetzung des lettischen Titels: Das Lettische Gymnasium Münster (1945–1998). Rückblick auf eine außerordentliche Schule]. Alfrēds Staris: Latviešu skolas un izglītība Rietumu trimdā. In: Rita Cimdiņa (Red.): Rietumu trimdas latviešu pedagoģiskā doma. RaKa, Riga 2004, ISBN 9984-15-590-0, S. 9–33.

Weblinks

Lettisches Centrum Münster (lettisch, deutsch, abgerufen am 16. August 2018) Lettlands Premier würdigt früheres lettisches Gymnasium.

Fußnoten

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