Als endokrine Disruptoren (von bzw. „innen“, „ausscheiden“ und „zum Erliegen bringen“, „stören“), auch Xenohormone ( „fremd“), UmwelthormoneRobert Sattelberger: Österreichisches Umweltbundesamt, Monographien Band 161, Wien, 2002. oder hormonaktive Stoffe, werden Stoffe bezeichnet, die, wenn sie in den Körper gelangen, bereits in geringsten Mengen durch Veränderung des Hormonsystems die Gesundheit schädigen können.
Endokrine Disruptoren sind endokrin aktive Substanzen (EAS, auch endokrin wirksame Substanzen) mit schädlichen Wirkungen. Sie kommen hauptsächlich in synthetisch hergestellten Materialien (wie Pestiziden, Lösemitteln, Babyprodukten, Flaschen aus Polycarbonat, Kunststoffspielzeug, Kosmetikbehältern etc.) vor, können aber auch natürlichen Ursprungs sein (z. B. Phytoestrogene). Einige endokrin wirksame Substanzen werden gezielt in der Medizin eingesetzt (z. B. Antibabypille).
Die endokrinologische Fachgesellschaft Endocrine Society, die European Society of Endocrinology, die European Society for Pediatric Endocrinology, Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie sowie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sehen es als erwiesen an, dass endokrine Disruptoren unter anderem an der Entstehung von Brust- und Prostatakrebs, Unfruchtbarkeit, Diabetes mellitus, kardiovaskulären Erkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen sowie neurologischen, neurodegenerativen und psychischen Erkrankungen beim Menschen beteiligt sind. Von der Öffentlichkeit, Vertretern der produzierenden Industrie sowie der Politik werden diese Erkenntnisse seit einigen Jahren kontrovers diskutiert.
Experten gehen davon aus, dass von den etwa 85.000 produzierten Chemikalien etwa 1000 endokrine Disruptoren sein könnten. Da diese jedoch vor ihrer Zulassung nicht umfassend auf ihre Unbedenklichkeit getestet wurden, besteht über den genauen Anteil Unsicherheit.
Bekannte oder vermutete endokrine Disruptoren und ihr Vorkommen Endokrine Disruptoren sind Bestandteile von vielen synthetisch hergestellten Erzeugnissen. Besonders belastet können Produkte aus bestimmten Kunststoffen, Auskleidungen von Dosen, Elektronikartikel, Baustoffe, Kosmetikprodukte, Textilien sowie in der Industrie verwendete Löse- und Schmiermittel sein.
Außerdem sind endokrine Disruptoren in zahlreichen, auch in der EU zugelassenen, Pestiziden vorhanden. Unter anderem durch das landwirtschaftliche Ausbringen dieser Pestizide auf Felder erfolgt die Anreicherung von Boden, Gewässern und Atmosphäre mit endokrinen Disruptoren. So gelangen sie wiederum in das Gewebe von dort lebenden Pflanzen und Tieren. Im Sommer 2018 wurde eine Studie mit 148 Freiwilligen aus Deutschland, Dänemark, Wales, Italien, Frankreich und Belgien durchgeführt, bei der verschiedene Pestizide mit endokriner Wirkung in den Haar-Proben bei etwa 60 % der Probanden nachgewiesen werden konnten. Die mit Abstand höchsten Konzentrationen wurden für Permethrin, das als Arzneimittel gegen Läuse und Nissen, und Fipronil, welches in tiermedizinischen Mitteln gegen Ektoparasiten wie Flöhe eingesetzt werden, gefunden.
1993 wurde erstmals eine Liste von Stoffen mit vermuteten endokrindisruptiven Eigenschaften in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlicht. Die Wissenschaftlerin und Koautorin des Aufsatzes Theo Colborn, die damals bei der W. Alton Jones Foundation und dem WWF arbeitete, veröffentlichte 1996 ein populärwissenschaftliches Buch und rief damit auch in der Öffentlichkeit Interesse hervor.Theo Colborn, Dianne Dumanoski, John Peterson Myers, Al Gore: Die bedrohte Zukunft. Gefährden wir unsere Fruchtbarkeit und Überlebensfähigkeit? Droemer Knaur, 1996, ISBN 978-3-426-26864-3.
Nach Angaben von WHO/UNEP (2013) sind bis zu 800 Stoffe bekannt, für die eine endokrine Wirkung entweder nachgewiesen oder vermutet wird. Jedoch wurde bisher nur ein geringer Anteil dieser Stoffe Tests unterzogen, die endokrine Effekte in intakten Organismen nachweisen können. Der weitaus größte Teil der synthetisch hergestellten Chemikalien wurde nie auf hormonelle Effekte getestet. Die Mehrzahl der Verbindungen, deren Herstellung nach dem Stockholmer Übereinkommen verboten oder beschränkt wurde, hat auch endokrine Wirkungen.
WHO und UNEP (2013) bieten eine Übersicht chemischer Kategorien von Stoffen mit nachgewiesener oder potenzieller endokrindisruptiver Wirkung. Die Stoffe wurden auf Basis vorhandener Übersichtsarbeiten und maßgeblicher Berichte identifiziert. Im Folgenden werden die Kategorien mit Beispielen aufgelistet: Persistente und bioakkumulierende Halogenide: Langlebige organische Schadstoffe (z. B. Polychlorierte Dibenzodioxine und Dibenzofurane, Polychlorierte Biphenyle, Hexachlorbenzol, Perfluoroctansulfonat, Polybromierte Diphenylether, Polybromierte Biphenyle, Chlordan, Mirex, Toxaphen, Dichlordiphenyltrichlorethan, Lindan, Endosulfan); andere persistente und bioakkumulative Stoffe (z. B. Hexabromcyclododecan, Chlorparaffine, Perfluorierte Carbonsäuren, Octachlorstyren) weniger persistente und weniger bioakkumulative Stoffe: Weichmacher und Additive (z. B. Phthalsäureester, Triphenylphosphat, Diethylhexyladipat, Butylbenzole, Triclocarban, Butylhydroxyanisol); Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (z. B. Benzopyrene, Benz[a]anthracen, Pyren, Anthracen); Halogenphenole (z. B. 2,4-Dichlorphenol, Pentachlorphenol, Hydroxy-PCB, Hydroxy-PBDE, Tetrabrombisphenol A, 2,4,6-Tribromphenol, Triclosan); nicht-Halogenphenole (z. B. Bisphenol A, Bisphenol F, Bisphenol S, Nonylphenol, Octylphenol, Resorcinol) Pestizide, Arzneimittel und Kosmetika: gegenwärtig genutzte Pflanzenschutzmittel (z. B. 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, Atrazin, Carbaryl, Malathion, Mancozeb, Vinclozolin, Prochloraz, Procymidon, Chlorpyrifos, Fenitrothion, Linuron); Arzneimittel, Wachstumshormone und Kosmetika (z. B. Diethylstilbestrol, Ethinylestradiol, Tamoxifen, Levonorgestrel, Fluoxetin, Flutamid, 4-Methylbenzyliden-campher, Octylmethoxycinnamat, Parabene, Octamethylcyclotetrasiloxan, Decamethylcyclopentasiloxan, Dodecamethylcyclohexasiloxan, Galaxolid, 3-Benzyliden-campher) Andere Chemikalien: Metalle und Organometalle (z. B. Arsen, Cadmium, Blei, Quecksilber, Methylquecksilber, Tributylzinnhydrid, Triphenylzinn); natürliche Hormone (z. B. 17-beta-Estradiol, Estron, Testosteron); Phytoöstrogene (z. B. Coumestan, Mykotoxine, Prenylflavonoide)
Aufnahme von endokrinen Disruptoren Die Aufnahme von endokrinen Disruptoren in den menschlichen Körper erfolgt im Wesentlichen über:
Nahrungsmittel und Trinkflüssigkeiten (insbesondere jene, die mit Pestiziden oder Kunststoff in Kontakt gekommen sind) Hautkontakt (z. B. bei Kosmetika, Pestizide, mit Flammschutzmitteln behandelte Textilien, industriell gefertigte Reinigungsmittel) Einatmen (z. B. Abriebe von Kunststoffteilen oder Gummireifen in städtischen Gegenden, Pestizidaerosole bei der Garten- oder Feldarbeit)
Beispiele für nachgewiesene oder vermutete Störungen durch einzelne Stoffe mini|Mögliche gesundheitliche Folgen des Kontakts mit hormonell wirksamen Stoffen in Kunststoffen Endokrinologische Fachgesellschaften und die WHO sehen es als erwiesen an, dass Endokrine Disruptoren beim Menschen zur Entstehung von hormonsensitiven Krebserkrankungen, metabolischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Unfruchtbarkeit, neuronalen Entwicklungsstörungen uvm. beitragen. Insbesondere gefährdet sind aus Sicht dieser Fachgesellschaften Embryonen, Föten und Kinder. Grundlage für diese Erkenntnis sind eine Vielzahl an Tierversuchen und Zellkulturversuchen im Labor, aber auch Beobachtungen von wildlebenden Tierpopulationen und epidemiologischen Untersuchungen am Menschen (etwa die stark steigenden Raten an Brust- und Hodenkrebs). In die aktuellste Übersichtsarbeit zu den gesundheitlichen Gefahren endokriner Disruptoren wurden über 1800 wissenschaftliche Studien einbezogen.
Beispiele gemäß WHO/UNEP werden nachfolgend aufgeführt:
PCB: ausreichende Belege für mögliche Endometriose und Myome der Gebärmutter beim Menschen sowie Myome, Tumoren und Nebennierenprobleme bei Robben; starke experimentelle und molekulare Belege für Suppression der Schilddrüsenhormone in allen Wirbeltieren und epidemiologische Belege für Beeinträchtigung der kognitiven Funktion bei Kindern; Eingeschränkte Belege für Prostata- und Brustkrebs beim Menschen und Genitalkarzinomen bei Seelöwen; Belege für Immundysfunktion bei Meerestieren und beim Menschen; eingeschränkte Belege für höheres Diabetesrisiko; wahrscheinlicher Beitrag zum Rückgang von fischfressenden Vögeln und Säugern. DDT: ausreichende Belege für Brustwarzenretention, Hypospadie, reduziertes Sexualorgangewicht, reduzierte anogenitale Distanz, verzögerte preputiale Trennung, abnormal kleine Penisse, mangelhafte Hoden, geringere Testosteronspiegel beim Mann; erhöhte Estradiolspiegel, abnormale Form der Eierstöcke bei der Frau (siehe Steroidrezeptor). Mögliche Ursache von Endometriose und Störung des Zyklus beim Menschen. Verdünnung der Eischale, Feminisierung, homosexuelles Verhalten und Populationsrückgang bei Vögeln. Testosteronsenkung und Entmaskulinisierung bei Eisbären und Alligatoren, Intersexualität bei Fischen und Fröschen. Einige Hinweise auf Suppression von Schilddrüsenhormonen in Meerestieren, Vögeln und Amphibien. Eingeschränkte Belege für Brustkrebs, Leukämie und Lymphdrüsenkrebs beim Menschen. Eingeschränkte Evidenz für erhöhtes Adipositasrisiko bei pränataler Exposition. Wahrscheinlicher Beitrag zum Rückgang von fischfressenden Vögeln und Säugern. PFOS: kaum untersuchte Hinweise auf Rückgang der weiblichen Fruchtbarkeit und Änderung des Zyklus. PBDE: Eingeschränkte Hinweise auf frühere Menarche und Lageanomalie des Hodens beim Menschen, Eischalenverdünnung, verzögerte Schlüpfung und geringeres Schlüpfgewicht bei Vögeln. Starke Evidenz für Suppression der Schilddrüsenhormone beim Menschen und bei arktischer Fauna. Eingeschränkte Belege für kognitive Störungen. Mögliche Mitursache des Rückgangs von Meeressäugern. HBCDD: kaum untersucht, tritt häufig zusammen mit PDBE und PCB in Geweben in Erscheinung, manchmal mit ähnlichen Effekten assoziiert. PFOA: bisher kaum untersucht, sehr eingeschränkte Hinweise auf Schwangerschaftsprobleme und Adipositas beim Menschen. DEHP: zahlreiche negative Effekte auf Männlichkeit, ähnlich DDT Triclosan: kaum untersuchte Hinweise auf Störung steroidogener Enzyme, die eine Rolle bei der Produktion von Testosteron und Östrogen spielen. Könnte gemäß wenigen Laborstudien negative Effekte auf den Reproduktionserfolg bei Männern und Frauen haben. Eingeschränkte epidemiologische Hinweise auf Zusammenhang mit Heuschnupfen und Allergien. Bisphenol A: Wirkt als Östrogen bei allen Wirbeltieren. Eingeschränkte Belege für Störung des Sexualzyklus. Milchdrüse empfindlicher für Tumorentwicklung und Estradiol. Reguliert Fettgewebe über Östrogenrezeptoren in Fettzellen. Beeinflusst die Funktion von Betazellen, verstärkt Insulinresistenz und Glukoseintoleranz. Eingeschränkte epidemiologische Hinweise auf Diabetes und veränderte Leberfunktion beim Menschen. Beeinflussung der Schilddrüsenhormone und Metamorphose bei Amphibien. Senkt Lernfähigkeit bei Weißfußmäusen, Einfluss auf Entfeminisierung und Hyperaktivität. Atrazin: Störung des Sexualzyklus bei Ratten, Intersexualität bei Fröschen, Immundepression nach pränataler Exposition bei Ratten, Amphibien und Fischen. Vinclozolin: Anti-Androgen, das bei männlichen Nagern Testosteron senkt, Hypospadie und Hodendystopie verursacht, die Brustwarzenentwicklung stört und den Penis verkleinert. Bei Kaninchen Feminisierung und Verlust des sexuellen Interesses. Maskulinisierung der Weibchen. Gestörtes Geschlechterverhältnis bei in Experimentalstudien mit Fischen. Geringere Eiablage und Reproduktion bei Vögeln. Mögliches Karzinogen.