mini|Marienkirche im Jahre 1923 Die Marienkirche in Stargard, eigentlich Stiftskirche der heiligen Jungfrau Maria, Königin der Welt (polnisch Kolegiata Najświętszej Marii Panny Królowej Świata), ist eine gotische Backsteinkirche vom Typ der hanseatischen Bürgerbasilika und die ältere der beiden innerhalb der Mauern der Altstadt gebauten Kirchen Stargards. Die größte Backsteinkirche des Stettiner Pommerns steht am Marktplatz neben dem Rathaus und der Alten Wache.
Baubeschreibung und -geschichte mini|hochkant|Achteckige Marienkapelle nördlich des Chors mini|hochkant|Grundriss Der Baubeginn der Marienkirche in ihrer ursprünglichen Baugestalt als dreischiffige Hallenkirche mit eingezogenem Chor und breitem Zweiturmmassiv wird um 1292 datiert, die gegenwärtige Gestalt entstammt dem späten 14. und 15. Jahrhundert. Sie wurde als Hallenkirche gebaut und 1350 vollendet. Im 15. Jahrhundert erst wurde die Kirche als Basilika erweitert. Das monumentale Westturmmassiv der Kirche zeigt als Besonderheit eine Stargarder Blende. Der eindrucksvolle Umgangschor wird von einigen Forschern Hinrich Brunsberg zugeschrieben. Auffallend ist das (fensterlose) Gang-Triforium zwischen den Chorarkaden und den Obergadenfenstern und gilt als beispiellos in der Backsteinarchitektur Norddeutschlands und des Ostseeraums.Ein formal ähnliches Triforium tritt im Dom zu Posen auf, allerdings ursprünglich in einer von Chortürmen unterbrochenen Form. Das Stargarder Triforium wurde sicherlich von der heute nicht mehr existierenden Stiftskirche St. Marien im nahegelegenen Stettin (Szczecin) angeregt. Vgl. Lindenhayn-Fiedorowicz, Agnieszka: Das Motiv des Triforiums in den mittelalterlichen Kirchen des südlichen Ostseeraums, in: Backsteinbaukunst. Zur Denkmalkultur in Europa, Bd. 7, hg. v. d. Europäischen Zentrum für Backsteinbaukunst, Wismar 2020, S. 106–115. Von den äußerlich ähnlichen Umgangschören im Ostseeraum und Nordseeraum hat St. Martini in Groningen Blendtriforien und St. Petri in Riga gar kein Triforium. Auffallend ist das Auftreten von Blendtriforien im livländischen Dom und in der Johanniskirche zu Dorpat (Tartu). Das Doberaner Münster und der Dom zu Uppsala haben gemalte Triforien. Der im romanisch-gotischen Übergangsstil errichtete Umgangschor des Dom zu Roskilde hat Blendtriforien. Unter den Kirchen der nördlichen Backsteingotik hat alleine die Kathedrale von Brügge in Westflandern ein ähnliches Triforium. Der polygonale Chorschluss ist dreiseitig (5/8-Schluss), das Außenpolygon des Umgangs jedoch sechsseitig (8/14-Schluss), wodurch ein Pfeiler die Mittelachse des Kirchengebäudes ausfällt. Dem Vorbild des neuen Chores der Stettiner Jakobikirche folgend, wurden die Strebepfeiler am Chorumgang nach innen gezogen und boten Platz zur Errichtung von Kapellen und Emporen. Das Langhaus wurde um 1500 zu einer Basilika umgebaut und durch Kapellenanbauten entlang der Seitenschiffe erweitert. Seine Höhe beträgt 33,5 Meter. Beim Stadtbrand von 1635 erlitt auch die Marienkirche Schäden, hernach wurde das Mittelschiffsgewölbe in gotischen Formen wiederhergestellt. Die Doppelturmanlage erhielt im 15. Jahrhundert ihre mittleren Geschosse. Nur der Nordturm (Höhe: 84 Meter) bekam einen Zinnenkranz, Ecktürmchen und ein Achteckgeschoss, und er wurde 1723 mit einer durchbrochenen Barockhaube bekrönt.
Die Gewölbe, Kapellen und die Sakristei zieren spätgotische figürliche Fresken, darunter ein Schmerzensmann. Im Kircheninneren befinden sich ein Altar von 1663, Wandmalereien vom 15. bis 18. Jahrhundert, Epitaphien, Kapelleneingangsumrahmungen aus dem 18. Jahrhundert und Glasmalereien aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Bemerkenswert ist die Renaissance-Kanzel von 1683.
1945 wurde die Kirche kaum beschädigt, lediglich die Haube des Nordturms wurde zerstört. Zwei Glocken des Gießers Friedrich Gruhl aus dem Jahr 1862 mit den Schlagtönen g0 und c1 überstanden die beiden Weltkriege und wurden auf einem Glockenfriedhof entdeckt. Die größere Glocke befindet sich heute in der Nördlinger Georgskirche, die kleinere an St. Lukas zu München. Die Marienkirche wurde in den Jahren 2020–2023 umfassend saniert und zeigt sich heute in einer neuen Farbigkeit, die derjenigen aus der Zeit der Kirchenrestaurierung durch Heinrich Deneke zu Beginn des 20. Jahrhunderts entspricht.
Marienkirchengemeinde
Kirchspiel Erstmals wurde 1248 ein erstes Gotteshaus in Stargard erwähnt, das sich aber bald für die schnell wachsende Stadt als zu klein erwies. In den 1320er wurde das Kirchenpatronat an der Marienkirche, das zuvor der Camminer Bischof innegehabt hatte, an den Johanniterorden übertragen, der seitdem bis zur Reformation den Stargarder Ordenspfarrer stellte. Im Jahr 1524 hielt der vormalige Franziskaner Johannes Knipstro, der auf der Flucht von Pyritz nach Stralsund war, die erste lutherische Predigt in der Marienkirche. Bis 1945 war die Kirche dann ein evangelisches Gotteshaus, danach wurde sie wieder römisch-katholische Kirche in Polen.
Bis 1945 war die Marienkirchengemeinde neben der Johanniskirchengemeinde, der Heilig-Geist-Kirchengemeinde und der Reformierten Gemeinde die drittgrößte Gemeinde. Sie gehörte zum Kirchenkreis Stargard in der Kirchenprovinz Pommern der evangelischen Kirche der Altpreußischen Union. Im Jahre 1940 gehörten zur Marienkirchengemeinde 10.500 Gemeindeglieder. Das Kirchenpatronat hatte der Magistrat der Stadt. Zwei Geistliche betreuten die Gläubigen. Mit der ersten Pfarrstelle war die Superintendentur des Kirchenkreises verbunden. Der Inhaber der zweiten Pfarrstelle hatte die Filialgemeinde Klempin mit 563 Gemeindegliedern mitzuversorgen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Kirchengebäude in den Jahren 1946–1948 provisorisch repariert und diente danach zunächst als Lagerhaus. 1957 wurde es nach Aneignung der römisch-katholischen Kirche mit einer Weihe durch Kardinal Wyszyński in Betrieb genommen und ist die bedeutendste Kirche im Dekanat Stargard-Wschód (Stargard-Ost). Seit 1995 ist sie Kollegiatskirche.
Die evangelischen Christen der heutigen Stadt gehören zur Diözese Breslau der polnischen evangelisch-augsburgischen Kirche. Das zuständige Pfarramt ist das der St.-Trinitatis-Kirche in Stettin.
Die heutige römisch-katholische Marienpfarrei verfügt außer über die Marienkirche noch über zwei Filialkirchen, Św. Antoniego z Padwy (St. Antonius von Padua) in Święte (Schwendt) und Św. Siostry Faustyny Kowalskiej (Hl. Schwester Faustyna Kowalska) in Strachocin, beides Ortschaften der Landgemeinde Stargard.
Pfarrer von der Reformation bis 1945 mini|Pfarrhaus an der Marienkirche Pastor primarius bis 1556: Hermann Ricke bis 1584: Anton Remmelding (Nemling) 1585–1588: Otto Zander 1589–1612: Konrad Bredenbach 1613–1638: Petrus Regast 1652–1658: Anton Vivenest 1660–1683: Wilhelm Engelken 1684–1687: Franz Julius Lütcke 1687–1695: Georg Schwarz 1695–1713: Johann Georg Seld 1713–1731: Johann Wilhelm Zierold 1732–1736: Friedrich Wagner 1736–1782: Simon Heinrich Oldenbruch 1782–1786: Karl Tesmar 1786–1801: Martin Gottlieb Zollner 1801–1823: Friedrich Peter Adolf Tobias Stumpf 1825–1849: Johann Samuel Succow 1849–1881: Friedrich Gustav Höppner 1881–1899: Wilhelm Haupt 1900–?: Heinrich Brück 1926–1939: Johannes Rathke
Archidiakonus ?: Hermann Ricke bis 1557: Jakob Fuhrmann d. Ä. ?: Lukas Dannenberg ?: Christoph Habenicht 1574–1577: Jakob Faber bis 1613: Jakob Fuhrmann bis 1626: Friedrich Crüger 1626–1632: Christoph Bohm (Baum) 1632–1635: Urban Lehmann 1641–1652: Anton Vivenest 1658–1660: Wilhelm Engelken 1660–1686: Tobias Engelken 1687–1723: Johann Gerdes 1723–1746: Jodocus Andreas Hiltebrandt 1746–1757: Samuel Gottfried Rübner 1758–1771: Andreas Petrus Hecker 1771–1782: Karl Tesmar 1783–1786: Samuel Gottfried Sperling 1788–1813: Christian Gottfried Gerstmeyer 1824–1839: Wilhelm Christian Pökel 1839–1884: Heinrich Koser 1884–1899: Ulrich August Redlin 1899–?: Wilhelm Kiesow 1940–1945: Karl Boenke
Diakonus ?: Joachim Balke ?: Christian Kligge ?: Daniel Radebrecht 1600–1613: Petrus Regast 1614–1625: Adam Schacht 1626–1641: Anton Vivenest 1641–1652: Daniel Rüel (Rühl) 1652–1658: Wilhelm Engelken 1658–1660: Tobias Engelken 1688–1693: Christian Schmidt 1694–1723: Jodocus Andreas Hiltebrandt 1724–1737: Aegydius Bohm 1737–1746: Samuel Gottfried Rübner 1746–1758: Andreas Petrus Hecker 1758–1783: Samuel Gottfried Sperling 1783–1788: Christian Gottfried Gerstmeyer 1787–1801: Friedrich Peter Tobias Adolf Stumpf 1803–1812: Johann Samuel Succow 1812–1823: Karl David Krause (von 1823 bis 1856 waren die Stellen des Archidiakonus und des Diakonus zusammengelegt) 1856–1862: Johann Friedrich Bernhard Otto Vogel 1862–1866: Ernst Karl Otto Bindemann 1866–1872: Karl Ludwig Friedrich Theodor Möhring 1874–1882: Karl August Wilhelm Kober 1883–1884: Ulrich August Redlin 1885–1895: Franz Karl Onrad Polzenhagen 1896–1899: Wilhelm Heinrich Eduard Kiesow 1900–?: Konrad Sendke
Literatur Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowicz: Die mittelalterliche Baugeschichte der Marienkirche zu Stargard in Pommern – ein Spiegel des wachsenden Repräsentationswillens der Bürgerschaft einer Hansestadt, in: Hansische Geschichtsblätter (141) 2023, S. 45–82. Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowicz: Die Marienkirche zu Stargard in ihrer ersten Baugestalt. Ein frühes Beispiel städtischer Repräsentation im hinterpommerschen Pfarrkirchenbau, in: Baltische Studien 109 (2023), S. 59–98. Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowicz: Johannitisches Patronat und städtische Architektur. Die Marienkirche zu Stargard in Pommern, in: Regionalität und Transfergeschichte. Ritterkommenden der Templer und Johanniter im nordöstlichen Deutschland und in Polen, hg. v. Christian Gahlbeck, Heinz-Dieter Heimann u. Dirk Schumann, Berlin 2014, S. 248–270. Jaroslaw Jarzewicz: Hinterpommern und Neumark, S. 803–823, (11.) Die Marienkirche in Stargard/Stargard Szczeciński – der Kulminationspunkt der gotischen Architektur in Pommern in Christofer Herrmann, Dethard von Winterfeld (Hg.): Mittelalterliche Architektur in Polen, Bd. 2, Michael Imhof Verlag, 2013, ISBN 978-3-7319-0087-0 Johannes Hinz: Pommern. Lexikon, Würzburg 2001, ISBN 3-88189-394-6 Hans Moderow: Die Evangelischen Geistlichen Pommerns von der Reformation bis zur Gegenwart. Teil 1. Paul Niekammer, Stettin 1903, S. 411–421.
Weblinks
Homepage der Marienkirchengemeinde Stargard Geschichte der ehemaligen großen Glocke der Marienkirche Stargard
Einzelnachweise
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