Die Simultankirche Bechtolsheim (vollständiger Name: St. Maria und St. Christopherus bzw. Maria Himmelfahrt und St. Christopherus [sic]) im Ort Bechtolsheim in Rheinland-Pfalz ist eine dreischiffige Hallenkirche mit freistehendem Glockenturm. Zur Ausstattung gehören verziertes spätgotisches Kirchengestühl und eine Stumm-Orgel.

Das Kirchenbauwerk wurde 1492 fertiggestellt und zu Ehren der Heiligen Maria und Christophorus geweiht. Während der kurpfälzischen Reformation wurde Bechtolsheim 1544Festschrift 1977, S. 26 oder 1556 lutherisch.Heinrich Steitz, S. 20 Nachdem unter kurzzeitiger französischer Oberherrschaft im Rahmen der Reunionspolitik der Katholizismus wiedereingeführt wurde,Altertumsvereins für Alzey und Umgebung (Hrsg.): Alzeyer Geschichtsblätter Band 22. Verlag der Rheinhessischen Druckwerkstätte, Alzey 1988, S. 62. wird die Kirche seit Palmsonntag, 15. April 1685, auf Befehl Ludwigs XIV. von FrankreichAbschrift im Dalberg-Archiv in Darmstadt (alte Signatur: gelb, Nr. 54, St.A.Nr. 842, Konvolut 31, Bechtolsheim 6, Kirche II) von der katholischen und der evangelischen Gemeinde als Simultankirche genutzt.

mini|Simultankirche mit freistehendem Glockenturm

Religiöser Rahmen Im heutigen Rheinhessen gab es bis 1798 insgesamt 30 verschiedene evangelische Territorialkirchen. Die größte Landeskirche war mit 82 Pfarreien auf dem Gebiet des Kurfürstentums Pfalz, gefolgt von der Wild- und Rheingrafenschaft mit neun und der Grafschaft Falkenstein mit sieben Pfarreien. Die restlichen 42 Pfarreien zählten zu 27 Territorialkirchen; vier davon bildeten eine eigenständige Ganerbschaft. Dies waren Nieder-Saulheim, Mommenheim, Schornsheim und Bechtolsheim. Die Ganerbschaft in Bechtolsheim bestand seit 1270.

Die Simultankirche trägt die Patrozinien „St. Maria und St. Christopherus“. Der Heilige wird jedoch sonst als „Christophorus“ geführt. Die unterschiedliche Schreibweise ist wohl auf eine spätere Tradition der Christophoruslegende zurückzuführen, der zufolge dieser vor seiner Taufe „Offerus“ genannt war.Christoperus oder Christophorus? In: Kirchenführer 2017, S. 58. Womöglich handelt es sich auch um eine lateinische Verballhornung: Aus griechisch Χριστόφορος christóphoros ‚Christusträger‘ (φορός phorós ‚tragend‘ von φέρω phérō ‚tragen‘) wurde lateinisch „Offerus“ ((of)ferre ‚(heran)tragen, opfern‘).

Baugeschichte

Vorgängerbau mini|hochkant|Das Wegekreuz in der heutigen Sulzheimer Straße erinnert an die alte Kirche und den alten Friedhof an dieser Stelle. Die Aufnahme entstand bei der Fronleichnamsprozession 2008. In Bechtolsheim existierte bereits ein Vorgängerbau an einem anderen Platz, im sumpfigen Gelände außerhalb der Dorfwehranlage. In der jetzigen Sulzheimer Straße bezeichnet ein Wegkreuz an einer Hausfassade knapp 200 Meter (Luftlinie) südwestlich der heutigen Kirche den Standort dieses ersten Gotteshauses.

Im Pfarrarchiv haben sich Ablassbriefe zugunsten der Erbauung der Kirche von den Päpsten Nikolaus IV. von 1292, Bonifatius VIII. von 1300 und Benedikt XII., ausgestellt 1341, erhalten.Festschrift 1977, S. 21 Demnach dauerte der Bau mehr als ein halbes Jahrhundert. Die Kirche erhielt den Namen der großen Muttergotteskirche, Ecclesia Major, B. M. V. (= Beatae Mariae Virginis, „der seligen Jungfrau Maria“) und hatte neben dem Hochaltar noch sieben gestiftete Altäre,Karl Oberle, S. 81 die im Laufe der Jahrhunderte errichtet wurden und für die die Edelleute das Präsentationsrecht ausübten.Stephan Alexander Würdtwein: Dioecesis Moguntina in Archidiaconatus distincta, 1767. Die Adeligen aus dem Ort und der Umgebung wählten sie zu ihrer Grabstätte. Die meisten von ihnen gehörten zu den Ganerben. Nach dem Bau der neuen Pfarrkirche verfügte Bechtolsheim über zwei gottesdienstliche Stätten. Mit Einführung der Reformation wurde die am Kirchhof gelegene alte Kirche als Friedhofskapelle weiterbenutzt. Nach einer Beschreibung von 1612 enthielt sie viele Grabsteine von Ganerben. Die Mauern der alten Kirche waren noch 1790 vorhanden. Bis 1876 befand sich an dieser Stelle auch der alte Friedhof.

Bau der Kirche Am Gründonnerstag 4. April 1482 verhandelte Philipp von Dalberg als Sprecher der Ganerbengemeinschaft mit seinem Verwandten Johann von Hohenfels, Herr zu Reipoltskirchen, über den Bau einer neuen Kirche. Dieser erteilte als Oberlehnsherr und Patron der Bechtolsheimer Kirche in einem Brief seine Zustimmung. Als Standort wurde der Platz zwischen dem damaligen schon vorhandenen Wehrturm, dem heutigen Glockenturm und dem Gebück am Ortsrand gewählt. Nach fünfjähriger Bauzeit war der Rohbau 1487 vollendet. Im gleichen Jahr bestätigten die Kirchengeschworenen und Kirchenmeister Peter Ledderhose und Hans Reßeler schriftlich, dass Adam von Rockenhausen als Altarist des St.-Theobalds-Altars eine Schenkung von 20 Gulden gemacht hatte. Die Fertigstellung fand 1492 unter der Leitung des Baumeisters Jakob von Landshut statt.

mini|hochkant|Grundriss: die Gebäude­achse weicht um knapp 20° nach Nordosten von einer genauen Ostung ab Die dreischiffige spätgotische Hallenkirche süddeutscher Prägung hat eine Länge von fünf Joch. Der Chor misst drei Joch und ist dreiseitig geschlossen. Die Seitenschiffe sind etwa halb so breit wie das Mittelschiff und haben auf jeder Seite im zweiten Joch vor dem Chorbogen eine kapellenartige Erweiterung zwischen den Strebepfeilern. In der nördlichen Kapelle befindet sich ein geschlossener Beichtstuhl mit drei Innenräumen. Die südliche Kapelle enthält eine seitliche Sitzreihe, die früher vom evangelischen Kirchenvorstand benutzt wurde. Am Chor befindet sich auf der Nordseite die zweistöckige Sakristei, sie dient wie üblich als Vorbereitungs- und Umkleideraum, das obere Stockwerk als Abstellraum.

Der Bau mit 36 Meter Länge und fast 16 Meter Breite wirkt außen blockhaft geschlossen. Ein hohes, abgewalmtes Satteldach überdeckt alle drei Schiffe. Wie die Gewölbehöhe stimmt auch die Traufenhöhe des Chors mit der des Langhauses überein. Entsprechend der geringeren Breite hat das Dach des Chors aber eine geringere Firsthöhe.

Der Kirchenraum hat einem Rauminhalt von 4200 Kubikmetern. Zahlreiche Baudetails innen und außen weisen auf architektonische Zusammenhänge mit Kirchenbauten außerhalb Rheinhessens hin. Verwandte Kirchenbauwerke dieser Zeit sind die bayerische Pfarrkirche St. Jakob in Burghausen und die Landshuter Heilig-Geist-Kirche. Alle drei Kirchen haben ein ähnliches Gewölbesystem.

Aus Bayern dürfte die von Hans Stethaimer erstmals in der Landshuter St.-Martins-Kirche angewandte Achtkantpfeilertechnik stammen. In noch ausgeprägterer Form ist sie in St. Nikolaus in Neuötting und in St. Jakob in Wasserburg am Inn vorhanden.

In den Außenwänden des Chores sind sechs Epitaphien eingelassen, die aus der alten Kirche dorthin gebracht wurden. Die Grabplatten sind zum großen Teil sehr verwittert. Auf drei Platten ist ein Esel im Wappen zu erkennen, der auf Johann Esel († 1380), Heinrich Esel († 1398) und Latelmus Esel († 1400) hinweist. Bei den Bildnisfiguren handelt es sich um Limanis Bube von Geispitzheim und Peter Kämmerer von Worms, genannt von Dalberg (beide † 1397). Ein Ritter von Bechtolsheim († 1339) vervollständigt die Reihe.Regine Dölling, Die Simultankirche in Bechtolsheim (Rheinhessen), S. 15.

Turm

Der Glockenturm steht in etwa zwei Metern Abstand nördlich der Sakristei. Sein Durchmesser ist quer zur Kirchenachse wesentlich größer als in deren Längsrichtung. Sein Schaft ist im Unterschied zum verputzten Kirchengebäude steinsichtig, unregelmäßige Sandsteinquader. Darüber erhebt sich ein mansardähnlich schieferverkleidetes Glockengeschoss. Das Dach beginnt als Walm und läuft als hohes achtseitiges Pyramidendach aus.

Restaurierungen mini|hochkant|Blick vom Chor ins Mittelschiff Im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1695 wurde die Kirche von den Franzosen in Brand gesteckt. Der Dachstuhl brannte zwar komplett aus, das Gewölbe hielt aber stand. 1699 legte man ein Notdach aus Holzbalken der älteren Kirche auf. Der Dachstuhl wurde erst 1709 mit Schiefer gedeckt.Karl Oberle: Geschichte von Bechtolsheim. 2., erweiterte Auflage. Verlag der Rheinhessischen Druckwerkstätte, Alzey 1995, ISBN 3-87854-111-2, S. 72. Nach einem Gemälde hinter der Stumm-Orgel wurde 1742 die Kirche renoviert. Weitere Renovierungen folgten 1839/40 und 1887.

Bei der letzten grundlegenden Renovierung 1971 bis 1977 wurde auch die Stumm-Orgel demontiert und in einem Orgelbauerbetrieb generalüberholt. Die erst 1960/1961 installierte elektrische Rohrheizung, für die beide Konfessionen zusammen 26.000 DM aufgebracht hatten (entspräche heute inflationsbedingt über Euro), wurde wieder entfernt, da die direkt am von Erhart Falckener geschnitzten Gestühl angebrachte Heizung mit dem ständigen Temperaturwechsel Risse im Holz verursacht hatte. Sie wurde gegen eine mit Öl betriebene Warmluftheizung ausgetauscht, die eine gleichmäßige Temperatur und Luftfeuchtigkeit gewährleistet. Als Ergänzung dazu wurde eine elektrische Fußbodenheizung eingebaut. Dazu wurden Ende 1973 die Gestühle im Langhaus und im Chor entfernt und in einem Fachbetrieb restauriert. Die Gottesdienste beider Konfessionen fanden seitdem im benachbarten Saal des evangelischen Jugendheims statt. Die damaligen Geldgeber der weit über einer Million DMFestschrift 1977, S. 36 (entspräche heute inflationsbedingt über Million Euro) teuren Renovierung ehrte man mit der Einfügung ihrer Wappen in die Decke. Es handelt sich um das Landeswappen von Rheinland-Pfalz, das Wappen des Bischofs von Mainz Hermann Volk und das Papstwappen von Johannes Paul II. Da die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau kein Wappen führt, wurde stellvertretend als Motiv die Lutherrose gewählt.

Die Außenfassade wurde zuletzt 2001 mit Mineralfarbe aufgefrischt. Die Strebepfeiler und das Maßwerk heben sich in einem leicht rötlichem Anstrich vom übrigen weißen Mauerwerk ab; Gleiches gilt auch für die Achtkantpfeiler und das Sterngewölbe im Innenraum. Unter dem rötlichen Verputz besteht das Mauerwerk aus leicht gelblichem Flonheimer Sandstein.

Innenausstattung Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Kirche 1625/1626 geplündert.

Altäre mini|Innenraum mit Blick auf den Hochaltar von der Empore, auf der sich die Stummorgel befindet mini|Kreuz- bzw. Volksaltar Die Simultankirche verfügt über insgesamt vier Altäre, von denen nur der Kreuzaltar von beiden Kirchengemeinden gemeinsam genutzt wird. Die anderen drei gehören der katholischen Gemeinde.

Der zweistöckige Hochaltar wurde 1761 gekauft. Er war ursprünglich 1699 von Franz Hügelij für das Wormser Kloster Mariamünster gebaut worden und ist mit Nussbaumfurnier versehen. Matthäus Lohmann gestaltete das Altarbild, das die Himmelfahrt der Gottesmutter Maria zeigt. In der darüberstehenden Ädikula halten in dem ovalen Gemälde Gottvater und Christus die Krone für die auffahrende Maria. Über ihnen schwebt die Taube als Symbol des Heiligen Geistes. Über dem Tabernakel sind der Heilige Clemens, die Heilige Barbara und der Heilige Tiburtius abgebildet. Die großen Figuren stellen den Heiligen Bernhard und den Heiligen Antonius dar. Der Hochaltar und das darauf stehende Ewige Licht sind der alleinigen Nutzung der katholischen Gemeinde vorbehalten.

Der Kreuz- oder Volksaltar in der Mitte des Choreinganges unterhalb des Triumphbogens wird gemeinschaftlich benutzt und besteht aus insgesamt 52 Steinen.

Über dem nördlichen Seitenaltar – auf der Evangelienseite – befindet sich ein Epitaph für Johann Hund von Saulheim († 1595) mit Reliefbild der Bekehrung des Apostels Paulus. Den knienden Figuren wurden die Köpfe abgeschlagen; dies geschah entweder während des Pfälzischen Erbfolgekrieges (auch Orléansscher Krieg, 1688 bis 1697) oder durch Französische Revolutionssoldaten 1795.Heinrich Steitz, S. 22 Auf dem Altar steht in der Adventszeit die Weihnachtskrippe.