Die jüdisch-amerikanische Literatur, die Literatur der Juden in den Vereinigten Staaten, nimmt in der amerikanischen Literatur einen prominenten Platz ein. Neben einer Tradition des englischsprachigen Schreibens umfasst sie weitere Sprachen, unter denen die wichtigste das Jiddische war. Während die Mehrzahl der Autoren und der Kritiker die Eigenständigkeit der jüdischen Literatur anerkennen, lehnen andere Autoren es ab, als „jüdische Stimmen“ klassifiziert zu werden. Eine eindeutige Zuordnung oder Abgrenzung ist daher nicht immer problemlos möglich. Trotz der Vielfalt und Dynamik in der literarischen Spiegelung der jüdisch-amerikanischen Welterfahrung lassen sich allerdings einige wiederkehrende Elemente feststellen, die sowohl in sprachlich-stilistischer als auch in motivgeschichtlicher und thematischer Hinsicht diesen Bereich der amerikanischen Literatur in besonderer Weise kennzeichnen.Vgl. Heiner Bus: Jüdisch-amerikanische Literatur. In: Hubert Zapf (Hrsg.): Amerikanische Literaturgeschichte. J. B. Metzler, Stuttgart 1996, ISBN 3-476-01203-4, S. 440–453, hier S. 440.

Übersicht Beginnend mit den autobiografischen Berichten und den Petitionen der sephardischen Einwanderer, die die USA seit dem 17. Jahrhundert besiedelten, entwickelte die jüdisch-amerikanische Literatur sich über die Jahrhunderte hinweg beständig weiter, bis sie schließlich alle literarischen Formen – wie Epik, Lyrik und Drama – einschloss. Einen besonderen Platz nehmen im 20. Jahrhundert die Romane von Saul Bellow, Henry Roth, Bernard Malamud, Chaim Potok, Isaac Bashevis Singer und Philip Roth ein. Diese Autoren loten in ihren Werken neben nichtjüdischen Themen auch die Konflikte aus, die bei der Konfrontation der Säkulargesellschaft und der jüdischen Tradition entstehen, und die von den Kindern und Enkeln der Einwanderer kaum weniger dramatisch als von ihren Vorfahren selbst empfunden werden.

Die Bedingungen des jüdischen Lebens in der Gegenwart und die Bedeutung jüdischer Traditionen angesichts der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts werden ebenfalls in den Werken Cynthia Ozicks thematisiert, die sich wieder verstärkt einem eher jüdischen Leserkreis zuwendet. Eine breitere Leserschaft spricht demgegenüber Leon Uris mit seinen historischen Romanen an, die die Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert und die Entwicklung des Staates Israel schildern. Auch E. L. Doctorow nutzt in seinen Romanen und Erzählungen teilweise seinen eigenen jüdischen Erfahrungshintergrund, ohne sich jedoch noch in irgendeiner Weise auf diesen festlegen zu lassen.Vgl. Franz Link: Jüdische Erzähler. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 – Themen · Inhalte · Formen. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 93 ff.

Der vielfach ausgezeichnete, späte Debütroman Wartime Lies (1991) von Louis Begley thematisiert dagegen die Erinnerung an den Holocaust und verweist explizit auf den Zusammenhang zwischen individueller und kollektiver Erfahrung. Der Erzähler schildert, wie er als neunjähriger Junge in Polen die Besetzung durch die Nationalsozialisten nur durch die Verleugnung seiner eigenen Identität überleben konnte. Diese Erinnerung des Erzählers ist bestimmt durch die selbstquälerischen Vorwürfe aus der Perspektive des Überlebenden, der in Kenntnis der Leidensgeschichte seines Volkes die ihm als Kind aufgezwungene Preisgabe seiner Identität nur äußerst schmerzhaft einordnen kann.Vgl. Heiner Bus: Jüdisch-amerikanische Literatur. In: Hubert Zapf (Hrsg.): Amerikanische Literaturgeschichte. J. B. Metzler, Stuttgart 1996, ISBN 3-476-01203-4, S. 440–453, hier S. 448.

Mit den zwischen 1964 und 1996 erschienenen Kriminalromanen Harry Kemelmans wird das jüdische Milieu gleichzeitig zu einem Bestandteil der amerikanischen Unterhaltungsliteratur. An die Stelle von Chestertons Pater Brown tritt der Rabbi Small als ermittelnder Amateurdetektiv in einer spezifisch jüdischen, jedoch auch für nichtjüdische Leser verständlichen Umgebung. Kemelmans erfolgreiche Rabbi-Small-Romane machen nicht nur gleichsam als Nebeneffekt eine größere Leserschaft mit jüdischen Denkweisen und Gebräuchen vertraut, sondern spiegeln in der literarischen Szene der USA auch die veränderte Stellung jüdischer Erzählkunst, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend ihre Marginalität verloren hat.Vgl. Franz Link: Jüdische Erzähler. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 – Themen · Inhalte · Formen. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 95.

Jüngere Autoren wie etwa Alan Kaufman, Michael Chabon, Jonathan Safran Foer, Nicole Krauss oder Allegra Goodman wiederum setzen die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Identitätsproblem in ihren Arbeiten fort; weitere Themen sind hier neben dem Holocaust ebenso die fortschreitende Assimilation und der – besonders in der jüngeren Generation bestehende – Trend zur Neuentdeckung der jüdischen Traditionen. In zunehmendem Umfang beschäftigt sich die neuere jüdisch-amerikanische Literatur ebenfalls mit den Themen Israel, Zionismus, Antisemitismus und „Neuer Antisemitismus“.

So setzt sich auch Joseph Brodsky, der erst 1972 im Alter von 32 Jahren in die Vereinigten Staaten auswanderte und 1977 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, als New Yorker Exilant in seiner 1986 erschienenen Essaysammlung Less Than One mit dem stark verwurzelten Antisemitismus auseinander, mit dem er während seiner Kindheit und Grundschulzeit im russischen Leningrad zu kämpfen hatte. Deutsche Übersetzungen dieses Sammelbandes wurden unter den Alternativtiteln Erinnerungen an St. Petersburg und Erinnerungen an Leningrad veröffentlicht. Neben Bellow und Singer zählt Brodsky zu jenen amerikanischen Autoren jüdischer Herkunft, die bislang für ihre Werke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden.

Frühe jüdische Literatur Die Ursprünge jüdischer Kultur in Nordamerika lassen sich bis in die Kolonialzeit zurückverfolgen, nachdem sephardische Juden ab 1654 Zuflucht in Nieuw Amsterdam und Newport suchten. Diese Grundlagen wurden im 19. Jahrhundert mit der Einwanderung zentraleuropäischer Juden, die zumeist einem aufgeklärten Reformjudentum angehörten, zunehmend ausgebaut und verstärkt. Eine beachtliche ausgesprochen jüdische Literatur in den USA entstand schon bald nach dem Eintreffen der ersten Welle vornehmlich orthodoxer Juden aus Osteuropa nach den Pogromen 1831/1832.

Als erste bedeutende jüdisch-amerikanische Lyrikerin reagierte Emma Lazarus 1832 darauf mit ihren Songs of a Semite. Das von ihr 1883 verfasste Sonett The New Colossus wurde zwei Jahre später in den Sockel der neu errichteten Freiheitsstatue in New York eingraviert und spiegelte eindrücklich den wachsenden Einfluss der jüdischen Immigranten.

Wie in Mary Antins Autobiografie The Promised Land (1912) stellte Lazarus in ihrem Willkommensgruß an die Neuankommenden dem negativ gezeichneten Bild der Alten Welt die Vorstellung einer idealistisch verklärten Neuen Welt gegenüber, die erst von der nachfolgenden Autorengeneration kritisch in Frage gestellt wurde.Vgl. Heiner Bus: Jüdisch-amerikanische Literatur. In: Hubert Zapf (Hrsg.): Amerikanische Literaturgeschichte. J. B. Metzler, Stuttgart 1996, ISBN 3-476-01203-4, S. 440–453, hier S. 441 f. Siehe auch Franz Link: Jüdische Erzähler. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 – Themen · Inhalte · Formen. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 93 ff.

In den jüdischen Familien Osteuropas spielte die jiddischsprachige Literatur, die durch Autoren wie Mendele Moicher Sforim bereits im 19. Jahrhundert eine hohe Reife erlangt hatte, eine wichtige Rolle. Mit den über zwei Millionen osteuropäischer Juden, die zwischen 1880 und 1920 ihre Heimatländer verließen, gelangte diese jiddische Literatur ebenso in die Vereinigten Staaten.

Die ersten jiddischen Schriftsteller, die sich in den USA zu einer „Schule“ formierten, waren die „Sweatshop Poets“, unter denen Morris Winchevsky, David Edelstadt, Joseph Bovshover, Eliakum Zunser und vor allem Morris Rosenfeld die bedeutendsten waren.Dieter Langewiesche, Jürgen Osterhammel, Paul Nolte, Hans Ulrich Wehler: Geschichte und Gesellschaft. Vandenhoeck & Ruprecht, 2003, S. 122. Ihre kreative Zeit hatte diese Gruppe etwa zwischen 1880 und 1905. In ihren Gedichten prangerten die „Sweatshop Poets“ die unmenschlichen Arbeitsbedingungen an, denen die jüdischen Einwanderer in den Manufakturen der New Yorker Lower East Side ausgesetzt waren. Dieser revolutionären Poesie folgte 1907/1908 eine neue Generation jüdischer Autoren, die sich „Di Yunge“ („Die Jungen“) nannten und in der Literatur nicht Sozialkritik, sondern Schönheit suchten. Die führenden Dichter in dieser Gruppe waren Mani Leib, H. Leivick und Moyshe Leyb Halperin, sie umfasste jedoch auch Erzähler wie David Ignatoff und Isaac Raboy.The Sweatshop Poets. Di Yunge.

In dem Maße, in dem die osteuropäischen Einwanderer sich einlebten und in der amerikanischen Gesellschaft aufgingen, gaben die Autoren unter ihnen es auf, jiddisch zu schreiben. Eine Ausnahme bildet der 1904 in Polen geborene Isaac B. Singer, der in Warschau aufwuchs und dort begann, Geschichten zu schreiben. Er wanderte 1935 in die USA aus. Seine Erzählungen spielen im Vorkriegspolen wie in den Lagern Hitlers und Stalins oder berichten von den Schicksalen der Immigranten aus Polen. Singer, der 1978 den Literaturnobelpreis erhielt, schrieb zuerst hebräisch, später jiddisch.

Amerikanische Ideale und jüdische Immigrantenerfahrung Die jüdisch-amerikanische Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde insbesondere geprägt durch zahlreiche Biografien, Romane und Kurzgeschichten, in denen das Schicksal der jüdischen Immigranten und die Suche der Einwanderer und ihrer Nachkommen nach einem festen Platz in der neuen, noch fremden Heimat thematisiert wird. Ein wiederkehrendes zentrales Motiv ist dabei bis zum Ende der dreißiger Jahre vor allem der Identitätskonflikt im Spannungsfeld zwischen Alter und Neuer Welt.Vgl. Franz Link: Jüdische Erzähler. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 – Themen · Inhalte · Formen. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 93.

So schildert der 1896 veröffentlichte Kurzroman Yekl: A Tale of the New York Ghetto des aus Russland stammenden Autors Abraham Cahan die Identitätssuche des Einwanderers Yekl, die in tragikomischer Form mit den Selbstzweifeln und der Ungewissheit des Protagonisten über seine weitere Zukunft endet. Cahan stellt dem Protagonisten jedoch die Figur des Talmudgelehrten und Englischlehrers Bernstein gegenüber, dem es aus einer kritisch-distanzierten Perspektive gelingt, die kulturellen Gegensätze miteinander zu vereinbaren. Anders als in nachfolgenden Werken versucht Cahan in diesem Kurzroman noch die typischen Merkmale des Jiddischen in das Englische zu übertragen, um seine Skizze des jüdischen Immigrantenmilieus zu stützen. 1917 greift Cahan in der fiktionalen Autobiografie The Rise of David Levinsky die Thematik des Identitätskonfliktes der jüdischen Immigranten wieder auf. Der Titelheld ist ein orthodoxer russischer Talmudstudent, der nach seiner Einwanderung schon bald seinen sozialen Aufstieg in der New Yorker Bekleidungsindustrie erlebt. Dabei wird er jedoch zu einem überangepassten amerikanischen „allrightnik“, der erst in der Rückschau die Spannungen und Widersprüche zwischen Vergangenheit und Gegenwart erkennt. Der Verlust der europäischen und jüdischen Heimat mündet letztlich in seiner Selbstentfremdung und Orientierungslosigkeit, die allerdings durch die nostalgischen Erinnerungen und die Darbietungsform des Klageliedes teilweise ironisch überlagert wird.Vgl. Heiner Bus: Jüdisch-amerikanische Literatur. In: Hubert Zapf (Hrsg.): Amerikanische Literaturgeschichte. J. B. Metzler, Stuttgart 1996, ISBN 3-476-01203-4, S. 440–453, hier S. 442.