Kierdorf ist ein nordöstlicher Stadtteil von Erftstadt im Rhein-Erft-Kreis. Der Ort liegt zwischen Erftstadt-Köttingen und Kerpen-Brüggen. Der heutige Ort Kierdorf besteht aus den inzwischen zusammengewachsenen Dörfern Kierdorf und Roggendorf sowie den Siedlungen Schildgen und Zieselsmaar. Bis Ende der 1950er-Jahre wurde Roggendorf noch mitgenannt; es war jahrhundertelang sogar bedeutender als Kierdorf.
Geschichte Frühgeschichte und Römische Zeit Bereits in der Latènezeit bestand eine Siedlung zwischen Kierdorf und Köttingen, die nach Untersuchungen des Kölner Archäologen P. A. Tholen durch mehrere Grabhügel belegt ist.Peter Simons: Die Gemeinde Kierdorf. Liblar 1940, S. 7, 38–41, 63–65 und 87–91 Im Bereich des heutigen Kierdorf, zwischen Kierdorf und Roggendorf sowie nördlich von Kierdorf, wurden römische Siedlungen nachgewiesen. Die entdeckten Körpergräber mit Grabbeigaben wie einem Glasbecher, Einhenkelkrügen, Tellern und anderen zum Teil noch unversehrt erhaltenen Keramiken konnten in das 2. und 3. Jh. nach Chr. datiert werden. Auch ein römischer Veteran der Legio I Germanica hatte sich auf dem ihm zugewiesenen Land niedergelassen, dessen Grabstein, eine 80 cm hohe Stele aus Kalkstein, beim Abraum der Braunkohlengrube Vereinigte Ville entdeckt wurde.Bernhard Schreiber: Archäologische Funde und Denkmäler im Erftstädter Raum. Erftstadt 1999, S. 142–143.
Mittelalter Als die Franken um 450 das Land endgültig in Besitz nahmen, waren viele römische Siedlungen aufgegeben und große Ackerflächen über Generationen nicht mehr bearbeitet worden. Im Laufe der Zeit hatte sich das Waldgebiet der Ville bis in das vormals besiedelte Gebiet hinein ausgedehnt. Im Auftrag des fränkischen Königs wurden die verwaldeten Flächen gerodet, um sie wieder nutzbar zu machen. Rodetrupps, die nach ihrem Anführer genannt wurden, ließen sich in den von ihnen gerodeten Gebieten nieder. Roggendorf gehört zu den Orten, die auf einer Rodung gegründet wurden.Fritz Wündisch: Brühl. Mosaiksteine zur Geschichte einer kurkölnischen Stadt. Köln 1987, S. 27.
mini|Ausschnitt aus einer Aufzeichnung der Abtei Deutz mit Nennung der Pfarre Roggendorf
Roggendorf wurde erstmals 1113 als „Rouchesdorp“ in einer Urkunde des Bonner Klosters Dietkirchen genannt, in der 12 Personen aus Roggendorf sich das Wachszinsigenrecht beurkunden ließen, das sie wie ihre Väter von der Äbtissin von Dietkirchen erhalten hatten. Für dieses Recht zahlten sie jährlich eine Geldabgabe auf den Altar des heiligen Petrus in der Kirche des Klosters Dietkirchen. Ferner mussten die Inhaber der Hofesgüter beim Neuempfang der Hofesgüter eine Kurmud zahlen, die Männer gaben das beste Stück Vieh, die Frauen ihr bestes Kleid.Landesarchiv NRW Düsseldorf Bestand Dietkirchen Urkunde 4 (alte Signatur), veröffentlicht in Karl und Hanna Stommel: Quellen zur Geschichte der Stadt Erftstadt. Band II, Nr. 9a (Nachtrag)
An der Heerstraße von Bonn nach Düren und Aachen (heute Friedrich-Ebert-Straße) stand schon vor dem Jahr 1000 an Stelle der heutigen Kirche eine kleine Saalkirche, die Tholen nach einer im Pfarrarchiv aufbewahrten Zeichnung beschreiben konnte. Ihre Maße von 6,50 m × 5 m entsprach dem der frühen alten Landkirchen, die ohne Turm gebaut waren. Im 11. oder 12. Jahrhundert wurde an der Nordseite ein kleines Seitenschiff angefügt. Tholen, der den noch erhaltenen romanischen Turm untersuchte, ging davon aus, dass er um 1150 erbaut wurde. Nach heutigen Untersuchungen entstand er um 1165 und zählt zu den bedeutendsten Baudenkmälern Erftstadts.
Die kleine Siedlung in der Nähe der Kirche wurde Kierdorf (Kirchdorf) genannt. Der Ortsname Kierdorf wurde erstmals 1233 erwähnt. Damals besaß das Kölner Stift St. Severin eine Grundherrschaft in Kierdorf, zu der auch die Zehntrechte gehörten. Bei einer Güterteilung zwischen Propst und Kapitel erhielt der Propst die Vogtei, den Fronhof (curtis sancti Severini) und das Patronatsrecht zu Kierdorf.Historisches Archiv der Stadt Köln, Bestand Severin Repertorien und Handschriften I Bl. 165, veröffentlicht in: Karl und Hanna Stommel: Quellen zur Geschichte der Stadt Erftstadt. Band I, Nr. 465.
Hieß die Pfarre in der um 1155 entstandenen Handschrift der Abtei Deutz Roggendorf (in der Abschrift: Reggendorp),Historisches Archiv der Stadt Köln Bestand Abtei Deutz Repertorien und Handschriften II, Abschrift des verschollenen Codex thiodorici so wurde in einem um 1308 entstandenen Verzeichnis der Kirchen der Erzdiözese Köln und ihrer Einkünfte, dem Liber valoris, die Kirche in Kierdorf als Pfarrkirche genannt.Friedrich Wilhelm Oediger: Der Liber Valoris. Bonn 1967, .
An der heutigen Ecke Berrenrather Straße / Friedrich-Ebert-Straße lagen im 14. Jahrhundert Höfe, die den Ort Zieselsmaar bildeten. Sie wurden im Laufe der Zeit mit Ausnahme eines kleinen Höfchens an das Stift St. Severin verkauft und die Ländereien dem Hof des Stiftes zugeschlagen. Der Fronhof in Kierdorf, der 1380 zusammen mit dem Hof in Zieselsmaar verpachtet war, wurde nach 1400 nicht mehr genannt.
Die Höfe des Klosters und späteren Stiftes Dietkirchen in Roggendorf waren im 15. Jahrhundert als Lehen an Adelige vergeben.Landesarchiv NRW Düsseldorf, Bestand Kurköln, II 5254, Bl. 151–166
Die Mühle des Stiftes lag in Brüggen. Mit der Burg Brüggen war die Familie von Turre genannt von der Zieselsmaar belehnt. Wilhelm von der Zieselsmaar, der letzte der Familie, vererbte sie 1486 an die Familie von Zweiffel.Landesarchiv NRW Düsseldorf, Bestand Zweiffel, Urkunde Nr. 28.
Neuzeit Verwaltung Kierdorf und Roggendorf bildeten zusammen mit Brüggen eine Honschaft im kurkölnischen Amt Lechenich und gehörte zum Gerichtsbezirk Lechenich. Die Grenze zu Dirmerzheim bildete der Limerssteg.
Zieselsmaar wurde zu Kierdorf gehörend gezählt, Schildgen, ursprünglich die Bezeichnung für einen Acker, zu Roggendorf. Erst im 17. Jahrhundert bestand auf dem Schildgen zu Roggendorf ein Hof, dessen Besitzer Gastwirt war, der aber auch Landwirtschaft betrieb.
Seit 1700 sind Ortsvorsteher und Gemeindemänner bekannt, die die landesherrlichen Steuern aushoben, Aufsicht bei den Diensten für den Kurfürsten führten wie Instandsetzungsarbeiten an der Bonn-Aachener Heerstraße und weitere kurfürstliche Anweisungen durchführten. Sie waren verpflichtet, dem Amtmann oder dem Amtsverwalter die Gemeinderechnung über Einkünfte und Ausgaben der Honschaft vorzulegen.Archiv Schloss Gracht, Akten 59.
Lebensverhältnisse mini|Ausschnitt aus einer Ansicht der belagerten Stadt Lechenich und der Umgebung
Die Einwohner von Kierdorf und Roggendorf lebten wie die Einwohner der übrigen Orte der heutigen Stadt Erftstadt von der Landwirtschaft. Fast alle waren Kleinbauern mit nur wenigen Morgen Land und ein wenig Vieh. Bis ins 15. Jahrhundert wurde in Kierdorf auch Wein angebaut, woran die Straßenbezeichnung „Im Weingarten“ erinnert.Historisches Archiv der Stadt Köln, Bestand Severin, Urkunden Nr. 2/72, 1/74 und 2/356.
Die Einwohner waren stark belastet durch viele Abgaben. Sie zahlten den großen Zehnt an das Stift St. Severin in Köln, mussten Grundpacht und Rauchhühner an die kurfürstliche Kellnerei in Lechenich liefern und landesherrliche Steuern zahlen. Hagelschlag und Misswachs vernichteten häufig große Teile der Ernte. Die Erft verursachte riesige Überschwemmungen, bei der die Benden tagelang unter Wasser standen.
Im Jahre 1661 hatte die Honschaft 84 Häuser, ferner ein Pfarrhaus in Kierdorf, das adelige Haus sowie ein Vikariehaus und die Mühle in Brüggen. Der größte Ort war Brüggen mit etwa 43 Häusern. Kierdorf hatte etwa 18 Häuser, Roggendorf etwa 23 Häuser.Historisches Archiv der Stadt Köln Bestand Domstift Akten 452 B 29 Bl. 1–15, veröffentlicht in Stommel, Quellen IV Nr. 2560.
Im sogenannten Hessenkrieg wurde 1642 bei der Belagerung Lechenichs Roggendorf beim Abzug der Belagerer in Brand gesteckt.Mathias Sarburg: Die heldenhafte Verteidigung von Burg und Stadt Lechenich 1642. Köln 1643.
Die Orte der Honschaft waren wie alle Orte der heutigen Stadt Erftstadt im 17. und 18. Jahrhundert durch zahlreiche Truppendurchmärsche, Einquartierungen, Plünderungen, Serviceleistungen, Fouragelieferungen und Kontributionen stark belastet.
Die Einwohner hatten das Recht, in der Ville Brandholz zu sammeln, doch nur für den Eigenbedarf. Förster und Buschhüter wachten darüber, dass niemand gegen die Ordnung verstieß. Holzdiebstähle wurden gemeldet und bestraft. Vom ursprünglich gemeinsamen Besitz, der Almende wurde der Gemeindebroich teils als Viehweide, teils zum Holzabbau, spätestens seit dem 18. Jahrhundert zum Turffabbau genutzt, um Klütten als Heizmaterial zu gewinnen und für den Verkauf zu produzieren. 1773 erließ der Kölner Kurfürst Maximilian Friedrich eine neue Buschordnung für den Kierdorfer Broich, in der u. a. die Einwohner verpflichtet wurden, ausgebeutete Kaulen wieder mit Erde aufzufüllen.
Broichanteile, sogenannte Broichrechte, gelangten seit dem 16. Jahrhundert durch Verkauf in den Besitz von Adel und Geistlichkeit. Die meisten Broichanteile erwarben die Herren Wolff Metternich zur Gracht, denen Ende des 18. Jahrhunderts große Teile des Kierdorfer Broiches gehörten.
Kirche, Pfarre und Schule Im Jahre 1517 verzichtete das Kapitel von St. Severin auf die Patronatsrechte. Die Kirche wurde dem Kloster Bottenbroich inkorporiert, doch die Zehnteinkünfte erhielt weiter das Kapitel von St. Severin.Landesarchiv NRW Düsseldorf, Bestand Bottenbroich, Repertorien und Handschriften 1, Bl. 38–39.
Im Jahre 1776 übernahm das Kloster Marienstatt das Priorat Bottenbroich und damit die Besetzung der Pfarrstelle in Kierdorf.Hans Elmar Onnau: Kloster Bottenbroich. In: Klöster und Stifte im Erftkreis. Pulheim 1988, ISBN 3-7927-1044-7, S. 85–106.
Kirche und Schule waren eng verbunden. Ein Küsterlehrer unterrichtete die Kinder in einem Schulhaus, das seit 1730 häufig repariert und dessen Strohdach neu gedeckt wurde.Archiv Schloss Gracht, Akten 59, Honschaftsrechnungen.
Französische Zeit Bei der im Auftrag der französischen Regierung erfolgten Schaffung neuer Verwaltungsbezirke im Jahr 1798Joseph Hansen (Hrsg.): Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der französischen Revolution 1780–1801. Band IV, Nr. 76 und Nr. 100, veröffentlicht in Stommel: Quellen. Band V, Nr. 3041. und der Neuorganisation der Verwaltung nach französischem Vorbild unter Napoleon im Jahr 1800 wurde die alte Honschaft aufgelöst und der Ort Brüggen ausgegliedert. Kierdorf, Roggendorf sowie Schildgen und Zieselsmaar bildeten die Gemeinde Kierdorf und zusammen mit den Gemeinden Liblar und Bliesheim die Mairie Liblar im Kanton Lechenich.Max Bär: Die Behördenverfassung der Rheinprovinz seit 1815. Bonn 1919, S. 42 ff.
Nach den im Jahr 1801 aufgezeichneten Einwohnerlisten hatte die Gemeinde Kierdorf insgesamt ungefähr 290 Einwohner, davon waren 63 Kinder. Kierdorf und Roggendorf hatten jeweils etwa 30 Haushalte, davon waren in Kierdorf 27 Familienvorstände, die als Arbeiter (ouvrier) bezeichnet wurden, in Roggendorf waren es 23. Es waren Tagelöhnerfamilien, die, um ihren Lebensunterhalt zu verbessern, in den Turffgruben arbeiteten und Klütten herstellten.Karl Stommel: Die französischen Einwohnerlisten aus Erftstadt. Stadt Erftstadt 1989, S. 264–283.
Durch die Säkularisation im Jahr 1802 wurden Klöster und Stifte aufgehoben, ihre Besitzungen verstaatlicht und in den folgenden Jahren verkauft. In der Gemeinde Kierdorf waren das die Besitzungen von St. Severin sowie die anderer geistlicher Institutionen.W. Schieder (Hrsg.): Säkularisation und Mediatisierung in den vier rheinischen Departements, Kanton Lechenich. Boppard 1991, S. 480.
Preußische Zeit Die Gemeinde Kierdorf gehörte in preußischer Zeit zur Bürgermeisterei und seit 1927 zum Amt Liblar. Die beiden großen Orte blieben Kierdorf und Roggendorf.