Die Gruppe der afrikanischen Religionen bildet nach dem Christentum und dem Islam den drittgrößten Religionskomplex Afrikas, der eine Vielzahl von ethnischen Religionen, Kulten und Mythologien umfasst, die es in verschiedensten Ausprägungen auf diesem Kontinent gibt und die trotz aller Unterschiede zahlreiche grundlegende Gemeinsamkeiten aufweisen. Da die arabisch geprägten Regionen Nordafrikas im Zuge der islamischen Expansion (Mitte des 7. bis zum 8. Jahrhundert) und danach islamisiert wurden, bezieht sich dieser Artikel prinzipiell auf Subsahara-Afrika.

mini|Ethnolinguistische Gruppen in Afrika, Stand 1996

Vorbemerkung Laut Encyclopædia Britannica betrug die Anzahl der Anhänger traditioneller Religionen im Jahr 2003 etwa 100 Millionen, wobei diese Zahl aufgrund intensiver Missionstätigkeit durch Christen und Muslime stetig zurückgeht.Britannica Book of the Year 2003. Encyclopædia Britannica, 2003, ISBN 0-85229-956-7, S. 306.

Bis heute leben auf dem Kontinent fast 3000 unterschiedliche Ethnien mit mindestens 1000 verschiedenen Sprachen und zahlreichen unterschiedlichen Kulturräumen.Britannica. Band 13, S. 59f. Entsprechend ausführlich muss daher die Betrachtung der afrikanischen Religionen ausfallen, vor allem ihrer generellen religiösen Grundlagen im Rahmen ihrer ökosozialen Beziehungsgeflechte. Die Darstellung der religiösen Grundlagen muss allerdings vor allem hier insoweit eingeschränkt werden, als ein zeitlicher Rahmen nach oben hin zu setzen ist, der sich in etwa auf die Zeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bezieht, als die Periode massiver europäischer Kolonisationen begann. Aktuelle Zustände sind hingegen für die Beurteilung nicht primär relevant, da sich die religiösen Muster Afrikas seither rapide geändert haben, obwohl bis in unsere Tage hinein zahlreiche dieser ethnischen Religionen lebendig geblieben sind, ja unter dem Einfluss eines steigenden afrikanischen Selbstbewusstseins manchmal wieder kulturprägend wurden.

Der zwischen Gegenwart und Vergangenheit schwankende Tempuswechsel in der folgenden Darstellung spiegelt diese Tatsache wider, denn es ist/war nie genauer zu ermitteln, ob bestimmte Religionen noch vollständig, teilweise, in Spuren, nicht mehr oder erneut und in der geschilderten Form oder in mehr oder weniger synkretistischer Gestalt bestehen/bestanden. Er wurde daher als inhaltliches Kriterium bewusst so belassen und bildet de facto als vor allem volksreligiöser, mitunter schichtspezifischer Unsicherheitsfaktor ein weiteres wesentliches Charakteristikum afrikanischer Religionen, wie sie sich in der Gegenwart präsentieren.

Wie für alle ethnischen Religionen typisch, können zwar einige Gemeinsamkeiten beschrieben werden, doch grundsätzlich gilt, dass es sich auch bei den afrikanischen Religionen um jeweils eigenständige Glaubenssysteme handelt, die sich nur für uneingeweihte Dritte oftmals schwer voneinander abgrenzen lassen.

Grundlegende religiöse Phänomene und Konzepte der afrikanischen Religionen mini|Grobverteilung der afrikanischen Religionen

mini|Kruzifix aus dem Kongobereich, 17. Jahrhundert, Kupferlegierung. Ein typisches Synkretismusphänomen, denn das von Missionaren im 15. Jahrhundert als Ergänzung zu den Stäben und Zeptern der dortigen Häuptlinge eingeführte Symbol wurde später „afrikanisiert“ und blieb auch nach dem Verschwinden der Missionare im 18. Jahrhundert erhalten, denn das Kreuz war in der Kosmologie der Kongovölker Zeichen des Zusammentreffens der diesseitigen mit der Geisterwelt.

Cavendish notiert:Cavendish, S. 207. „Im allgemeinen muss man über die afrikanischen Religionen … in der Vergangenheitsform sprechen. Die meisten Afrikaner haben bereitwillig oder unter Zwang den Islam (z. B. in Nord- und Westafrika, im Sudan und in Somalia) oder das Christentum (im größten Teil Zentral- und Südafrikas) angenommen. Nur sehr wenigen Stämmen wie den ihrer kulturellen Tradition besonders bewussten Yoruba in Nigeria ist es gelungen, ihre ursprüngliche Religion mit einem vollständigen Pantheon zu bewahren.“ Allerdings sind diese Hochreligionen vor allem im Bereich der Volksreligiosität außerhalb der großen Städte oft nur ein dünner Firnis, unter dem sich die alten Religionen teilweise synkretistisch erhalten haben, und bei zurückgezogen lebenden Völkern findet man sie durchaus noch in der Reinform.

Allgemeine Charakteristika:Murray, S. 31–37. Verallgemeinert sind Christentum und Islam Religionen der Städte. Afrikanische Religionen sind eher außerhalb der Städte verbreitet. Die Religionen durchdringen alle Lebensbereiche und bilden keine separate Welt. Jedes Ereignis im Leben wird auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt. Religion wird als Geburtsrecht erworben, Religionsübertritte sind nicht vorgesehen. Die Bindung an einzelne Lebensabschnitte ist intensiv. Die Vorstellung einer Lebenskraft, die die diesseitige mit der metaphysischen Welt verbindet, ist zentral. Die afrikanische Religion ist lebensbejahend und hat für Askese wenig übrig. Ihr höchster Wert ist die allseitige Harmonie, vor allem im Rahmen der sozialen Gemeinschaft wie Familie, Klan, Sippe, Stamm, Lineage usw. Im Volksglauben verbirgt sich allerdings auch viel Angst vor Geistern, Ahnen, Magie usw.Anton Vorbichler: Wenn Bantu Christen werden. Religionswissenschaftliche und missionspastorale Analyse. In: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, Jg. 62 (1978), S. 1–20, hier S. 14. Götter: All diese Völker haben die Vorstellung eines Hochgottes oder Schöpfergottes, der jenseits der menschlichen Vorstellung und unerreichbar ist, mitunter auch als Sippenahnengeist oder Herr der Tiere bzw. Erdherr auftritt. Diese Gottheit ist oft geschlechtsneutral, mitunter auch männlich oder weiblich. In einigen Fällen hat sich daneben wie etwa bei den Yoruba Westafrikas ein systematisiertes polytheistisches Pantheon entwickelt, zu dem auch Kulturheroen gehören. Kosmogonie: Sie ist zentral in allen afrikanischen Glaubensvorstellungen und enthält die Ursprünge der Völker und ihre einstigen Wanderungen. Weiter erklärt sie die grundlegenden weltanschaulichen Fragen jeder Kultur wie den Ursprung von Leben und Tod, die Natur der Gesellschaft, die Beziehungen zwischen Mann und Frau und von Lebenden und Toten etc. Soziale Werte werden meist in Mythen, Legenden, Sagen, Märchen, Rätseln und dergleichen verschlüsselt; sie sind daher für Außenstehende oft nicht leicht zu deuten, da sie oft spezifische historische, lokale und soziologische Inhalte transportieren. Mythen:Cavendish, S. 206–228. Die afrikanischen Mythen weisen Themen auf, die für viele Völker gemeinsam sind und unterscheiden sich innerafrikanisch hauptsächlich in den Einzelheiten, nicht in den Grundvorstellungen. Die meisten handeln vom Ursprung und Tod des Menschen und einigen wenigen Bräuchen. Einige erzählen von der Schöpfung, vom Verlust des Paradieses und der Unsterblichkeit. Allerdings scheinen in manche dieser Mythen auch christliche Elemente eingedrungen zu sein. Anthropozoomorphe Mischwesen sind vor allem in der afrikanischen Maskenkunst präsent.Herold, S. 17, 44f, 66ff etc. Daneben gibt es Mythen über Geister, Magie und Hexen, Krankheiten usw. Dabei fallen Bezüge zu anderen Kontinenten und ihren Mythen auf. Ein weiteres Mythenthema ist die Gesellschaftsordnung und ihre Entstehung. Vor allem in westafrikanischen Mythen spielen Zwillinge eine wichtige Rolle, dazu Flussgötter und Dämonen. Gemeinschaft: Die afrikanischen Religionen betonen durchweg die Bedeutung der Gemeinschaft und legen weit weniger Wert auf die Bedeutung des Einzelnen. Da sie die gemeinschaftsformenden Faktoren betonen, unterscheiden sich die Religionen vor allem dann voneinander, wenn dies die Gesellschaften auch tun. Dies ist nicht nur für Westafrika typisch, sondern gilt mehr oder weniger für alle Völker des Kontinents. Eine wesentliche Ursache dieses für Europäer ungewohnten Verhaltens liegt nach Ansicht der Kolonialherren in der Tatsache, dass Afrika sehr wenig fruchtbare Böden aufweist, der Bezug zum Boden im Gegensatz zu anderen Kontinenten, insbesondere zu Europa, also gering ausgeprägt war. Umso wertvoller für das Überleben der Gesamtheit war dagegen der Zusammenhalt der Gemeinschaft, insbesondere die menschliche Arbeit. Das gilt nicht nur für nomadisierende Jäger und Sammler, bei denen diese Haltung quasi natürlich ist, sondern auch für die bäuerliche Bevölkerung insgesamt.Bertaux, S. 27–32. Ahnen: Es herrscht allgemein die Vorstellung von Ahnen- und Totengeistern, die unter Umständen göttliche Qualitäten erlangen können. Die Ahnen, die oft als Mitglieder der Familie betrachtet werden, haben ihren Platz unter den wichtigsten kosmischen Mächten, und vor allem in den westafrikanischen Religionen bestimmen sie weitgehend deren Charakter, wirken schützend und helfend in das Alltagsleben hinein, wie die Wächterfiguren in zahlreichen afrikanischen Kulturen auch figürlich demonstrieren.Herold, S. 8–18. Nicht jeder Tote erreicht allerdings den Status eines Ahnen. Ahnen verhalten sich ähnlich wie Schutzgeister. Mit Hilfe von als Medium befähigten Menschen, Träumen oder Visionen können die Ahnen ihre Wünsche kundtun, die dann möglichst erfüllt werden müssen. Es gibt allerdings keineswegs überall eine Ahnenanbetung im engeren Sinne eines Ahnenkultes. Tatsächlich scheinen die afrikanischen Gottesvorstellungen aus dem Ahnenkult hervorgegangen zu sein.Tworuschka, S. 432. Auch die Vorstellung der Besessenheit durch Geister, insbesondere bei Medien, existiert bei einigen Völkern vor allem Zentralafrikas und des nilotischen Sprachkreises, findet sich aber im Prinzip überall in Afrika. Trance bzw. Ekstase und Séancen, meist durch Tänze etc., nie durch Drogen, sind dabei üblich. Die Besessenheit kann positiv sein und durch Medizinmänner genutzt werden oder negativ als Folge einer Übernahme durch eine feindliche Geistmacht, die dann vertrieben werden muss. EliadeEliade: Schamanismus, S. 355. definiert wie folgt: „Der wesentliche Unterschied zwischen Zauberern und Inspirierten besteht darin, dass die Zauberer nicht von den Göttern und Geistern »besessen« sind, sondern im Gegenteil einen Geist zur Verfügung haben, der für sie die eigentliche magische Arbeit tut.“ Geister: Die wichtigsten Geistmächte stehen gewöhnlich in Verbindung mit Dingen oder Wesen, mit denen die Menschen täglich umgehen oder die sie aus der Vergangenheit kennen. Verschiedene Arten von Geistern sind unterschiedlichen Ebenen zugeordnet: Luft, Erde, Flüsse, Wälder, Berge, Donner, Erdbeben, Epidemien usw. Oft sind die Geister Personifizierungen dieser natürlichen Gegebenheiten oder sie sind die Seelen dieser Naturerscheinungen (→ Animismus). Viele Geister sind in die Familiengeschichte eingebunden. Magie, Zauberei und Hexerei: Bis heute ist der Glaube an Hexerei und Zauberei ausgeprägt und diente und dient vor allem dazu, den Menschen, die sich ihrer geringen Kontrolle von Natur und Gesellschaft durchaus bewusst waren, Unglücksfälle und Schicksalsschläge aller Art zu erklären. Bei den Yoruba werden Hexen und Zauberer allerdings auch positiv gesehen. Bei den westafrikanischen Völkern sind Hexen stets weiblich. Talismane sind zur Abwehr verbreitet. Mystische Kraft: Der Glaube daran ist gesamtafrikanisch. Menschen haben in unterschiedlichem Maße Zugang zu ihr. Wird sie gegen andere eingesetzt, gilt sie als Zauber oder Hexerei, gegen die sich die Gemeinschaft dann wehrt. Oft wird diese Kraft eingesetzt, um bestimmte positive Ziele zu erreichen (bis heute etwa in der Politik, im Fußball usw.). Der westafrikanische Voodoo ist ein Beispiel dafür, das als kulturelles Mitbringsel der Sklaven bis in die Karibik gelangt ist. (Für Rastafari, Candomblé, Umbanda und andere afroamerikanische Religionen ist die Ausgangslage ähnlich, allerdings meist komplizierter.) Wahrsagerei und Orakel, sogar Ordale sind weit verbreitet, ebenso die magische Beeinflussung des Wetters und Heilmagie. Der Begriff des Medizinmanns ist hier wie in anderen Kulturen dafür indikatorisch.