Richard Sapper (* 30. Mai 1932 in München; † 31. Dezember 2015 in Mailand) war ein in Mailand lebender deutscher Industriedesigner und Professor.

Er gilt als einer der wichtigsten Designer seiner Generation. Die Gestaltung der von ihm entworfenen Produkte zeichnet sich durch eine Synthese aus Innovationen und klarer Formensprache aus und ist oft humorvoll und überraschend.Michael Webb: Richard Sapper, Chronicle Books, San Francisco, 2002.Stephan Ott: Richard Sapper: You have to rely on your instinct. In: Form, Mai/Juni 2009. Sapper ist mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen geehrt worden, unter anderem erhielt er elf Mal den renommierten Compasso d’Oro und den Lucky Strike Designer Award der Raymond Loewy Foundation. Die von ihm gestalteten Produkte sind in den permanenten Sammlungen vieler Museen weltweit vertreten, wie des Museum of Modern Art (MoMA) in New York und des Londoner Victoria and Albert Museum.

Leben Richard Sapper stammte aus einer schwäbischen Fabrikanten- und Forscherdynastie und wuchs in Stuttgart auf. Er war ein Sohn des in Guatemala aufgewachsenen, gleichnamigen Jugendbuchillustrators Richard Sapper (1891–1964); sein Großvater Richard August Sapper (1862–1912) hatte ab 1887 mit weiteren Familienangehörigen in Guatemala ein Kaffeeimperium aufgebaut und war einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg mit seinen Söhnen nach Deutschland zurückgekehrt.Wilfried Krempien: Auf den Spuren der Tropenlandwirte und Maya-Forscher in Guatemala: Erwin-Paul Dieseldorff (1866–1940), Dr. Karl Sapper (1866–1945) und Hans Westendorff (1864–1928). In: Ursus. Mitteilungsblatt des Zoovereins und des Zoos Schwerin. 18. Jahrgang, Heft 1 (August 2012), S. 49–70 (hier: S. 66 u. ö.). mini|„Talbot-Spiegel“ an einem Mercedes 300 SL Nach dem Abschluss seines Studiums im Jahr 1956 sammelte Sapper erste Erfahrungen als Designer in der Styling-Abteilung von Mercedes-Benz. In dieser Zeit entstand der Außenspiegel für den Mercedes 300 SL, der von Talbot in Berlin hergestellt wurde.Uta Brandes: Richard Sapper. Werkzeuge für das Leben. Steidl Verlag, Göttingen 1993, Seite 87.Laut dem Verkaufsprospekt „Der große Erfolg: Talbot-Spiegel!“ von 1939 war Talbot & Co., Fabrik für Fahrzeugzubehör und Gleitschutzketten, in Berlin SW 61, Tempelhofer Ufer 17, ansässig. Es war 1939 noch nicht der bekannte stromlinienförmige Außenspiegel, sondern ein Innenspiegel, der unter anderem als „Unfallverhütend durch richtige Sicht nach hinten“ und „Mäßig im Preis“ (3,95 RM) angepriesen wurde. Schon 1958 zog er nach Mailand, wo er anfänglich im Büro des Architekten Gio Ponti arbeitete und anschließend für die Designabteilung des renommierten Kaufhauses La Rinascente, das damals eigene Produkte herstellte. 1959 begann Sapper seine langjährige Zusammenarbeit mit dem italienischen Architekten und Designer Marco Zanuso (1916–2001), die bis 1977 währte.Roberto Sambonet: Richard Sapper – 40 progetti di Design, Artemite litech, Mailand, 1988. Ab 1959 wirkten Sapper und Zanuso als Berater für Brionvega, ein italienisches Elektrounternehmen, das als Hersteller von Radios und Fernsehgeräten eine unverwechselbare Gestaltung seiner Geräte etablierte, um gegen die Konkurrenz aus Japan und Deutschland bestehen zu können. Gemeinsam entwarfen Sapper und Zanuso eine Reihe von Geräten, die zu Designikonen geworden sind.Uta Brandes: Richard Sapper: Tools for Life, Steidl Verlag, Göttingen, 1993. Zugleich standen diese Geräte am Beginn einer Entwicklung zu kleinen, beweglichen Apparaten, die nicht mehr nur in Wohnräumen, sondern überall genutzt werden können. Zu den bedeutendsten Entwürfen zählen der gerundete, kompakte und tragbare Doney 14 (1962), der erste Fernseher, der nur mit Transistoren funktionierte, sowie das Radio TS502 (1965), ein würfelförmiges Gerät mit Scharnier, das beim Öffnen Lautsprecher und Kontrollknöpfe enthüllt. Der plastische Minimalismus der beiden Designer wird in dem Entwurf für das kompakte Falttelefon Grillo deutlich, das sie für Siemens und Italtel 1965 schufen. Grillo war das erste Telefon mit einer aufklappbaren Sprechmuschel und wurde damit zum Vorläufer des Clamshell-Designs der Klapphandys. 1964 entwarfen Sapper und Zanuso den K1340 für Kartell, einen sehr leichten und stapelbaren Kinderstuhl und zugleich den ersten Stuhl, der vollständig aus Kunststoff hergestellt wurde.

Zu Beginn seiner Selbstständigkeit 1959 entwarf Sapper die Static-Tischuhr für Lorenz, die ihm den ersten Compasso d’Oro einbrachte und noch heute in Produktion ist.

mini|alt=Schreibtischlampe Tizio. Auf einem zylindrischen Sockel ein dreigliedriges, bewegliches Gestell aus schwarzen Metallstreben, mit Gegengewichten ausbalanciert, am oberen Ende eine nach unten gerichtete Halogenlampe.|Eine Besonderheit der Schreibtischlampe Tizio sind die als elektrische Leiter genutzten Metallstreben des Gestells, die so eine Verkabelung ersetzen. Außerdem kann durch die Gegengewichte die Lampe in einer beliebigen Position eingestellt werden, ein Gewichtsausgleich durch z. B. Zugfedern wie bei anderen Schreibtischleuchten wird damit überflüssig. 1972 entwarf Sapper für den Leuchtenhersteller Artemide die Schreibtischleuchte Tizio. Als eine der ersten Niedervolt-Halogenleuchten kam sie ohne Verkabelung aus, da der für den Betrieb nötige Strom durch die Arme des Gestells geleitet wird. Die Tizio ist zu einem der bekanntesten Kultobjekte geworden und bleibt eine der meistverkauften Leuchten, die je produziert wurden.Hans Höger: (1997) The Tizio-Light by Richard Sapper, Birkhäuser Verlag, Basel, 1997. Zusätzlich wurde die Leuchte mehrfach für ihr Design ausgezeichnet und unter anderem in die Sammlungen der New Yorker Museen Metropolitan Museum of Art und Museum of Modern Art aufgenommen.

Sapper schuf auch weitere Design-Klassiker, zum Beispiel eine Stoppuhr-Serie für Heuer 1976, die Sapper Chair-Bürostühle für Walter Knoll 1979 und den Klappstuhl Nena für B&B Italia 1984.

1978 beauftragte Alessi Sapper, das erste Produkt einer langen Serie zu gestalten, die Espressomaschine 9090. Es folgten der Wasserkessel Bollitore mit doppeltöniger Pfeife 1984, 1990 die Teekanne Bandung, die Espressomaschine Coban 1997, die Käsereibe Todo 2006 und viele andere. Die Cintura di Orione-Kochtopf-Serie für Alessi wurde 1986 und 2009 in Zusammenarbeit mit Küchenchefs wie Roger Vergé, Pierre und Michel Troisgros und Alain Chapel gestaltet.

1980 wurde Sapper leitender Berater für Industriedesign bei IBM und begann mit der Gestaltung zahlreicher Laptops, darunter den ersten ThinkPad (700C) 1992. Sapper brach mit der Tradition perlgrauer Maschinen, die das Unternehmen zuvor bevorzugte. Stattdessen entwarf er inspiriert von den Proportionen einer klassischen Zigarrenschachtel eine einfache und elegante schwarze rechteckige Box. Ein kleiner roter Knopf in der Tastatur, der TrackPoint, dient zur Cursorsteuerung. Sapper war noch 2008 Designberater für die Marke ThinkPad von Lenovo, die 2005 den PC-Geschäftsbereich von IBM erworben hatten.

Im Laufe seiner Karriere zeigte Sapper großes Interesse für Transportprobleme. Er arbeitete mit Fiat S.p.A. an experimentellen Autos, vor allem an der Entwicklung pneumatischer Stoßstangen, und mit Pirelli an der Entwicklung pneumatischer Strukturen. 1972 gründete er mit der Architektin Gae Aulenti eine Arbeitsgruppe für die Studie neuer Stadtverkehrssysteme. Dieses Thema entwickelte er im Rahmen einer Ausstellung an der XVI Triennale in Mailand 1979 weiter. Dort stellte er ein Projekt für einen Bus für FIAT vor, der Fahrgästen das Verstauen von Fahrrädern in einem Spezialständer ermöglichte. Ein Markstein dieser Arbeiten war die Gestaltung des Zoombike. Dieses ultraleichte Fahrrad wurde mit aus dem Flugzeugbau bekannter Technik versehen und ließ sich wie ein Regenschirm falten, um es in einem Kofferraum verstauen zu können.

Zu Sappers Kunden gehörten die Unternehmen Alessi, Artemide, B&B Italia, Castelli, Heuer, IBM, Kartell, Knoll, Lenovo, Lorenz, Magis, Molteni Unifor und Pirelli.

Er starb im Alter von 83 Jahren am 31. Dezember 2015 in Mailand. Die Beerdigung fand am 5. Januar 2016 in der evangelischen Kirche in der lombardischen Hauptstadt statt. Er wurde auf dem Friedhof in Musso, einem Ferienort am Comer See, in einem einfachen Grab beigesetzt.

Lehrtätigkeit Sapper hatte von 1986 bis 1998 die Professur für Industriedesign an der Kunstakademie Stuttgart inne. Er wurde 1986 als hauptamtlicher Professor zur Leitung der „innerhalb des Diplom-Studiengangs Produktgestaltung neugebildeten Klasse für Industrie-Design“ berufen.Wolfgang Kermer: Daten und Bilder zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Stuttgart: Edition Cantz, 1988 (= Verbesserter Sonderdruck aus: Die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart: eine Selbstdarstellung. Stuttgart: Edition Cantz, 1988), o. P. .

1985/1986 war er Gastdozent an der Yale University, 1986 an der Universität für angewandte Kunst Wien. Außerdem lehrte er in den 1990er Jahren an der Universität von Peking, dem Royal College of Art in London, der Domus Academy in Mailand und der Universität von Buenos Aires.

Zu seinem Unterricht an der Stuttgarter Akademie sagte Sapper 1995: „Um den Studierenden einen Einblick in die ungeheure Spannweite dessen zu geben, was man unter einem Industrieprodukt verstehen kann, werden von Semester zu Semester völlig verschiedene Aufgaben gestellt, die jedesmal ein neues Abenteuer garantieren. Die Studierenden versuchen, von einem Hirngespinst über Skizzen, Nachforschungen, Diskussionen, Änderungen, Vormodellen, Korrekturen, Fehlschlägen, totalen Neuanfängen, bis zum Ende des Semesters zu einem handfesten Objekt zu kommen, das man benutzen oder industriell fertigen kann. Der eigentliche Wert dieser Arbeit kann nicht am Ergebnis gemessen werden, sondern im Einblick in den Prozeß schöpferischer Entwicklung, den jeder Studierende für sich erarbeitet und bei jeder neuen Aufgabe dazugewinnt.Die Unterrichtsmethode in unserer Abteilung – eine Mischung von Vortrag, Befragung, Diskussion, Zeichnung und Erläuterung, Beispiel und Provokation – soll die Studierenden dazu erziehen, sowohl die Möglichkeiten als auch ihre Grenzen selbst zu erkennen, sie soll ihnen Mut machen und gleichzeitig ihre Fähigkeit zur Selbstkritik wecken.Das ist nur im engen Zusammenspiel zwischen Dozent, Assistent und Studierenden realisierbar, in einer vertrauensvollen und aufgeschlossenen Atmosphäre der Zusammenarbeit sowohl innerhalb der Klassengemeinschaft als auch zwischen den Mitgliedern des Lehrkörpers und den Studierenden.“Die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Realisiert von Studierenden der Klasse Hans-Georg Pospischil. Illustrationen: Heinz Edelmann. Stuttgart: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 1995, S. 57. - Die Schreibweise des Textes entsprechend der Vorlage.

Werk (Auswahl) mini|alt=Radio. Roter Kunststoffwürfel von etwa 15 Zentimetern Kantenlänge, aufgeplappt. Die schwarzen Schnittflächen sind sichtbar und zeigen links einen Lautsprecher und rechts die Bedienelemente (Knöpfe und Skalen) des Radios. Rechts eine halb ausgefahrene Teleskopantenne.|Klappradio für Brionvega, hier das Retromodell TS 522 von 2004 mini|alt=Flötenkessel aus poliertem Edelstahl, unten zylindrisch, darüber halbkugelförmig. Viertelkreis-förmiger Henkel aus schwarzem Kunststoff, messingfarbene Flöte mit zwei Pfeifen, nebeneinander liegend wie Orgelpfeifen.|Flötenkessel 9091 (Bollitore) für Alessi, 1983 mini|alt=Notebook. Kastenförmiges Gehäuse aus beigem Kunststoff, hinter der Tastatur die Schlitze zweier Diskettenlaufwerke, dahinter hochgeklappt ein schmaler Bildschirm. Hinten angedockt ein schmaler Drucker derselben Bauhöhe.|Notebook 5140 für IBM, 1985 mini|Espressomaschine 9090 für Alessi von 1979 1956 – „Talbot-Spiegel“ ursprünglich für Mercedes 300 SL, später allgemein als Zubehör erhältlich 1960 – Tischuhr Static für Lorenz (ausgezeichnet mit: Compasso d’Oro)