Das Alzeyer Schloss ist aus einer Burg hervorgegangen, die vermutlich schon in staufischer Zeit entstand, im 15. Jahrhundert zum Schloss ausgebaut wurde und heute Dienstgebäude des Amtsgerichts Alzey ist.

Geografische Lage Das Schloss liegt am östlichen Rand der Altstadt von Alzey in Rheinhessen und war mit einer Vorburg direkt an die Stadtmauer angebaut. Historisch lag die Anlage in der Kurpfalz.

Geschichte Entstehungszeit Vor allem die ältere Geschichtsforschung vermutete, dass bereits im 11. Jahrhundert eine Befestigung in Alzey erbaut worden sei. Diese Annahme geht auf die Überlieferung durch den sponheimischen Abt Johannes Trithemius zurück. Dessen Bericht wird aber heute für unzutreffend gehalten.Grathoff: Burg und Schloss Alzey, S. 32f.

Wann die Burg Alzey genau entstand ist ungeklärt.Huyer / Krienke, S. 49; zu entsprechenden Vermutungen auch: Stephan, S. 7f, 14. Mehrere Anlässe werden für möglich gehalten, für alle gibt es aber weder schriftliche Quellen noch archäologische Belege.Grathoff: Burg und Schloss Alzey, S. 29–32. Diskutiert werden folgende Zeitpunkte: Dehio vermutet die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts.Caspary: Rheinland-Pfalz, Saarland. Bevor der Stauferherzog Friedrich II. das Reichsgut übernahm, existierte in Alzey ein Gutshof. Ob dieser schon befestigt war, ist nicht geklärt. Das könnte durch Friedrich II. erfolgt sein.Grathoff (Weblinks). Pfalzgraf Konrad, Sohn von Friedrich II., der seine Kindheit in Alzey verbrachte, kommt als Bauherr in Frage. 1214 fiel Alzey an den Wittelsbacher Pfalzgrafen Ludwig I., wiederum ein günstiger Zeitpunkt, bauliche Aktivitäten anzunehmen. Die ältesten bekannten Baubefunde wurden von den Ausgräbern dem Anfang des 13. Jahrhunderts zugeordnet.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 234.

Geschichte Burg Die Ministerialen von Alzey erhielten 1190 den Titel eines Truchsessen von Alzey. Die Burg wurde ihnen seitens der Pfalz als erbliches Lehen überlassen. Sie nutzten die Burg, um ihre Position in Alzey und dessen Umland auszubauen.Grathoff: Burg und Schloss Alzey, S. 34f. Dehio gibt eine Zerstörung der Burg „als Raubnest“ 1260 anCaspary: Rheinland-Pfalz, Saarland., beschädigt wurde bei dieser Aktion der Stadt Worms und ihrer Verbündeten aber wohl die Befestigung der Stadt Alzey.Grathoff: Burg und Schloss Alzey, S. 35. Die älteste erhaltene schriftliche Erwähnung der Burg stammt von 1278Grathoff: Burg und Schloss Alzey, S. 33., aber bereits ab 1243 gibt es Belege für Ritter, die sich nach Alzey benennen, ohne dass eine Burg explizit erwähnt wird.Keddigkeit: Pfälzisches Burgenlexikon, S. 122.

1305 gelang es den Pfalzgrafen, die volle Verfügungsgewalt über die Burg wieder zu erlangen.Huyer / Krienke, S. 49; Keddigkeit: Pfälzisches Burgenlexikon, S. 123; Grathoff: Burg und Schloss Alzey, S. 39.

Schloss mini|Schloss Alzey als Ruine vor dem Wiederaufbau, 1901/03 mini|Spätgotisches Gewölbe in einem Erker des Nordflügels, Inschrift: 1528

In der Folgezeit diente die Burg als wichtiger territorialer Stützpunkt und auch als Residenz, zeitweise Hauptresidenz, der PfalzgrafenVgl. dazu: Grathoff: Burg und Schloss Alzey, S. 41–48., so für Pfalzgraf Ruprecht II. (1325–1398), Pfalzgraf Ruprecht III. (1398–1410), später auch als Ruprecht I. deutscher König, und Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz (1449–1476)Huyer / Krienke, S. 49; Karneth, S. 111., der die Anlage zum Schloss umzubauen begann. 1495 war Kaiser Maximilian I. nach dem Reichstag in Worms Jagdgast von Pfalzgraf Philipp I. auf dem Schloss.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 237; Grathoff: Burg und Schloss Alzey, S. 56; Karneth, S. 111.

Ob und gegebenenfalls in welchem Umfang das Schloss während des Landshuter Erbfolgekriegs 1504 beschädigt wurde, ist unklar.So: Huyer / Krienke, S. 49; für Caspary: Rheinland-Pfalz, Saarland geht von einer „Kriegszerstörung“ aus. Eine Beschädigung (und anschließende Reparatur) im östlichen Abschnitt der Ringmauer soll auf dieses Ereignis zurückgehen.Stephan, S. 27.

Das Schloss war seit der Regierungszeit von Kurfürst Friedrich I. auch Sitz der Verwaltung des Oberamts Alzey. Aus dieser Zeit stammen Vorburg, Schlossbrückentor, und ursprünglich der Bollwerkturm. 1527/28 erweiterte Ludwig V. den zweigeschossigen Saalbau im Nordflügel. Der Südflügel stammt aus der Regierungszeit von Friedrich II., der das Schloss öfter nutzte und hier auch 1556 starb.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 245. 1601 bewohnte Friedrich IV. während der Umbauarbeiten im Heidelberger Schloss das Schloss Alzey als Residenz. Bereits in dieser Zeit galt die Anlage im Hinblick auf die verbesserte Artillerie als militärisch veraltet, eine Modernisierung unterblieb jedoch. Noch 1657 nutzte Kurfürst Karl I. Ludwig das Schloss nochmals als Residenz.Keddigkeit: Pfälzisches Burgenlexikon, S. 124. 1689 wurde das Schloss im Pfälzer Erbfolgekrieg durch französisches Militär in mehreren Aktionen teils gesprengt, teils eingerissen. Der genaue Ablauf ist im Einzelnen nicht bekannt. Spätestens im Mai 1689 brannte das Schloss – zusammen mit der Stadt – niederStephan, S. 39. und Sprengungen erfolgten wohl im Juni 1689.Karneth, S. 110. Zurück blieb eine Ruine, die in der Folgezeit als Steinbruch genutzt wurde. Ein kleiner Teil diente als Gefängnis. In der Zeit, als Alzey zu Frankreich gehörte (1794–1813), verkaufte der Staat die Ruine in private Hand. Anschließend kam sie mit Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen, das die Ruine 1837 erwarb.Huyer / Krienke, S. 50. In der Folge versuchte der Staat, die Ruine zu erhalten, sie verfiel aber immer weiter.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 225. In den 1890er Jahren versuchte die Stadt Alzey, das Gelände zu kaufen, um es als öffentliche Anlage und Veranstaltungsplatz zu nutzen. Diese Initiative scheiterte aber, weil der Staat das Gelände für einen Neubau des Amtsgerichts Alzey, das Finanzamt Alzey und die Bezirkskasse selbst verwenden wollte. Das Amtsgericht hatte seit der Gründung 1879 seinen Sitz im ehemaligen Burggrafiat in der Schlossgasse 11.Ludemann, S. 33.

Moderne Nutzung Wiederaufbau 1901–1903 mini|Merian-Ansicht von Alzey, 1645, eine der Grundlagen für den Wiederaufbau 1903 mini|Entwurf für den Wiederaufbau – hier noch mit rekonstruiertem Torturm mit Spitzhelm mini|Torturm, links; Nordflügel (Amtsgericht), rechts

Nach fast 200 Jahren Vernachlässigung und Nichtbeachtung der Schlossruine wurde sie im Zuge der Romantik neu bewertet, 1876 als Kulisse für eine regionale Industrie- und Gewerbeausstellung genutzt. Ab den 1880er Jahren bemühte sich die Stadt, die Ruine vom Staat zu kaufen, um sie in eine öffentliche Grünanlage umzugestalten und den Schlosshof als städtischen Festplatz nutzen zu können. Die Verhandlungen zogen sich jedoch so lange hin, dass sich die Rahmenbedingungen ändertenKarneth, S. 122.: Karl Hofmann war 1897 Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt geworden. Er war Architekt, Geheimer Oberbaurat, Vertreter des Historismus und Initiator der Entscheidung, auf dem Schlossgelände staatlicherseits zu bauen und die Ruine nicht an sie Stadt zu verkaufen.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 226. Das Projekt hatte zu einem erheblichen Teil einen denkmalpflegerischen HintergrundStephan, S. 42., wobei Denkmalschutz und Denkmalpflege damals ein wichtiges kulturpolitisches Anliegen im Großherzogtum Hessen war, das sich 1902 als erster der deutschen Staaten ein modernes Denkmalschutzgesetz gab. Karl Hofmann wurde Mitglied des Landesdenkmalrates.

Nach einem Besuch von Karl Hofmann mit Spitzenbeamten der Staatsbauverwaltung in der Alzeyer Schlossruine am 15. Oktober 1898Karneth, S. 124. folgten eine Planungsphase und 1900/1901 Ausgrabungen sowie eine zweite, endgültige Vermessung.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 227. Hofmann wählte vor allem gotische und Renaissanceformen für den Wiederaufbau, um das „großartige Bauwerk der Vorzeit, das an Ausdehnung dem vielbesuchten Heidelberger Schloss nahe kommt, praktisch zu verwerten“.Huyer / Krienke, S. 50. Die Pläne entstanden im bautechnischen Bureau des Großherzogl. Ministeriums [der Finanzen] und wurden auf der Dresdener Architekturausstellung 1900 sehr gelobt. Zwischen 1901 und 1903 erfolgte der Wiederaufbau der Anlage durch ein eigens eingerichtetes „Neubaubureau“. Daran waren neben dem leitenden Karl KraußZu seiner Person vgl. hier. vom Staatsbauamt Mainz weiter Baurat H. Wagner aus Darmstadt, der ebenfalls in Darmstadt tätige Architekt Kling und der Hochbauaufseher Wollrab aus Alzey beteiligt.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 227. Das Projekt stellt sich als Teil einer großen Welle im langen 19. Jahrhundert dar, mittelalterliche Burgruinen wieder auf- und auszubauen.Karneth, S. 126.

Um den Aufbau möglichst historisch gerecht zu gestalten, wurden zunächst Grabungen von Karl Krauß durchgeführt – Schutt lag bis zu 1,50 m hoch auf den Gebäuderesten. Dabei kamen „wenige und geringwertige, wirkliche Fundstücke wie Krüge, Kacheln, Töpfe, Münzen“, auch mittelalterliche Bodenfliesen zu TageKrauß: Das alte Schloß, Sp. 228, 250., die alle aus der Gotik und der Renaissance stammten. Ein interessanter Fund war eine Zinkbüchse mit Schwarzpulver, die der Ausgräber Alzeyer Bewohnern zuordnete, die nach der Zerstörung des Schlosses 1689 auf diesem Weg weiteres Baumaterial aus der Ruine heraussprengen wollten.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 249. Auf Befunde neben dem erhaltenen Mauerwerk wurde aber offensichtlich wenig geachtet. So fehlen Beobachtungen zu vermuteten Beschädigungen oder Zerstörungen der Burg – etwa Brandschichten – völlig.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 235. Später gestand Karl Krauß zu, dass die bei den Grabungen gewählte Vorgehensweise der Sache nicht gerecht geworden war und archäologische und grabungstechnische Beratung fehlten.Krauß: Das Alzeyer Schloß, S. 176. Die Funde kamen ins Museum der Stadt Alzey.Krauß: Das Alzeyer Schloß, S. 181.

Nachdem der Trümmerschutt abgeräumt war, führte Karl Krauß die Bauaufnahmen für die noch stehenden Teile durch. Neben der Bauaufnahme von Karl Krauß war eine weitere Grundlage für die Gestaltung der Bauten die Ansicht der Stadt von Matthäus Merian von 1645.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 226. Darüber hinaus gab und gibt es keine Abbildungen oder Pläne aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 231. Die eigentlichen Bauarbeiten begannen im Winter 1901/02 mit dem „Abbruch nicht mehr tragfähiger Mauerreste“.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 229. Die historischen Mauern wurden im Übrigen verwendet, allerdings, um eine moderne Nutzung zu ermöglichen, hier auch Fensterdurchbrüche vorgenommen, auch in der 3 m dicken Ringmauer. Abgesehen davon „unterschied sich das Weiterbauen späterhin wenig von einem Neubau“.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 230. Das äußere Erscheinungsbild wurde an die erhaltenen Mauerreste angepasst, für das Baumaterial konnte noch auf die historischen Steinbrüche zugegriffen werden.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 230.

Die Innenausstattung, sowohl die wandfeste als auch die Möblierung, folgte ebenfalls dem Historismus und wurde zeitgenössisch als „Tiroler Gotik“ bezeichnet. Die Aufträge dazu erhielten Schreiner aus Alzey. Die beteiligten Handwerker werden namentlich im abschließenden Bericht von Karl Krauß genannt.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 252. Das besondere im Amtsgericht Alzey ist, dass dies alles heute noch weitgehend erhalten ist. Die Justizgebäude (Nordflügel) kosteten 230.000 Mark, das Verwaltungsgebäude (Südflügel) 70.000 Mark.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 253. Die Eröffnung fand am 1. Oktober 1903 statt.Ludemann, S. 39.

Die ursprüngliche Raumaufteilung im damals neuen Amtsgericht beschreibt Karl Krauß. Selbstverständlich hatte der Oberamtsrichter von Alzey damals auch eine Dienstwohnung in dem Gebäude.Krauß: Das alte Schloß, Sp. 251.

Spätere Veränderungen Ab 1922 gab es im Amtsgerichtsgebäude – also dem Südflügel – elektrische Beleuchtung.Ludemann, S. 41.