mini|Paul Wiens (1959) Paul Wiens (* 17. August 1922 in Königsberg; † 6. April 1982 in Ost-Berlin) war ein deutscher Lyriker, Übersetzer und Autor von Hörspielen und Drehbüchern in der DDR.
Leben Wiens wurde als Sohn jüdischer Eltern in Königsberg geboren. Er verbrachte aber seine Kindheit in Berlin, bis seine Mutter 1933 mit der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten in die Schweiz emigrierte. Nach bestandenem Abitur nahm er ein Studium der Philosophie in Genf und Lausanne auf. 1943 wurde Paul Wiens wegen Wehrkraftzersetzung in Wien verhaftet und in St. Pölten sowie im Arbeitserziehungslager Oberlanzendorf (damals Stadtteil von Groß-Wien) bis Kriegsende inhaftiert.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er 1947 über Weimar nach Berlin zurück, wo er bis 1950 als Lektor und Übersetzungsredakteur im Aufbau-Verlag arbeitete. Nebenbei veröffentlichte er erste Gedichte und Jugendlieder (Begeistert von Berlin, 1952). Ab 1952 war er freischaffender Schriftsteller und verfasste überwiegend Lyrik und Texte zu Massenliedern. Wiens schrieb daneben auch Drehbücher, so zu Frank Vogels Film … und deine Liebe auch (1962), der den Bau der Mauer rechtfertigt, und zu Konrad Wolfs Sonnensucher (1958). Der Film behandelt die „Produktionsschlachten“ beim Uranabbau der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut und wurde wegen seiner thematischen Verbindung zur Herstellung von Atomwaffen aufgrund eines Vetos der damaligen Sowjetunion erst 1972 uraufgeführt.Darstellung der Filme aus offiziöser DDR-Sicht in: Film- und Fernsehkunst der DDR. Berlin (Ost) 1979, S. 184–186 u. 331. Ferner übertrug er Werke von Pablo Neruda, Wladimir Majakowskij, Nazim Hikmet und anderen ins Deutsche. Wiens war Mitherausgeber der Lyrik-Reihe „Antwortet uns“ und 1982 bis zu seinem Tode Chefredakteur der einflussreichen Literaturzeitschrift Sinn und Form.Nachrufe erschienen in Sinn und Form 3/1982: Nachruf der Akademie der Künste der DDR für Paul Wiens, S. 477; Günther Rücker, Paul Wiens zum Gedenken, S. 478–480.
Paul Wiens war zeitweilig Vizepräsident des Kulturbunds der DDR und von 1961 bis 1969 Vorsitzender des Bezirksverbands Berlin des Schriftstellerverbandes der DDR. 1964 wurde er Mitglied des Deutschen P.E.N.-Zentrums Ost und war ab 1980 dessen Präsidiumsmitglied.
mini|Grab von Paul Wiens Paul Wiens wurde in der Künstlerabteilung des Berliner Zentralfriedhofs Friedrichsfelde beigesetzt. Das Grabmal schuf Wieland Förster.
Der Nachlass Wiens’ befindet sich im Literaturarchiv der Akademie der Künste in Berlin.s. Archiveintrag.
Wiens’ Tochter Maja Wiens aus seiner ersten Ehe mit Erika Lautenschlager (1921–1989) ist ebenfalls als Schriftstellerin tätig (Roman Traumgrenzen, Berlin: Neues Leben 1983; Drehbuch Versteckte Fallen, DEFA 1991).
Mitarbeiter der Staatssicherheit In den 1960er Jahren arbeitete Wiens als „gesellschaftlicher Mitarbeiter“ für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Ende der 1960er unterbrach er diese Tätigkeit für wenige Jahre wegen „ideologischer Bauchschmerzen“, setzte sie dann von 1972 bis zu seinem Tod als inoffizieller Mitarbeiter (IM) fort. Ferner war er auch wiederholt für das sowjetische KGB tätig. Wiens „übergab an ihn gerichtete Privatbriefe, lieferte detaillierte denunziatorische Informationen über Schriftsteller aus Ost und West und berichtete über internationale Autorentreffen in der Sowjetunion, in Ungarn und Jugoslawien“.Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin: Ullstein 1999, insbes. S. 709–722; Zitat: S. 709. Berichte lieferte er unter anderem über seine DDR-Kollegen Jurek Becker, Wolf Biermann, Franz Fühmann, Stefan Heym, Sarah Kirsch, Heiner Müller, Ulrich Plenzdorf und Erwin Strittmatter, über die Westschriftsteller Heinrich Böll, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Peter Härtling, über Sowjetautoren wie Lew KopelewJoachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin: Ullstein 1999, S. 718–720. und Andrei Sacharow sowie über seine dritte Ehefrau, die Schriftstellerin Irmtraud Morgner, die sich 1977 von ihm scheiden ließ. Für seine Spitzeltätigkeit erhielt er mehrere staatliche Auszeichnungen.
Darstellung Wiens’ in der bildenden Kunst
Harald Kretzschmar: Paul Wiens (Porträtkarikatur, Pinselzeichnung, 1964)
Werk
Gelegentlich war Wiens auch als Illustrator eigener Texte tätig.
Filmografie 1953: Das kleine und das große Glück 1955: Einmal ist keinmal 1956: Genesung 1958: Meister Zacharias und seine acht goldenen Zeiger 1958: Das Lied der Matrosen 1960: Leute mit Flügeln 1961: Der Mann mit dem Objektiv 1962: … und deine Liebe auch 1972: Sonnensucher 1978: Matrosen in Berlin (Liedtexte)
Hörspiele 1978: Isaak Babel: Maria (als Sprecher) – Regie: Joachim Staritz (Hörspiel – Rundfunk der DDR)
Auszeichnungen 1952: Goethepreis der Stadt Berlin 1956: Literaturpreis des FDGB 1959: Nationalpreis der DDR 1960: Kunstpreis der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft 1962: Heinrich-Heine-Preis des Ministeriums für Kultur der DDR 1973: Verdienstmedaille der NVA in Bronze 1974: Verdienstmedaille der NVA in Silber 1976: Johannes-R.-Becher-Medaille 1973: Verdienstmedaille der NVA in Gold 1977: Vaterländischer Verdienstorden in Bronze 1979: Vaterländischer Verdienstorden in Gold 1980: Medaille der Waffenbrüderschaft in Bronze
Literatur
Annegret von Wietersheim: »Aber – ist mein liebster laut«. Ambivalenzen in Biographie und lyrischem Werk von Paul Wiens. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2014, ISBN 978-3-8253-6371-0 (Diss. Universität Bremen 2014). Annegret von Wietersheim: Paul Wiens: „Meteore“. Eine Neuzuordnung der Autorschaft. In: lendemains. Attempto 162/163, 41. Jg., Tübingen 2016, S. 264–269.
Weblinks
Paul-Wiens-Archiv im Archiv der Akademie der Künste, Berlin
Einzelnachweise
Kategorie:Autor Kategorie:Hörspielautor Kategorie:Drehbuchautor Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:DDR-Literatur Kategorie:Person (Rundfunk der DDR) Kategorie:Person (KGB) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Gold Kategorie:Träger des Nationalpreises der DDR II. Klasse für Kunst und Literatur Kategorie:Träger des Goethepreises der Stadt Berlin Kategorie:Träger der Johannes-R.-Becher-Medaille Kategorie:Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit Kategorie:NS-Opfer Kategorie:Lyrik Kategorie:Person (Ostpreußen) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1922 Kategorie:Gestorben 1982 Kategorie:Mann Kategorie:DDR-Bürger