mini|Wendelin Weißheimer Wendelin Weißheimer (* 26. Februar 1838 in Osthofen; † 10. Juni 1910 in Nürnberg) war ein deutscher Komponist, Kapellmeister und Musikschriftsteller.
Leben
Herkunft, Familie und Kindheit
mini|Weingut Steinmühle, hier wurde Wendelin Weißheimer 1838 geboren. Das Geschlecht Weißheimer war nachweislich schon im 14. Jahrhundert in Westhofen ansässig. Wendelin Weißheimers Großvater, Johann Weißheimer I., bekam Ende des 18. Jahrhunderts das mütterliche Erbe in Osthofen: die Steinmühle. Der Gutskomplex, auf dem Weinbau, Ackerbau, Viehzucht und die Mühle betrieben wurden, zählte im 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten im damaligen Großherzogtum Hessen-Darmstadt und ist noch heute im Besitz der Familie Wendelin Weißheimers.
Im Weingut Steinmühle zu Osthofen kam Wendelin Weißheimer am 26. Februar 1838 als achtes und jüngstes Kind von Johann Weißheimer II. und Ottilie, geb. Best, zur Welt. Seine Eltern waren vermögend, sein Vater ein hochangesehener und vielseitig begabter Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Geschichte und Politik. Er war mehrere Jahre Bürgermeister von Osthofen sowie Mitglied der I. Hessischen Ständekammer, weshalb Wendelin bereits im Jugendalter Männer der 1848er Märzrevolution in der Steinmühle kennenlernte. Trotz der starken Inanspruchnahme als Gutsherr und Politiker fand Wendelin Weißheimers Vater noch die Zeit, sich mit familien- und heimatgeschichtlichen Studien zu befassen, deren Ergebnisse er in handschriftlichen Tagebüchern und seiner mehrbändigen Chronik von Osthofen der Nachwelt überliefert hat. Seiner Vielseitigkeit und Aufgeschlossenheit ist es auch zu verdanken, dass er seinem Sohn Wendelin das Studium der Musik gestattete, obwohl dies seinem eigentlichen Plan, Wendelin zum Erben des Guts zu machen, zuwiderlief.
Der Weg zur Musik
mini|Louis Schindelmeisser Weißheimers Weg zur Musik unterscheidet sich von dem manch anderer Komponisten. Er stammte nicht aus einer Musikerfamilie. Eigentlich war er von seinem Vater bereits als Nachfolger für die Steinmühle auserkoren und besuchte zu diesem Zweck ab seinem 13. Lebensjahr die Realschule in Darmstadt, um danach eine kaufmännische Lehre anzustreben. In Darmstadt hatte er Gelegenheit, durch seinen Klavierlehrer Wiese, ein Mitglied des Theaterorchesters, die Hauptprobe zur Tannhäuseraufführung zu hören, nachdem er schon vorher Teile der Musik beim Besuch eines Militärkonzertes kennengelernt hatte. Weißheimer schreibt selbst, diese Erlebnisse hätten eine große Umwandlung in ihm hervorgerufen. In seinem Buch Erlebnisse mit Richard Wagner, Franz Liszt und vielen anderen Zeitgenossen heißt es: „Die geahnte neue Welt war mir in der Tat aufgegangen!“ Nachdem Wendelin Weißheimer bald danach in Darmstadt den Lohengrin und in Frankfurt den Fliegenden Holländer erlebt hatte, befand er sich in einem völligen Wagnerdelirium. In seinem letzten Schuljahr hatte er Gelegenheit, von Theater-Kapellmeister Louis Schindelmeisser in die Musiktheorie eingeführt zu werden, die ihn derart fesselte, dass er bald zu komponieren begann.
Schindelmeisser war es also, der das musikalische Talent Wendelins zuerst erkannte und ihn veranlasste, Musiker zu werden. Zunächst galt es jedoch, den Vater Wendelins, Johann Weißheimer II., von diesem Vorhaben zu überzeugen. Zu diesem Zweck kam Schindelmeisser am 16. März 1856 in die Steinmühle nach Osthofen. Schließlich ließ sich der Vater schweren Herzens überzeugen und gestattete Wendelins weitere musikalische Ausbildung in Leipzig. Nachdem alles so glücklich verlaufen war, machte Schindelmeisser dem jungen Weißheimer bei seinem Abschied eine ganz besondere Freude: Er widmete ihm sein Bild und schenkte ihm einen seiner vielen Originalbriefe Richard Wagners.
Musikstudium
Vom Mai 1856 ab besuchte Wendelin Weißheimer das Konservatorium Leipzig. Dort, wie in Weimar, herrschte schon ehedem ein hochmusikalisches Leben und Treiben. Aber während Leipzig konservativ war und von der neuen Musik eines Liszt oder Wagner nichts wissen wollte, konzentrierte sich in Weimar die in der Musik nach neuen Ausdrucksformen und neuem Inhalt suchende revolutionäre Jugend, welche der Neudeutschen Schule um Franz Liszt anhing. Nach Beendigung seiner Musikstudien in Leipzig war Wendelin Weißheimer von Schindelmeisser die Stelle des zweiten Kapellmeisters beim Stadttheater in Mainz vermittelt worden. Vor Antritt der als Einführung in die Praxis gedachten Tätigkeit reiste Weißheimer mit einem Empfehlungsschreiben Schindelmeissers nach Zürich, um den dort im Exil lebenden Richard Wagner aufzusuchen. Wagner arbeitete damals an seinem Musikdrama Tristan und Isolde und ließ sich in der Regel bei Besuchern verleugnen. Auch Wendelin Weißheimer war zuerst abgewiesen worden, verlebte aber dann am 17. Juli 1858 bei dem Meister einen denkwürdigen Nachmittag. Von seinem Abschied schreibt Weißheimer: „Das bleiche, ausdrucksvolle Gesicht des damals Fünfundvierzigjährigen begleitete mich in die Stadt und auf allen Wegen.“
Kapellmeister in Mainz
Am 17. August 1858 trat Wendelin Weißheimer, gerade einmal 20 Jahre alt, seine Stelle als Kapellmeister in Mainz an und verkehrte u. a. im gastlichen Haus des Verlegers Franz Schott und dessen liebenswürdiger, hochmusikalischer Frau Betty. Nach der Aufführung von Wagners Faust-Ouvertüre lernte Weißheimer seinen rheinhessischen Landsmann, den Dichterkomponisten Peter Cornelius kennen, mit welchem er sein Leben lang in treuer Freundschaft verbunden war.
Bei Franz Liszt in Weimar
mini|Wendelin Weißheimers Mentor Franz Liszt Nach Beendigung der Mainzer Theatersaison zog es Wendelin Weißheimer wieder nach Weimar. Dort fand er in Franz Liszt einen musikalischen Gesinnungsgenossen, und es gelang ihm schließlich, von Liszt als Schüler in Kompositionslehre aufgenommen zu werden. In den mehrstündigen, drei- bis viermal wöchentlich stattfindenden Unterrichtsstunden avancierte Weißheimer bald zum Lieblingsschüler Liszts, und es entstand zwischen Lehrer und Schüler ein ideales Vertrauensverhältnis.
So lernte Weißheimer auf der Altenburg in Weimar, dem Domizil von Liszts Freundin, der Fürstin zu Sayn-Wittgenstein, die junge musikalische Welt kennen. Neben Peter Cornelius, der 1860 ebenfalls nach Weimar gekommen war, wurden Männer wie Felix Draeseke, Hans von Bronsart, Carl Tausig, Bedřich Smetana, Franz Bendel, Gruer und Hans von Bülow seine Bekannten und Freunde. In diese Zeit fällt die erste Aufführung einer Komposition von Wendelin Weißheimer durch ein Orchester. Liszt hatte auf das Programm des von ihm geleiteten Hofkonzertes am 13. März 1860 den Weißheimer’schen Symphoniesatz zu Schillers „Ritter Toggenburg“ gesetzt. Um Weißheimer die Teilnahme an diesem nur Hof und Adel zugänglichen Konzert im Großherzoglichen Schloss zu ermöglichen, ließ Liszt ihn mit Frack und weißer Krawatte in der Mitte des Streichorchesters Platz nehmen, wo er, die Geige in der Hand, so tun musste, als spiele er mit. Am Schluss des günstig aufgenommenen Vortrages sprachen Großherzog und Großherzogin dem Komponisten ihre Anerkennung aus. Anlässlich seines Besuches bei Liszt am nächsten Tag sah Weißheimer zum ersten Mal dessen Tochter Cosima, die seit zwei Jahren mit dem Pianisten Hans von Bülow verheiratet war. Den Höhepunkt von Weißheimers Aufenthalt in Weimar sollte das Jahr 1861 bringen. Die musikalischen Veranstaltungen auf der dortigen Tonkünstlerversammlung, zu der sich überraschend auch der nach elfjähriger Verbannung aus der Schweiz zurückgekehrte Richard Wagner eingefunden hatte, wurden durch Liszts Faust-Sinfonie unter Bülows Stabführung eingeleitet. Weißheimer erzielte beim Vortrag seines Grabs im Busento durch die Hofkapelle und den akademischen Chor der Jenaer Studenten einen vollen Erfolg.
Freundschaft mit Richard Wagner
mini|Richard Wagner mini|Richard-Wagner-Häuschen im Garten der Steinmühle Im Herbst 1861 folgte Weißheimer einem zweiten Ruf als Musikdirektor an das Stadttheater in Mainz. Es begann die interessanteste Phase seines Lebens, die sich durch die Freundschaft mit Richard Wagner auszeichnete. Wagner kannte Weißheimer schon von dessen Besuch in Zürich und der Weimarer Tonkünstlerversammlung.
Nach der Weimarer Versammlung hatte sich Richard Wagner in Wien vergeblich um die Uraufführung seines Tristans bemüht und war Ende November auf dem Weg nach Paris, wo ihm Fürst Metternich eine stille Wohnung im Garten der österreichischen Botschaft zur Verfügung gestellt hatte. Am 1. Dezember kam er auf der Durchreise unerwartet nach Mainz, um mit dem Schott-Verlag wegen seines Bühnenfestspiels Die Meistersinger von Nürnberg zu verhandeln. Den Text hatte er gerade fertiggestellt; die dichterische Bearbeitung sollte in Paris erfolgen. Über den Verlauf der Mainzer Tage, den Besuch der von Weißheimer dirigierten Opernaufführungen und die gemeinsame Teilnahme an den Veranstaltungen von Frau Betty Schott, berichtet Wendelin Weißheimer ausführlich in seinem Buch Erlebnisse mit Richard Wagner, Franz Liszt und vielen anderen Zeitgenossen.
In knapp zwei Monaten hatte Wagner in Paris sein Meistersingergedicht vollendet, und am 31. Januar 1862 traf er damit in Mainz ein. Gleich am ersten Abend fand im Schott’schen Hause vor einem Kreis auserlesener Zuhörer die mit Spannung erwartete Vorlesung der Meistersingerdichtung statt, zu der Wagner auch Peter Cornelius hatte kommen lassen, der sich in Wien aufhielt. Über die unvergessliche Vorlesung schrieb Weißheimer, dass Wagner „die Zuhörer mit sich fortriss und sie zu stürmischen Kundgebungen veranlasste. Am Schluss der Wiedergabe war es den Anwesenden bewusst, dass sie an der Wiege eines mächtigen epochemachenden Kunstwerkes gestanden.“ Um alsbald die Bearbeitung der Komposition an einem von der Außenwelt ungestörten Platz vornehmen zu können, mietete Wagner eine kleine Wohnung im nahen Biebrich, unterhalb des herzoglichen Schlosses dicht am Rhein. In der Folge waren Wendelin Weißheimer und Richard Wagner fast täglich beisammen. Weißheimer war für Wagner geradezu unentbehrlich geworden. Trotz des großen Altersunterschiedes – Wagner war damals 48, Weißheimer 23 Jahre alt – entwickelte sich zwischen beiden eine herzliche Freundschaft. Die dauernden Geldnöte Wagners, der in Geldangelegenheiten mehr als leichtsinnig war, veranlassten Weißheimer, seinen Vater um Unterstützung des Freundes anzugehen. Johann Weißheimer II. war großzügig und gewährte die Mittel für Wagner. Alsbald war am 1. Juni 1862 Richard Wagner Gast bei Wendelin Weißheimer und seiner Familie in der Steinmühle in Osthofen, wo er Wendelin Weißheimers Eltern, Geschwister und nicht zuletzt den Wein kennenlernte. Im Gartenpavillon, dem Richard-Wagner-Häuschen am Seebachufer, verlebte man feuchtfröhliche Stunden, und Wagner erwies sich als glänzender Unterhalter. Im August kam Richard Wagner wieder in die Steinmühle, diesmal in Begleitung von Hans und Cosima von Bülow.
Gönner Richard Wagners mini|Weißheimers Erlebnisse Wendelin Weißheimer wusste um Richard Wagners Geldprobleme, die selbstverschuldet waren. So wurden die Meistersinger auch nicht termingerecht fertig, weshalb Schott seine Zahlungen zurückhielt. Sämtliche finanzkräftige Bewunderer Wagners hatten ihm weitere materielle Hilfe verweigert. Um Wagners Finanznöte zu lindern, veranstaltete Wendelin Weißheimer am 1. November 1862 im Leipziger Gewandhaus ein Konzert. Trotz der persönlichen Mitwirkung des Hofkapellmeisters Richard Wagner, der nach seiner Exilierung erstmals wieder in Deutschland auftreten durfte, des Hofpianisten Hans von Bülow und anderer namhafter Künstler und Vereine mit Kompositionen von Wagner, Liszt und Weißheimer war der Besuch so gering, dass die Einnahmen nicht ausreichten, um auch nur die Kosten zu decken.
In seinen Erlebnissen schreibt Weißheimer darüber: „Statt Wagner die Taschen zu füllen, musste ich schleunigst meinen Vater zu Hilfe rufen.“ Auch diesmal, wie wiederholt früher und später, sprang Johann Weißheimer II. großzügig ein.