mini|hochkant=1.7|Die Regionen Akarnanien und Ätolien sowie die Inseln Kephalonia und Ithaka auf einer Karte des 19. Jh. Akarnanien () ist eine historische Landschaft im westlichen Mittel-Griechenland zwischen dem Ionischen Meer im Westen, dem Ambrakischen Golf im Norden, dem Golf von Patras im Süden und Ätolien im Osten. Heute gehört es zum griechischen Regionalbezirk Ätolien-Akarnanien. Es besteht aus bis zu 1590 m über den Meeresspiegel ansteigenden küstenparallelen Gebirgsketten, kleineren Küstenebenen und niedrigem Hügelland. Im Süden der Landschaft befindet sich die Schwemmlandebene des Acheloos. Hauptorte Akarnaniens waren in der Antike Oiniadai an der Mündung des Acheloos und weiter flussaufwärts Stratos.

Geschichte Antike Frühgeschichte; Archaische Periode mini|Nordgriechische Regionen in der Antike Älteste Siedlungsspuren in Akarnanien finden sich in Astakos und auf der Akarnanien vorgelagerten Insel Leukas (heute Lefkada). Dort wurden Gräber und eine Siedlung der frühen Bronzezeit aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. ausgegraben. Funde aus mykenischer Zeit deuten auf damalige Verbindungen Akarnaniens mit den Küstengebieten von Achaia und Epirus sowie den Ionischen Inseln hin. AristotelesAristoteles bei Strabon, Geographika 7, 7, 2 p. 321; ferner Strabon, Geographika 7, 7, 7; 10, 2, 24 f. nennt als angebliche älteste (vorgriechische) Bewohner der Landschaft u. a. Leleger und Kureten, die historisch nicht fassbar sind. Diese frühe Bevölkerung dürfte einen nordwestgriechischen Dialekt gesprochen haben, der mit dem Dorischen verwandt war. Der für die Landschaft namengebende Volksstamm der Akarnanen wird von Homer nicht erwähnt, sondern erst in dem um 600 v. Chr. entstandenen, nur sehr fragmentarisch überlieferten Epos Alkmaionis. Die Herkunft des Stamms, sein Verhältnis zur vorgriechischen Bevölkerung Akarnaniens und die Etymologie seines Namens sind unbekannt. Den Griechen des 5. Jahrhunderts v. Chr. galten die Akarnanen als Hellenen.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 1, 5, 3.

In der archaischen Periode Griechenlands existierte ein Gegensatz zwischen den Bewohnern des binnenländischen Akarnanien und den eigenständigen Küstenstädten mit andersstämmigen Einwohnern; erst im 5. Jahrhundert v. Chr. kam es zum all-mählichen Zusammenwachsen des Gemeinwesens. Im 7. Jahrhundert v. Chr. kolonisierte Korinth die akarnanische Küste durch Anlage der Orte Sollion, Anaktorion und Leukas,Nikolaos von Damaskus, in: Felix Jacoby (Hrsg.) Fragmente der griechischen Historiker (FGrH) Nr. 90, F 57. wovon die beiden letzteren sich während der Perserkriege auf griechischer Seite an der Schlacht von Plataiai (479 v. Chr.) beteiligten.Herodot, Historien 9, 28 und 9, 31. In diesen Kolonien fand das korinthische Alphabet Anwendung; auch erschienen auf ihren Münzbildern korinthische Motive wie Pegasos und Athene. Athen stand in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. in zunehmender Konkurrenz zu Korinth hinsichtlich der Schifffahrt durch den Golf von Patras; dies bewirkte Auseinandersetzungen um die Inselfestung Oiniadai. Von Athen in Naupaktos angesiedelte Messenier erstürmten um 456 v. Chr. Oiniadai und hielten es kurzzeitig, ehe sie von den Bewohnern in Verbund mit Armeekontingenten der übrigen Akarnanen wieder vertrieben wurden.Pausanias, Beschreibung Griechenlands 4, 25. 454 v. Chr. scheiterte ein Angriff des Perikles auf Oiniadai.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 1, 111, 2 f.; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 11, 85, 2; 11, 88, 2; Plutarch, Perikles 19, 4. 432 v. Chr. baten die Akarnanen die Athener, mit denen sie sich nun verbündet hatten, um Hilfe gegen Ambrakia.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 2, 68.

Peloponnesischer Krieg; Gründung des Akarnanischen Bundes Im Peloponnesischen Krieg standen die binnenländischen Akarnanier und die Amphilochier auf Seiten Athens.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 2, 9, 4. 431 v. Chr. bezogen die akarnanischen Küstenstädte gegen Athen Stellung, das daraufhin einen Teil von ihnen eroberte; ein Gegenstoß der Korinther war nur teilweise erfolgreich.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 2, 30, 1; 2, 33, 1f. 429 v. Chr. misslang ein Angriff von Ambrakia und dem epirotischen Stamm der Chaonier, die vom spartanischen Nauarchen Knemos befehligt wurden, auf die befestigte Stadt Stratos.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 2, 80–82; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 12, 47, 4 f. Im folgenden Jahr vermochten wiederum die Athener Oiniadai nicht einzunehmen.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 3, 7, 1–5. 426 v. Chr. unternahm der athenische Stratege Demosthenes mit dem gesamten akarnanischen Aufgebot einen Plünderungszug gegen Leukas.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 3, 91, 1; 3, 94, 1 f.; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 12, 60, 1. Ferner rieb er im nächsten Jahr ein Heer aus Ambrakia und ein Hilfskorps der Peloponnesier fast völlig auf.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 3, 102, 5 ff.; 3, 105–114; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 12, 60, 4 ff. Nach dem Abzug der Athener schlossen die Akarnanen und Amphilochier mit den Einwohnern Ambrakias einen Nichtangriffspakt und vereinbarten gegenseitige Unterstützung im Fall einer Attacke durch eine äußere Macht.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 3, 114, 2 f. Trotzdem blieben die Akarnanen im Bund mit Athen und eroberten mit dessen Hilfe 425 v. Chr. Anaktorion und 424 v. Chr. Oiniadai.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 4, 49; 4, 77. So erstmals geeint nahmen einzelne Akarnanen auch an der Sizilienexpedition Athens teil.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 7, 57, 10.

Trotz der Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg standen die Akarnanen im 395 v. Chr. ausbrechenden Korinthischen Krieg weiterhin auf dessen Seite.Xenophon, Hellenika 4, 2, 17; 4, 6, 1; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 14, 82, 3. Das durch den Peloponnesischen Krieg bewirkte Zusammenwachsen des Stammes förderte die Gründung eines gemeinsamen Bundes (sog. Akarnanischer Bund), der erstmals 389 v. Chr. nachweisbar ist. Damals waren die Akarnanen Gegner der Kalydon besetzenden Achaier, die sie attackierten. Daraufhin ging der spartanische König Agesilaos II. militärisch gegen die Akarnanen vor und nötigte sie 388 v. Chr., sich dem Peloponnesischen Bund anzuschließen.Xenophon, Hellenika 4, 6, 2 – 7, 1; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 15, 31, 2; Pausanias, Beschreibung Griechenlands 3, 10, 2. Nachdem der athenische Stratege Timotheos den spartanischen Nauarchen Nikolochos 375 v. Chr. in der Seeschlacht bei Alyzeia geschlagen hatte, wurde Akarnanien in den neugegründeten Zweiten Attischen Seebund aufgenommen.Xenophon, Hellenika 6, 2, 37; Inscriptiones Graecae (IG) 2II/III 43, 96.

Stratos war damals Hauptort Akarnaniens und mit etwa 70 Hektar Ausdehnung dessen größte Stadt. Hier versammelte sich das Heeresaufgebot in einer Ebene unterhalb eines archaischen Heiligtums. Zusammen mit der akarnanischen Stadt Phoitiai bildete es den Kern des Bundes und prägte nach 400 v. Chr. Münzen für Akarnanien mit dem späteren Bundessymbol des Acheloos-Kopfes und einem Digamma. Es besaß im Rahmen seiner städtischen Eigenverwaltung einen Rat (Bule). In anderen akarnanischen Gemeinden waren ebenfalls bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. städtische Strukturen entstanden. Das Gewicht des von einem Bundesrat und Strategen geleiteten Akarnanischen Bundes als Zentralorgan seiner Mitglieder war relativ gering. So setzten die Orte Echinos, Thyrreion, Alyzeia und Anaktorion ab und zu eigenständige politische Handlungen. Die Bundesangehörigen wurden bei auswärtigen Beziehungen nach dem Ausweis von Inschriften nicht nur nach dem Stamm, sondern auch nach der Heimatstadt benannt. In den Quellen wird Akarnanien auch häufiger als landschaftliche denn als politische Einheit erwähnt. Für gemeinsame Kriegseinsätze stellte jede Polis ihr eigenes Kontingent zum Stammesheer. Zumindest hatte der Bundesrat die Befugnis, Bündnisse und Verträge abzuschließen.

Hellenistische Epoche Mit der steigenden Macht Makedoniens unter Philipp II. und Alexander dem Großen ab den 340er Jahren v. Chr. wandten sich die Akarnanen diesem Königreich als neuer Schutzmacht zu. An der Schlacht bei Chaironeia (338 v. Chr.) nahmen nur Freiwillige und Verbannte auf der Seite Athens teil.Wilhelm Dittenberger, Sylloge inscriptionum Graecarum, 1883, Nr. 109. Am Lamischen Krieg (323–322 v. Chr.) beteiligten sich nur Alyzeia und das um 330 v. Chr. von den Aitolern eingenommene Oiniadai.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 18, 11, 1; Pausanias, Beschreibung Griechenlands1, 25, 4. Ihre fortgesetzte Parteinahme für Makedonien brachte die Akarnanen in Gegensatz zu den antimakedonisch gesinnten Aitolern. 321 v. Chr. brachen sie als Vergeltung für die Eroberung Oiniadais in Aitolien ein und eroberten wohl damals die Stadt Agrinion.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 18,38, 4 f. In der Folge unterstützten sie den Diadochen Kassander, der 314 v. Chr. eine Zusammensiedlung (Synoikismos) der östlichen Akarnanen in die drei größeren Städte Stratos, Sauria und Agrinion zum Schutz gegen die Aitoler-Gefahr veranlasste.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 19, 67, 3 ff.; 19, 88, 2. Agrinion ging bald wieder in den Besitz der Aitoler über.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 19, 68, 1. Von 314–312 v. Chr. blieb Akarnanien die Operationsbasis Kassanders gegen Aitolien und Epirus.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 19, 74, 3–6; Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1, 11, 4. Damals verfestigte sich allmählich die Organisation des Koinons mit einem Synhedrion der akarnanischen Städte und sieben Strategen aus sieben Bezirken als Anführern des aus 1000 Hopliten bestehenden Bundesheers. In Stratos erfolgte die Errichtung eines nicht fertiggestellten neuen Zeus-Tempels. Nach Kassanders Tod (297 v. Chr.) geriet Akarnanien unter die Oberherrschaft des Königs Pyrrhos von Epirus.Plutarch, Pyrrhos 6; Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1, 9, 7.

Der Diadoche Lysimachos befreite Akarnanien 283 v. Chr. von seiner Abhängigkeit von Epirus. Trotzdem vereinbarte es 281 v. Chr. ein Abkommen mit König Pyrrhos.Inscriptiones Graecae (IG) 2IX 1, 2, 207. Es stellte ihm auch Söldner. Aufgrund eines 263/262 v. Chr. mit Aitolien geschlossenen Vertrags halfen die Akarnanen dem epirotischen König Alexander II. bei der Rückeroberung seines Königreichs. Um 252 v. Chr. teilten Epirus und Aitolien die Landschaft Akarnanien unter sich auf.Polybios, Historíai 2, 45, 1; 9, 34. 7; Pausanias, Beschreibung Griechenlands 10, 16, 6. Die östlichste Niederung Akarnaniens und das mittlere Binnental mit Phoitiai wurden nun Aitolien zugeschlagen. Nach dem Sturz der Molosser-Herrscher in Epirus erlangte das westliche Akarnanien um 230 v. Chr. seine Unabhängigkeit zurück. Es kam zur Gründung eines neuen Bundes, und das als letzter Küstenort im Zeitraum nach 281 v. Chr. zu Akarnanien gekommene Leukas wurde nun die Hauptstadt.Titus Livius, Ab urbe condita 33, 17, 1. Vergeblich versuchten die Aitoler, auch dort festen Fuß zu fassen.Polybios, Historíai 2, 2, 3. Der neu etablierte Akarnanische Bund wurde von einem eponymen Strategen und – diesem untergeordnet – von einem Hipparchen, einem Nauarchen und einem Sekretär geleitet. Der Stratege kommandierte das Bundesheer. Ein hohes Regierungsorgan war die Volksversammlung. Der Bund vergab Bürgerrechte und Proxenien, die für alle seine Städte galten. Er prägte auch eigene Münzen, die das Porträt des Apollon Aktios und des Flussgottes Acheloos zeigten. Sein kultisches Zentrum war das Heiligtum des Apollon Aktios.