Der Eichelspecht (Melanerpes formicivorus) ist ein mittelgroßer Vertreter der Gattung Melanerpes innerhalb der Unterfamilie der Echten Spechte (Picinae). Die auffällige und nicht seltene Art ist vom Südwesten Washingtons südwärts bis ins nordwestliche Südamerika verbreitet. Wie einige andere Melanerpes-Arten leben auch Eichelspechte meist in Familiengruppen, in denen eine höchst differenzierte Sozialstruktur ausgebildet ist. Die geographische Variation ist groß: Es werden über zehn Unterarten beschrieben, von denen sieben allgemein anerkannt sind. Fast alle Unterarten sind Standvögel und betreiben eine intensive herbstliche Vorratshaltung.
Merkmale Eichelspechte sind mit 22–24 Zentimeter Körperlänge etwa buntspechtgroß. Bei ausreichenden Lichtverhältnissen sind sie in ihrem Lebensraum mit keiner anderen Spechtart zu verwechseln.
Der Rücken und die oberen Flügeldecken sind glänzend schwarz; je nach Lichteinfall irisieren diese Körperpartien grünlich, bläulich oder purpurn. Der Bürzel und die Unterschwanzdecken sind auf weißem Grund unterschiedlich deutlich schwarz gestrichelt. Die Arm- und Handschwingen sind auf der Oberseite weitgehend glanzlos schwarz, im Bereich der Basen der Handschwingen zeigt sich ein weißer Fleck. Die Unterflügeldecken sind schwarz und weisen eine feine weiße Strichelung auf, die Unterseite der Arm- und Handschwingen ist stumpfer schwarz oder braunschwarz. Die beiden zentralen Steuerfedern sind verlängert und laufen spitz zu; häufig, insbesondere bei jungen Individuen, zeigen sie feine weiße oder goldgelbe Einschlüsse. Bei einigen Vögeln sind die Basen der Steuerfedern weiß. mini|links|
Die Zeichnung und Färbung von Kopf und Gesicht sind recht deutlich geschlechtsdifferenziert. Beim Männchen sind Scheitel und oberer Nackenbereich leuchtend scharlachrot gefärbt; vom unteren Nacken zieht sich ein schwarzes Feld bogenförmig über das Auge, das markant vom Weiß des übrigen Gesichtes begrenzt wird. Der schwarze Schnabel ist an der Basis von einem schwarzen Bereich umgeben; auch der obere Teil der Kehle ist schwarz. Die Brust und der untere Kehlbereich sind weißlich oder gelblich-weiß. Das schwärzliche Brustgefieder weist eine deutliche weiße Zeichnung auf, bei einigen Unterarten sind dort auch rote Federn eingelassen. Die Iris ist weiß. Bei Weibchen ist der scharlachrote Fleck auf den hinteren Scheitel- und oberen Nackenbereich beschränkt. Zur Stirn hin ist er durch ein schwarzes Band von den weißen Gefiederpartien der Stirn getrennt. Beim Männchen grenzt das Rot des Scheitels direkt an das Weiß der Stirnpartie. Füße und Zehen sind dunkelgrau. Männchen sind geringfügig größer und schwerer als Weibchen.
Das Jugendgefieder ist dem Adultgefieder ähnlich, die schwarzen Gefiederanteile sind jedoch etwas heller und weitgehend glanzlos. Der Brustbereich ist häufig bräunlich, die Iris ist schwarz. Die Geschlechtsbestimmung bei Jungvögeln ist schwierig, da Männchen und Weibchen eine gleich große rote Kopfplatte tragen. Am Ende des ersten Lebensjahres mausern Eichelspechte ins Adultgefieder.
Der Flug ist ein für Spechte typischer Bogenflug, wobei im Wellental die Flügel eng an den Körper angelegt werden. Markante Erkennungszeichen sind neben der charakteristischen Gesichtszeichnung der weiße Bürzel und die weißen Flügelfelder im Bereich der Handschwingenbasen.
Stimme Familiengruppen des Eichelspechtes sind das ganze Jahr über akustisch sehr auffällig, während sich einzelne Paare bedeutend ruhiger verhalten. Häufigste Lautäußerung sind der oft mit Wäke-wäke transkribierte Begrüßungsruf und ein ebenfalls zweisilbiges, meist gereiht vorgetragenes Element, das sich in etwa mit Jäk-up beschreiben lässt und vor allem in antagonistisch gestimmten Situationen geäußert wird.Peterson (1990) S. 222. Daneben sind eine Reihe krächzender und kreischender Laute zu hören. Die Trommelwirbel sind relativ langsam; sie bestehen aus bis zu 20 Einzelelementen.BNA (1995) Sounds
Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitung des Eichelspechtes Das Verbreitungsgebiet des Eichelspechtes reicht vom westlichen, pazifiknahen Nordamerika südwärts über weite Teile Mexikos und Mittelamerikas bis in die nördlichen Andenregionen Kolumbiens. Die nördlichsten Vorkommen bilden kleine, isolierte Populationen im Süden Washingtons; fragmentiert und lückenhaft sind die Brutgebiete in Oregon und im nördlichen Kalifornien. Nach Süden und Südosten zu sind geeignete Mittelgebirgs- und Gebirgsregionen fast flächendeckend besiedelt. Auf der Baja California bestehen zwei kleine isolierte Vorkommen. Nach Südosten ist der Eichelspecht in den Bergregionen Arizonas und Neu-Mexikos und lückenhaft im westlichen und zentralen Texas verbreitet. In Mexiko bewohnt die Art vor allem die lichten Eichenwälder der westlichen Küstengebirge sowie die Gebirgsregionen der östlichen und südlichen Sierra Madre. In Mittelamerika sind die Vorkommen weitgehend auf Bergregionen beschränkt. Weitgehend isoliert von diesen mehr oder weniger geschlossenen Verbreitungsgebieten brütet die Art in den Maya Mountains im südlichen Belize, in den daran angrenzenden guatemaltekischen Gebieten sowie im zentralen Bergland Panamas. An den nördlichen und zentralen Andenabhängen Kolumbiens bestehen voneinander weiträumig getrennte Brutvorkommen.
Da Eichelspechte bei Nahrungsmangel weit umherstreifen, etablieren sie gelegentlich Brutvorkommen weit vom geschlossenen Vorkommensgebiet entfernt. In den USA bildet zurzeit eine kleine Population auf Santa Catalina den westlichsten Vorposten, eine im Kerr County in Texas den südöstlichsten. mini|links|Die Kalifornische Weiß-Eiche (Quercus lobata), ein wichtiger Nahrungs- und Brutbaum der Niederungsgebiete
Bevorzugte Lebensräume der Art sind aufgelockerte Eichenwälder und Eichen-Kiefern-Mischwälder. Die Art dringt auch entlang von vor allem mit Pappelarten bestandenen Flussläufen in semiaride Gebiete vor und besiedelt große Parks, Friedhöfe oder andere anthropogen gestaltete Landschaften, solange ausreichend Eicheln als Winternahrung zur Verfügung stehen. In den nördlichsten Verbreitungsgebieten brütet der Eichelspecht in reinen Koniferenbeständen, im Süden in tropischen Hartlaubgehölzen. Im südlichen Mittelamerika und in Kolumbien ist die Bindung an Eichen als Nahrungsbaum zwar ebenfalls vorhanden, aber nicht so ausschließlich wie im nördlichen Teil des Verbreitungsareals. Neben Eichen, von deren Früchten viele Populationen des Eichelspechtes sehr stark abhängen, muss ein optimales Habitat ein ausreichendes Angebot an Ameisen und anderen Insekten bereitstellen sowie tote Bäume oder zumindest abgestorbene starke Äste aufweisen, in die Nist- und Schlafhöhlen gezimmert werden können. Auch in Kolumbien, wo das ganze Jahr über Fluginsekten, Früchte und Baumsäfte zur Verfügung stehen, und die Früchte der einzigen dort vorkommenden Eichenart nur eine untergeordnete Bedeutung für die Ernährung der Art haben, sind Eichengehölze, die sogenannten Robledales, bevorzugte Lebensräume.Kattan (1988) S. 101.
Eichelspechte sind vor allem Brutvögel der Mittelgebirge und der montanen Zonen. In vielen Bereichen ihres Verbreitungsgebietes steigen sie bis zur natürlichen Verbreitungsgrenze ihrer Brut- und Nahrungsbäume auf, in Kolumbien bis über 3500 Meter. Im südlichen Mittelamerika und in Kolumbien fehlt die Art unter 1500 Meter weitgehend. Nur in Teilen Kaliforniens, auf der Baja California sowie an den Südwestabhängen der Sierra Madre del Sur brüten Eichelspechte in tiefgelegenen, küstennahen Bereichen.
Raumbedarf und Territorialität Eichelspechte sind während des gesamten Jahres territorial. Die Größe der einzelnen Territorien ist jedoch äußerst unterschiedlich. In günstigen Gebieten liegt sie unter 10 Hektar, in suboptimalen Regionen sind die Reviere um ein Vielfaches größer. Gegenüber Artgenossen verteidigt der gesamte Familienverband die Schlüsselstellen, das sind die Brut- und Schlafhöhlen, die Speicher sowie die Nahrungs- und Saftbäume. Neben Artgenossen werden auch direkte Höhlen- oder Nahrungskonkurrenten aus der Umgebung dieser Stellen vertrieben. Andere Spechtarten, Krähen, Eulen und Stare werden energisch während des gesamten Jahres attackiert, auch gegenüber den in seinem Lebensraum vorkommenden Hörnchen verhalten sich Eichelspechte aggressiv. Andere Vogelarten werden meist geduldet, auch wenn sie die gleichen Nahrungsressourcen nutzen. In Mittelamerika wurden häufig Gesellschaften von Quetzals, Tukanen und Eichelspechten beim Früchteverzehr beobachtet.
Wanderungen Die meisten Populationen des Eichelspechtes sind Standvögel. Nur wenn die Vorratsspeicher erschöpft sind, verlassen sie ihr Brutgebiet und streifen meist kleinräumig umher. Nur bei weiträumig schlechtem Eichelangebot sind auch Wanderungen über einige 100 Kilometer möglich. Solche Situationen können zu sogenannten Wanderjahren führen, in denen Familiengruppen weit umherstreifen, ohne zu brüten. Sie können dann auch in Gebieten angetroffen werden, in denen sie sonst fehlen.BNA (1995) Migration
Nur eine in den Huachuca-Bergen im südöstlichen Arizona verbreitete Population hat ein davon abweichendes Verhalten entwickelt. Die Spechte dieser isolierten Region legen selbst bei einem großen Angebot an Eicheln keine Speicher an, sondern verwahren nur einige Eicheln in Rindenritzen oder sonstigen Spalten. Diese Vorräte sind bald aufgebraucht. Danach verlassen alle Eichelspechte das Gebiet und ziehen in die lockeren Eichenwälder der östlichen Sierra Madre in Mexiko. Im Frühjahr kehren sie in ihr angestammtes Brutgebiet zurück.
Nahrung und Nahrungserwerb mini|Eichelspecht bei der Futtersuche Eichelspechte ernähren sich sowohl von animalischer als auch von vegetabiler Kost. Der vegetabile Anteil ist höher, obwohl Insekten bevorzugt werden, wenn sie denn zur Verfügung stehen.BNA (1995) Dietary Preferences Neben Ameisen, insbesondere schwärmenden Geschlechtstieren, werden unterschiedliche Schmetterlingsarten, Fliegen, Läuse und Zikaden sowie Käfer und Wanzen erbeutet; die quantitative Zusammensetzung variiert und hängt von der saisonalen und regionalen Verfügbarkeit der Beutetiere ab. Holzbewohnende Käferlarven spielen im Nahrungsspektrum der Art keine Rolle. Daneben erbeuten Eichelspechte gelegentlich kleine Eidechsen, Säugetiere, Jungvögel und Vogeleier.
Der vegetabile Nahrungsanteil besteht vor allem aus Eicheln unterschiedlicher Eichenarten, der in vielen Populationen mehr als die Hälfte der aufgenommenen Nahrungsenergie ausmacht. Daneben werden verschiedene Nüsse, insbesondere Mandeln und Walnüsse, Kiefernsamen sowie Obst, Beeren und Gräsersamen verzehrt. Im Spätwinter und zeitigen Frühjahr bilden Baumsäfte eine wichtige Nahrungsergänzung. Im Lebensraum des Eichelspechtes in Kolumbien kommt nur eine Eichenart, Quercus humboldtii, vor. Eicheln spielen dort deshalb auch keine überragende Rolle. Hier überwiegen das ganze Jahr über Insekten, Früchte und Baumsäfte; gelegentlich wird auch Blütennektar aufgenommen.Kattan (1988) S. 100–106.