hochkant=1.2|mini|Verkehrserziehung 1961 Verkehrserziehung ist die pädagogische Einwirkung auf Kinder und Jugendliche mit dem Ziel, sie beim Aufbau von angemessenen Einstellungen und Verhaltensweisen im Straßenverkehr zu unterstützen. Insofern geht sie weit über die bloße Vermittlung von Verkehrsregeln und die Schulung in Jugendverkehrsschulen hinaus. Teilbereiche der Verkehrserziehung sind die verkehrsbezogene Gesundheits-, Sozial-, Umwelt- und Mobilitätserziehung, wobei letztere den Schwerpunkt Ortsveränderungen im Verkehr behandelt. Bezogen auf Erwachsene spricht man eher von Verkehrsunterricht oder Verkehrsschulung (zum Beispiel in Fahrschulen). Der Begriff Verkehrsunterricht dient auch oft als Bezeichnung für die schulische Verkehrserziehung.
Verhältnis von Verkehrserziehung und Mobilitätserziehung In der für die Verkehrserziehung maßgeblichen Empfehlung der Kultusministerkonferenz und in aktuellen Publikationen wird die Bezeichnung Verkehrserziehung durch den Begriff Mobilitätserziehung ergänzt oder sogar ersetzt.https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/1972/1972_07_07-Mobilitaets-Verkehrserziehung.pdf Mobilität thematisiert nach der gängigen Definition das Potential und das individuelle Verhalten der Ortsveränderung, während es bei Verkehr um die realisierte und oft aggregiert gedachte Ortsveränderung geht. Bei Mobilitätserziehung kommen vor dem Hintergrund der Umweltauswirkungen des Verkehrs auch Fragen in den Blick, ob Verkehr zur Bedürfnisbefriedigung überhaupt nötig ist oder vermieden werden kann, welche Mobilitätsoptionen zur Verfügung stehen und wie Mobilitätsverhalten beeinflusst und verändert werden kann.Maria Limbourg: Von der Verkehrserziehung zur Mobilitätserziehung, In: Institut Wohnen und Umwelt. Mit dem Fahrrad durchs Netz-Konzepte und Grundlagen einer zeitgemäßen Mobilitätserziehung, Darmstadt 2004, S. 6 Als weiteres Argument für den Begriffsaustausch wird angeführt, dass man Verkehr nicht erziehen könne.siehe etwa: „Den Verkehr können wir nicht „erziehen/bilden“, die Menschen schon.“ In: Maria Limbourg: Von der Verkehrserziehung zur Mobilitätserziehung, In: Institut Wohnen und Umwelt. Mit dem Fahrrad durchs Netz-Konzepte und Grundlagen einer zeitgemäßen Mobilitätserziehung, Darmstadt 2004, S. 6 Gegen die synonyme Verwendung oder Umbenennung der Verkehrserziehung werden jedoch in der Literatur auch Gegenargumente genannt:S. Warwitz: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Baltmannsweiler 2009.S. Willmeroth u. a.: Verkehrs- und Mobilitätserziehung. Mülheim an der Ruhr 2007, ISBN 978-3-8346-0350-0.
Ebenso wenig wie den Verkehr – wird entgegengehalten – kann man die Mobilität erziehen. Verkehrserziehung bedeutet auch nicht Erziehung des Verkehrs oder des Verkehrens, sondern (ähnlich der Sporterziehung) Erziehung durch Verkehren, beim Verkehren, zum (vernünftigen) Verkehren. Kompetenter Vermittler des Lernfeldes Verkehr ist der Verkehrserzieher.
Verkehrserziehung ist der weitere und damit übergeordnete Begriff (Verkehren = Miteinander umgehen). Er ist damit besser geeignet, das komplexe Aufgabenfeld der Verkehrspädagogik zu kennzeichnen. Mobilitätserziehung umfasst begrifflich nur einen von mehreren Teilbereichen der Verkehrserziehung, den, der mit Bewegung und Ortswechseln (Räumliche Mobilität und Beweglichkeit) zu tun hat.
Der Ausdruck Verkehrserziehung wird als kindgemäßer, leichter verständlich und daher auch didaktisch besser vermittelbar gesehen. Er bezieht das menschliche Miteinander als Wesen des Verkehrens ein und setzt entsprechend, sachlich richtig und methodisch sinnvoll, schon vor der Beteiligung am Straßenverkehr an (Verkehren = einander begegnen, sich austauschen, verträglich miteinander umgehen).
Verkehrserziehung erlaubt mit seinen vielfältigen sprachlichen Gestaltungsmöglichkeit als Substantiv (Verkehr), als Verb (verkehren), als Adjektiv (verkehrsgerecht) und in Wortverbindungen (Verkehrszeichen) eine flexiblere Handhabung und Zuordnung zur Verkehrspädagogik wie zu dem übergeordneten Bereich der Verkehrswissenschaften.
Das gesamte Sachgebiet und das breite Aufgabenfeld lassen sich unter dem bekannten Begriff Verkehrserziehung erkennbar zusammengehörig, stimmig und einheitlich subsumieren (Verkehrserzieher, Verkehrsteilnehmer, Verkehrsraum, Verkehrsregeln, Verkehrszeichen, Verkehrsmittel, Verkehrssituationen, Verkehrssicherheit, Verkehrsunfall, Verkehrsunterricht, Verkehrssünder, Verkehrsrowdy, Verkehrssinn, Verkehrsdisziplin, Verkehrskasper, Verkehrsdidaktik, Verkehrsintelligenz, Verkehrskompetenz, Verkehrsverhalten etc.).
Die Mobilitätserziehung leistet jedoch, ebenso wie die anderen Unterbereiche Persönlichkeits-, Sozial-, Sicherheits-, Umwelt- oder Gesundheitserziehung, einen unbestritten bedeutsamen Sachbeitrag zur Verkehrserziehung.Ph. Spitta: Praxisbuch Mobilitätserziehung. Baltmannsweiler 2005.S. Warwitz: Verkehrserziehung vom Kinde aus. 2009, S. 3, S. 22 ff, S. 55.
Struktur der Verkehrserziehung in Deutschland Die Verkehrserziehung in Deutschland ist auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen angesiedelt und zeichnet sich durch interdisziplinäre Kooperationen und Methodenvielfalt aus.
Für die schulische Verkehrserziehung sind aufgrund der föderalen Staatsstruktur die Länder zuständig. Daher werden in Deutschland von jedem Bundesland eigene Curricula und Handreichungen für Verkehrserziehung an den Schulen erarbeitet, die unterschiedliche Akzente setzen. Dies betrifft die Zielsetzungen wie die Inhalte, den Stundenumfang und die Methoden.H. C. Heinrich, A. Seliger (1993).H. Weishaupt u. a. (2004).
Um eine Harmonisierung der schulischen Verkehrserziehung zu erreichen, wurde in der Bundesrepublik Deutschland 1972 erstmals durch die Kultusminister der Länder eine „KMK-Empfehlung zur Verkehrserziehung“ verabschiedet. Diese wurde in den Jahren 1994 und 2012 überarbeitet und dem Diskussionsstand angepasst. Im Rahmen dieser Empfehlungen sind u. a. Umfang, Themen und Methoden der Verkehrserziehung abgesteckt.Empfehlung zur Verkehrserziehung in der Schule 1994 bzw. 2012. Jedes Bundesland gestaltet auf dieser Grundlage seine eigenen Curricula.
Die verkehrsdidaktische Ausbildung der Lehrer erfolgt an den Hochschulen. Die Schulen werden durch speziell ausgebildete Polizeibeamte unterstützt (z. B. bei der Schulwegsicherung, der Radfahrausbildung oder bei Aktionen für junge Fahrer). Polizeibeamte sind darüber hinaus auch in der außerschulischen Verkehrserziehung aktiv.
Als weitere Organisationen bringen sich etwa die Deutsche Verkehrswacht (Jugendverkehrsschulen), Unfallversicherungen und andere Interessenverbände, kirchliche Organisationen, Unternehmen in die schulische Verkehrssicherheitsarbeit ein.
Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) unterstützt Maßnahmen der außerschulischen Verkehrserziehung über den Deutschen Verkehrssicherheitsrat und die Deutsche Verkehrswacht, etwa das Programm „Kind und Verkehr“, welches sich an Eltern von Vorschulkindern und das Programm „Kinder im Straßenverkehr“, das sich an Vorschulerzieherinnen und -erzieher wendet. Die Bundesländer finanzieren Projekte an den Schulen und Hochschulen, etwa das „Fußgängerdiplom“ oder das „Karlsruher 12-Schritte-Programm“ für die Sicherung des Schulanfängers.
Die Forschung in den Bereichen der Verkehrssicherheit und der Verkehrserziehung wird in den unterschiedlichen Kompetenzbereichen unter verschiedener Schwerpunktsetzung betrieben. So führt etwa die Bundesanstalt für Straßenwesen Bergisch Gladbach vorrangig Forschungsprojekte zu aktuellen Fragestellungen der Verkehrssicherheit durch.Jahresbericht 2007/2008.K. Heidemann, V. Hufgard, E.-M. Sindern, S. Riek, G. Rudinger (2009).Nicola Neumann-Opitz, Rita Bartz (2011).Hardy Holte: Profile im Straßenverkehr verunglückter Kinder und Jugendlicher. 2010.
Im Hochschulbereich, etwa an den Universitäten Essen und Dresden oder an den Pädagogischen Hochschulen Karlsruhe und Heidelberg, stehen dagegen je nach der wissenschaftlichen Ausrichtung mehr psychologische, pädagogische, soziologische und didaktische Fragestellungen der Verkehrserziehung im Vordergrund.M. Limbourg, A. Flade, J. Schönharting: Mobilität im Kindes- und Jugendalter. Opladen 2000.S. A. Warwitz: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. 6. Auflage. Baltmannsweiler 2009.R. Gorges: Zur Bedeutung der Psychomotorik in der Verkehrserziehung oder Irrwege in der Verkehrspädagogik der Primarstufe. In: Z. f. Verkehrserziehung. 1, 1997, S. 4–10.S. A. Warwitz: Kinder im Problemfeld Schul-Rushhour. In: Sache-Wort-Zahl. 86, 2007, S. 52–60.
Für die praktische Verkehrserziehung vor Ort liefern Hochschulen, Unternehmen, Versicherungen, Interessenverbände zahlreiche sehr unterschiedliche Angebote an Programmen, Materialien und Aktionen.
Verkehrserziehung im Kindergarten mini|Blechspielzeug Verkehrsspiel Traffic Control von 1959 Verkehrserziehung beginnt bereits im Kindergartenalter. Allerdings nimmt sie in vielen Kindergärten eher eine Randstellung ein, weil Erzieherinnen und Erzieher in ihrer Ausbildung nur selten mit dieser Thematik vertraut gemacht werden. Unter Bezug auf den Situationsansatz lässt sich die Notwendigkeit, bereits in diesem Alter mit Verkehrserziehung zu beginnen, wie folgt begründen:R. Gorges: Lebenssituation „Straßenverkehr“. In: A. Krenz (Hrsg.): Methodenkompetenz im Kindergarten. Olzog Verlag, München 2006, S. 1–23. Schon kleine Kinder nehmen in unterschiedlichen Rollen (als Fußgänger, Radfahrer, Mitfahrer) allein oder in Begleitung am Straßenverkehr teil. Verkehrssituationen sind also Lebenssituationen, mit denen sich Kinder auseinandersetzen müssen.S. A. Warwitz: Verkehrserziehung vom Kinde aus. 2009, S. 56. Es sind sogar existenziell bedeutsame Lebenssituationen, denn wenn ein Kind beispielsweise plötzlich auf eine Fahrbahn rennt, kann dieses Fehlverhalten zu schweren Verletzungen oder gar zum Tod führen.M. Limburg: Kinder im Straßenverkehr. Hrsg.: Gemeindeunfallversicherungsverband Westphalen-Lippe, Münster 1996.
Die Auseinandersetzung mit dem Straßenverkehr darf also im Kindergarten nicht als belangloses Randgebiet betrachtet werden. Sie gehört vielmehr zu den wesentlichen Aufgaben von Bildung und Erziehung. Auch die häufig vertretene Auffassung, Kinder müssten durch Erzieher und Eltern -etwa in der Form des Elterntaxi- vor den Gefahren des Straßenverkehrs behütet werden, widerspricht einer Pädagogik der schrittweisen Vermittlung von Autonomie und Kompetenz. mini|Experiment zur Nachtsichtbarkeit von reflektierender Kleidung Aufgrund ihres Entwicklungsstandes haben Kinder größere Schwierigkeiten, sich im Straßenverkehr angemessen und sicher zu bewegen als Jugendliche oder Erwachsene. Das liegt vor allem an folgenden Eigenheiten: an der geringen Körpergröße und der damit fehlenden Übersicht, dem engeren Blickwinkel (Tunnelblick), den Schwierigkeiten beim Einschätzen von Geschwindigkeiten und Entfernungen, Problemen bei der Koordinierung von Wahrnehmung und Motorik, dem begrenzten Gefahrenbewusstsein, der Konzentration auf Gegenstände und Personen, die für das Kind emotional bedeutsam sind, und damit der leichten Ablenkbarkeit von verkehrsrelevanten Sachverhalten.
Zu den Zielen der elementaren Verkehrserziehung gehört deshalb auch die Förderung von Wahrnehmung, Motorik und Konzentration der Kinder. Dabei ist es sinnvoll, diese Übungen und Spiele so zu gestalten, dass sie bereits einen Bezug zu Verkehrssituationen haben.