Die Schlacht bei Warschau (gelegentlich auch als das Wunder an der Weichsel, polnisch Cud nad Wisłą bezeichnet) war die entscheidende Schlacht im Polnisch-Sowjetischen Krieg, der kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begann und mit dem Frieden von Riga endete.

Die Schlacht bei Warschau wurde vom 13. bis zum 25. August 1920 ausgetragen, als Kräfte der Roten Armee unter dem Befehl von Michail Tuchatschewski auf die polnische Hauptstadt Warschau und die nahe gelegene Festung Modlin zumarschierten. Am 16. August führte die polnische Armee unter dem Befehl von Józef Piłsudski einen Gegenangriff von Süden durch, der die sowjetischen Truppen zu einem unorganisierten Rückzug nach Osten über die Memel zwang. Geschätzte 10.000 Rotarmisten wurden getötet, 500 vermisst, 10.000 verwundet und 66.000 gerieten in Kriegsgefangenschaft. Auf polnischer Seite wurden 4.500 Soldaten getötet, 10.000 vermisst und 22.000 verwundet.

Vor dem polnischen Sieg an der Weichsel sahen sowohl die Bolschewiki als auch die Mehrheit der ausländischen Experten Polen am Rand der Niederlage. Der überwältigende und unerwartete polnische Sieg schwächte die Rote Armee entscheidend. In den folgenden Monaten konnten weitere polnische Siege erreicht, die Ostgrenze Polens weit nach Osten vorgeschoben und im Friedensvertrag von Riga die Unabhängigkeit Polens gesichert werden.

Die Schlacht Die Schlachtpläne Der polnische Schlachtplan Im Zuge der erfolgreichen sowjetischen Gegenoffensive ab Mai 1920 hatte die Westliche Armeegruppe der Roten Armee unter Michail Tuchatschewski am 11. Juli Minsk und am 19. Juli Hrodna erobert. Am 28. Juli erreichten die Sowjets Białystok und drei Tage später wurde die Festung von Brest eingenommen. Der Rückzug der polnischen Kräfte aus dem Nordosten war zunächst ungeordnet und wurde erst ab Anfang August wieder organisierter durchgeführt.

Zunächst wollte Józef Piłsudski seine Gegenoperation am Westlichen Bug und in Brest gründen, aber der unerwartete Fall der Festung vereitelte diesen Plan. In der Nacht vom 5. auf den 6. August erdachte Piłsudski im Warschauer Belvedere-Palast einen überarbeiteten Plan. Dieser Plan rief die polnischen Kräfte zum Rückzug über die Weichsel und zur Verteidigung der Brückenköpfe bei Warschau und am Wieprz. Etwa 25 Prozent der verfügbaren Divisionen sollten im Süden für einen strategischen Gegenangriff zusammengezogen werden. mini|hochkant|Der polnische Befehlshaber: Józef Piłsudski

Des Weiteren sah Piłsudskis Plan für die 1. und 2. Armee von General Józef Hallers zentralen Truppenverbänden (10½ Divisionen) eine passive Rolle vor, bei der sie sich den sowjetischen Frontalangriffen auf Warschau aus dem Osten entgegenstellten und ihre Grabenstellungen um jeden Preis halten sollten. Zur gleichen Zeit sollte die 5. Armee (5½ Divisionen) unter General Władysław Sikorski, der General Haller untergeordnet war, den nördlichen Bereich nahe der Festung Modlin verteidigen und, falls dies notwendig werden sollte, Schläge hinter Warschau ausführen. Damit sollten sowjetische Kräfte abgeschnitten werden, die den Versuch unternahmen, Warschau aus dieser Richtung zu umkreisen. Weiterhin sollte die 5. Armee die gegnerische Front durchbrechen, um in den Rücken der nordwestlichen sowjetischen Front einzufallen. Zusätzliche fünf Divisionen der 5. Armee sollten Warschau aus nördlicher Richtung verteidigen. General Franciszek Latiniks 1. Armee sollte Warschau selbst verteidigen, während General Bolesław Rojas 2. Armee die Front an der Weichsel von Góra Kalwaria bis nach Dęblin halten sollte.

Die wichtigste Rolle war jedoch einer relativ kleinen (etwa 20.000 Mann), neu zusammengestellten „Reservearmee“ (auch Sturmgruppe (polnisch Grupa Uderzeniowa)) zugedacht, die von Józef Piłsudski persönlich kommandiert wurde und in der die kampferfahrenen und fest entschlossenen polnischen Einheiten von der südlichen Front zusammengezogen wurden. Sie wurden von General Leonard Skierskis 4. Armee und General Zygmunt Zielińskis 3. Armee unterstützt, die nach dem Zurückweichen aus dem Gebiet des Westlichen Bug nicht direkt in Richtung Warschau abzogen, sondern den Wieprz überschritten und so den Kontakt mit ihren Verfolgern verloren. Die Aufgabe der Sturmgruppe war es, die Speerspitze einer schnellen nördlichen Offensive aus dem Weichsel-Wieprz-Dreieck südlich von Warschau zu bilden, wo der polnische Geheimdienst eine Schwachstelle zwischen der sowjetischen westlichen und südwestlichen Front ausgemacht hatte. Dieser Schlag würde die sowjetische westliche Front von ihrem Nachschub abschneiden und ihre Bewegungen durcheinanderbringen. Letztlich sollte sich die Lücke zwischen General Sikorskis 5. Armee und der vorrückenden Stoßgruppe an der ostpreußischen Grenze schließen und somit die sowjetische Offensive einschließen.

Obwohl der Plan auf recht zuverlässigen Informationen des polnischen Geheimdienstes und abgefangenen sowjetischen Funksprüchen basierte, wurde er doch von vielen hochrangigen Offizieren und Militärexperten, die schnell die mangelnde formelle militärische Ausbildung Piłsudskis herausstellten, als „amateurhaft“ bezeichnet. Nur eine Woche vor dem geplanten Gegenangriff kämpften viele polnische Einheiten an Stellen, die noch 150 bis 250 km von den Sammelpunkten entfernt waren. Alle Truppenbewegungen sollten innerhalb der Schlagdistanz der Roten Armee stattfinden. Ein starker Stoß der Roten Armee könnte die Pläne für einen polnischen Gegenangriff zunichtemachen und den Zusammenhalt der gesamten polnischen Front gefährden. Piłsudskis Plan wurde auch von den polnischen Kommandeuren und Offizieren der Französischen Militärmission kritisiert. Sogar Piłsudski gab später in seinen Memoiren zu, dass das Vorhaben ein gefährliches Spiel war und dass die Gründe für den Entschluss, an dem Plan festzuhalten, die defätistische Haltung der Politiker, die Sorge um die Sicherheit der Hauptstadt und das vorherrschende Gefühl waren, wenn Warschau fiele, wäre alles verloren. Nur die verzweifelte Situation und die Einsicht, dass es unter diesen Umständen die einzige Möglichkeit war, der vernichtenden Niederlage zu entgehen, überzeugten die anderen Kommandeure, dem Plan zu folgen. Ironischerweise wurde der Plan, als er den Sowjets „versehentlich“ in die Hände fiel, für einen dürftigen Täuschungsversuch gehalten und ignoriert, was sich im Nachhinein natürlich als Fehler herausstellte.

mini|hochkant|Sowjetischer Befehlshaber: Michail Tuchatschewski Es gibt eine Kontroverse über die Urheberschaft des Plans. Aufgrund von Piłsudskis politischer Einstellung war er beim rechten Flügel der polnischen Politik in hohem Maße unbeliebt. Deswegen behaupteten nach der Schlacht viele Journalisten, dass der Plan eigentlich entweder von dem französischen General Maxime Weygand oder vom polnischen Stabschef Tadeusz Rozwadowski vorbereitet worden wäre. Laut neuesten wissenschaftlichen ErkenntnissenJanusz Odziemkowski. Wojna Polski z Rosją Sowiecką, 1919–1920 (Polens Krieg mit Sowjetrussland, 1919–1920). In: Mówią Wieki. 2/2005, S. 46–58. schlug die Französische Militärmission in Polen nur eine kleinere taktische Gegenoffensive von zwei Divisionen in Richtung Mińsk Mazowiecki vor. Damit sollten die bolschewistischen Kräfte um 20 Kilometer zurückgedrängt werden, um anschließend Verhandlungen um einen Waffenstillstand zu erreichen. Auf der anderen Seite sah der Plan von General Rozwadowski einen tiefen Vorstoß in die russischen Linien aus der Gegend um den Wieprz vor. Demgegenüber schlug Piłsudski eine groß angelegte Operation vor, in der große Teile der Kräfte dafür eingesetzt wurden, den Gegner zu schlagen, statt ihn nur zurückzudrängen. Der Plan wurde von der Französischen Militärmission, die nicht glaubte, dass die polnische Armee sich nach einem 600 Kilometer langen Rückzug neu formieren könnte, abgelehnt.

Der sowjetische Schlachtplan Michail Tuchatschewski plante, Warschau zu umgehen und einzukreisen, indem er die Weichsel nahe Włocławek überqueren, dann seine Truppen nördlich und südlich der Stadt aufstellen und den Angriff von Nordwesten beginnen wollte. Hierbei sollte das Kavalleriekorps unter Gaik Bschischkjan als bewegliche Stoßtruppe den Durchbruch erzielen. Er hatte vor, mit seinen 24 Divisionen das klassische Manöver von Iwan Paskewitsch zu wiederholen, der 1831 während des Novemberaufstands die Weichsel bei Thorn überquert und Warschau praktisch ohne Widerstand erreicht hatte. Dieser Zug würde auch die polnischen Kräfte von Danzig, dem einzigen offenen Hafen für die Verschiffung von Waffen und Nachschub, abschneiden.

Die größte Schwäche des sowjetischen Plans war die schlecht verteidigte südliche Flanke, die nur durch die Prypjatsümpfe und die schwache, nach dem Ort Mosyr benannte Mosyr-Gruppe (Мозырская группа) gesichert wurde; der Großteil der sowjetischen südwestlichen Front war mit der Lemberger Operation beschäftigt. Tuchatschewski wusste um diese Schwachstelle, er wurde allerdings durch mehrere Faktoren dazu gedrängt, dieses Risiko einzugehen. Einerseits waren die Befehle der politischen Führung klar. Lenin erwartete in den Industriestaaten Europas ein Ausgreifen der Revolution. Polen sollte als die Brücke Russlands in den Westen daher schnellstmöglich eingenommen werden. Des Weiteren sprachen Berichte des sowjetischen Geheimdienstes von einem kommenden Umbruch in Polen, der nur noch einen Anstoß durch die Rote Armee brauche. Andererseits drängte auch die militärische Lage nach möglichst schnellem Vorgehen, da Tuchatschewski wusste, dass die polnischen Truppen mit jedem Tag durch Einberufungen und die Aufstellung von Freiwilligeneinheiten stärker wurden. Auch die Erfahrungen im Bürgerkrieg spielten eine Rolle. Die Weißen Armeen waren durch sinkende Disziplin und Moral auf dem Rückzug immer schwächer geworden, je mehr sie von ihrem Ziel Moskau abgedrängt wurden. Dass die Polen sich vergleichsweise sehr geordnet und mit zahlreichen Rückzugsgefechten ins Landesinnere absetzten, wurde dabei angesichts des schnellen Vormarsches auf Warschau ignoriert.

Die erste Phase, 12. August In der Zwischenzeit rückten die Bolschewiki vor. Gaik Bschischkjans Kavalleriekorps überquerte zusammen mit der 4. Armee die Wkra und marschierte auf Włocławek zu. Die 15. und die 3. Armee näherten sich der Festung Modlin, und die 16. Armee bewegte sich auf Warschau zu.

Der Angriff auf Warschau begann am 12. August mit dem Angriff der 16. Armee auf die Stadt Radzymin, die nur 23 Kilometer östlich von Warschau liegt. Der anfängliche Erfolg dieses Angriffs veranlasste Piłsudski, seine Pläne um 24 Stunden aufzuschieben.

mini|hochkant=1.3|links|Stellungen vor der Schlacht Am 13. August begann die Rote Armee einen Frontalangriff auf den Brückenkopf in Praga. Während der schweren Kämpfe wechselte die Herrschaft über Radzymin mehrmals, und ausländische Diplomaten, mit Ausnahme des britischen Botschafters und des Vertreters des Vatikans, verließen Warschau überstürzt. Am 14. August fiel die Ortschaft an die Rote Armee, und die Linien von General Władysław Sikorskis 5. Armee wurden durchbrochen. Die 5. Armee musste gegen drei sowjetische Armeen gleichzeitig kämpfen: die 3., die 4. und die 15. Armee. Der Bereich um Modlin wurde mit Reservetruppen (die als Sibirische Brigade bekannte polnische 5. Schützendivision und die 18. Infanteriedivision von Franciszek Krajowski – beides kampferprobte Elitetruppen) verstärkt, sodass die 5. Armee die Stellung bis zum Morgen halten konnte.