Das Kernkraftwerk Würgassen (KWW) im Stadtteil Würgassen der Stadt Beverungen im ostwestfälischen Kreis Höxter bestand aus einem Siedewasserreaktor der 2. Generation.Power Reactor Information System der IAEO: „Germany, Federal Republic of: Nuclear Power Reactors“ (englisch) Es besaß eine elektrische Bruttoleistung von 670 MW und eine elektrische Nettoleistung von 640 MW.
Es wurde innerhalb von drei Jahren erbaut und von 1971 bis zum 26. August 1994 betrieben. Bei einer geplanten Revision wurden Haarrisse im Stahlmantel des Reaktorkerns gefunden. Die Betreiberin beantragte 1995 nach eingehender Untersuchung aus wirtschaftlichen Gründen eine Stilllegungs- und Abrissgenehmigung. Diese wurde durch die atomrechtliche Aufsichtsbehörde 1997 erteilt. 17 Jahre lang, bis 2014, wurde das Kernkraftwerk zurückgebaut und anschließend von radioaktiven Stoffen befreit, was insgesamt mehr als eine Milliarde Euro kostete. Von 455.000 Tonnen Rückbaumasse fielen etwa 5.000 Tonnen radioaktiver Abfall an. Ein Rückbau der verbliebenen Gebäude kann erst nach vollständiger Beräumung des Zwischenlagers für schwach- und mittelradioaktive Abfälle am Standort erfolgen. Dies erfordert die Annahmebereitschaft eines Bundesendlagers.Hannoversche Allgemeine Zeitung Nr. 242 vom 17. Oktober 2014 Seite 6: Michael B. Berger: „Der Letzte macht das Licht aus. Das erste kommerziell genutzte Atomkraftwerk ist in 17 Jahren mit großer Akribie entkernt worden – Würgassen an der Oberweser.“ Bis zu diesem Zeitpunkt verbleibt das Kernkraftwerk im Regelungsbereich des Atomgesetzes. Im März 2020 teilte die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung öffentlich mit, dass sie auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks ein zentrales Eingangslager für das Endlager Schacht Konrad plant; am 12. Dezember 2023 gab das Bundesumweltministerium jedoch bekannt, dass am Standort Würgassen kein solches Eingangslager errichtet werden soll.
Standort Die Gebäude des Kernkraftwerks Würgassen stehen im ostwestfälischen Weserbergland am rechten Weserufer in dem namensgebenden Dorf Würgassen nur wenige Kilometer entfernt vom Dreiländereck von Nordrhein-Westfalen mit Niedersachsen und Hessen. Nach der Eingemeindung Würgassens am 1. Januar 1970 durch § 2 Gesetz zur Neugliederung des Kreises Höxter gehört das Kernkraftwerk verwaltungsmäßig zur Stadt Beverungen im Kreis Höxter. Vom Norden bis zum Osten erhebt sich dort der Solling, ein waldreiches Mittelgebirge. Die größte Stadt in der Nähe ist Bielefeld mit rund 346.000 Einwohnern (Nordrhein-Westfalen, etwa 70 km westlich), andere Großstädte in der Nähe sind Kassel (Hessen, etwa 35 km südlich), Göttingen (Niedersachsen, etwa 40 km östlich) sowie Paderborn (Nordrhein-Westfalen, etwa 45 km westlich). Der nächstgelegene Standort eines ehemaligen Kernkraftwerks ist Grohnde. Er liegt weserabwärts nördlich von Würgassen in 44 km Luftlinie entfernt.
Einrichtung und Inbetriebnahme Gründe für die Wahl des Kernkraftwerksstandorts waren der zunehmende Energiebedarf in der Region Ostwestfalen, Südniedersachsen und Nordhessen sowie das durch die Weser zur Verfügung stehende Kühlwasser.
Der Bau des Reaktors begann am 26. Januar 1968 durch die AEG, die hier eine Vorläufergeneration zu dem Kraftwerkstyp Baulinie 69 (KWU) realisierte. Auch die Dampfturbinen wurden von AEG Telefunken geliefert. Es war das letzte Kernkraftwerk der AEG, bevor 1969 durch die Zusammenlegung der jeweiligen Kraftwerksaktivitäten von AEG und Siemens die Kraftwerk Union AG (KWU) entstand, die ab 1972 als Hersteller alle nachfolgenden AEG-Kernkraftprojekte übernahm. Der Bau kostete 400 Millionen DM. Bereits die Planungsphase war begleitet von erheblichen Protesten örtlicher Bürgerinitiativen. Im März 1971 begann der allgemeine Betrieb, bevor im September 1971 die Genehmigung zur nuklearen Inbetriebnahme erfolgte. auf den Seiten des Betreibers E.ON Kernkraft Am 20. Oktober 1971 wurde der Reaktor zum ersten Mal kritisch und ging damit als erstes in Deutschland vollständig kommerziell genutztes KKW in Betrieb; die Netzsynchronisation erfolgte am 18. Dezember 1971. Am 11. November 1975 begann der reguläre Betrieb mit der Übergabe an den Betreiber PreussenElektra. Nachfolgegesellschaft war ab 2000 die E.ON Kernkraft, die seit 2016 wieder unter dem Namen PreussenElektra firmiert.
Anlage Neben dem Kernreaktor bestand das Kernkraftwerk Würgassen aus dem Sicherheitsbehälter, dem Maschinenhaus, der Kraftwerkswarte, dem Abluftkamin, zwei Kühltürmen und dem Netzanschluss.
Kühltürme In Würgassen wurden zwei 49 m hohe Ventilatorkühltürme eingesetzt. Sie unterlagen dem normalen Baurecht und konnten somit vor der eigentlichen Anlage demontiert werden.Video der EON Kernkraft zum KKW Würgassen: Dokumentarfilmreihe: Rückbau Kernkraftwerk Würgassen: Abbruch der Kühltürme
Turbinenanlage Der Turbosatz verfügte – als einzige Anlage in einem deutschen Kernkraftwerk – neben einer Hochdruck- und Niederdruckturbine auch über eine Mitteldruckturbine.Kernkraftwerk Würgassen – 12 Jahre erfolgreicher Rückbau Broschüre des Betreibers zum Rückbau des KKW, Seite 8
Daten zur Betriebszeit des Kernkraftwerks Würgassen In der Betriebszeit seit der Übergabe am 11. November 1975 bis zum 31. Dezember 1994 wurde das Kernkraftwerk Würgassen mehrmals abgeschaltet (28 % der Laufzeit): 1.309 Tage: 16 Revisionen 180,9 Tage: 42 geplante Stillstände 61,8 Tage: 63 Betriebsstörungen 64,6 Tage: 17 außerplanmäßige Reparaturen 386 Tage: 2 sonstige Anlässe (1989/90 Realisierung von Brandschutzmaßnahmen, 1994 Befunden am Kernmantel)
Bis Ende 1994 sind vom Kernkraftwerk Würgassen etwa 270 Tonnen bestrahlter Brennelemente an die französische Wiederaufarbeitungsgesellschaft Cogema geliefert worden.
Zwischenfälle
Ereignisse in den 1970er Jahren Bereits vor dem kommerziellen Betrieb kam es zu einigen Problemen: 1972 gab es Schwierigkeiten mit Entlastungsventilen und mit einem Leck in der Kondensationskammer, 1973 wurden Risse an den Schweißnähten zwischen Frischdampf- und Entlastungsleitungen entdeckt, 1974 gab es einen Riss am Niederdruckläufer. Im selben Jahr wurden radioaktive Substanzen außerhalb des Kontrollbereichs gefunden.
Flugzeugabstürze 1978 stürzte nahe Drenke und damit acht Kilometer vom Kernkraftwerk Würgassen entfernt ein britisches Kampfflugzeug vom Typ McDonnell F-4 Phantom II im Tiefflug ab und zerschellte. Das löste eine intensive Diskussion darüber aus, inwieweit Kernkraftwerke gegen Flugzeugabsturz genügend abgesichert sind. Der Betreiber PreussenElektra musste daraufhin einräumen, dass die sicherheitstechnisch wichtigen Anlagen des KKW Würgassen nur bis zu einer Aufprallgeschwindigkeit von 350 bis 450 km/h geschützt sind.Der Spiegel 38/1978 abgerufen im Mai 2010 In einem 30-km-Radius um das Kraftwerk stürzten außerdem ab: 1982 eine weitere Phantom sowie bereits 1966 und 1968 – also noch vor der Inbetriebnahme des Kernkraftwerks – je ein Hubschrauber des Typs Alouette II.
Radioaktivitätsfreisetzung 1982 Am 20. August 1982 trat beim Auswechseln eines Sandfilters radioaktiver Staub aus, der nach Angaben des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums unter der zulässigen Strahlendosis lag und durch dessen Austritt keine Personen betroffen waren. Der Journalist Günter Wallraff berichtet hingegen von 14 Arbeitern, die aufgrund dieses Vorfalls so stark „verstrahlt“ wurden, dass die kraftwerkseigene Dekontamination durch Duschen nicht genügte und die Arbeiter in der „Strahlenklinik in Düsseldorf“ untersucht werden mussten.
Fund von Uran im Nachbarort
Ein Fall, der oft mit dem KKW Würgassen in Verbindung gebracht wurde, nach Erkenntnis der Ermittlungsbehörden aber tatsächlich nichts mit dem Kraftwerk zu tun hat, ist das nicht vollständig geklärte Auftauchen von radioaktivem Material in Lauenförde, einem Nachbarort von Würgassen, 2007. Hier wurden nach Hinweisen eines Mannes im Vorgarten seines Hauses 110 Gramm schwach angereichertes Uran gefunden, die der Besitzer nach eigenen Angaben 1992 selbst dort vergraben hatte.Spiegel Online vom 2. März 2007: Uran im Garten – Herr der Pellets
Stilllegung mini|hochkant=2.2|Das Betriebsgelände des Kernkraftwerks Würgassen 2009 – die Kühltürme sind bereits abgerissen Geplant war ursprünglich ein Betrieb des Kraftwerkes bis ins Jahr 2010. Im Oktober 1994 entdeckte der TÜV in Zusammenarbeit mit der Materialprüfungsanstalt der Universität Stuttgart bei einer Routineinspektion Haarrisse in einem Stahlzylinder (Kernmantel) am Reaktorkern, die eine Länge bis zu 60 mm hatten.Udo Leuschner – Oktober 1994 – Risse im Reaktor-Kernmantel des KKW Würgassen entdeckt Es konnte nicht festgestellt werden, ob diese Risse schon beim Bau entstanden waren oder erst während des Betriebs. Der Stahlmantel hat die Aufgabe der Wärmeleitung und soll keinen Druck abhalten. Als Mechanismus für die Risse am Kernmantel sowie an den Kerngitterplatten wurde aufgrund von zwei untersuchten Materialproben interkristalline Spannungsrisskorrosion festgestellt. Die Ursache wird in der Zusammensetzung des Werkstoffs sowie in der Glühbehandlung bei der Fertigung gesehen, durch die eine Sensibilisierung erfolgte.
Von der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde wurde ein Austausch des Zylinders verlangt und ein neues Genehmigungsverfahren angekündigt. Dies erschien der PreussenElektra als unwirtschaftlich. Sie ging von einer Grundsanierung der Kerneinbauten aus, die mindestens 200 Millionen Mark gekostet und einen zweijährigen Stillstand verursacht hätte.Energie Chronik Udo Leuschner abgerufen im Mai 2010 Gegenüber dem Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen als atomrechtlicher Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde erklärte PreussenElektra am 2. Juni 1995 die Absicht, das abgeschaltete Kernkraftwerk Würgassen aus wirtschaftlichen Gründen stillzulegen.
Bereits 12 Jahre zuvor mussten 1982 umfangreiche Nachrüstungen am Rohrsystem des Reaktors vorgenommen werden, da sich eine Vielzahl von Haarrissen zeigte. Dabei entstanden Kosten von insgesamt 480 Millionen DM und die allein zur Übernahme der Sanierungsarbeiten gegründete Arbeitsgemeinschaft aus Transnuklear GmbH und Heidelberger Kraftanlagen AG war später in den Atomskandal von Nukem und Transnuklear verwickelt.
Für die Stadt Beverungen war die Stilllegung des Kraftwerkes finanziell ein erheblicher Verlust, weil sie während des Betriebs Gewerbesteuereinnahmen in Millionenhöhe erhielt.
Brennelementlagerbecken und Abfälle Bis zum 31. Dezember 1994 waren im Brennelementlagerbecken des abgeschalteten Kernkraftwerks 632 Brennelementpositionen belegt, davon 117 (20 Tonnen Schwermetall) mit abgebrannten, 340 (59 Tonnen Schwermetall) mit teilabgebrannten Brennelementen, 175 mit sonstigen, zum Beispiel frischen Brennelementen.
Am 31. Dezember 1994 lagerten im Kernkraftwerk Würgassen ca. 1 600 m³ endlagerfähige radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung und ca. 270 m³ nichtwärmeentwickelnde Rohabfälle bzw. Reststoffe. Die radioaktiven Reststoffe wurden zur Dekontamination in die Forschungszentren Karlsruhe oder Jülich, zum Hochdruckverpressen und zum Betonieren zur GNS Gesellschaft für Nuklear-Service, zum Einschmelzen zur Siempelkamp Nukleartechnik GmbH und zum Verbrennen nach Studsvik (Södermanlands län, Schweden) gebracht.
Geplant ist nun, einen Teil der Bauschuttabfälle aufgrund konventioneller Anforderungen (PCB-Anhaftungen) in Herne bei der Firma Sita Remediation thermisch behandeln und beseitigen zu lassen. Dies bestätigte ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministeriums im März 2013.
Im Januar 2020 hat die bundeseigene BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung die Betriebsführung für eines der beiden verbliebenen Zwischenlager am Standort des ehemaligen Kernkraftwerkes übernommen.
Rückbau mini|Auch 2015 sind die Gebäude des KKW noch unübersehbar (hier aus der Ferne von Herstelle aus)