Timofey Pnin, die Hauptfigur dieses Romans, ist ein ältlicher, liebenswerter Collegeprofessor in den USA, der in der Romanhandlung Mitte der 1950er Jahre eine Kette von Niederlagen erlebt. Er stammt aus Russland, war zunächst in Frankreich und dann in Amerika im Exil und ist ein tragikomischer, zum Unglück neigender Antiheld.
Pnin ist der vierte in englischer Sprache verfasste Roman von Vladimir Nabokov, der ihn auf Englisch 1953 begann und 1955 beendete. Das Buch wurde 1957 in den USA veröffentlicht und schon 1958 in die Shortlist des National Book Award aufgenommen. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1960, eine zweite 1994.
Handlung Seit 1945 arbeitet Pnin in der unsicheren und schlecht bezahlten Stellung eines Assistenzprofessors mit kleinem Gehalt am College in Waindell, einer fiktiven Kleinstadt und den Andeutungen nach ein „Intrigennest“ irgendwo im Norden des Staates New York.Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 269. Dieter E. Zimmer: Nabokov: Pnin, in: Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe 1996, Band 12, S. 170. Bis Ende 1954 ist das sein Unterschlupf und Zufluchtsort in Amerika. Professor Pnin gilt am provinziellen College als rührend altmodischer Gelehrter, akademisches Original, europäisches Kleinod oder als unmöglicher Kauz. In seinen kaum besuchten Kursen lehrt er russische Literatur und Russisch, seine im Amerika des Kalten Krieges nutzlose Muttersprache.
Pnins Leben ist von Verlusten gekennzeichnet. Er verliert als Jugendlicher kurz hintereinander seine Eltern, bald darauf seine Heimat an die Bolschewiki, seine große Jugendliebe an die Mörderhände der SS im Holocaust, seine neuen Zufluchten Prag und Paris an die einmarschierende Wehrmacht und die Liebe seiner Frau Lisa schließlich auf dem Schiff nach Amerika an einen anderen Mann.
Mit der amerikanischen Kultur, oder, wie er es begreift, dem gänzlichen Fehlen von Kultur, kommt er nur mühsam zurecht. Er erlernt kaum die englische Sprache und spricht sie so gebrochen, dass er auch nach Jahren für die Formulierung seiner Vorlesungen und Vorträge die Hilfe eines Assistenten benötigt. mini|180px|Das Grauhörnchen taucht in jedem Kapitel auf – nach Michael Maar repräsentiert es Pnins erste große Liebe, Mira Bjelotschkin, und hält eine schützende Hand über ihn; aber in anderen Situationen ist es die Gestalt eines bösen Dämons, verweist auf Nabokovs gnostische Weltsicht und damit auf „eine andere und dunklere Lesart“ des Romans. Pnin ist auf vielfältige Art entwurzelt und bleibt in Amerika ein Fremdkörper, obwohl er nach vielen Jahren mit einem Nansen-Pass die neue Staatsbürgerschaft stolz und freudig annimmt. Er wechselt seine gemieteten Zimmer fast jedes Semester und als er schließlich ein Häuschen mietet, scheitert er wieder daran, sich in Amerika niederzulassen: Auf der Einweihungsparty erfährt er, dass seine Stelle nicht verlängert und der neue Leiter des Lehrstuhls ausgerechnet der Erzähler N. werden soll, mit dem Pnin jede Zusammenarbeit ablehnt – Pnin bleibt heimatlos und flieht in eine ungewisse Zukunft.
Entstehung und Titel Der Herausgeber von Nabokovs Gesammelten Werken, Dieter E. Zimmer, notierte, dass Nabokov „Pnin im Juni oder Juli 1953, ein halbes Jahr vor der Beendigung der Lolita“ begonnen und im August 1955 beendet hat. Der Roman war anfangs auf zehn Kapitel geplant, von denen dann sieben realisiert wurden. Entscheidend für die Konzeption war die Hauptfigur als Opfer der Umstände: Das Manuskript „trug den provisorischen Titel Mein armer Pnin“ und sollte mit Pnins Tod enden, „obwohl alles unabgeschlossen und unbeendet ist.“Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 239 f. Das Kapitel 1 erschien am 28. November 1953 im New Yorker, ebenfalls dort die Kapitel 3, 4 und 6 im Laufe des Jahres 1955.
Schon im Namen der Hauptfigur steckt für den Herausgeber ein erste Hinweis auf den Bedeutungskern der Erzählung: In der russischen Literaturgeschichte gebe es nur einen Namensvorläufer, ein uneheliches Kind des Fürsten N. P. Repnin, der ihm nur die zweite Hälfte seines Namens vermacht habe: „Julian W. Connolly […] ist der Meinung, der Name solle andeuten, dass auch Timofey Pnin einer der Enterbten sei.“ Die Figur des traurigen Helden weist daher schon mit ihrem Namen auf das Schicksal der Enterbung der russischen Exilanten infolge der politischen Entwicklungen in Russland. Dieser erste Hinweis kann durch eine zweite Assoziation mit Bezug auf die englische Aussprache von „Pnin“ verstärkt werden: Der Name der Hauptfigur werde im Englischen wie pain ausgesprochen, einen Lebensschmerz ausdrückend, den Pnin in der Erzählung personifiziere.Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 269.
Struktur „Der erste Verlagslektor, dem Nabokov Pnin zeigte, bezeichnete den Roman als eine ´Sammlung von Skizzen´ und nahm damit ein Urteil vorweg, das die Kritik später noch des öfteren äußerte.“Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 254. Entgegen Nabokovs Beteuerungen wirkt „das kleine Buch“Nabokov über Pnin. Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 239. wie eine Nummernrevue des Scheiterns in Variationen: Dieter E. Zimmer stimmt einer Figur des Romans (Joan Clements) zu, die sagt, N’s Romane „drückten vor allem die fortwährende Wiederkehr bestimmter absurder Situationen aus.“Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 256. Dieter E. Zimmer: Nabokov: Pnin, in: Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe 1996, Band 12, S. 170.
Die in der Handlung voneinander weitgehend unabhängigen sieben Kapitel werden durch eine Vielzahl von Themen, Leitmotiven, Symbolen und ironischen Volten miteinander verbunden und so in einem „Geflecht von Beziehungen“ verklammert, in denen das geheimnisvolle GrauhörnchenMichael Maar: Sieben Arten, Nabokovs Pnin zu lesen, München 2003, S. 41 f., 49, 50 f. und die Verdoppelungen von Situationen, Bildern, Gesichtern und Namen immer wieder Anspielungen vermitteln.Den Verdoppelungen geht Annika M. Schadewaldt in ihren Aufsatz ausführlich nach: Annika M. Schadewaldt: Imitation, Mimicry and the Performance of Americaness in Nabokov’s Pnin. o. Jg. (vermutlich 2025). Über diese Details hinaus werden wesentliche Handlungen um die Achse des vierten Kapitels gespiegelt: Das erste und siebte Kapitel thematisieren Pnins Vortrag in Cremona, im zweiten Kapitel bezieht Pnin ein neues Zimmer und im sechsten ein kleines Haus, das dritte schildert einen Arbeitstag und das fünfte seine Ferien, sodass die Kapitel „einer Gesamtstruktur“, einer „Symmetrie“ unterworfen sind.Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 182 ff. Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 254 f. Michael Maar: Sieben Arten, Nabokovs Pnin zu lesen, München 2003, S. 18 f.
„Pnins ganzes Leben [ist] eine Serie von gerade noch einmal abgewendeten kleinen und großen Katastrophen.“Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 270. Aber trotz der Häufung seiner Misserfolge scheint er nicht erkennbar an Lebenskompetenz zu gewinnen. Der erste Unterabschnitt des ersten Kapitels der Erzählung fasst daher viermal das Dilemma von Pnins Lebensreise in einem Leitmotiv zusammen: dass er sich „im falschen Zug befand“, der ihn vom Start seiner Reise entfernt und doch dem Ziel nicht näherbringt. Da es keinen Lernfortschritt gibt, kann der Erzähler seinen Bericht über Pnins erste neun Jahre in den USA mit der Parodie der ersten Szene seiner Erzählung enden lassen, in welcher es Pnin gerade noch gelingt, rechtzeitig zu seinem Vortrag zu kommen – ein Kreis schließt sich und am Ende ist Pnin noch nicht viel weiter als am Anfang: „Der Aufbau des Ganzen ist zirkulär, genau genommen bleibt offen, ob es sich um einen Kreis oder eine Spirale handelt.“Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 254 f.
Russland: Land voller Unrecht mini|N. erwähnt seine verlorenen Güter. Hier das Gut Rozhdestveno (heute ein Museum) südlich von St. Petersburg, das V. Nabokov mit 16 erbte und für ein Jahr bis zur Oktoberrevolution besaß. Pnin ist ein „realistischer Zeitroman“ des Zwanzigsten Jahrhunderts mit einem enormen „historischen Hallraum“, in dem nach Umfang, Häufigkeit und als Quelle der Motive die Erinnerungen an die Katastrophe der Russischen Revolution von 1917 das Zentrum bilden:Michael Maar: Sieben Arten, Nabokovs Pnin zu lesen, München 2003, S. 19 ff. Pnins Exil ist vor allem Flucht vor den siegreichen Bolschewiki in Russland 1917 und der folgenden Niederlage der „Weißen Armee“ im Bürgerkrieg. Die Welt nahezu aller exilrussischen Figuren wird durch den Verlust der Heimat und das Exil bestimmt. Nabokov riskierte sogar die Ablehnung seines Textes beim New Yorker, weil er sich weigerte, etwas von dieser Textur des Grauens zu streichen – ihm unwichtigere Änderungswünsche „in erklecklicher Zahl“ akzeptierte er dagegen oft.Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 244 f.
Die Ereignisse im bolschewistischen Russland werden in mehr als zwanzig kurzen und längeren Bemerkungen geschildert. Erinnert wird an das „rationale Muster“ des Leben vor der Revolution und an eine heutige „alte Stadt voller Unrecht“,Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 28, 52, 86 f., 92, 154. an gefolterte, ermordete, verschwundene Familienangehörige und Freunde,Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 32, 103, 142, 149. an die von der Revolution beendete, erste, bleibende, große Liebe Pnins zu der später von den Nazis ermordeten Jüdin Mira Bjelotschkin,Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 161 ff. Pnin war immer nur „einer einzigen Liebe treu“, wie Nabokov in einem Brief an den New Yorker bemerkt. Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 242. Für Michael Maar ist die Geschichte der Liebe zu Mira und ihr grausiger Tod in Buchenwald „das schwarze Herz und das eigentliche moralische Zentrum des Buches.“ Michael Maar: Sieben Arten, Nabokovs Pnin zu lesen, München 2003, S. 21. an zerstörte Karrieren und politische Ideale,Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 143 f., 147, 164, 177. an die Trauer über das Desinteresse der exilierten russischen Kinder an Geschichten aus dem ihnen fremden RusslandNabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 145 f. und im Fall des Erzählers an ein verlorenes imposantes St. Petersburger Stadthaus und an Ländereien.Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 214, 218.
So sehr ist dieses Schicksal Exilrussen auch in der Sicherheit Amerikas präsent, dass sogar Victor, Linas Sohn mit ihrem zweiten Ehemann, in einer Art magischer Erlebniserbschaft einen ähnlichen Flucht-vor-Gewalt-Traum träumt, wie Pnin.Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 102 ff., 134. Auch für den exilierten Erzähler ist „Unglück [...] das Normale“ und er hat für „Happy-Ends nichts übrig“, sodass der von Ärzten auf Pnins Röntgenbildern entdeckte und immer wieder erwähnte „Schatten hinterm Herzen“ eine Metapher mehr für die biografische als die biologische Konstitution der Figuren Pnin und seines Erzählers N. ist.Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 23, 30, 154, 161. Dieter E. Zimmer: Nachwort in: Nabokov: Pnin. Roman, Reinbek bei Hamburg: 1994, S. 250. Nach Michael Maar verkörpert das immer wieder auftauchende Eichhörnchen in bestimmten Situationen einen bösen Dämon, verweise auf Nabokovs gnostische Weltsicht und auf „eine andere und dunklere Lesart des ganzen Romans.“ Michael Maar: Sieben Arten, Nabokovs Pnin zu lesen, München 2003, S. 50 ff. Schicksalsgemeinschaft: Pnin und der Erzähler N.