mini|hochkant|Alfred Flechtheim um 1910. Porträt von Jacob Hilsdorf mini|hochkant|Alfred Flechtheim (1928). Foto von Hugo Erfurth

Alfred Flechtheim (geb. 1. April 1878 in Münster, Westfalen; gest. 9. März 1937 in London) war ein deutscher Kunsthändler, Kunstsammler, Galerist, Publizist und Verleger. Er war wie Paul Cassirer und Herwarth Walden einer der wichtigsten Förderer avantgardistischer Kunst in der Weimarer Republik.

Leben Familie und Privatleben mini|hochkant|Nils von Dardel: Porträt Alfred Flechtheim, 1913 Alfred Flechtheim entstammte der in Westfalen verwurzelten jüdischen Kaufmannsfamilie Flechtheim. Er wurde 1878 in Münster als Sohn des Getreidegroßhändlers und Besitzers des Flechtheimspeichers Emil Flechtheim (1850–1933) und dessen Ehefrau Emma Flechtheim, geb. Heymann (1856–1935), geboren und absolvierte zunächst eine Kaufmannslehre in Paris. Volontariate in London, Liverpool und Odessa folgten, und im Jahr 1902 wurde er Teilhaber des väterlichen Unternehmens, das seit 1895 seinen Hauptsitz in Düsseldorf hatte.Ottfried Dascher: Flechtheim und Dortmund. Eine Spurensuche. In: Verlust der Moderne. Kunst und Propaganda in Dortmund 1933/45. Dortmund 2008, Heft 2, S. 32. 1910 heiratete er die vermögende Dortmunder Kaufmannstochter Betty Goldschmidt (1881–1941). Die Ehe blieb kinderlos, beider Erbe wurde der 1933 nach England emigrierte Neffe Heinz Alfred Hulisch (1910–1992).Ralph Jentsch: Alfred Flechtheim – George Grosz. Zwei deutsche Schicksale. Weidle Verlag, Bonn 2008, S. 96 ff. (100 f.). Ottfried Dascher: Zur Einführung. In: Alfred Flechtheim: „Nun mal Schluß mit den blauen Picassos“. Gesammelte Schriften (herausgegeben von Rudolf Schmitt-Föller, mit einem Vorwort von Ottfried Dascher), Weidle Verlag, Bonn 2010, S. 15. Der Politikwissenschaftler Ossip K. Flechtheim (1909–1998) war ebenfalls ein Neffe Alfred Flechtheims. Mit dem schwedischen Künstler Nils von Dardel verband ihn 1913 eine Affäre.Florian Illies: 1913: Der Sommer des Jahrhunderts. Fischer, Frankfurt am Main 2012, ISBN 3-10-036801-0, S. 110 f.

Flechtheim als Kunstsammler ab 1906 mini|hochkant|Otto Feldmann: Herr am Telefon (Flechtheim), 1913, Museum Ludwig, Köln Bereits kurz nach der Jahrhundertwende trat Flechtheim erstmals öffentlich als Kunstliebhaber und -sammler in Erscheinung. Anlässlich einer 1906 in Düsseldorf veranstalteten Ausstellung von Werken aus Privatbesitz zur Düsseldorfer Malerschule wurden unter anderem auch Werke aus der Sammlung Flechtheim gezeigt. Während seiner Paris-Reisen ab 1906 lernte er im Café du Dôme den Kunstexperten Wilhelm Uhde und die Künstler um Henri Matisse kennen, die er später als Galerist vertrat. Im Café du Dôme traf er auch den Mannheimer Daniel-Henry Kahnweiler, der sich 1907 in Paris als Kunsthändler niedergelassen hatte. Mit ihm hatte Flechtheim enge Geschäftskontakte, und Kahnweilers Bruder Gustav wurde später sein Kompagnon.Christian Herchenröder: Alfred Flechtheim, ein Kunstbessener am Rande des Ruins. handelsblatt.com, 14. April 2012; abgerufen am 23. November 2012.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg besaß Flechtheim Werke unter anderen von Vincent van Gogh und Paul Cézanne, kaufte zeitgenössische Kunst, allen voran die französische Avantgarde, darunter wichtige Frühwerke von Pablo Picasso, Georges Braque und André Derain, und stand in Verbindung sowohl mit den Mitgliedern des Blauen Reiters (Wassily Kandinsky, Maurice de Vlaminck, Alexej Jawlensky, Gabriele Münter und andere) als auch mit den Rheinischen Expressionisten (unter anderen Heinrich Campendonk, August Macke, Heinrich Nauen, Paul Adolf Seehaus) sowie den Künstlern der Brücke.Der Blaue Reiter und das neue Bild – Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“ (herausgegeben von Annegret Hoberg und Helmut Friedel), Prestel Verlag, München, London, New York, 1999, S. 19; Die Rheinischen Expressionisten – August Macke und seine Malerfreunde (Ausstellungskatalog, herausgegeben vom Städtischen Kunstmuseum Bonn), Verlag Aurel – Bongers, Recklinghausen, 1979, S. 5 ff.

Gründung eigener Galerien ab 1913 1909 wurde Flechtheim Mitbegründer und Schatzmeister des Düsseldorfer SonderbundesRalph Jentsch: Alfred Flechtheim – George Grosz. Zwei deutsche Schicksale. Weidle Verlag, Bonn 2008, S. 8. und war maßgeblich an der Organisation und Umsetzung der Kölner Sonderbund-Ausstellung von 1912 beteiligt.Ottfried Dascher: Zur Einführung. In: Alfred Flechtheim: „Nun mal Schluß mit den blauen Picassos“. Gesammelte Schriften (herausgegeben von Rudolf Schmitt-Föller, mit einem Vorwort von Ottfried Dascher), Weidle Verlag, Bonn 2010, S. 10. 1913 eröffnete er in der Düsseldorfer Königsallee 34 seine eigene Galerie; Dependancen in Berlin, in Frankfurt, Köln und Wien (Galerie Würthle) folgten später. Eine seiner ersten Ausstellungen im Jahr 1914 war Künstlern wie Jules Pascin, Marie Laurencin, Karl Hofer, Wilhelm Lehmbruck und Ernesto de Fiori gewidmet. Im April 1914 zeigte er Edvard Munch, Ernst Barlach und Ottilie Reylaender.Edvard Munch, Ernst Barlach Galerie Alfred Flechtheim Düsseldorf, vom 28. März bis 17. April 1914, Bagel, Düsseldorf, 1914. Anmerkung: Die auf dem Titelblatt nicht erwähnte Ottilie Reyländer war in der Ausstellung ebenfalls vertreten. (katalog.ulb.hhu.de) Seit 1917 zeigte Flechtheim Werke von Fernand Léger regelmäßig in den Kollektivausstellungen.Alfred Flechtheim und Fernand Léger

Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte die Wiedereröffnung der Galerie Alfred Flechtheim Düsseldorf in der Königsallee zu Ostern 1919 mit einer ersten Ausstellung über die Expressionisten.Katalog: Wiedereröffnung: Ostern 1919 Galerie Alfred Flechtheim Düsseldorf Königsallee 34. 1. Ausstellung Expressionisten. Herausgegeben anlässlich der Wiedereröffnung der Galerie Alfred Flechtheim in Düsseldorf, mit einem Vorspruch von Herbert Eulenberg und Beiträgen von Walter Cohen, Hermann von Wedderkop, Wilhelm von Hausenstein, Hans Müller-Schlösser, Wilhelm Uhde und Paul Westheim. Potsdam/Berlin, Gust.[av] Kiepenheuer Verlag, Druck von A. Bagel, Düsseldorf 1919 mini|hochkant|Jules Pascin: Alfred Flechtheim gekleidet als Torero, 1927, Musée National d’Art Moderne, Paris

Als ehemaliger aktiver Kavallerieoffizier im besetzten Rheinland durch ein Missverständnis auf eine Fahndungsliste geraten,Ottfried Dascher: Zur Einführung. In: Alfred Flechtheim: „Nun mal Schluß mit den blauen Picassos“. Gesammelte Schriften (herausgegeben von Rudolf Schmitt-Föller, mit einem Vorwort von Ottfried Dascher), Weidle Verlag, Bonn 2010, S. 13. siedelte Flechtheim 1921 nach Berlin über. Im Oktober 1921 gründete er mit seinem Kompagnon Gustav Kahnweiler die Galerie Flechtheim am Lützowufer 13. Flechtheims Soiréen, Ausstellungseröffnungen und Bälle im Berlin der Zwanziger Jahre waren legendär und galten als gesellschaftliche Ereignisse.Silke Kettelhake: Renée Sintenis. Berlin, Boheme und Ringelnatz, Osburg Verlag, Berlin 2010, S. 22ff.; Ottfried Dascher: Flechtheim und Dortmund. Eine Spurensuche. In: Verlust der Moderne. Kunst und Propaganda in Dortmund 1933/45. Dortmund 2008, Heft 2, 34.Günter Herzog: Aus dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels: 1937 – Schicksalsjahr des deutschen Kunsthandels, faz.net, 27. September 2007, abgerufen am 25. November 2012. Im Jahr 1927 wurde der später nach New York City emigrierte Curt Valentin eingestellt, der Ausstellungen und Omnibus mitgestaltete.Joan Marter: The Grove Encyclopedia of American Art: Five-volume set, Oxford University Press, 2011, S. 99 f. 1928 eröffnete Flechtheim in Berlin die bis dahin größte Werkschau Légers mit einhundert Gemälden, Aquarellen, Gouachen und Zeichnungen. Er selbst ließ sich in der Léger-Ausstellung von der Fotografin Lili Baruch vor einem Werk von Léger porträtieren.

Alfred Flechtheim als Verleger Neben seiner umfassenden Ausstellungstätigkeit gab Flechtheim die Kunst- und Kulturzeitschriften Der Querschnitt (gegründet 1921) und Omnibus (gegründet 1931) heraus. Als 1925 der Verleger Hermann Ullstein die Zeitschrift Der Querschnitt übernahm, zog sich Flechtheim verlegerisch zurück und überließ dem Journalisten Hermann von Wedderkop die Herausgeberschaft. Bis zum Verbot durch Joseph Goebbels gehörten die Zeitschriften zur künstlerischen Avantgarde der Weimarer Republik. Darüber hinaus trat Flechtheim als Buchverleger für Künstler wie Werner Schramm oder Karl HoferHofer, Karl: Liebesgedichte, Verlag Alfred Flechtheim, Frankfurt am Main 1922. auf.

Anfeindungen im Nationalsozialismus und Flucht 1933 Flechtheim war, wie der deutsche Kunsthandel insgesamt, durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise 1929 bereits finanziell angeschlagen. Insbesondere der Umstand aber, dass er als einer der prominentesten Verfechter von Kunst, die kurz darauf als „entartet“ und „verfemt“ denunziert wurde, politisch und rassistisch motivierten Anfeindungen und Verunglimpfungen seiner Person durch Nationalsozialisten ausgesetzt war, führte von 1932 an zu Flechtheims wirtschaftlichem Niedergang.Ralph Jentsch: Alfred Flechtheim – George Grosz. Zwei deutsche Schicksale. Weidle Verlag, Bonn 2008, S. 13ff.; Ottfried Dascher: Zur Einführung. In: Alfred Flechtheim: "Nun mal Schluß mit den blauen Picassos". Gesammelte Schriften (herausgegeben von Rudolf Schmitt-Föller, mit einem Vorwort von Ottfried Dascher), Weidle Verlag, Bonn 2010, S. 14. Seine letzten Ausstellungen (Sammlung Paul Multhaupt) und Versteigerungen in Düsseldorf wurden im März 1933 von NSDAP-Anhängern gestört und zum Abbruch gebracht, in der nationalsozialistischen Presse erschienen Hetzartikel gegen ihn, und Ende desselben Monats übernahm Flechtheims langjähriger Mitarbeiter und Geschäftsführer Alex Vömel, ein „Stahlhelmer“ und „über Nacht“ zum „strammen“ SA- und NSDAP-Mitglied geworden, die Düsseldorfer Galerieniederlassung ohne Absprache mit Flechtheim unter dem Namen Galerie Alex Vömel.Ralph Jentsch: Alfred Flechtheim – George Grosz. Zwei deutsche Schicksale. Weidle Verlag, Bonn 2008, S. 15, 32ff.; Esther Tisa Francini/Anja Heuß/Georg Kreis: Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933-1945 und die Frage der Restitution, Chronos Verlag, Zürich 2001, S. 318. In dieser Situation flüchtete Flechtheim Ende Mai 1933 über die Schweiz zunächst nach Paris, 1934 schließlich nach London.Ottfried Dascher: Flechtheim und Dortmund. Eine Spurensuche. In: Verlust der Moderne. Kunst und Propaganda in Dortmund 1933/45. Dortmund 2008, Heft 2, S. 36.

Letzte Jahre mini|hochkant| Stolperstein für Betty Flechtheim in der Düsseldorfer Straße 44 in Berlin-Wilmersdorf