mini|Rolf Verleger
Rolf Verleger (* 17. Dezember 1951 in Ravensburg; † 8. November 2021 in Lübeck) war ein deutscher Psychologe.
Er war Professor an der Universität zu Lübeck und Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sein Forschungsschwerpunkt in der Neuropsychologie waren ereignisbezogene EEG-Potentiale. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er seit 2006 als Kritiker israelischer Politik und Autor von Sachbüchern zum Thema Judentum und Israel bekannt.
Leben und Wirken Familie Rolf Verleger wurde als Kind von Überlebenden der Shoa geboren. Sein Vater, Ernst Jissruel-Jossef Verleger (1899–1965), kam ohne seine erste Frau Rosa und drei Söhnen aus dem KZ Auschwitz ins Vogtland zurück. Seine Mutter, Helga Verleger, 1925 in Berlin geboren, war 1942 mit ihren Eltern aus Berlin nach Raasiku in Estland deportiert worden, von dort ins KZ Jägala, später ins KZ Stutthof. Sie kehrte als Waise 1945 nach Berlin zurück, wo sie 1948 Ernst Verleger heiratete.
Rolf Verleger wuchs in einem religiösen jüdischen Haushalt in Ravensburg auf. Er wurde von seinem Vater, später durch einen Religionslehrer der Jüdischen Gemeinde Stuttgart und durch Selbststudium in den jüdischen Traditionen unterwiesen.Biografie auf der Website von Rolf Verleger. Im Alter von 18 Jahren habe er sich nach eigenen Worten „vom orthodoxen Glauben verabschiedet“. Sein Bruder und seine Schwester wanderten als Jugendliche nach Israel aus.Rolf Verleger: Hundert Jahre Heimatland? Westend Verlag, Frankfurt a. M. 2017, ISBN 978-3-86489-186-1, Kapitel 3: Meine Eltern: Scheite aus dem Feuer gerettet, S. 30f Er war verheiratet und hatte eine Tochter. Anlässlich des Feierjahres 2021 von 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland sagte Verleger gegenüber den Lübecker Nachrichten über die Bedeutung der jüdischen Religion in seinem Leben: „Ich bin religiös aufgewachsen, das ist meine Heimat. Auch wenn ich mich jetzt nicht mehr daran halte. Das ist so wie in einem Dorf. Wenn man dort aufgewachsen ist, kann man nicht immer bleiben, aber man kommt doch einmal im Jahr gerne zurück.“Peter Intelmann: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Wie ist jüdisches Leben heute in Lübeck, Herr Verleger?, Lübecker Nachrichten, 25. Januar 2021 Rolf Verleger starb nach schwerer Krankheit im November 2021Nachruf. Rolf Verleger, Mitbegründer der jüdischen Gemeinde Lübeck, ist tot, Lübecker Nachrichten Online, 11. November 2021 wenige Wochen vor Vollendung seines 70. Lebensjahres.
Wissenschaftliche Laufbahn Verleger absolvierte ein Studium der Psychologie an der Universität Konstanz, das er 1976 mit dem Diplom abschloss. 1986 wurde er in Sozialwissenschaften an der Universität Tübingen promoviert, habilitierte sich 1993 für Medizinische Psychologie an der Universität zu Lübeck und erhielt dort 1998 eine außerplanmäßige Professur. Schwerpunkt seiner Forschung war die Untersuchung der Zusammenhänge von kognitiven Prozessen und physiologischen Abläufen im Gehirn mittels Elektroenzephalografie. Er war Autor von 158 Arbeiten in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Sein Hirsch-Index beträgt 40.Scopus, nach Einloggen eine Autorensuche nach Verleger, R. 2017 trat er in den Ruhestand.
Er war von 1999 bis 2005 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung e. V.Vereinsregister des Amtsgerichts Gießen, Blatt 1367.
Funktionen in der jüdischen Gemeinschaft 2001 gehörte Verleger zu den Gründern der neuen Jüdischen Gemeinde Lübeck und gehörte bis 2005 deren Vorstand an.Amtsgericht Lübeck: Vereinsregisterblatt VR 2355 (Ausscheiden als Vorstand deklaratorisch erst 2006 eingetragen). 2005 wurde er Vorsitzender des Landesverbandes Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein (JGSH)., den er für die Jüdische Gemeinschaft unterzeichnet hat Er wurde zudem in den Zentralrat der Juden in Deutschland als Mitglied von dessen Direktorium entsandt.
Unter dem Eindruck des Libanonkriegs im Sommer 2006 äußerte er sich mit einem Brief vom 23. Juli 2006 zunächst intern an den Zentralrat, dann öffentlich als Vertreter des Zentralrats kritisch zu den „militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon“ und zu der Israel unterstützenden Haltung des Zentralrats hierzu.Philipp Gessler: Vertreter des Zentralrats kritisiert Israel. In: taz – Ausgabe 8042. 8. August 2006.
Dies brachte ihm von Seiten der Zentralratsvorsitzenden Charlotte Knobloch und anderer Repräsentanten jüdischer Organisationen Kritik ein. Zentralratsgeneralsekretär Stephan Kramer nannte die Position Verlegers „abstrus“ und eine „absolute Einzelmeinung“. Verleger bediene sich „antiisraelischer Klischees, die durch keine sachlichen Argumente belegt sind“. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte Verleger, dass es ihm auch um das Wohl Israels gehe. Das Vorgehen der Regierung Ehud Olmert gegen Libanon sehe er aber als schädlich für Israel.
Im August 2006 berief ihn die Jüdische Gemeinde Lübeck als Reaktion auf seine Äußerungen als ihren Delegierten für die JGSH ab. Er verlor damit auch das Amt des Vorsitzenden der JGSH.Zentralrats-Kritiker muss gehen. In: die tageszeitung vom 24. August 2006 Bericht der Lübecker Nachrichten vom 24. August 2006, in dem die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein nur verkürzt als „Landesverband“ genannt ist Im Juni 2009 entzog die JGSH Verleger auch sein Mandat als Delegierter für das Zentralratsdirektorium.Marlis Prinzing: Jüdisches Vermächtnis: Porträt, Gespräche, Perspektiven, Lahr 2010, ISBN 978-3-7806-3090-2, S. 65
Positionen zur israelischen Politik Auf Initiative von Rolf Verleger entstand am 22. November 2006 die Online-Petition „Berliner Erklärung Schalom 5767“,Berliner Erklärung Schalom 5767. Wortlaut in: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2007 mit der 60 jüdische Erstunterzeichner, darunter Kurt Goldstein, Ernst Tugendhat und Wolfgang Edelstein, mehr kritische Distanz der Bundesregierung gegenüber der israelischen Besatzungspolitik und „die Verwirklichung eines lebensfähigen palästinensischen Staates ernsthaft anzustreben“ forderten. Die Vorschläge entsprachen laut Micha Brumlik denen der israelischen Friedensbewegung. Angesichts der Forderung, den Boykott der von der Hamas beherrschten Palästinensischen Autonomiebehörde kurzfristig zu beenden, könne man den Unterzeichnern jedoch eventuell vorhalten, teilweise gemeinsame Sache mit einer erklärtermaßen antisemitischen Partei, die das Existenzrecht Israels ablehnt, zu machen oder den Antisemitismus der Hamas billigend in Kauf zu nehmen. Die Berliner Erklärung sei ein Beispiel, wie ihre Empörung über die israelische Politik jüdische Kritiker dazu verführe, Antisemitismus herunterzuspielen.Micha Brumlik: Universalismus, Selbsthass oder jüdischer Antisemitismus. Der Streit um die richtige Solidarität mit Israel. In: Juden in Deutschland – Deutschland in den Juden. Neue Perspektiven, hrsg. von Y. Michal Bodemann und Micha Brumlik, Wallstein-Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0780-3, S. 184 f. Verleger antwortete darauf, dass es die einzige Forderung sei, die kurzfristig umgesetzt werden könne, und dass man damit zeigen könne, dass man es ernst meine. Hinter der Auseinandersetzung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft um Israels Politik stehe die Frage, „was jüdische Identität heute ist und sein kann“.Rolf Verleger: „Ethnizität als Religionsersatz.“ In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 05/2007, S. 592Der Artikel von Micha Brumlik Universalismus, Selbsthass oder jüdischer Antisemitismus war erstmals in Blätter für deutsche und internationale Politik 4/2007 erschienen. Verlegers Artikel Ethnizität als Religionsersatz in den Blättern 5/2007 setzte die Debatte um „die richtige Solidarität mit Israel“ fort.
In einem Interview am 22. Juli 2014 mit dem Deutschlandfunk bezeichnete Verleger das militärische Vorgehen der israelischen Armee gegen Ziele im Gazastreifen nach verstärktem Raketenbeschuss durch die Hamas im Juli 2014 als „Massaker“ und machte den „Terror Israels“ und die seiner Meinung nach fehlende Kritik daran für die neue Welle des Antisemitismus in Europa verantwortlich. Der Holocaust rechtfertige das nicht. Im größeren historischen Kontext sei die Wurzel des ganzen Konflikts, dass Europa vor 100 Jahren mit seiner jüdischen Minderheit nicht fertig geworden sei und dieses Problem dorthin nach Palästina exportiert habe.Rolf Verleger: Interview zum Gaza-Beschuss durch Israel. Deutschlandfunk, 22. Juli 2014. In einem weiteren Interview mit WDR 5 kritisierte er, dass das Verhalten der israelischen Regierung nicht mit dem Judentum vereinbar sei: „Das Judentum war mal – in einem Satz formuliert – eine Religion der Nächstenliebe. Davon ist ja nun nichts zu spüren.“
Mitgliedschaften Im Juli 2016 gründete Verleger gemeinsam mit Yazid Shammout, dem Vorsitzenden der palästinensischen Gemeinde in Hannover, das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung (heute: Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern).Rolf Verleger über Antisemitismus. „Das ist doch kein Terrorangriff!“ Interview von Benno Schirrmeister. In: Taz, 10. September 2016 Zu den Mitgliedern zählt auch die Israelin Nirit Sommerfeld. Horst Teltschik ist Beirat des Bündnisses.Daniel Schacht (Interviewer): „Wir wollen, dass Wort und Tat zusammenpassen“ / Rolf Verleger und Yazid Shammout über das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung – das heute in Hannover gegründet wird. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2. Juli 2016, S. 6.
Verleger war Beiratsmitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft,Beiratsmitglieder auf der Internetseite der DAG. der Deutsch-Palästinensischen GesellschaftWebsite der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft. und Kuratoriumsmitglied der Freunde von Newe Schalom/Wahat al-Salam.Website der Freunde von Neve Shalom/Wahat as Salam. Er war zudem Vorsitzender des Vereins Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost.
Auszeichnung Postum zeichnete die Erich-Mühsam-Gesellschaft Rolf Verleger am 6. April 2022 in der Lübecker Synagoge mit dem Erich-Mühsam-Preis aus, den seine Witwe Anne Bangert entgegennahm. Micha Brumlik würdigte Verleger in der Laudatio, er habe „wie wenig andere in seinem Leben und Denken die politische Vernunft aus dem Geist des Judentums verkörpert“.
Rezeption Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht Verlegers 2008 veröffentlichtes Buch Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil beschreibt Verleger seine Wurzeln im Judentum – aufgewachsen in den religiösen Regeln – und seine Sicht auf jüdische Traditionen: den biblischen Konflikt zwischen Religion und jüdischer weltlicher Macht, die zentrale Stellung des Gebots der Nächstenliebe, die zionistische Bewegung und Israel. Im zweiten Teil berichtet er über seine Auseinandersetzung im Zentralrat und stellt die These auf, dass in Zeiten schwindender Religiosität Nationalismus zum Ersatz für jüdische Identität geworden sei. Im dritten Teil beschreibt er seine Version der harten Auseinandersetzungen, die er durch seine Interventionen auslöste.
Ludwig Watzal schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung, Verleger propagiere nicht „die Verdrängung der arabischen Bewohner von Palästina, sondern forderte vielmehr ihre Gleichberechtigung in einem multikulturellen Staat“. Das Buch sei ein „Orientierungsrahmen für eine Debatte, in der die Schwarzweissmalerei überwiegt; Grautöne findet der Leser bei Rolf Verleger“.Ludwig Watzal: Israels Politik als Gefahr für jüdische Identität, Neue Zürcher Zeitung vom 16. Mai 2008. Durch das Buch ziehe sich wie ein roter Faden Verlegers jüdisches Selbstverständnis, so Martin Forberg in der Süddeutschen Zeitung. Verleger liefere Denkanstöße, und seine Sicht mache die jüdische Vielfalt deutlich. „Sein Ansatz schlägt Brücken zum palästinensischen Volk“.Martin Forberg: Brücken zu Palästina, Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 2010.