Bliesheim ist ein südöstlicher Stadtteil von Erftstadt im Rhein-Erft-Kreis in Nordrhein-Westfalen.

Beim Hochwasser in Deutschland im Juli 2021 wurden die in der Erftniederung liegenden Häuser stark durch das Hochwasser der Erft getroffen. Das Altdorf (Unter- und Oberdorf) wurde fast vollständig überflutet und teilweise evakuiert. Der östlich am Villehang liegende Siedlungsbereich Lange Heide war nicht betroffen.

Lage mini|hochkant|Die Erft in Bliesheim

Der Ort liegt zwischen Erftstadt-Liblar und Weilerswist südwestlich der Ville an der Erft. Südlich von Bliesheim liegt das Autobahnkreuz Bliesheim der A 553, A 61 und A 1. Die nächste Anschlussstelle ist Erftstadt an der A 1 / A 61.

Geschichte Vorrömische und römische Zeit Erste Siedlungsspuren weisen bis weit in die vorgeschichtliche Zeit zurück. Neben der Trasse der Autobahn wurden aus einer dunkel verfärbten Bodenstelle Scherben geborgen, die der Linearbandkeramik zugeordnet werden konnten. Ein am südlichen Ortsausgang von Bliesheim entdeckter Kreisgraben und mehrere Hügelgräber an der Gemarkungsgrenze von Liblar verweisen in die Latènezeit.Bernhard Schreiber: Archäologische Funde und Denkmäler des Erftstädter Raumes. Erftstadt 1999. S. 125–126

Die Sprachforschung geht davon aus, dass der Name Blisna, wie Bliesheim in der ersten schriftlichen Quelle bezeichnet wurde, eine vorrömische Siedlung bezeichnet, die von einer Gewässerbezeichnung „glänzendes Wasser“ abzuleiten ist.Gerhard Mürkens: Die Ortsnamen des Kreises Euskirchen. Euskirchen 1958. S. 15–16

Auf eine größere Siedlung in römischer Zeit verweisen Fundamente eines römischen Gutshofes, einer Villa rustica, im Bereich des heutigen alten Friedhofes sowie weitere Gebäude, Keramikreste, Ziegel und römische Münzen des 3. und 4. Jahrhunderts. Ein römisches Gräberfeld mit Brandgräbern lag am südlichen Ortsausgang.

Mittelalter Fränkische Zeit In fränkischer Zeit wurde in der Nähe der verlassenen Villa rustica ein Fronhof errichtet. Die Bewohner beerdigten ihre Toten in Reihengräbern außerhalb der Siedlung auf einer Anhöhe östlich der Erft.

Spätestens im 6. Jahrhundert wurde der Begräbnisplatz aufgegeben und die Toten auf einem neu angelegten Friedhof neben dem Fronhof beerdigt, wo auch im Bereich der ehemaligen römischen Villa eine kleine Kirche für die Hofesleute errichtet wurde.Frank Bartsch: Bliesheim in historischen Ansichten. S. 8–17

Erwerbungen des Stiftes St. Mariengraden Um Fronhof und Kirche entwickelte sich das Dorf Bliesheim, das erstmals im Jahre 1059 in einer vom Papst Nikolaus II. bestätigten Schenkungsurkunde von Besitzungen des Kölner Erzbischofs Annos an das Kölner Stift St. Mariengraden erwähnt wurde.HAStK (Historisches Archiv der Stadt Köln) Bestand 1, HUA 3/8Lacomblet: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Band I, Nr. 195

Das Stift St. Mariengraden baute seinen Besitz in Bliesheim kontinuierlich zu einer Unterherrschaft aus. Um 1260 erwarb es von Ritter Gerhard Kolf von Ahrweiler den Fronhof und die Mühle,HAEK, Bestand Mariengraden, Urkunde Nr. 8, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band I, Nr. 150 und Nr. 745 dann erwarb es mit Zustimmung des Erzbischofs Konrad von Hochstaden vom Grafen Wilhelm von Jülich die Vogtei mit allen Gerichtsrechten, der hohen und der niederen Gerichtsbarkeit.Richard Knipping: Regesten der Erzbischöfe von Köln, Band III. Köln 1909. Nr. 2132 und 2133, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band I, Nr. 106 und 107 Durch einen Gütertausch mit dem Erzbischof Heinrich von Virneburg erwarb das Stift die Zehntrechte des Erzbischofs in Bliesheim und das Patronatsrecht für die Bliesheimer Kirche.Anna-Dorothee von den Brincken: Das Stift St. Mariengraden zu Köln, I. Teil. Köln 1969

Die um 1155 in einer Handschrift der Abtei Deutz, dem codex theodorici, genannte Pfarrei „Blisne“HAStK, Bestand Abtei Deutz, RH2, Abschrift des verschollenen Codex thiodorici und die 1308 in einem Verzeichnis aller Pfarrkirchen der Erzdiözese Köln und ihrer Einkünfte, dem Liber valoris, erwähnte Kirche in Bliesheim war bis 1328 in erzbischöflichem Besitz.Friedrich Wilhelm Oediger: Der Liber Valoris. Bonn 1967. S. 61

Die Unterherrschaft des Stiftes Mariengraden mini|Flurkarte des Stiftes Mariengraden

Nach diesen Erwerbungen besaß das Stift St. Mariengraden seit 1328 den Ort Bliesheim als Unterherrschaft im kurkölnischen Amt Lechenich. Nachdem im Jahr 1406 der Hof, den der Kanoniker Johann Stolle 1403 von Wilhelm von Buschfeld erworben hatte, durch dessen Testament in den Besitz von Mariengraden gelangte und es dem Stift 1489 gelang, den Lehnshof in Muschenbach (untergegangener Ort) zurückzukaufen, gab es keinen weiteren bedeutenden Adelsbesitz mehr in Bliesheim.

Von den Besitzungen des Stiftes Mariengraden in der Eilau, einem Wald- und Heidegebiet zwischen Bliesheim und Lechenich, war ein Teil an die Lechenicher und Ahremer Bürger in Erbpacht als Viehweide vergeben, die dafür eine Weizenabgabe, den sogenannten Buschweizen, zahlten.HAStK, Geistliche Abteilung, 166A, Blatt 120–152, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band II, Nr. 968

Die Grenzen der Unterherrschaft wurden nach einer Grenzbegehung, Beleitgang genannt, 1405 aufgezeichnet und 1489 erneuert.HSTAD (heute Landeshauptarchiv NRW Düsseldorf), Bestand Kurköln, II, 816, Blatt 46–51 und 56–59, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band II, Nr. 1338 und Band V, Nr. 2840 Beleitgänge fanden auch in den folgenden Jahrhunderten unter Beteiligung der Stiftsherren und der Einwohner Bliesheims statt, bei denen die Grenzen durch Vertreter der Nachbargemeinden bestätigt und von einem Notar protokolliert wurden.HAStK, Bestand Mariengraden, Akten 7A, VI

Die Rechte des Stiftes St. Mariengraden in seiner Unterherrschaft Bliesheim wahrte ein „Amtmann“. Der erste bekannte Amtmann war Konstantin vom Horne, Kanoniker an St. Mariengraden, der 1357 in einem Rechtsstreit mit Johann von Buschfeld die Verhandlungen führte.HAStK, Bestand Mariengraden, Akten 7A, IV, Blatt 4, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band I, Nr. 326 Seit dem 15. Jahrhundert übernahmen Mitglieder der landsässigen Ritterschaft die Amtmannschaft, darunter Godart Wolff von Rheindorf, der gleichzeitig Schultheiß und Pächter des Fronhofes war. Im 16. Jahrhundert war das Schultheißenamt von dem des Amtmanns getrennt. Die Amtmannsstelle hatten wiederholt Familienmitglieder der Wolff Metternich zur Gracht inne.Archiv Schloss Gracht, Akten

mini|Ehemaliger Fronhof

Mittelpunkt der Unterherrschaft war der burgähnlich ausgebaute, mit Wassergräben umgebene Fronhof,HAStK, Bestand Domstift, Akten, 452 B 16 zu dem auch ein Gefängnisturm gehörte. Auf dem Fronhof übte das mit Schultheiß und Schöffen besetzte Gericht die hohe und niedere Gerichtsbarkeit aus. Dort wurden große und kleine Vergehen verurteilt und in manchen Fällen die Todesstrafe verhängt. Kleinere Vergehen waren in der Regel Verstöße gegen die geltenden Rechtsbestimmungen, wie unberechtigtes Holzholen, Gras-, Getreide- und Gartendiebstähle, unachtsamer Umgang mit Feuer, Streitigkeiten mit Schlägereien, die mit einer Brüchtenstrafe (Geldstrafe) geahndet wurden.Peter Simons: Bliesheim. Geschichte der kölnischen Stiftsherrschaft Mariengraden. S. 21–42 und S. 77–101

Vor dem Hofgericht wurden Liegenschaftsangelegenheiten verhandelt, zu denen die Inhaber der Hofgüter als Hofgeschworene erschienen und gegebenenfalls bei Neuvergabe von Hofländereien eine Kurmut zahlten. Schultheiß und Schöffen verhandelten über strittige Ansprüche, beurkundeten und besiegelten Erbteilungen, Landverkäufe, Schuldverschreibungen, Renteneinkünfte und Stiftungen und ließen Kopien der Urkunden im Schöffenbuch verzeichnen.HAEK, Urkunde 344, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band IV, Nr. 2911

Die Rechte des Stiftes und die Pflichten der Einwohner waren in einem Weistum aufgezeichnet, das dreimal jährlich an den Hofgerichtstagen den Bewohnern vorgetragen wurde. So war der Halfe des Fronhofes verpflichtet, das Zuchtvieh zu halten. Die Einwohner unterlagen dem Mühlenzwang, das heißt, sie waren verpflichtet, auf der Mühle des Stiftes ihr Getreide mahlen zu lassen. An den Gerichtstagen hatten Müller und Gastwirte auf dem Fronhof zu erscheinen, um ihre Maße überprüfen zu lassen.HAStK, Bestand Mariengraden, Urkunde Nr. 3/119 und Akten 7A, II, Blatt 1, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band I, Nr. 473 und Band IV, Nr. 2197

Neuzeit Dorfbewohner Bei einer auf kurfürstlichen Befehl erfolgten Vermessung des Grundbesitzes in Bliesheim im Jahre 1660 und der anschließenden steuerlichen Veranschlagung im Jahr 1664 wurden zwei große Höfe im Besitz von Mariengraden erfasst. Die Dorfbewohner, etwa 80 Familien, lebten überwiegend von der Landwirtschaft. Auch die Tagelöhner bewirtschaften einige kleine Landparzellen. Die Erträge der Landarbeit waren durch die geringe Bodenqualität, Grundpachtzahlungen, Zehntzahlungen, Ernteschäden und weitere Abgaben wie Hühnerabgabe, Wachslieferungen an die Kirche und landesherrliche Steuern gemindert.HSTAD, Kurköln II, 1152 und Kurköln II, 1904, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band IV, Nr. 2558 und 2568

Verwaltung und Gericht Zu Hochgerichtsverhandlungen erschienen im 17. Jahrhundert ausgebildete Juristen. So leiteten zwei Schöffen des Hohen Weltlichen Gerichtes in Köln die Hexenprozesse, die von 1629 bis 1632 auf dem Fronhof stattfanden. Die Hexenprozesse, die größtenteils ihre Ursachen in dörflichen Streitigkeiten, nachbarlichen Beschuldigungen und Denunziationen hatten, endeten überwiegend mit Todesurteilen und anschließenden Hinrichtungen, an denen die Kölner Schöffen, die „Kommissare“, maßgeblich beteiligt waren. (PDF; der zweite Teil handelt von den Hexenprozessen in Bliesheim)

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts stand der jeweilige Friesheimer Schultheiß, ein Jurist, dem Gericht vor.HAStK, Bestand St. Mariengraden, Akten 7E, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band V, Nr. 2898

Kriege und Brände Die Einwohner der Unterherrschaft Bliesheim erlitten wie die der übrigen Orte Erftstadts durch zahlreiche Truppendurchmärsche, und Brandlegungen mehrfach großen Schaden. Von den im 1591 im Niederländischen Unabhängigkeitskrieg zerstörten Häusern waren bei einer steuerlichen Veranschlagung 1601 viele noch nicht wieder aufgebaut.HSTAD, Bestand Kurköln, II, 1139, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band IV, Nr. 2171

Im sogenannten „Hessenkrieg“, einem Teil des Dreißigjährigen Krieges, wurden nach der Belagerung Lechenichs wieder zahlreiche Häuser verbrannt,Walram/Sarburg: Die heldenhafte Verteidigung von Burg und Stadt Lechenich 1642. Köln 1643 ebenfalls beim Abzug der französischen Verbündeten des Kölner Kurfürsten Maximilian Heinrich von Bayern und seines Koadjutors Wilhelm Egon von Fürstenberg-Heiligenberg.HSTAD, Bestand Kurköln, II, 970, veröffentlicht in Stommel: Quellen, V, Nr. 2757

Mehrmals mussten die Einwohner Geld aufnehmen und mit ihrem Besitz Bürgschaft leisten, so 1644, um die geforderten Zahlungen der in Neuss liegenden hessischen Truppen zu erfüllen und damit die angedrohte Brandschatzung sowie die Verschleppung von Bürgern abzuwenden. In den Kriegen des französischen Königs Ludwig XIV. litt Bliesheim unter Einquartierungen,Wien, Kriegsarchiv, alte Feldakten, Karton 179, veröffentlicht in Stommel: Quellen, Band V, Nr. 2666 nach Auszügen von Stefan Sienell und Fouragelieferungen.HSTAD, Bestand Kurköln, IV, 399, Archiv Schloss Gracht, Akten, Nr. 90 und Nr. 51 Geldaufnahmen waren 1674 notwendig wegen Kontributionsforderungen der kaiserlichen Truppen, 1676 wegen Forderungen der französischen Truppen und zur Einlösung eines verschleppten Bliesheimers.

Französische Zeit