Das Evangelium nach den Hebräern (καθ᾿ ῾Εβραίους, kath’ hebraíous; lat. überwiegend secundum/iuxta Hebraeos) ist eine lediglich in Fragmenten überlieferte judenchristliche Evangelienschrift, die in antiken Zeugnissen vor allem bei Clemens von Alexandrien, Origenes, Didymus und Euseb belegt ist. Der überlieferte Befund spricht dafür, dass es sich ursprünglich um ein griechisch abgefasstes Werk handelte, das vornehmlich in alexandrinisch-judenchristlichen Kreisen verbreitet war und theologisch eigenständige Akzente setzte. Zu seinen zentralen Merkmalen gehören die enge Verbindung zwischen Jesus und dem Herrenbruder Jakobus sowie eine ausgeprägte Nähe zur jüdischen Weisheitstradition. Die Forschung wurde lange von hieronymianischen Gleichsetzungen mit einem hebräischen Ur-Matthäus und einem aramäischen Nazoräerevangelium bestimmt; heute gelten beide Annahmen weithin als überholt. Aufbau, Umfang und Herkunft bleiben ungeklärt. Die Entstehung wird zwischen das späte erste und das frühe zweite Jahrhundert datiert.
Bezeugung Das „Evangelium nach den Hebräern“ stellt den einzigen in antiken Quellen eindeutig bezeugten Titel eines judenchristlichen Evangeliums des 1. oder 2. Jahrhunderts dar.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 593 Die griechische Bezeichnung καθ᾿ ῾Εβραίους (lat. überwiegend secundum/iuxta Hebraeos) folgt der Form der Überschriften der vier kanonisch gewordenen Evangelien und verweist – wie dort – auf den Autor bzw. die Traditionsherkunft, nicht auf einen Adressatenkreis.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 593; ders.: Hebräerevangelium, WiBiLex, 2013. Die im Titel vorausgesetzte Pluralität, die bereits beim „Evangelium nach den Ägyptern“Clemens, stromata 63,1. begegnet, begünstigte die spätere Rezeption und ließ einen besonderen Grad an Ursprünglichkeit vermuten. Zugleich konnte die Bezeichnung ohne Weiteres auf einen Tradenten- oder Leserkreis übertragen werden (evangelium Hebraeorum, „Evangelium der Hebräer“) oder mit der Rede vom „hebräischen Evangelium“ (hebraicum evangelium) verschmelzen.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 593 Daraus leitete man bisweilen einen Hinweis auf eine vermeintliche semitische Ursprungssprache ab.So Hieronymus, ad Ephesios 5,4. Hier dürfte auch ein Grund für spätere Verwechslungen des Textes liegen.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 593
Der früheste gesicherte Nachweis findet sich bei Clemens von Alexandrien (ca. 150–um 215), der in seinen Stromata eine Tradition ausdrücklich aus dem „Evangelium nach den Hebräern“Clemens von Alexandrien, stromata 2,45,5. anführt. Dieselbe Überlieferung erscheint später nochmals in abgewandelter Form ohne QuellenangabeClemens von Alexandrien, stromata 5,96,2–3. und entspricht zugleich einem griechisch überlieferten Logion des Thomasevangeliums.POxy 654,6–9; EvThom 2. Das betreffende Textfragment, ein in sich kunstvoll gestalteter „Stufenspruch“, ist in seiner sprachlichen und rhetorischen Anlage eindeutig auf das Griechische hin entworfen und lässt sich kaum überzeugend als Übertragung aus dem Hebräischen oder Aramäischen erklären.Jörg Frey: Hebräerevangelium, WiBiLex, 2013. Ist Clemens’ Quellenangabe zutreffend – woran kaum gezweifelt werden kann –, so folgt daraus, dass das „Evangelium nach den Hebräern“ zumindest in der ihm vorliegenden Gestalt ein genuin griechisches Werk war und nicht lediglich eine Übertragung aus einer semitischen Vorlage.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 593, 595; ders.: Hebräerevangelium, WiBiLex, 2013.
Der nächste Autor, der den Text heranzieht, ist Origenes (185–253/54). Das von ihm zweimal überlieferte Textstück – davon nur einmal ausdrücklich unter Bezug auf das „Evangelium nach den Hebräern“Origenes, in Evangelium Ioannis 2,12 zu Joh 1,3; Homiliae in Ieremiam 15,4, zu Jer 15,10. – besitzt in den kanonischen Evangelien keine unmittelbare Entsprechung, dürfte aber wohl als Weiterführung der Überlieferung von der Versuchung Christi (vgl. ) zu verstehen sein. In dem Ausspruch bezeichnet Jesus den Heiligen Geist als seine Mutter; in der in den Homiliae in Ieremiam überlieferten Passage wird er zudem von diesem auf den Berg Tabor getragen.Zu diesem Motiv vgl. Andrew F. Gregory: Gospel, 2017, S. 33, 69–74. Die Einleitung des Zitats im Johannes-KommentarOrigenes, in Evangelium Ioannis 2,12, zu Joh 1,3. macht zudem deutlich, dass das Werk zumindest einem Teil der Leser des Origenes vertraut war und ein gewisses, wenngleich kein allgemein anerkanntes Ansehen genoss.
Ein vergleichbares Bild ergibt sich beim dritten Zeugen, Didymus dem Blinden (310/313–um 398), der ebenfalls in Ägypten wirkte. In seinem Psalmenkommentar erläutert er das Phänomen, dass ein und dieselbe Person unter unterschiedlichen Namen auftreten kann, und verweist dazu ohne nähere Erklärung auf das Hebräerevangelium. Dies legt nahe, dass das Werk in alexandrinischen christlichen Kreisen bis in die Zeit des Didymus offenbar so geläufig war, dass ein bloßer Hinweis als hinreichend verständlich gelten konnte.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 593; ders.: Hebräerevangelium, WiBiLex, 2013; Andrew F. Gregory: Gospel, 2017, S. 33.
Schließlich führt auch Eusebius von Caesarea (260/64–339/34) das „Evangelium nach den Hebräern“ in einer KanonübersichtEusebius, historia ecclesia 3,25,5. als umstrittene Schrift (Antilegomena) an und berichtet zudem von seiner Verwendung in judenchristlichen Kreisen.Zum Begriff des Judenchristentums vgl. insbes. Jörg Frey: Judenchristentum. In: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, 2015 [Zugriff am 12 Juni 2026]. Unklar bleibt jedoch, ob sich diese Angabe lediglich auf Origenes stützt und damit primär Ägypten betrifft, oder ob Eusebius darüber hinaus auch palästinisch-syrische Zusammenhänge im Blick hatte. Ein sicherer Beleg dafür, dass ihm das Werk selbst vorlag, lässt sich jedenfalls nicht erbringen; ebenso gut ist denkbar, dass er es lediglich aus der Lektüre anderer Autoren kannte. Auch die Angabe zu seiner Verwendung im judenchristlichen Milieu könnte allein aus dem Titel erschlossen sein. In diesem Zusammenhang ist schließlich auch Eusebs Hinweis zu sehen, der palästinische Judenchrist Hegesipp (vor 130–nach 180) habe aus dem „Evangelium nach den Hebräern“ zitiert.Eusebius, historia ecclesia 4,22,8. Euseb unterscheidet diese Schrift allerdings ausdrücklich von einem „syrischen“ Evangelium. Sollte diese Überlieferung zutreffen, wäre das Hebräerevangelium zumindest punktuell auch außerhalb Ägyptens bekannt gewesen. Hinzu kommt, dass EusebEusebius, historia ecclesia 3,39,17. dem Werk eine Erzählung über eine vor Jesus angeklagte Sünderin zuschreibt, die er auch bei Papias (ca. 60–um 130) findet. Eine ähnliche Überlieferung begegnet bei Didymus ohne Quellenangabe; angesichts seiner Kenntnis des Hebräerevangeliums ist eine Abhängigkeit davon nicht ausgeschlossen. Dass Eusebius das Evangelium lediglich als umstritten und nicht ausdrücklich als häretisch einordnet, könnte schließlich darauf zurückzuführen sein, dass es von Autoren verwendet worden war, die er selbst schätzte, auch wenn es zu seiner Zeit bereits nicht mehr als kanonisch akzeptiert war.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 593; ders.: Hebräerevangelium, WiBiLex, 2013; Andrew F. Gregory: Gospel, 2017, S. 33–36.
Problematischer ist Eusebs Angabe, das Hebräerevangelium sei bei jener Gruppe der Ebionäer in Gebrauch gewesen, die die weniger heterodoxe der beiden Richtungen dargestellt habe. Möglicherweise korrigiert er hier lediglich eine Notiz des Irenäus, wonach die Ebionäer ausschließlich das Matthäusevangelium verwendeten.Irenäus, adversus haereses 1,26,2. Auf Euseb stützt sich dann Epiphanius (um 315–403), der berichtet, die Ebionäer hätten ihr Evangelium selbst als „Evangelium der Hebräer“ bezeichnetEpiphanius, panarion 30,3,7. und diese Überlieferung mit der bereits bei PapiasEusebius, historia ecclesia 3,39,15–16. belegten Vorstellung eines ursprünglich hebräischen MatthäusevangeliumsEpiphanius, panarion 30,13,2–3. verknüpft.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 594; ders.: Hebräerevangelium, WiBiLex, 2013; Andrew F. Gregory: Gospel, 2017, S. 33–36.
Bei Hieronymus tritt jene Gleichsetzung, die Eusebius noch vermieden hatte, mit großer Deutlichkeit hervor. Er verwendet wiederholt die Bezeichnungen „Evangelium nach den Hebräern“ und „hebräisches Evangelium“, womit er offenbar ein aramäisches Werk meint, mit dem er sich mehr oder minder intensiv vertraut gemacht hatte. Ob ihm jedoch das schon bei Origenes bezeugte „Evangelium nach den Hebräern“ in seiner älteren Gestalt tatsächlich vorlag, bleibt unsicher. Eher spricht manches dafür, dass sich seine Kenntnis dieses Textes im Wesentlichen auf die griechisch überlieferten Zitate sowie möglicherweise auf zusätzliche Informationen aus der Zeit seines Aufenthalts bei Didymus in Alexandrien stützte. Nach Hieronymus entwickelte sich die Bezeichnung „Evangelium nach den Hebräern“ zunehmend zu einer bloßen „Hülse“,Dieter Lührmann: Apokryph gewordene Evangelien, 2004, S. 44. unter der unterschiedliche Traditionen versammelt und weitergegeben werden konnten, ohne sogleich in den Verdacht des Häretischen zu geraten. Dies zeigt sich besonders deutlich an den späteren, vor allem im Umfeld der irischen Kirche bezeugten Traditionsbildungen. Auch der Verweis auf das „Evangelium nach den Hebräern“ in der pseudo-cyrillischen Rede über die Gottesgebärerin scheint kaum mehr als eine entfernte Erinnerung an ein einst vereinzelt anerkanntes Evangelium zu bewahren. Für die Zeit nach Didymus sind sichere Anzeichen einer fortdauernden Kenntnis oder Verbreitung des Hebräerevangeliums jedenfalls nicht mehr greifbar.Jörg Frey: Fragmente des Hebräerevangeliums, 2012, S. 594; ders.: Hebräerevangelium, WiBiLex, 2013; Andrew F. Gregory: Gospel, 2017, S. 52f, 282–86.
Forschungsprobleme Die Angaben des Hieronymus zum Gebrauch judenchristlicher QuellenAlbertus F. J. Klijn: Gospel Tradition, 1992, S. 16–20; Jörg Frey: Fragmente judenchristlicher Evangelien, 2012, S. 581–87; Andrew F. Gregory: Gospel, 2017, S. 90ff. sind in mehrfacher Hinsicht problematisch.Hierzu insbes. Jörg Frey: Vielgestaltigkeit, 2010, S. 93–137. An den einschlägigen Stellen scheint er jeweils ein und dasselbe Werk zu meinen, das er jedoch unterschiedlich bezeichnet: als „Evangelium nach den Hebräern“, als „Evangelium der Hebräer“, als „hebräisches Evangelium“, als „das hebräische Evangelium nach Matthäus“ oder auch als „nach den Aposteln“. Teilweise spricht er vom Evangelium der Nazaräer in Beröa, erwähnt ein Exemplar in der Bibliothek von Caesarea, verweist auf eine hebräische Schrift sowie auf eine „hebräische“ (wohl aramäische) bzw. „chaldäische“ Sprache und behauptet sogar, das Werk „erst kürzlich“ ins Griechische und Lateinische übersetzt zu haben.Hieronymus, in Michaeam 7,5–7. Insgesamt entsteht der Eindruck, Hieronymus habe nur ein judenchristliches Evangelium gekannt, das mit dem bei Origenes bezeugten „Evangelium nach den Hebräern“ und dem durch die Papias-NotizEusebius, historia ecclesia 3,39,16. erschlossenen „hebräischen“ Matthäusevangelium identisch sei. Dieses komplexe Deutungsschema führte bis ins 19. Jahrhundert zur Annahme eines einzigen judenchristlichen Evangeliums, das als „Hebräerevangelium“, und im Mittelalter auch als „Evangelium der Nazaräer“ bezeichnet wurde.Jörg Frey: Fragmente judenchristlicher Evangelien, 2012, S. 569f., 581f.; ders.: Hebräerevangelium, WiBiLex, 2013.