mini|Ernst Flügel (1844–1912)

Ernst Paul Flügel (* 31. August 1844 in Halle (Saale); † 20. Oktober 1912 in Breslau) war ein deutscher Komponist der Romantik.

Leben Ernst Flügel war ein Sohn des Komponisten Gustav Flügel (1812–1900) und dessen zweiter Ehefrau Henriette, geb. Oppermann (1823–1896).

Ausbildung Flügel erhielt seine erste musikalische Ausbildung von seinem Vater, später (ab 1859) durch den Komponisten, Dirigenten und Musikschriftsteller Carl Koßmaly in Stettin, der ihn auch in Musiktheorie und Ästhetik unterrichtete.Am 23. Mai 1861 ist Ernst Flügel Pate bei der Taufe seiner jüngeren Schwester Anna. (Taufbuch der Schloß- und Mariengemeinde Stettin 1861–1893 im Ev. Zentralarchiv, Berlin (Nr. 4125). Taufeintrag von Anna Agathe Wilhelmine Ernestine Flügel, vom 23. Mai 1861).

Seit April 1862 war Ernst Flügel in Berlin Schüler des königlichen Instituts für Kirchenmusik und von Oktober 1862 an auch Eleve der königlichen der Akademie der Künste, „wo die Herren Director A. W. Bach Professor Grell, Musik-Director Jul. Schneider und Löschhorn, der bewährte Lehrer des Pianofortespiels, seine Lehrer sind“.Niederrheinische Musikzeitung Jg. 9, Nr. 13 (28. März 1863) S. 102, Fußnote Hier genoss er auch den Privatunterricht Hans von Bülows, F. Geyers und Friedrich Kiels. Am 7. März 1863 gab der angehende Pianist Ernst Flügel in Stettin ein erstes, weithin beachtetes Konzert.„Stettin. Im Casinosaale gab am 7. März Herr Ernst Flügel, der Sohn des hiesigen Musikdirectors Hrn. Flügel, ein Concert, welches ein recht zahlreiches Publikum versammelt hatte, das den Vorträgen mit grosser Aufmerksamkeit folgte und dem jungen Pianisten reichen und wohlverdienten Beifall zollte. Der Concertgeber, der bereits früher in unserer Stadt sehr erfreuliche Proben seines musikalischen Talents ablegte und der seit noch nicht langer Zeit seine Studien in Berlin unter Leitung der Herren H. v. Bülow und Löschhorn begonnen hat, zeigte vorgestern von Neuem seine entschiedene und wir können sagen zu grossen Hoffnungen berechtigende Begabung für das Pianofortespiel. Das mit Geschmack gewählte Programm bot im ersten Theil die D-moll-Sonate von Beethoven und ein Präludium mit Fuge in A-moll für die Orgel von J. S. Bach im Arrangement von Liszt; in beiden Piecen wurde dem Pianisten Gelegenheit gegeben, sein für sein Alter in recht erfreulicher Weise entwickeltes Verständniss für classisehe Musik zu bekunden. Besonders die Sonate und hier vorzüglich der zweite Satz wurde mit tiefer Empfindung vorgetragen. Eines durchaus klaren Spiels und meisterhafter Precision erfreute sich der letzte Satz der Sonate, sowie die bedeutende technische Schwierigkeiten bietende Fuge. Im zweiten Theil des Programms zeigte sich der Concertgeber auf dem Gebiete der Salonmusik im Vortrage von Schumann’s Phantasiestück ‚des Abends‘, zweier Compositionen von Raff und Rubinstein und der grossen Polonaise in Es von Chopin. Auch diese Musikstücke erfreuten sich einer würdigen Wiedergabe und namentlich in der grosser Polonaise vereinigte sich technische Bravour mit einem charaktervollen Vortrage, zu welcher Gesammt-Wirkung gewöhnlich erst das spätere Alter befähigt. Zur Ruhe und Originalität des Spiels gelangt man im Allgemeinen seltener durch Studium als vielmehr durch einen Schatz von Erfahrungen, den man dem praktischen Musikleben in einer Reihe von Jahren abgewonnen hat. In Fräul. Nanitz, die in dem Concerte mitwirkte, lernten wir eine junge Altistin kennen, der ein kräftiges und wohlklingendes Organ zu Gebote steht. […] Am meisten befriedigten drei von ihr gesungene Lieder: ‚Frühlingslied‘ von Mendelssohn und zwei Compositionen des Concertgebers: ‚Ueber allen Wipfeln ist Ruh‘ und ‚Die Höh’n und Thäler singen‘.“ (Neue Berliner Musikzeitung (NBMz) Jg. 17, Nr. 12 (18. März 1863) S. 94); das Konzert wurde ebenfalls besprochen in der Neuen Zeitschrift für Musik Bd. 58, Nr. 15 (10. April 1863) S. 126 und in der Niederrheinischen Musikzeitung (NdRhMz) Jg. 9, Nr. 13 (28. März 1863) S. 102f. In der öffentlichen Jahressitzung der Kgl. Academie der Künste zu Berlin am 3. August 1863 wird auch Ernst Flügel vom akademischen Senat als Kompositionsschüler prämiert.Die Dioskuren. Deutsche Kunst-Zeitung. Hauptorgan der Deutschen Kunstvereine. Jg. 8, Nr. 33 (16. August 1863) S. 253 Noch am selben Tag wird dort in einer Aufführung zu Ehren von Friedrich Wilhelm III. zum ersten Mal eine Komposition des Neunzehnjährigen Flügel aufgeführt: Miserere mei Deus, ein Terzett mit Chor.NBMz Jg. 17, Nr. 34 (19. August 1863); vgl. Die Dioskuren. Deutsche Kunst-Zeitung. Jg. 8, Nr. 32 (9. August 1863) S. 244

Musiklehrer in Treptow und Greifswald (1863–1867) mini|Ernst Flügel um 1865

Seit Sommer 1863 lebte Ernst Flügel als Musiklehrer in Treptow an der Tollense.manche Biographen überliefern hier fälschlich „Treptow an der Trebel“. Schon am 1. November 1863 gibt er hier ein erstes Konzert.„Treptow a. d. Toll. Herr Ernst Flügel, Schüler des Hrn. H. v. Bülow, hatte am 1. November ein Concert veranstaltet, welches sich der allgemeinsten Theilnahme erfreute. Das Programm enthielt: Beetboven's Sonate, Op. 53. Chant polonais und Au bord d’une source von Liszt. Weber’s Polacca, Op. 72. Grande Polonaise, Op. 22, von Chopin. Souvenir de Kieff von Schulhoff und Rubinstein’s reizende Barcarole, die, wie stets, ihre Wirkung nicht verfehlte. Dieses so verschiedene Richtungen darbietende Programm wurde von Herrn Flügel unter grossem Beifall, den er sich durch sein gediegenes Spiel und musikalisches Verständniss beweisenden Vortrag wohlverdient hatte, ausgeführt.“ (NBMz Jg. 17, Nr. 47 (18. November 1863) S. 375).

Anfang 1864 erschien bei Alfred Dörffel in Leipzig Flügels Opus 1, „Wanderungen“ (Klavierstücke).Rezensionen in der Euterpe Jg. 24, Nr. 2 (Februar 1865) S. 33; AMZ (N.F.) Jg. 1, Nr. 10 (7. März 1866) S. 80. (Der Rezensent fühlt sich an die Kinderszenen und das Album für die Jugend von Schumann erinnert); NBMz Jg. 20, Nr. 27 (4. Juli 1866) S. 211: „In vieler Hinsicht ein gelungenes und erfreuliche Hoffnungen erweckendes op. 1. Es verräth den gebildeten Musiker, in welchem eine ideale Anschauung wohnt. Möge er sich nur an Längeres und Breiteres wagen, dabei aber sein Streben nach Originalität etwa zügeln, damit er nicht auf Abwege gerathe! […] Weiter und vorwärts!“ Am 23. Februar 1864 gab der Pianist ein zweites, überaus gut besuchtes und aufgenommenes Konzert in Stettin.„Stettin, 24. Februar. Das Concert, welches Herr Ernst Flügel gestern im Casinosaale gab, hatte ein überaus zahlreiches, den Saal bis in die letzte Ecke füllendes Publicum versammelt. Ein Blick auf diese Zuhörerschaft und ein Blick auf das Programm könnten zur Bestätigung einer jüngst bei Gelegenheit eines anderen Concertes ausgesprochenen Bemerkung dienen, dass auch in unserer Stadt die nackte Virtuosität in eben dem Maasse an Boden verliert, als die Richtung nach der Production ernster und gehaltreicher Musik gewinnt. Herr E. Flügel hat in der Zeit, wo wir ihn nicht gehört, grosse und bedeutende Fortschritte gemacht. Ein reiferes Alter bedingt reiferes Verständniss, grössere physische wie geistige Kraft. Dass der junge Spieler noch nicht als vollendeter Künstler vor uns tritt, wer wollte das bei der Schwierigkeit der gewählten Aufgaben bemängeln; wo ist die Kunst überhaupt vollendet, wenn sie die Werke der erhabensten Tondichter zur Grundlage nimmt! — Das Concert begann mit der „chromatischen Phantasie“ von Bach. Was den Vortrag dieses Werkes anbelangt, in dem Bülow, der es neuerdings herausgegeben, die Anfänge der Romantik in der Musik erblickt, so war derselbe von Verständniss geläutert, klar, präcis und sicher; er bewies, dass der Spieler über die sehr bedeutenden technischen Schwierigkeiten hinweg ist. Dem Vortrage fehlte es keineswegs an der klaren Durchsichtigkeit, die das Werk auch für den Laien verständlich macht. Dass aber dem jungen Künstler auch die Welt der Phantasie und des Herzens erschlossen ist, das bewies er in dem Vortrage der zuletzt gespielten Beethoven’schen F-moll-Sonate. Kaum wüssten wir, wie sich dieses erhabene Werk schwungvoller, begeisterter, inniger vortragen liesse. Zwischen diesen beiden Endpfeilern des Programms stand die Schubert’sche Phantasie zu vier Händen, von dem Concertgeber und dessen Vater, Herrn Gustav Flügel, gespielt. Die beiden Clavier-Compositionen von diesem, von Flügel (dem Vater): „Stille Frage“ und „Falter im Sonnenschein“, sind zwei reizende Kleinigkeiten, die an innerem Werthe weit über dem Niveau gewöhnlicher Salon-Compositionen stehen und an das Beste in diesem Genre reichen. Die Schumann’sche Romanze (Op. 28, Nr. 2) ist ein Bijou, Au bord d'une source von Liszt ein gefälliges Tonstück; die „Metamorphosen“ von Raff sind etwas wirr und ihre Länge schadet dem Eindruck. Alle Piecen wurden von dem Concertgeber mit Eleganz und grosser Gewandtheit vorgetragen, und es konnte nicht fehlen, dass demselben ein grosser und gerechter Beifall zu Theil wurde.“ (NdRhMz Jg. 12, Nr. 10 (5. März 1864) S. 79). Vgl. Allgemeine Musikalische Zeitung (AMZ) (N.F.) Jg. 2, Nr. 10 (9. März 1864) Sp. 182; AMZ (N.F.) Jg. 2, Nr. 42 (19. Oktober 1864) Sp. 716f.; Anfang März 1864 reiste Flügel nach Leipzig,„In dieser Woche besuchten Leipzig Hr. Ernst Flügel, Tonkünstler aus Stettin […]“ (NZfM (4. März 1864) vielleicht um für weitere Kompositionen einen Verleger zu finden. Zu Beginn des Jahres 1865 wurde Flügel Mitglied des Allgemeinen Deutschen Musikvereins.(zwischen 9. Dezember 1864 und 17. Februar 1865 (NZfM Bd. 61 Nr. 8 (17. Februar 1865) S. 67). Am 21. September 1865 führte der Seminarchor von Weißenfels am Roßbach-Denkmal in Gegenwart des Königs ein ‚Salvum fac regem’ von Ernst Flügel auf.Der Seminarlehrer Ernst Hentschel hatte am 8. September 1865 zunächst Gustav Flügel in Stettin um eine entsprechende Komposition gebeten. (Gustav Flügel: „Erinnerungen“ Euterpe Jg. 40, Nr. 1 (1881) S. 9.). Dieser gab den Auftrag an seinen Sohn Ernst weiter. „Wir haben, nach sehr fleißiger Uebung, das Salvum Ihres Herrn Sohnes am 21. d. M. Mittags 1 Uhr beim Roßbachdenkmal vor Sr. Majestät und seiner glänzenden Suite gesungen! Das Ihrige nicht, da die Anstalt nur als solche aufgestellt werden durfte und Instrumente daher nicht zulässig waren. Majestät sprach sich sehr gnädig gegen mich aus und befahl noch etwas zu singen, worauf ein kleines Königslied folgte. Tausend Dank Ihnen und Ihrem reichbegabten Herrn Sohne! Das Salvum macht einen famosen Effect, dauerte 4 Minuten. – Bald mehr!“ (Ernst Hentschel in einem Brief an G. Flügel vom 23. September 1865 (Euterpe Jg. 40, Nr. 1 (1881) S. 9)