Das Poverty-of-the-Stimulus-Argument (POSA) (dt. in etwa „Argument von der Armut der Reize“) besagt, dass vieles von dem, was im menschlichen Geist ist, zu komplex und zu vielfältig sei, als dass es (im Lauf des Lebens) von außen hinein gekommen sein kann. Das Argument wird von Nativisten häufig zur Stützung ihrer Position verwendet.
Nativismus Historisch betrachtet ist der Nativismus die Lehre von den angeborenen Ideen: Unsere Ideen sind in unseren Geistern von der Geburt an. Moderne Nativisten sehen den Sitz der „angeborenen Ideen“ in der genetischen Ausstattung. Was aber ist genau angeboren? Die Ideen sind nicht im wörtlichen Sinne im Geist des Neugeborenen. Das Erscheinen der Ideen im Geist ist von bestimmten Ereignissen oder Prozessen abhängig. Leibniz verglich den Geist mit einem Marmorblock. In derselben Weise, wie der Meißel die Figur im Marmor zum Vorschein bringt, bringen die Ereignisse die Ideen zum Vorschein. Was in unserem Geist ist, ist nie darin hineingelangt, es war von Anfang an darin.
Nativisten rechtfertigen ihre Haltung in der Regel nicht durch den positiven Beleg, dass eine Idee angeboren ist. Ein solcher positiver Beleg ist tatsächlich auch nur schwer zu erbringen. Die Rechtfertigung des Nativismus ist die Leugnung des Empirismus. Eine besondere Bedeutung kommt hier dem Poverty of Stimulus Argument (POSA) zu. Obschon der Grundgedanke des POSA bis in die Antike zurückreicht, geht der Begriff auf den Sprachwissenschaftler Noam Chomsky zurück.Noam Chomsky: Rules and representations. Basil Blackwell, Oxford 1980, ISBN 0-631-12641-4.
Chomskys POSA im Besonderen Noam Chomsky ist einer der prominentesten Nativisten der Gegenwart. Für den Bereich der Sprache lautet sein POSA, dass die Struktur der Sprache im Wesentlichen nicht durch von außen kommende Daten von einem unvorbereiteten Organismus gelernt werden kann. (Noam Chomsky: Aspects of the theory of syntax. MIT Press, Cambridge, MA 1965).
Die grundsätzliche Struktur des Arguments ist folgende: In jeder natürlichen Sprache gibt es Muster, die nicht allein durch positive Belege gelernt werden können. Positive Belege sind die Äußerungen, die das Kind im Lauf der Sprachentwicklung hört. Negative Belege dagegen sind Informationen darüber, welche Äußerungen nicht wohlgeformt sind. Ein negativer Beleg liegt z. B. dann vor, wenn ein Kind eine nicht wohlgeformte Äußerung macht und daraufhin von seinen Eltern korrigiert wird. Kinder werden praktisch nur mit positiven Belegen konfrontiert. Kinder lernen die Grammatik ihrer Muttersprache. Daher müssen Menschen über einen angeborenen und sprachspezifischen Mechanismus verfügen, der Wissen über Grammatik enthält.
Empiristen (wie z. B. B.F. SkinnerBurrhus F. Skinner: Verbal Behavior. Copley Publishing Group, Acton, Mass. 1957.) argumentieren hingegen, dass es Mechanismen des Lernens gebe, die ausreichen, um jede komplexe Aufgabe zu bewältigen. Nativisten wiederum entgegnen, dass der Input im Lauf des Lebens zu gering sei. Die allgemeinen Lernmechanismen reichten nicht aus, um das zu erzeugen, was wir an Wissen in unseren Köpfen haben. Chomsky folgert daraus, dass es spezielle, sprachspezifische Mechanismen geben muss, um den Erwerb von Sprache zu erklären.
Grundlage: die Universalgrammatik
Chomskys Ausgangspunkt ist der „erstaunliche Umstand“, dass im Alter von etwa acht Jahren fast jedes Kind die Sprache seiner Sprachgemeinschaft fließend spricht. Dies gelingt Kindern anscheinend ohne formellen Unterricht und nachdem sie zuvor nur mit einer recht kleinen Stichprobe von Sätzen konfrontiert waren. In den frühen Fassungen seiner Theorie betrachtet Chomsky Kinder als de facto Sprachwissenschaftler, die aufgrund des Inputs Hypothesen über die Syntax einer Sprache aufstellen. Um nicht endlos „im Dunkeln zu tappen“, hilft dem Kind eine angeborene Universalgrammatik beim Aufstellen der Hypothesen. Die Universalgrammatik wurde von ChomskyNoam Chomsky: Reflections on language. Fontana, London 1975, ISBN 0-00-634299-X. tatsächlich als ein System von Prinzipien, Bedingungen und Regeln aufgefasst, die in allen menschlichen Sprachen enthalten sind und die gewissermaßen die Essenz der Sprache ausmachen.
Chomsky gab diesen Ansatz später zugunsten des Prinzipien- und Parameter-Ansatzes auf. Dass die Universalgrammatik Regeln enthält, wird nun von ihm verneint.Noam Chomsky: Bare phrase structure. In: Gert Webelhuth (Hrsg.): Government and binding theory and the minimalist programme. Blackwell, Oxford 1995, S. 383–440, ISBN 0-631-18059-1. Die Universalgrammatik ist vielmehr mit einer Art Kasten mit Schaltern zu vergleichen. Der sprachliche Input, den ein Kind hört, bewirkt, dass bestimmte Schalter in die eine oder andere Richtung gelegt werden. Ein „Schalter“ ist beispielsweise die Entscheidung, ob man in einer Sprache ein pronominales Subjekt weglassen kann oder nicht (pro-drop parameter). Im Italienischen etwa kann man das Subjekt weglassen (Sono Italiano), im Englischen und Deutschen kann man das nicht („Ich bin Deutscher“). Das Wissen, dass es Null-Subjekt- und Nicht-Null-Subjekt-Sprachen gibt, ist angeboren, und die Entscheidung fällt mit dem ersten sprachlichen Input; der Schalter wird in die eine oder andere Richtung umgelegt. Mit nur wenig Input kommt das Kind in der Sprachentwicklung einen großen Schritt voran, da es einen spezifischen, angeborenen Mechanismus gibt, der das Lernen beschleunigt.
Drei Varianten des POSA Zur Stützung dieser beiden Aspekte der Universalgrammatik (angeboren und sprachspezifisch) zieht Chomsky das Poverty of Stimulus Argument (POSA) heran. Nach CowieFiona Cowie: What’s within. Nativism reconsidered. Oxford University Press, New York 1999, ISBN 0-19-512384-0. wird das POSA von Chomsky in drei Varianten verwendet.
Das A-posteriori-POSA Diese Variante des POSA ist im Grunde empirisch: Da Sprache nicht aufgrund des verfügbaren Inputs gelernt werden kann, müssen die Prinzipien der Universalgrammatik angeboren sein. In Erwiderung auf eine Kritik Hilary Putnams an der Universalgrammatik formuliert Chomsky diese Form des POSA. PutnamHilary Putnam: The „innateness hypothesis“ and explanatory models in linguistics. In: John Searle (Hrsg.): The philosophy of language. Oxford University Press, London 1971, S. 130–139. bezog sich auf Chomskys Feststellung, dass die Beherrschung der Muttersprache unabhängig vom Intelligenzquotienten des Sprechers ist. Putnam entgegnete, dass dies lediglich beweise, dass jeder normale Erwachsene lernen könne, was jeder normale Erwachsene lerne. Natürlich seien die „angeborenen“ menschlichen intellektuellen Fähigkeiten wichtig für das Sprachlernen. Alles in allem fehlt Putnam ein Beleg für eine spezifische und angeborene Fähigkeit, die Sprache zu erlernen.
Chomsky bezieht sich auf Putnams Feststellung, dass jemand, der allgemeine Lernmechanismen benutzt, immer die einfachstmögliche Hypothese benutzen wird. Chomsky bringt ein Beispiel, das demonstrieren soll, dass Kinder beim Sprachenlernen eben nicht immer die einfachstmögliche Hypothese benutzen. Angenommen ein Kind hört häufig Sätze wie diese: „Ali ist glücklich“" „Ist Ali glücklich?“ Das Kind müsste, bei Benutzung allgemeiner Lernmechanismen, zunächst folgende Hypothese aufstellen: H1 (struktur-unabhängige Regel): „Wenn Du einen Aussagesatz in eine Frage umformen willst, nimm das erste Verb im Satz und stelle es an den Anfang“. Bald aber wird das Kind Sätze wie diese hören: „Der Mann, der glücklich ist, singt“ Das Kind müsste unter Verwendung von H1 diesen Satz so umformen: „Ist der Mann, der glücklich, singt?“ Das Kind sollte nun mit negativem Feedback der Sprachgemeinschaft konfrontiert werden und daraufhin erst folgende Hypothese bilden: H2 (struktur-abhängige Regel): „Wenn Du einen Aussagesatz in eine Frage umwandeln willst, nimm das erste Verb, dass der Subjekt-Phrase folgt und stelle es an den Anfang“. Diese Regel führt zur folgenden, korrekten Frage: „Singt der Mann, der glücklich ist?“ Chomsky argumentiert folgendermaßen: Der sprachliche Input ist zu gering, als dass das Kind aufgrund dessen H1 verwerfen könnte. Kein Kind macht Fehler wie in „Ist der Mann, der glücklich, singt?“. Er folgert daraus, dass kein Kind je der H1 folgt. Daher benötige es auch keinen Input, der H1 widerlegen könnte. Wenn das Kind Sprache mit Hilfe allgemeiner Lernmechanismen erwirbt, müsste es – gemäß Putnams Aussage, dass dann die einfachste Hypothese vorzuziehen sei – zunächst eine Präferenz für H1 zeigen. Da das nicht der Fall ist, muss es einen sprachspezifischen Lernmechanismus (die Universalgrammatik) geben, der eine Regel wie diese enthält: „Konstruiere eine struktur-abhängige Regel und ignoriere struktur-unabhängige Regeln“.
Chomskys Argument beruht darauf, dass er voraussetzt, dass H1 einfacher als H2 ist. H2 setzt eine syntaktische Analyse voraus. H1 beruht allein auf der Beobachtung, H2 bezieht sich auf Nicht-Beobachtbares. Damit widerspricht Chomsky allerdings seiner eigenen Aussage (in der Kritik am Strukturalismus), dass grammatikalische Hypothesen, die sich nur auf Beobachtbares beziehen, weniger einfach und weniger elegant seien als solche Hypothesen, die sich auf Nicht-Beobachtbares beziehen. Seiner eigenen Aussage zufolge müssten allgemeine Lernmechanismen also H2 bevorzugen.
Chomskys Einschätzung, dass strukturabhängige Regeln einfacher sind als strukturunabhängige, setzt voraus, dass syntaktische Eigenschaften nur durch viele Zwischenschritte mit den sprachlichen Erfahrungen des Sprachenlerners zusammenhängen. Syntaktische Kategorien wären somit nicht erlernbar.
Dieser Einschätzung widersprechen jedoch die empirischen Befunde. Saffran, Aslin und NewportJenny R. Saffran, Richard N. Aslin, Elissa L. Newport: Statistical learning by 8-month-old infants. In: Science. Band 274 (1996), S. 1926–1928, . konnten z. B. zeigen, dass acht Monate alte Kinder schon nach zwei Minuten in der Lage sind, in einer Kunstsprache zwischen Wörtern und Nicht-Wörtern zu unterscheiden und dass sie dabei anscheinend statistische Regelmäßigkeiten im Material benutzen. Die einzig logische Folgerung aus dieser (und zahlreichen anderen) Experimenten ist, dass Kinder syntaktische Kategorien lernen können, indem sie nur auf allgemeine Lernmechanismen zurückgreifen.
Auch Chomskys Aussage, dass der Input zu gering wäre, als dass Kinder in vertretbarer Zeit H1 verwerfen könnten, muss bezweifelt werden. So fanden Pullum und KollegenGeoffrey K. Pullum: Learnability, hyperlearning, and the poverty of the stimulus. In: Jan Johnson, Matthew L. Luge, Jeri L. Moxley (Hrsg.): Proceedings of the 22nd annual meeting. General session and parasession on the role of learnability in grammatical theory. Berkeley Linguistics Society, Berkeley, CA 1996, S. 498–513 ().Geoffrey K. Pullum, Barbara Scholz: Empirical assessment of stimulus poverty arguments. In: The Linguistic Review. Band 19, 2002, S. 9–50, ( PDF). in einer Analyse der Textbasis des Wall Street Journals unter den ersten 500 Fragen zahlreiche, die eine struktur-unabhängige Regel widerlegen würden. Ähnliches gilt für eine Analyse von Oscar Wildes The Importance of Being Earnest. Nun sind das Wall Street Journal und Oscar Wilde nicht der übliche sprachliche Input für ein Kind. Jedoch dürften Pullums Ergebnisse auf das, was Kinder in den ersten Lebensjahren hören, durchaus übertragbar sein.
Das POSA als logisches Problem