mini|Vorderseite mit dem Eingang zum Vestibül des Hauses der Meryemana („Mutter Maria“)

Das Haus der Mutter Maria () nahe der antiken Stadt Ephesos ist ein restauriertes byzantinisches Kirchen- oder Klostergebäude, das von Pilgern als zeitweiliger Wohnort und mögliches Sterbehaus Marias, der Mutter Jesu, betrachtet wird.

Name, Lage, Bestand Das seit den 1890er Jahren zunächst unter dem Namen Panaghia-Capouli (wörtlich „Tore der Allerheiligsten“, also sinngemäß „Haus der Heiligen Jungfrau“,Peter Bamm: Frühe Stätten der Christenheit. 143.–146. Tsd., Knaur Verlag, München 1979, S. 82 f.; Carl G. Schulte: . TAN Books, Charlotte 2014, S. 74; Wilhelm Alzinger: Die Stadt des siebenten Weltwunders. Die Wiederentdeckung von Ephesos. Wien 1962, S. 250 , türkisch Panayia Kapılı, deutsch auch Panagia Kapuli)Johannes Niessen: Panagia Kapuli, das neuentdeckte Wohn- und Sterbehaus der heiligen Jungfrau Maria bei Ephesus. Dülmen 1905 bekannt gewordene Marienheiligtum liegt etwa 7 km südwestlich der modernen Stadt Selçuk in Höhe auf dem Westabhang des , einem in der Antike Solmissos genannten Berg südlich des Nachtigallenbergs (), einige Kilometer außerhalb der lysimachischen Stadtmauer.Wilhelm Alzinger: Die Stadt des siebenten Weltwunders. Die Wiederentdeckung von Ephesos. Wien 1962, S. 250Achim Bourmer: Türkische Mittelmeerküste. Baedeker-Reiseführer, Ostfildern 2014, S. 233 Es wurde auch Monastiri üç Kapu („Kloster zu den drei Toren“) genannt.Peter Scherrer (Hrsg.): Ephesos. Der neue Führer. Österreichisches Archäologisches Institut, Wien 1995 (inhaltlich unverändert: , Österreichisches Archäologisches Institut/, Istanbul 2000), S. 232 Unterhalb des Hauses entspringt eine Quelle. Im Hain weiter unterhalb der Anlage befindet sich außerdem ein rechteckiger, von Säulenarkaden begrenzter Platz („Atrium“) mit einem 1964 entdeckten mittelalterlichen Wasserreservoir,Andreas Pülz, Sabine Ladstätter: Meryemana bei Ephesos. Zur archäologischen Untersuchung des Jahres 2003. Wien 2006, S. 71–104 (hier: 77) das von seiner Form her an ein übergroßes Ganzkörpertaufbecken erinnert und manchmal als Hinweis auf eine frühchristliche Benutzung der Ortslage als Taufplatz aufgefasst wurde. Das Gelände ist parkähnlich gestaltet und bietet einen „herrlichen Ausblick“ (Scherrer) bis auf das knapp 6 km entfernte Ägäische Meer.

Geschichte mini|Eingang zum Marienhaus, wie er am 29. Juli 1891 von den Entdeckern vorgefunden wurde mini|Henri Jung, einer der Entdecker und erster Leiter der Umbauarbeiten

Die heutige Wallfahrtsstätte geht zurück auf die Schriften von Clemens Brentano über angebliche Visionen der Anna Katharina Emmerick, die die letzte Wohnstätte und das Grab der Mutter Jesu detailliert beschrieben haben soll. Brentanos 1852 posthum veröffentlichte Erzählung Das Leben der hl. Jungfrau Maria verarbeitet in den Passagen über den Tod Mariens in Ephesos (ab Seite 404) Angaben Emmericks, die ihm zum größten Teil 1821 mitgeteilt wurden. Hier wird erzählt, der Apostel Johannes sei mit Maria nach Ephesos gezogen und habe mit ihr ein Haus bewohnt, von dem aus man auf das Meer sehe. Hier sei Maria auch begraben worden, und man werde das Grab eines Tages finden.Oskar Katann: Die Glaubwürdigkeit von Clemens Brentanos Emmerick-Berichten. Zum gegenwärtigen Stand der Quellen und der Forschung. In: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch, Neue Folge, Band 7, Duncker & Humblot, Berlin 1967, S. 164 f.

Die Verbreitung der von Edmond de Cazalès (1804–1876) veröffentlichten französischen Übersetzungen der Brentano-Schriften über Anna Katharina Emmerick weckte seit den 1870er Jahren bei einigen französischen Geistlichen, die von der Zuverlässigkeit der Beschreibungen überzeugt waren, den Wunsch, das Sterbehaus der heiligen Maria in Ephesos zu lokalisieren. Als Erster bereiste der stellungslose Pariser Priester Julien Gouyet († 1899) das Gebiet und fand das spätere Marienhaus nach eigenen Berichten bereits am 18. Oktober 1881. Seine Angaben wurden aber von den kirchlichen Stellen nicht ernst genommen, und die Expedition geriet in Vergessenheit. Die Initiative für eine erneute Suche ging zehn Jahre später von der französischen Adligen und Vinzentinerin Adèle Marie de Mandat-Grancey (1837–1915) aus, die zu jener Zeit als Oberin am französischen Marinekrankenhaus in Smyrna tätig war. Nach Lektüre der Emmerick-Gesichte drängte sie ihren Beichtvater, den aus dem Elsass stammenden Lazaristen Henri Jung (184?–1929), zu einer Expeditionsreise. Mit Zustimmung des Superiors der Lazaristen in Smyrna, Eugène Poulin (1843–1928), brach Jung im Sommer 1891 zusammen mit einem Mitbruder, dem späteren Madagaskar-Missionar Benjamin Vervault (1843–1912),. Band 126, Jg. 1961, Paris 1961, S. 50 nach Ephesos auf und durchstreifte das küstennahe Bergland. Auf einer ihrer Wanderungen stießen die Lazaristen, beide ehemalige Soldaten, mit Hilfe einheimischer Führer (die möglicherweise bereits Gouyet begleitet hatten) auf dem Berg nahe Ephesos auf eine Hausruine, die nach ihrer Ansicht der Beschreibung aus den visionären Aufzeichnungen entsprach. Eine von Pater Poulin im August 1891 mit zwei ortskundigen Begleitern entsandte fünfköpfige Kommission bestätigte ihre Vermutung.

Nach Verhandlungen mit der türkischen Regierung kaufte Schwester Mandat-Grancey das Gelände im November 1892 mit dem von ihrer Familie ererbten Vermögen auf und ließ das Haus von Lazaristenpatres und einheimischen Mitarbeitern des Ordens unter Leitung von Pater Jung wiederherrichten. Seit 1896 wurden jährliche Wallfahrten zum Marienhaus organisiert.Else Remy Thierry: Das Mysterium des Hauses der Heiligen Jungfrau in Ephesos. In: Theologisches 21 (1991), Nr. 8, Sp. M419. In den darauf folgenden Jahren fanden umfangreiche Aufräum-, Restaurierungs- und Ausgrabungsarbeiten an dem Haus und in der Umgebung statt, wo man vor allen Dingen das Grab der Jungfrau Maria aufzufinden versuchte. Dabei wurden in der Nähe des rechteckigen Vorplatzes westlich der Kirche mehrere Grablegen aus byzantinischer Zeit entdeckt. Auch der Wald oberhalb der Anlage wurde mit Unterstützung einheimischer Helfer nach Spuren eines dort aufgrund der Angaben Emmericks vermuteten Kreuzwegs abgesucht. Zwischen 1898 und 1902 wurde der vorläufige Wiederaufbau der baufälligen Kirche abgeschlossen, die ein provisorisches Schutzdach erhielt. 1903 entstand auf dem Vorplatz ein Wohnhaus für Gäste und einige Schwestern. Bis zu ihrem Tod hielt sich die Stifterin oft auf dem Gelände auf, kümmerte sich um die Gestaltung, Bewirtschaftung und Bepflanzung der Anlage, widmete sich dem Gebet und hieß Besucher und Pilger willkommen.Carl G. Schulte: The Life of Sr. Marie de Mandat-Grancey and Mary’s House in Ephesus. TAN Books, Charlotte 2014, S. 159.

1910 überschrieb die Gründerin das Grundstück an den Lazaristenoberen Pater Poulin. Im Ersten Weltkrieg wurde die Gegend zum militärischen Sperrgebiet erklärt und der verlassene Besitz 1917 von den türkischen Behörden konfisziert. Als die Lazaristen 1920 während des Griechisch-Türkischen Krieges nach Ephesos zurückkehrten, fanden sie das Gelände in einem verwilderten und demolierten Zustand vor. Ab 1926 konnte der religiöse Betrieb in beschränktem Umfang wieder aufgenommen werden, kam jedoch nach 1936 erneut zum Erliegen. Erst 1947 wurden die Besitzverhältnisse vom türkischen Staat endgültig anerkannt. Ab 1949 wurden die Wallfahrten wieder regelmäßig veranstaltet; nach 1950 baute die türkische Tourismusbehörde eine asphaltierte Zufahrtsstraße zu dem Heiligtum. Gleichzeitig wurde das Marienhaus selbst erneuert. 1952 wurde das Eigentum einer Gruppe von Miteigentümern unter Führung des katholischen Ortsbischofs übertragen. Seit 1955 gehört das Heiligtum einer privaten Vereinigung aus den USA (The American Society of Ephesus), die der amerikanische Telekommunikationsunternehmer George B. Quatman (1890–1964) aus Cincinnati, Ohio, kurz zuvor als Stiftung zum Zweck der Unterhaltung des Marienhauses und anderer ephesinischer Gedenkstätten errichtet hatte.Zum gesamten Abschnitt vgl. die Kurzdarstellung von Lorraine F. Fusaro: The Sister Marie de Mandat-Grancey Foundation, New York 2009, S. 6–13.Ausführlich: Carl G. Schulte: The Life of Sr. Marie de Mandat-Grancey and Mary’s House in Ephesus. TAN Books, Charlotte 2014. Die Wallfahrtsleitung ist seitdem mit den amerikanischen Kolumbusrittern verbunden.

Archäologie mini|Grundriss der auf den vorgefunde­nen Grundmauern restaurierten Anlage Panaghia-Capouli (1895).Die linke (nördliche) Seitenkapelle konnte wegen Gründungsschäden nicht aufgebaut werden. In der rechten Seitenkapelle soll sich entsprechend den seherischen Beschreibungen Emmericks die Schlafstatt Marias auf einer Holzpritsche (ganz rechts an der Wand eingezeichnet) befunden haben.

Das heutige Gebäude ist ein über den aufgefundenen Resten errichteter, weitgehend rekonstruierter Bau, der sich an den Beschreibungen Emmericks orientiert. Die letzten baulichen Eingriffe fanden 1951Vgl. Text der Infotafel vor dem Heiligtum, abfotografiert im Jahr 2008 (, abgerufen am 12. Juni 2016) bzw. 2013 (neues Schild mit gleichem Text, Commons-Bildquelle). zusammen mit den Umbauten der Gesamtanlage statt, mit denen die Wallfahrtsstätte ihre heutige Gestalt erhielt.Peter Bamm: Frühe Stätten der Christenheit. 143.–146. Tsd., Knaur Verlag, München 1979 (Erstauflage 1955), S. 101.

Nach Ansicht von Archäologen, die das Gelände in den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung begutachtet und zum Teil besichtigt haben, sollen die historischen Bestandteile des Bauwerks aus dem 5. bis 7. nachchristlichen Jahrhundert stammen;Joseph Euzet: Historique de la Maison de la Sainte Vierge pres d’Ephese. Istanbul 1961; in engl. Übers. neu hrsg. von Carl G. Schulte, in: ders.: The Life of Sr. Marie de Mandat-Grancey and Mary’s House in Ephesus. TAN Books, Charlotte 2014, S. 201–331. Auf S. 241–244 referiert Euzet die Einschätzungen mehrerer namhafter Archäologen und Byzantinisten, darunter Otto Benndorf (Wien), Marie-Joseph Lagrange (Paris) und Georgios Lambakis (1854–1914, Athen), die das Gebäude in der Zeit zwischen 1892 und 1907 begutachtet und – teils mehrfach – besichtigt haben. sie sind jedenfalls nicht vor der byzantinischen Epoche anzusetzen. Ältere Fundamente des Baus, die womöglich auch aus dem 1. Jahrhundert nach Jesu Geburt stammen könnten, sind grundsätzlich denkbar und werden von Befürwortern der Echtheit bis heute vorausgesetzt,So Rudolf Grulich: . Magazinbeitrag für Kirche in Not, 2012 (abgerufen am 17. November 2015).Dgl. Else Remy Thierry: Das Mysterium des Hauses der Heiligen Jungfrau in Ephesos. In: Theologisches 21 (1991), Nr. 8, Sp. M418. Dort behauptet sie entgegen besserem Wissen, mittlerweile sei „bewiesen, daß der Unterbau der Kapelle aus dem ersten Jahrhundert stammt“, und beruft sich dazu fälschlich auf die Untersuchungen von „Professor Prandi im Jahre 1966“. konnten aber auch bei der im Jahr 1961 durchgeführten Freilegung der Grundmauern nicht nachgewiesen werden. Die Körper in den westlich der Kirche aufgefundenen Tonplattengräbern waren mit dem Kopf in Richtung Kirche bestattet und hielten byzantinische Münzen aus dem 7. und 8. Jahrhundert in der Hand.