Erna Schlüter (* 5. Februar 1904 in Oldenburg; † 1. Dezember 1969 in Hamburg) war eine deutsche Opernsängerin (hochdramatischer Sopran).
Leben mini|Erna Schlüter als Vierjährige mit ihren Eltern mini|Erinnerungsplakette am Elternhaus in der Gaststraße 10 in Oldenburg Erna Anna Elisabeth Margarete Schlüter wurde ganz in der Nähe des historischen Oldenburger Theatergebäudes in der Gaststraße 28 geboren. Ihre Eltern waren der Friseur Heinrich Wilhelm Schlüter und seine Ehefrau Emma Schlüter geborene Barez. Eine Musikhochschule oder ein Konservatorium besuchte sie nie.Marlene Warmer: Die Heldin großer Opern: Die Oldenburger Opernsängerin Erna Schlüter. In: Kulturland, Heft 1/2012, S. 34–37, hier: S. 35 f. Ihre erste Gesangslehrerin war Cilla Tolli (* 1870), eine gefeierte Wagnersängerin, die 1918 eine Gesangschule in Oldenburg eröffnet hatte. Um ihre Entdeckung ranken sich Legenden, so wird erzählt, Tolli habe sie beim Fegen des Gehwegs singen hören und sei von ihrer Stimme so beeindruckt gewesen, dass sie das Mädchen ansprach. Mit ihrem dramatischen Sopran gehörte Erna Schlüter zu den bedeutenden Wagnersängerinnen des 20. Jahrhunderts. Neben der in Cloppenburg geborenen Fanny Moran-Olden und der in Varel aufgewachsenen Hildegard BehrensHildegard Behrens wurde 2004 zur Ehrenvorsitzenden der Erna-Schlüter-Gesellschaft ernannt. zählt Erna Schlüter zu den musikgeschichtlich bedeutendsten Operninterpretinnen, die aus dem Oldenburger Land stammen. Karriere bis 1945 Erna Schlüter debütierte 1922 zunächst als Altistin am Landestheater von Oldenburg. Nach ihrem Bühnendebüt als Dritte Dame in Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart bekam sie mit der Azucena in Verdis Oper Der Troubadour die erste Fachpartie. In der Spielzeit 1924/25 gestaltete sie in Oldenburg den Orpheus in Christoph Willibald Glucks Barockoper Orpheus und Eurydike.
1925 wechselte sie an das Nationaltheater Mannheim, wo sich ihre Stimme zum hochdramatischen Sopran entwickelte. Schlüter sang die Dalila in Samson und Dalila von Camille Saint-Saëns, die Santuzza in Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni und die Marschallin in Der Rosenkavalier von Richard Strauss. Zusätzlich sang sie mit der Ortrud in Lohengrin, der Erda und Fricka in Das Rheingold erste Rollen in den Bühnenwerken Richard Wagners. 1930 gab sie in Mannheim im Alter von 26 Jahren ihr Partiedebüt als Brünnhilde in Siegfried von Richard Wagner.
Zwischen 1930 und 1940 gehörte Schlüter zum Ensemble der Städtischen Bühnen Düsseldorf unter Walter Bruno Iltz. Sie debütierte als Ortrud. Im italienischen Fach sang sie in Düsseldorf Elena in Die sizilianische Vesper von Giuseppe Verdi, Tosca in Tosca von Giacomo Puccini, Leonora in Der Troubadour von Giuseppe Verdi sowie Donna Anna in Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart. 1933 wirkte sie in der Uraufführung der Oper Der Rossknecht von Winfried Zillig mit. Hinzu kam 1934 die Isolde in Richard Wagners Musikdrama Tristan und Isolde. In einer von Richard Strauss persönlich dirigierten Aufführung seiner Oper Ariadne auf Naxos sang Schlüter 1934 die Titelpartie.
Wilhelm Furtwängler lud Schlüter 1936 zu einem Konzert mit dem Berliner Philharmonischen Orchester ein. 1936 gastierte sie an der Frankfurter Oper und sang dort alle drei Brünnhilden in Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen, die sie 1939 auch bei Freiluftaufführungen an der bei Danzig gelegenen Zoppoter Waldoper interpretierte. Im März 1937 sang sie im Stadttheater Stettin viermal die Partie der Agnes in der Oper Der arme Heinrich von Hans Pfitzner an der Seite des Dessauer Heldentenors Horst Wolf in der Titelpartie, mit dem sie 1939 in Mannheim auch als Isolde und 1940 als Kundry in Parsifal in Düsseldorf zusammengearbeitet hat.Ernst A. Chemnitz: Die Wolfserzählung. Lebenserinnerungen des Dessauer Heldentenors Dr. Horst Wolf. Kamprad, Altenburg 2020, ISBN 978-3-95755-657-8, S. 202 u. 221. Zu den ersten internationalen Gastspielen gehörte ihr Auftreten als Brünnhilde im Zyklus Der Ring des Nibelungen im Gran Teatre del Liceu in Barcelona bereits ab der Spielzeit 1935/36 (wenige Monate vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs), der nach dem Sieg der Nationalisten 1939 bis 1941 fortgesetzt wurde. Schlüters Auftritte in Barcelona, wo sie auch die Wagner-Partien der Isolde und der Ortrud und die Marschallin aus der Strauss-Oper Der Rosenkavalier sang, kulminierten in Galavorstellungen für Francisco Franco 1942 und zum Gedenken an die Toten der Blauen Division 1943.Erna Schlüter in den Annalen des Gran Teatre del Liceu, abgerufen im Februar 2026.
An Hitlers Geburtstag, dem 20. April 1938, wurde Schlüter in Düsseldorf von Joseph Goebbels benachrichtigt, dass Hitler sie zur Kammersängerin ernannt hatte.Marlene Warmer: Die Heldin großer Opern: Die Oldenburger Opernsängerin Erna Schlüter. In: Kulturland, Heft 1/2012, S. 34–37, hier: S. 36. In Stuttgart entstand im selben Jahr ihre erste erhalten gebliebene Rundfunkaufnahme. Schlüter sang die Brünnhilde aus der Walküre an der Seite des renommierten Kammersängers Rudolf Bockelmann als Wotan.
1940 nahm sie ein festes Engagement am Opernhaus in Hamburg an, wo sie bis zum Ende ihrer Sängerinnenlaufbahn 1956 blieb. Sie fügte dort zu Beginn der 1940er Jahre ihrem Repertoire die Leonore in Ludwig van Beethovens Oper Fidelio hinzu. 1941 trat sie beim Maggio Musicale Florenz als Isolde in Tristan und Isolde auf, ebenso mit dieser Partie 1942 an der Mailänder Scala. 1943 wirkte sie in Wien in Verdis Requiem mit, es spielten die Wiener Philharmoniker unter Hans Knappertsbusch.
Schlüter trat während des Zweiten Weltkriegs neben Spanien und Italien auch in anderen mit Nazideutschland verbündeten Ländern wie Bulgarien und Rumänien auf. 1939 und 1942 sang sie im besetzten Polen und 1940 in den besetzten Niederlanden. Sie stand 1944 auf der Gottbegnadeten-Liste des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.Schlüter, Erna. In: Theodor Kellenter: Die Gottbegnadeten : Hitlers Liste unersetzbarer Künstler. Kiel: Arndt, 2020, ISBN 978-3-88741-290-6, S. 261 Aufgrund ihrer Karriere während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland wird inzwischen in Frage gestellt, ob sie weiterhin öffentlich geehrt werden soll.
Nach 1945 Für die Spielzeit 1946/1947 sollte Schlüter an die Metropolitan Opera New York engagiert werden, was sich zu einem persönlichen Desaster für die Sängerin auswuchs. Verpflichtet worden war sie für zwei Aufführungs-Serien als Isolde und als Marschallin. Nach jeweils nur einer Aufführung von Tristan und Isolde (mit Max Lorenz als Bühnenpartner) und Der Rosenkavalier kam der Vertrag über weitere Auftritte jedoch nicht mehr zustande. Bedingt durch eine Erkältung, die sie sich auf der Flugreise mit einer Militärmaschine zugezogen hatte, hatte Schlüter besonders die Isolde nur mit Schwierigkeiten singen können und schlechte Kritiken erhalten. Anschließend meldeten sich die Verantwortlichen der Met nicht mehr bei ihr, obwohl sie in ihrem Hotel auf die Vertragsunterzeichnung wartete und fünf Monate in den USA blieb. Die Rollen wurden mit anderen Sängerinnen besetzt. Die in den Vereinigten Staaten kurz nach dem Kriegsende beim Publikum und in der amerikanischen Presse überwiegende Ablehnung gegenüber dem Engagement einer Deutschen dürfte für die Episode eine Rolle gespielt haben.
1947 verpflichtete Furtwängler Schlüter als Isolde an die Berliner Staatsoper. Unter seiner Leitung wirkte sie 1948 auch bei den Salzburger Festspielen als Leonore in Aufführungen von Ludwig van Beethovens Oper Fidelio mit, wo sie ebenfalls nur mäßigen Anklang fand.
Noch im selben Jahr folgte ein Gastspiel Schlüters in London in der Titelrolle des Einakters Elektra von Richard Strauss. Hier konnte sie unter der musikalischen Leitung von Sir Thomas Beecham und in Anwesenheit des 83-jährigen Richard Strauss einen der größten Triumphe ihrer Karriere feiern. Richard Strauss dankte ihr persönlich und sah in ihr die Erfüllung seiner Elektra. 1953 kehrte sie aus Anlass der Krönungsfeierlichkeiten von Elisabeth II. nochmals als Elektra nach London zurück, als eine von zwei eigens dazu eingeladenen Opernsängerinnen neben Maria Callas.
In Hamburg sang Schlüter ebenfalls 1947 die Lehrerin Ellen Orford in der deutschen Erstaufführung der Oper Peter Grimes von Benjamin Britten. Der Hessische Rundfunk nahm sie unter Vertrag und Schlüter reiste nach Frankfurt, um dort an kompletten Einspielungen der Wagner-Opern Die Walküre als Brünnhilde und Rienzi als Adriano sowie von Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss als Färberin mitzuwirken. Allerdings begannen ihre Fähigkeiten zu schwinden und in ihrem Hamburger Stammhaus wurde die Sängerin von Günther Rennert, dem damaligen Intendanten der Staatsoper, nur noch wenig eingesetzt. Schlüter war dort nach 1950 nur noch als Elektra und Marschallin zu hören. Sie bereitete sich 1953/54 an der Hamburger Staatsoper in der Rolle der Küsterin aus der Oper Jenufa von Leoš Janáček auf einen Fachwechsel vor, doch eine fortschreitende Krankheit zwang sie zum Abbruch dieser Bemühungen. 1956 musste sie deswegen ihren Bühnenabschied nehmen. Anschließend lebte sie vom Erteilen von Gesangsunterricht; zu ihren Schülerinnen gehörte Ilse Gramatzki.Gramatzki, Ilse. In: Großes Sängerlexikon. 4., erweiterte und aktualisierte Auflage, Band 3, S. 1805. Sie starb Ende 1969 im Eppendorfer Krankenhaus in Hamburg 65-jährig an einer schweren Krankheit.Deutsches Bühnen-Jahrbuch, Band 78 (1970), S. 119. Erna Schlüter war nie verheiratet.
Nachleben und Bewertung mini|Grab Erna Schlüter (1904–1969), neu gestalteter Stein, auf dem Gertrudenfriedhof Oldenburg Der Nachruf in der Zeitung Die Welt beschrieb Schlüters Stimme so: „Ihr Sopran, der zwischen strahlender Kraftentfaltung und einem leuchtenden Pianissimo über reiche Differenzierungsfähigkeit verfügte, hatte eigenen Glanz. Ihr Spiel war beseelt von der Kraft zu idealistischem Aufschwung, die sich mit warmer Empfindung mischte.“Die Welt, 3. Dezember 1969.
Erna Schlüter wurde auf dem Gertrudenfriedhof in Oldenburg beigesetzt. Ihr Grab wurde aus Anlass ihres 100. Geburtstags mit einem neuen Stein und einer Bronzeplakette versehen, den die Bildhauerin Rita Westermann gestaltete, ebenso wie eine weitere Bronzeplakette, die an ihrem Geburtshaus an die Sängerin erinnert.
Im Januar 2005 gründete eine private Initiative in Oldenburg die Erna-Schlüter-Gesellschaft Oldenburg, die sie als „Die Heldin großer Opern“ feierte und ihre lebenslange Verbundenheit mit Oldenburg herausstellte,Die Erna-Schlüter-Gesellschaft. Selbstdarstellung der Erna-Schlüter-Gesellschaft, abgerufen im Februar 2026. ohne ihre Verbundenheit mit dem NS-Regime zu thematisieren. Die Gesellschaft verleiht einen Gesangspreis für junge Sänger. Erste Preisträger waren 2005 die Sopranistin Anja Metzger und der Tenor Daniel Behle. Im Juni 2007 erhielt die Mezzosopranistin Katerina Hebelkova den Erna-Schlüter-Preis. Im Mai 2010 folgten die Sopranistin Mareke Freudenberg und der Bassbariton Derrick Ballard, 2013 die Mezzosopranistin Geneviève King, 2015 die israelische Mezzosopranistin Hagar Sharvit.