mini|Marienkirche Die Marienkirche ist eine evangelische Kirche in der Dortmunder Innenstadt aus dem 12. Jahrhundert. Sie liegt südlich der Reinoldikirche am Ostenhellweg.

Die Marienkirche beherbergt als Gerichts- und Ratskirche der ehemaligen Freien Reichsstadt bedeutende mittelalterliche Kunstschätze, darunter den Marienaltar von Conrad von Soest und den Berswordtaltar. Sie vereinigt romanische und gotische Bauelemente.

Geschichte

Entstehung in der Stauferzeit mini|Kirchturm der Marienkirche und der Reinoldikirche mini|Deckengewölbe gotischer Chor mit Triumphkreuz mini|Südseite, Chor rechts (gotisch) und romanische Bögen links

Historiker vermuten, dass die Besuche der Kaiser Friedrich I. Barbarossa und seines Nachfolgers und Sohnes Heinrich VI. in der Kaiserpfalz Dortmund zum Bau der Marienkirche führten. Friedrich I. Barbarossa (1152–1190) besuchte Dortmund nachweislich zweimal. Vermutlich hat er anlässlich eines Besuchs 1152 der Stadt den offiziellen Namen Tremonia gegeben.Norbert Reimann: Das Werden der Stadt. In: Gustav Luntovski, Günther Högl, Thomas Schilp, Norbert Reimann: Geschichte der Stadt Dortmund, S. 45ff. Auch unter seinem Sohn Heinrich VI. (König von 1169 bis 1197) entwickelte sich die Bedeutung der Königspfalz und der Reichsgüter in Dortmund.

Über die Gründung der Kirche ist wenig bekannt. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie nach der Reinoldikirche im 12. Jahrhundert erbaut wurde und dass es möglicherweise einen Vorgängerbau gab. 1267 wird die Kirche zum ersten Mal urkundlich erwähnt.Dortmunder Urkundenbuch (1), 1881, S. 60, Nr. 124; zitiert nach Wolfgang Rinke: Dortmunder Kirchen des Mittelalters, S. 98. In den ersten urkundlichen Erwähnungen und in den Chroniken wird der Bau bis ins 14. Jahrhundert als Capella Regis bezeichnet, was den besonderen Bezug zur Königspfalz herausstellt.vgl. Klaus Lange: Capella Regis. Zum Bauprogramm der Dortmunder Marienkirche.

Nach Luise von Winterfeld ist das älteste literarische Zeugnis für die Dortmunder Marienkirche ein am Anfang des 13. Jahrhunderts entstandenes altfranzösisches Gedicht von den vier Haimonskindern.

Der historische Baukörper der Kirche wurde im 12. Jahrhundert als spätromanische, dreischiffige Pfeilerbasilika mit einem Zwillingsturmpaar im Westen errichtet. Die Bauhütte der Marienkirche soll aus dem Rheinland stammen und nach der Marienkirche St. Ludgeri in Münster errichtet haben.Hermann Kessemeier: Ein Beitrag zur Baugeschichte und ein Bericht über den Wiederaufbau der Marienkirche. In: Konrad Lorenz: Die Ev. St. Marienkirche zu Dortmund. Ev. St. Mariengemeinde, Dortmund 1981, S. 54–66, hier S. 54. Das architektonische Konzept der Kirche als Basilika ohne Querschiff und mit dem Turmpaar findet in Westfalen keine Parallele. Vergleichbare Baukonzepte finden sich bei den kaiserlichen Kirchenstiftungen in Goslar und bei den Kaiserdomen in Speyer und Königslutter. Norbert Reimann kommt aufgrund dieser Indizien zu dem Schluss,

Im 13. Jahrhundert übernahm der Rat der Stadt weitgehend die Rechte des Königs. So wurde die Marienkirche zur Ratskirche. Die Mitglieder des Rates rekrutierten sich zunächst vor allem aus der königlichen „familia“, das heißt den führenden Familien der Reichsgutverwaltung. Erst im Laufe der Stadtgeschichte etablierten sich besonders erfolgreiche Bürgerfamilien im Rat der Stadt.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden die drei halbrunden romanischen Apsiden durch einen größeren gotischen Chorbau ersetzt. Auch andere Teile der Kirche wurden im gotischen Stil umgestaltet, etwa das nördliche Seitenschiff. Im südlichen Seitenschiff kann man auch heute noch romanische Stilelemente erkennen. Links und rechts vom Chor ließen städtische Kaufleute zwei kleine Sonderkapellen erbauen. Die südliche lag im heutigen Eingangsbereich der Sakristei und wurde nach ihrem Stifter Berswordtkapelle genannt.

Zu den beiden Kapellen wurden in der Kirche Familienaltäre erbaut. Der bekannteste Altar ist der bis heute erhaltene Marienaltar von Conrad von Soest aus dem Jahr 1420.

Niedergang und Restaurierung mini|Postkartenansicht der Marienkirche um 1870 mini|Ansicht von Nordwesten um 1860

Die Reformation fand in Dortmund starke Unterstützung, führte die Stadt aber auch in Konflikte. Vor allem der Einfluss Brandenburg-Preußens verschaffte den reformatorischen Bestrebungen Rückhalt. In einem langen Prozess setzte sich die Reformation bis 1648 in Dortmund durch. Mit dem Dreißigjährigen Krieg begann aber auch der Niedergang der Reichsstadt Dortmund.

Dortmund bemühte sich als protestantische Reichsstadt des katholischen Kaisers lange um Neutralität. 1632 wurde Dortmund dennoch zunächst von katholischer, 1633 von evangelischer und ab 1636 von kaiserlicher Seite erobert und besetzt. Bis nach Friedensschluss blieben die kaiserlichen Truppen in der Stadt. Am Ende des Krieges lebte nur noch ein Drittel der Bürger in der Stadt, zahlreiche Häuser waren zerstört und die Stadt hoch verschuldet.

Bei dem Einsturz des Reinoldikirchturms wurde auch die naheliegende Marienkirche teilweise zerstört. Eine Wiederherstellung war aufgrund fehlender Finanzmittel zunächst nicht möglich. Die Kirche galt als Bauruine und wurde zeitweise für die Öffentlichkeit gesperrt. 1805 musste der nördliche Turm abgetragen werden. Seit 1819 strebte die Stadt die Vereinigung der Gemeinde mit der Reinoldikirche an. 1828 musste die Kirche wegen Baufälligkeit geschlossen werden, 1832 drohte auch der südliche Turm einzustürzen. Die Ruine der Kirche sollte abgerissen und als Steinbruch freigegeben werden.

mini|Karl Friedrich Schinkel 1836, Kreide-Zeichnung von Franz Krüger

Erst nach der öffentlichen Ausschreibung der Kirche als Steinbruch regte sich erster Protest. Den Ausschlag gab das Engagement des preußischen Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. nach einem Besuch in Dortmund 1833. Im Dezember 1833 besichtigte der Direktor der Königlichen Gemäldegalerie zu Berlin die Kirche und befürwortete ihren Erhalt. Er informierte Karl Friedrich Schinkel über die Situation. Dennoch erteilte das Ministerium der geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten am 17. Februar 1834 die Abbruchgenehmigung. Auf Initiative Schinkels und des Kronprinzen wurde diese Genehmigung jedoch zunächst zurückgehalten.

Nach einer erneuten Untersuchung formulierte Oberbaudirektor Schinkel ein Gutachten, das sich für den Erhalt der Kirche aussprach.

Das Gutachten erwähnt weiterhin, dass die Mehrheit der Gemeindemitglieder Baugrund und Baumaterial für eine Schule habe nutzen wollen, und schlägt vor, das Kirchengebäude eventuell in diesem Sinne umzubauen. Aufgrund einer Verbesserung der Finanzlage und weiterer Gutachten entschloss sich die Gemeinde schließlich doch zur Wiederherstellung der Kirche als Gotteshaus. Im März 1839 beschloss die Gemeinde in einer von den Behörden einberufenen Versammlung die Trennung von der Reinoldi-Gemeinde.

mini|Innenraum der Marienkirche, Aufnahme Ludorff 1894

Die Kirche wurde zunächst notdürftig wiederhergestellt. Im Juni 1837 wurden die Reparaturkosten auf 3786 Taler festgesetzt.Luise von Winterfeld: Die Marienkirche im Wandel der Zeiten. In: Konrad Lorenz: Die Ev. St. Marienkirche zu Dortmund. Ev. St. Mariengemeinde, Dortmund 1981, S. 32–47, hier S. 42. Nach umfangreichen Wiederaufbauarbeiten unter Leitung von Bauinspektor Buchholz wurde im Mai 1839 der erste Gottesdienst nach der Wiederherstellung gefeiert. Den ersten Gottesdienst in der wiederhergestellten Kirche hielt Pfarrer Nonne aus Schwelm, der Dichter des Freiheitsliedes „Flamme empor“. Die ausgelagerten Kunstwerke wurden zurückgebracht und zum Teil an anderer Stelle wieder aufgestellt.

Am 26. Dezember 1839 stürzte beim Läuten der Kirchenglocken ein Teil des Turmes, ohne Schaden anzurichten, ein. Der Kirchturm wurde für 5.500 Reichstaler erneuert. 1843 erneuerte man die Turmspitze, 1859 folgten einige Fenster, darunter das große Westfenster und drei Chorfenster.

Die Restaurierung der alten Orgel erfolgte 1856, und 1859 wurden schließlich drei neue Glocken gegossen. Trotz dieser baulichen Investitionen war die Bausubstanz der Kirche noch immer mangelhaft. Die Gemeinde St. Marien überlegte, die Kirche umfassend zu restaurieren oder an gleicher Stelle einen Neubau zu errichten. In einem Gutachten empfahl der westfälische Kunsthistoriker Wilhelm Lübke, die Kirche „unter Berücksichtigung der vorhandenen stilistischen Differenzen des alten Baues und den lebendigen Bedürfnissen des kirchlichen Lebens der Gegenwart“ abzureißen und einen Neubau zu errichten.

Die Mariengemeinde folgte diesem Gutachten nicht, sondern beauftragte den Dortmunder Baurat Genzmer als Architekten mit einer umfassenden Restaurierung. 1881 und im Jahr darauf wurden 150.000 Mark investiert. Die im Langschiff als Stützen dienenden Querbalken wurden entfernt. Ebenso wurden Vorsprünge und Vermauerungen an den Pfeilern beseitigt. Es wurden neue Fenster eingebrochen und das Kircheninnere mit neuer Malerei versehen. Das bereits 1274 erwähnte Portal Porticus S. Marie unter dem Westfenster wurde bei dieser Restaurierung zugemauert. Am 2. Juli 1882 wurde die Kirche mit einem Dank- und Festgottesdienst wieder eröffnet.Luise von Winterfeld: Die Marienkirche im Wandel der Zeiten. In: Konrad Lorenz: Die Ev. St. Marienkirche zu Dortmund. Ev. St. Mariengemeinde, Dortmund 1981, S. 32–47, hier S. 44.

1908 investierte die Mariengemeinde erneut in das Gebäude. Neben neuer malerischer Gestaltung des Kircheninneren wurde zusätzlich zur Wandorgel eine größere Orgel vor dem Westfenster eingebaut. Bei dieser Gelegenheit wurden hinter dem Chorgestühl gotische Wandmalereien entdeckt.

Das Gemeindeleben im Nationalsozialismus Mit der nationalsozialistischen Gleichschaltung gerieten auch die Kirchen zunehmend unter Druck. Die evangelische Kirche organisierte sich im Juli 1933 in der Deutschen Evangelischen Kirche. Reichsbischof wurde Ludwig Müller. Starken Einfluss gewannen die nationalsozialistischen Deutschen Christen. Eine Gegenbewegung entwickelte sich 1934 mit der Bekennenden Kirche.

Das Presbyterium der Marienkirche unterstützte diese Gegenbewegung früh und geriet damit zunehmend unter Druck. 1936 wurde von der Kanzel gegen die Verbrechen der Konzentrationslager unter Nennung der Namen gepredigt, für Beamte galt es als gefährlich, an den Gottesdiensten der Marienkirche teilzunehmen.Fritz Heuner: Der Anteil der Mariengemeinde am Kampf der Bekennenden Kirche. In: Konrad Lorenz: Die Ev. St. Marienkirche zu Dortmund. Ev. St. Mariengemeinde, Dortmund 1981, S. 48–53, hier S. 48. Nach der Verhaftung von Martin Niemöller wurde ein Protesttelegramm an die Regierung geschickt. Die Altarkerzen wurden während der Haft Niemöllers symbolisch nicht angezündet, täglich wurde um 15 Uhr eine Trauerglocke geläutet.Fritz Heuner: Der Anteil der Mariengemeinde am Kampf der Bekennenden Kirche. In: Konrad Lorenz: Die Ev. St. Marienkirche zu Dortmund. Ev. St. Mariengemeinde, Dortmund 1981, S. 48–53, hier S. 50. Aufgrund der oppositionellen Haltung wurden Pfarrer und Kirchenpersonal wiederholt in Haft genommen.

Am 19. April 1938 wurde die Pfarrstelle St. Marien vom Konsistorium in Münster ausgeschrieben. Bei der Wahl des Nachfolgers für den pensionierten Pfarrer Haberkamp (1872–1951) wurde am 23. April gegen den heftigen Druck der Nationalsozialisten mit Hans Joachim Iwand ein Vertreter der Bekennenden Kirche als Nachfolger gewählt.Aufgrund des Mutes zu dieser Entscheidung hier die Namen der Presbyter: Vorsitzender: Fritz Heuner; Presbyter: Rudolf Feuerbaum (Kaufmann), Walter Wäger (Kaufmann), Hermann Kessemeier (Architekt), Hermann Fiene (Schreinermeister), Wilhelm Keune (Generalvertreter), Max Grund (Oberingenieur), Otto Heuner sen. (Bankdirektor); Liste in: Jürgen Seim: Hans Joachim Iwand, Eine Biographie, S. 223–224.