mini|Belagerung von Schloss Hohentübingen 1647 mini|Schloss Hohentübingen mini|Schänzle mini|Schlossportal
Die Belagerung von Schloss Hohentübingen war ein bewaffneter Konflikt in der letzten Phase des Dreißigjährigen Kriegs im Jahr 1647. Das evangelisch-lutherische Württemberg wurde zwischen 1635 und 1648 vom Krieg überzogen. Im Verlauf dieses Kriegsabschnittes kämpften die Heere der schwedischen und französischen Königshäuser gegen Truppen des deutschen Kaisers und der Reichsstände.
Im Jahr 1647 hielten bayerische Söldner die Schlossburg Hohentübingen besetzt, während sich eine französische Armee auf dem Vormarsch befand.
Chronologie Die folgende Chronologie gibt eine detaillierte Übersicht über die Geschehnisse zwischen dem 4. Januar und dem 8. März 1647.
Montag, 14. Januar 1647 Die französische Armee unter Turenne rückt von Trochtelfingen kommend auf Tübingen vor.Der Marschall „des Königs in Deutschland“ kam aus seinem Hauptquartier in Saulgau („Saulgen“); die franz. Zeitung schreibt: „(…), Marschall von Turenne, war am 9./19. Febr. (…) aufgebrochen, überschritt die Donau bei Reithlingen (Riedlingen), sodann die Alp (les Alpes) (…)“
Bei Derendingen verhalten 800 ReiterDie franz. Zeitung schreibt von „(…) 1200 Pferden und (…) 200 von Philipsburg kommenden Musketieren des Regimentes Turenne (…)“ und schicken 50 Mann auf dem Fahrweg entlang der Steinlach voraus. Diese Vorhut der FranzosenDie im Folgenden als „Franzosen“ oder „Bayern“ bezeichneten Söldner waren Kriegsknechte unterschiedlichster Herkunft, welche in diesem Fall entweder dem König von Frankreich oder dem Kurfürsten zu Bayern dienten versucht es im Folgenden mit einer Kriegslist: Während ihr Haupttrupp unter den Linden am Schützenhaus wartet, ziehen sechs Reiter weiter zum Tübinger Neckartor, wobei zwei von ihnen waffenlos und „halben ausgezogen“ auf abgehalfterten Pferden vor den SchlagbaumWohl an der Neckarbrücke (1482/85–1489) gelegen geführt werden. Von der Stadtwache nach Herkunft und Begehr gefragt, geben sie an, sie seien Soldaten des kaiserlichen Obristen Sporck und brächten diese beiden unterwegs aufgegriffenen Franzosen auf den Hohentübingen, wo man um Einquartierung bitte.
Zunächst glaubt die Wache diesen Angaben, öffnet die Schranke und lässt die Reiter näher an das Stadttor gelangen, dann aber schöpft man Verdacht„(…) alß aber dießer sein Unverstand Ihme durch einen wizigeren, verwißen worden (…)“ (Relation) und macht Meldung beim Kommandanten der bayerischen Schlossbesatzung, Wolf Ulrich von Pürck, welcher sich zu dieser Zeit schon auf dem Weg zum Tor befindet. Die französischen Reiter kehren „in großem Gelächter“ um, und die gesamte Vorhut zerstreut sich rasch, als vom Hohentübingen aus mit einer Feldschlange auf sie geschossen wird. Noch zwei weitere Male nimmt man die Franzosen „aus einem Eißenen Stuckh“ unter Beschuss, ohne ihnen allerdings Verluste zuzufügen. Turenne selbst macht sich indessen „einen starckhen DoppelhackhenHakenbüchse von doppeltem Kaliber Schuß gegen Tübinger Schloß über“ ein Bild von der Befestigung.Die franz. Zeitung schreibt, dass die Lage des Hohentübingen „(…) sehr günstig ist. (Diese Festung) liegt nämlich auf einem Berge, der nach allen Seiten steil abfällt, außer gegen Süden, wo sie einen großen, breiten Graben hat, der durch einen sehr guten Halbmond und eine mit Schanzpfählen versehene Böschung gedeckt ist. Außerdem flankieren vier gewaltige Türme das rechtwinkelige Hauptgebäude des Schlosses, und vier andere kleinere Türme (in Wirklichkeit nur einer nebst zwei Basteien) an dem Fuße der größeren, die den Abhang des Berges bestreichen, vertreten die Stelle des Unterwalls (?) (faussesbrayes). Das Thor ist durch eine Art von Halbmond (ravelin) gedeckt und darüber beherrscht eine wohlverkleidete und erhöhte Bastei das ganze Gelände und schützt das Schloß nach der Seite der Stadt, die zu seinen Füßen liegt; (…)“ Er fordert durch einen Trompeter als Unterhändler, welcher von den Bayern „(nach) militarischem Ritu“ empfangen wird, die Besatzung zur Übergabe auf. Die Antwort des Schlossherren lautet: Man würde Hohentübingen „herzlich gern“ an die Franzosen übergeben („cediren“), wäre aber ohne Wissen, „Will und Meynung“ des Kurfürsten zu Bayern dazu nicht befugt, daher wolle man „alßobalden“ einen Kurier um Weisung abschicken und bis zu dessen Rückkehr dem kurfürstlichen Befehl zum Ausharren „strictissime“ nachkommen.
Kommandant Pürck verbirgt erfolgreich, dass sich zu dieser Zeit auf dem Schloss nur 26 Kriegsknechte befinden, weil der größte Teil der Besatzung, darunter 60 Musketiere, „an andere Orth“ ausgeschickt wurde.Evtl. aufgrund der schlechten Versorgungslage in der Stadt Anstatt also die Festung gegen Verstärkungen abzuriegeln, zieht sich Turenne auf Reutlingen und Pfullingen zurück, „alda in dem Nacht Quartier zuverbleiben“. Etwa eine Stunde nach ihrem Abzug wird den Franzosen eine Abordnung („Commission“) von Stadt und Universität Tübingen nachgesandt. „Joh. Martin Rauscher, Hugo Maurique Ein Mömpelgartischer Studiosus, (…), Und Herr Matheus Krämer Burgermeister“ gelangen in Begleitung besagten französischen Trompeters bis nach Pfullingen und überbringen Turenne folgende Nachricht („Postillion“): Tübingen habe sich gegenüber den Franzosen nie feindlich gezeigt, wolle dies auch in Zukunft nicht tun und man bitte daher, Stadt und Universität „in allen nach mügligkeit gndgst zuverschonen“.
Dienstag, 16. Januar 1647 Die Abgeordneten aus Tübingen kehren um vier Uhr nachmittags mit dem begehrten Schutzbrief („Salva Quardi“) zurück, welcher sich allerdings nur auf die Universität bezieht.
In den darauffolgenden Wochen sind kaum französische Patrouillen anzutreffen; hernach verbreitet sich in der Stadt schon das Gerede, Turennes Aufforderung zur Übergabe nicht mehr als ein bloßer Versuch („tentement“) gewesen sei.
Mittwoch, 10. Februar 1647 mini|Ordonnanzfahne des königlich französischen Infanterie-Regiments „d’Hoquincourt“.
Gegen zehn Uhr vormittags erscheinen französische Reiter auf den Anhöhen um die Stadt.
An die 200 Mann streifen über den Galgenberg das Burgholz zur Lustnauer Neckarbrücke hinunter und auf der anderen Seite „in die Weinberg im Fehrenberg“, bevor sie nach eineinhalb Stunden wieder abrücken. Erneut schickt man aus Tübingen eine Abordnung unter die weichenden Franzosen und erfährt dabei, dass am nächsten Tag sieben Regimenter „zu Pferdt und Fueß“ unter Lieutenant général d’Hoquincourt („d’occencourt“) vor der Stadt aufmarschieren würden.Die franz. Zeitung schreibt: „Denn diese Belagerung war ihm durch den Marschall von Turenne anvertraut, der die ganze Zeit über genötigt war, mit dem Rest der Armee in der Nähe von Ulm zu verbleiben, um den Feind in Schach zu halten.“ Der auf seinem Hof in Tübingen weilende Prälat von Bebenhausen schickt noch am gleichen Nachmittag einen Ochsen und ein Kalb „zur VerEhrung“ an die Regimentsoffiziere und erlangt dadurch Sonderschonung („Special Salva Quardi“) der geistlichen Güter und ihrer Besitzer.
Während der Nacht bleibt es weitgehend ruhig; die Franzosen, die in den „Anliegenden Dorffschaften“ wie Dußlingen und Nehren lagern, lassen nur wenige Wachfeuer sehen.
Donnerstag, 11./21. Februar 1647 Am frühen Morgen, gleich nach dem Aufbruch der Franzosen, kommt es „Wegen Unausgelöschter Wachtfeürer“ zu einem Brand in Nehren, der von „aus Tübingen geloffenen“ BauernDie Bewohner umliegender Dörfer befanden sich als Flüchtlinge in der Stadt jedoch gelöscht werden kann. Nach acht Uhr befinden sich Lieutenant général Hoquincourt, Generalmajor du Tod und die Obristen Klug,In der Relation wird dieser französische Obrist mit dem Namen „Flueg“ bezeichnet; es wird sich hierbei um einen Schreib- oder Übersetzungsfehler handeln, denn Göz schreibt in einer Anmerkung zu Schweigkels Bericht: „Thomas Klug, Oberst eines weimarischen Regiments, der auch die Artillerie befehligte. Er war die treibende Kraft während der ganzen Belagerung.“ (S. 39, Anm. 6) Schütz, Rauhaupt und R'cancourt mit vier Regimentern zu Pferd und vier weiteren zu FußIn der zweiten Hälfte des Krieges stieg die Anzahl von Truppenteilen zu Pferd deutlich an, einerseits, weil die Kavallerie raschere Manöver ausführen konnte, andererseits, weil Berittene auf der Suche nach Versorgungsgütern (= „furage“) größere Gebiete abzudecken vermochten „(darunter doch das Schmidtbergische, und Buwinghaußische, deren Herrn Obriste für dißmalen nicht zugegen gewesen;)“Die franz. Zeitung schreibt von „(…) den Regimentern der Krone, de Nettancourt, Schmidberg, Bowinghausen und Rankampf (?) (…)“ sowie Turenne auf ihrem Weg das Steinlachtal hinab. An Geschützen führen die Franzosen vier KartaunenSchweigkel spricht von vier Halbkartaunen (= Positionsgeschütze für 24-pfündige Kugeln), die „Relation“ dagegen von je zwei Halb- und zwei Viertelkartaunen (= Feldgeschütze für 12-pfündige Kugeln) mit sich, weiterhin ihre Munitions- und Trosswagen in der „Bagage“. Die Truppen („Völckher“) bewegen sich an Tübingen vorbei in Richtung von Lustnau, Pfrondorf und dem Bebenhäuser Tal. Zuvor erkundigt („exmaniniert“) ein Unterhändler nochmals eine mögliche kampflose Übergabe von Schloss und Stadt, wird aber von ihrer Verteidigungsbereitschaft überzeugt („Resolvirt“). Im Weiterziehen der Franzosen gelingt es dann einem bayerischen Offizier, zwei zurückbleibende Trossweiber „deeren Einer der Gurt zerbrochen“ mit ihren Kindern gefangen zu nehmen und drei Pferde zu erbeuten. Die Frauen werden ausgezogen („spoliert“) und mit den Kindern zurückgeschickt.
Derweil sperren Hoquincourts Söldner alle Zufahrtswege hinter sich mit „fassinen“Wall aus einem mit Reisigbündeln bestückten Holzzaun, frontseitig mit Graben und Erdwerk und rückseitig mit erhöhter Brustwehr versehen und flechten SchanzkörbeÜberdimensionaler Korb ohne Boden, der mit Erde gefüllt wird (siehe auch „Jugendheim Gersbach“) für den Stellungsbau.
Nachmittags gegen drei Uhr schwärmen die ersten Feinde unmittelbar vor den Tübinger Mauern, „in den fürstl. tummel und die anligende Gärtten“,Heutiger Alter Botanischer Garten woraufhin Kommandant Pürck das „Lustnauer, Schmidt und Haagthor“ mit seinen Musketieren besetzt. Der Versuch der Bayern, den Feind mit Gewehrfeuer zurückzutreiben, schlägt fehl und „erbittert Hr. General Lieutenant nur über die Statt“. Aus diesem Grund begeben sich der Fürstlich Württembergische Obervogt von Tübingen, „Herr von Croneckh“, und andere Repräsentanten von Stadtrat und Universität auf das Schloss. Sie versichern Pürck, die Franzosen seien schon dabei, ihre Geschütze aufzufahren, um „die Stattmauern zu brechen und die Stürmende hand walten zu laßen“.Fiel im Zeitalter der Söldnerheere ein befestigter Ort im Sturm, erhielten die siegreichen Truppen oft ein (zeitweises) Recht auf Plünderung; Brutalität und Zerstörungswut der Eroberer nahmen dabei immer wieder erschreckende Ausmaße an, z. B. bei der „Sacco di Roma“ (1527) oder der „Magdeburger Hochzeit“ (1631) Die Vertreter der Zivilbevölkerung weisen den „Commendanten“ darauf hin, dass die Stadt unmöglich zu verteidigen („defendirn“) sei. Sie bitten Pürck, ihnen die Schlüssel zu den Stadttoren auszuhändigen,„(…), deßwegen er doch die Thor Schlüßel ausfolgen, (…), laßen wollte, (…).“ (Relation) seine Männer auf die Festung zurückzuziehen („salviren“) und die ZugbrückeAm äußeren Schlossportal (1604/06–1607) befindlich einzuholen.
Pürck gibt beiDie franz. Zeitung schreibt „(…) was die Garnison (…) abhält, auf der Verteidigung der Stadt zu bestehen (…)“ sei, dass „(…) man sie nicht lange behaupten kann, solange andere das Schloß innehaben.“ und nachdem sich die Bayern zurückgezogen haben, werden die Schlüssel zu den Tübinger Toren dem französischen Befehlshaber überbracht. Hoquincourt, nun Herr der Stadt, lässt zunächst das Lustnauer Tor durch 40 Musketiere besetzen und verpflichtet noch an diesem Tag eine Anzahl von Bauern zur Zwangsarbeit.