mini|Agfa-Werbung auf einem Triebwagen der Straßenbahn Lissabon, 1999

Agfa ist ein ursprünglich deutsches Unternehmen der chemischen Industrie. „AGFA“ steht für „Aktien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation“. Das heutige Unternehmen Agfa-Gevaert entstand 1964 durch eine Fusion der deutschen Agfa AG und der belgischen Gevaert N.V. Der breiten Öffentlichkeit wurde das Unternehmen durch seine fotografischen Produkte bekannt. Agfa war über Jahrzehnte einer der größten europäischen Hersteller fotografischer Filme und Laborausrüstungen nach den weltweit führenden Konkurrenten Kodak und Fujifilm. Für den Massenmarkt wurden auch Kameras und Diaprojektoren hergestellt.

Die Unternehmen der heutigen Agfa-Gevaert-Gruppe (Graphics, Materials und Health Care bis 2020) konzentrieren sich auf Produktbereiche jenseits der chemischen Photographie (IT im Gesundheitswesen, Produkte für Druck und Druckvorstufe, spezielle Fotomaterialien). Der Bereich der Consumerphotographie wurde 2004 in die unabhängige, 2005 insolvente AgfaPhoto GmbH ausgegliedert, deren Tochterfirma AgfaPhoto Holding seit gerichtlicher Erstreitung des Lizenzrechts von Agfa-Gevaert im Jahr 2007 wieder Consumerfilme auf dem Markt anbietet. Heutige Kameras mit dem Namen AgfaPhoto sind Produkte, die nicht von der Agfa-Gevaert-Gruppe oder der AgfaFoto Holding GmbH hergestellt werden, sondern durch Lizenznehmer so benannt werden dürfen.

Aktuelle Unternehmensstruktur Agfa ist in folgende Unternehmensbereiche gegliedert: Agfa Graphics – Verkauft an Aurelius und weitergeführt als ECO3, April 2023 Agfa HealthCare – Verkauf eines Teilbereiches an Dedalus Holding, Mai 2020 Agfa Specialty Products

Frühe Unternehmensgeschichte und -struktur Gründung mini|Fabrik Rummelsburg, 1877 mini|Ein Gutschein der Agfa von 1916. Die Chemiker Paul Mendelssohn Bartholdy und Carl Alexander von Martius (Entdecker des noch heute in der Textilfärbung verwendeten Azofarbstoffs Bismarckbraun) gründeten 1867 die Gesellschaft für Anilinfabrikation mbH in Rummelsburg bei Berlin. Bereits 1872 kauften sie die Chemische Fabrik von Max August Jordan in Treptow bei Berlin, weil beide Unternehmen auf dem gleichen Gebiet tätig waren. Die Jordansche Fabrik bestand seit dem 11. Dezember 1850, sie produzierte vorzugsweise Endprodukte, insbesondere Farbstoffe, während sich die Gesellschaft für Anilinfabrikation mbH auf Zwischenprodukte konzentrierte. So ergänzten sich beide Unternehmen hervorragend. Aus dem Zusammenschluss ging am 21. Juli 1873 die Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication hervor. Die Bezeichnung AGFA folgte erst später, sie wurde am 15. April 1897 als Warenzeichen für „chemische Präparate für photographische Zwecke“ eingetragen. 1924 kam der berühmte „Agfa-Rhombus“ als Logo hinzu.

Für den Anfang des Unternehmens stehen also mit 1850, 1867 und 1873 drei Zeitpunkte zur Verfügung, gewöhnlich wird aber die Gründung der Aktiengesellschaft im Jahr 1873 als Beginn angesehen. Agfa selbst sieht seine Gründung im Jahr 1867 als erfolgt an.

Erweiterung Die erfolgreiche Chemieproduktion führte 1878 zu einer Erweiterung der Produktionsanlagen in Treptow. 1882 wurde ein wissenschaftliches Labor eingerichtet. Weil die benachbarten Grundstücke alle bebaut waren, folgte ein Zweigwerk in Greppin, das im Bitterfelder Braunkohlerevier lag und dadurch eine günstige Energieversorgung bot. Auch waren die Lohnkosten auf dem Land um 20 % niedriger. Das Werk wurde am 17. März 1896 eröffnet. Weil die Luftverschmutzung in Berlin, insbesondere die Belastung durch die Dampflokomotiven der nahegelegenen Bahnstrecke, es schwierig gestaltete, dort Filmmaterialien zu fertigen, wurde eine eigenständige Filmfabrik gebaut. Zur Diskussion stand auch der Raum Frankfurt/Mannheim, das Unternehmen kaufte aber schließlich 25,2 ha Land nahe der Farbenfabrik Wolfen. Da der größte Teil davon in der Gemeinde Wolfen lag, nannte sich das Werk schließlich Filmfabrik Wolfen. Die Pläne zu dem Werk entstanden im März 1909, bereits am 19. Juli 1910 folgte die Bauabnahme und Erlaubnis für den Betrieb einer chemischen Fabrik. Es handelte sich um die größte europäische und weltweit zweitgrößte Filmfabrik – nach Eastman Kodak in Rochester, USA.

Erster Weltkrieg Mit Beginn des Ersten Weltkriegs entfielen zahlreiche Exportmärkte, es stieg die Nachfrage nach Röntgenplatten und Film für die Luftbildfotografie, dem sogenannten „Fliegerfilm“. Die Feldkinos verlangten ebenfalls nach Filmmaterial, produziert wurden auch Scheiben und Filter für Atemschutzmasken. Die Mitarbeiterzahl von Agfa Wolfen fiel zunächst von 504 auf 335, stieg dann aber im Laufe des Krieges auf weit über 1000 an.

I.G. Farben Bereits 1885 kam es über die Herstellung der Farbe Kongorot zu Patentstreitigkeiten mit der Bayer AG, woraufhin man sich auf ein Abkommen zur gemeinsamen Nutzung auch zukünftiger Patente einigte. Aus dieser Zusammenarbeit ergab sich 1904 die Interessengemeinschaft Farbstoffchemie, der Dreierbund, zu dem die Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication, Bayer und BASF gehörten. 1925 resultierte daraus die I.G. Farbenindustrie AG. Agfa übernahm dabei die Fotochemie, erhielt dazu von Bayer das Camerawerk München und die Photofabrik Leverkusen, in der Fotopapiere hergestellt wurden. Diese Sparte III der I.G. Farben hatte ihre Zentrale in Berlin SO 36, nämlich in Treptow, Lohmühlenstraße, der Adresse der ehemaligen Fabrik Dr. Jordan. Direktor in der Sparte III wurde Paul Mendelssohn Bartholdy, der Sohn des gleichnamigen Unternehmensgründers.

1928 kaufte man noch die Ansco Photo Products Inc. auf, ein 1842 in New York gegründetes Unternehmen. 1941 ging es allerdings durch eine Beschlagnahme der US-Regierung wieder verloren.

Zeit des Nationalsozialismus Die Agfa setzte zur Zeit des Nationalsozialismus in großer Zahl Zwangsarbeiter ein, darunter auch KZ-Häftlinge im Außenlager München (Agfa Kamerawerke) des Konzentrationslagers Dachau und in dem Niederländischen Durchgangslager Kamp Westerbork. Auch in der Außenarbeitsstelle „Lager Agfa“ des Jugendgefängnisses München-Stadelheim wurden zwischen 1943 und 1945 Zwangsarbeiter für die Agfa AG eingesetzt. Teile der Agfa-Firmenleitung wurden nach dem Krieg im I.G.-Farben-Prozess vor einem amerikanischen Militärgericht angeklagt.

Von 1937 bis 1942 war der Kaufmann Günther Rexrodt (* 1914 in Berlin), von 1933 bis 1935 bei der Friedr. Krupp AG in Essen ausgebildet, Geschäftsführer von Agfa in Sofia und Bukarest, von 1951 bis 1978 bei der Hoechst AG.Rexrodt, Günther. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1001.

Wiederaufbau mini|Agfa-Markenzeichen in den 1960er Jahren Nach 1945 lagen die Agfa-Fabriken in verschiedenen Besatzungszonen, was einen erneuten Zusammenschluss schwierig gestaltete. Zudem gab es Kräfte, die einen Zusammenschluss unbedingt verhindern wollten. Insbesondere interessierte sich das belgische Unternehmen Gevaert für eine Übernahme. In der Amerikanischen Besatzungszone lag das Agfa Camerawerk München, in der Britischen Besatzungszone die Agfa Photopapierfabrik Leverkusen und in der Sowjetischen Besatzungszone die Agfa Filmfabrik Wolfen. Alle Fabriken hatten bereits 1945 ihre Produktion wieder aufnehmen können. In den USA übernahm erneut die Agfa-Ansco-Cooperation (Binghamton) den Vertrieb. Dies betraf allerdings nicht die Agfa-Filme, da es inzwischen eine Ansco-Filmproduktion gab.

Die Bemühungen insbesondere der Mitarbeiter Ulrich Haberlands führten schließlich dazu, dass die Hohen Kommissare einen Verbleib bei Bayer gestatteten. Daraufhin wurde am 18. April 1952 die Agfa AG für Photofabrikation in Leverkusen gegründet. Die alliierte Kontrolle der Kameraproduktion endete am 18. März 1953, so dass es bereits am 20. März zur Gründung der Agfa-Camerawerk AG kam. 1957 fasste man beide Unternehmen zur Agfa AG Leverkusen zusammen.

Agfa Wolfen

mini|ORWO-Logo Der Standort der photochemischen Produktion war gegen 1909 von Treptow nach Wolfen verlegt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Filmfabrik zunächst von den US-Streitkräften, dann von der sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) übernommen. Während dieser Zeit war die Filmfabrik Wolfen zur Begleichung der Reparationsansprüche der Sowjetunion als sowjetische Aktiengesellschaft organisiert. alternativtext=Agfa / Photoplenka Diapositiv Platten|mini|Agfa / Photoplenka Diapositiv Platten Obwohl die Agfa-Leitung vor Kriegsende alle wichtigen Patente nach Leverkusen übertragen hatte, bereitete dem westdeutschen Agfa-Zweig das ostdeutsche Pendant große Probleme: Die Filmfabrik Wolfen verkaufte ihre Produkte ebenfalls mit dem Agfa-Logo, was die Kunden verwirrte. Zunächst stellte sich die ostdeutsche Seite auf den Standpunkt, Rechtsnachfolger von Agfa zu sein. Vor Gericht hatte diese Strategie jedoch keine Chance, weil eine Sowjetische Aktiengesellschaft kein Nachfolger sein konnte.

Überraschenderweise bestand die Regierung der DDR später jedoch nicht darauf, am Markennamen Agfa festzuhalten. Sie war vielmehr der Meinung, die Produkte aus sozialistischer Fertigung seien von solch hoher Qualität, dass sie nicht eines großen Namens bedürften, um Absatz zu finden. In Wolfen wollte man dennoch nicht auf den Namen verzichten. Ohne eine Einigung der beiden Unternehmensteile bestand jedoch die Gefahr, dass die Rechte an einen Dritten fielen. So kam es 1956 zu einem Warenzeichen-Abkommen, das bis 1964 gelten sollte. Demnach durfte die Filmfabrik Wolfen den Markennamen im Ostblock benutzen, Leverkusen in der restlichen Welt mit Ausnahme von Frankreich und Jugoslawien. Über diese beiden Länder sollte ein internationales Gericht entscheiden. Dennoch gelangten immer wieder ostdeutsche Agfa-Produkte auf die westdeutschen Märkte.

Das ostdeutsche Unternehmen führte nach Ende der Betriebsorganisation als sowjetische Aktiengesellschaft bis 1964 die Namen VEB Filmfabrik Agfa Wolfen sowie VEB Film- und Chemiefaserwerk Agfa Wolfen. Nach 1964 ging der Betrieb in Wolfen auf den Namen ORWO für Original Wolfen über.

Übernahmen Kleine Unternehmen mini|Agfa-Schild an einem Fotogeschäft in Oettingen, 2009 Um die Produktionskapazität zu erweitern, übernahm Agfa in den 1950er und 1960er Jahren mehrere kleine Unternehmen, die aufgrund ihrer Größe nicht mehr in der Lage waren, konkurrenzfähige Produkte anzubieten. Wegen des zunehmenden Arbeitskräftemangels nahmen sämtliche Unternehmen, so auch Agfa, in Deutschland lange Transportwege in Kauf, um überhaupt eine ausreichende Stückzahl fertigen zu können.

Den Anfang machte 1952 die UCA – Vereinigte Elektro-Optische Werke GmbH in Flensburg-Mürwik, die um 1948 begann, in der ehemaligen Marine-Ingenieurschule Sucher- und sogar Spiegelreflexkameras zu fertigen. 1962 wurde der Hamburger Kamerahersteller Iloca übernommen, 1969 das Optische Werk Dr. Staeble in Altenstadt (Oberbayern), das Kamera- und Projektionsobjektive produzierte.

Um alle Kameraverschlüsse und Belichtungsmesser selber bauen zu können, arbeitete Agfa auch mit Uhrenherstellern zusammen, und zwar ab 1959 mit der Fabrique d'Horologie La Vedette SA in Saverne (Elsass) und ab 1960 mit OSCO-Uhren, Otto Schlud in Schwenningen. An beiden Unternehmen beteiligte sich Agfa kurz darauf mit 50,24 % bzw. 75 %. In Agfa-Hände gelangten auch die Chemische Fabrik Vaihingen und die Gelatinefabrik vorm. Koepff & Söhne, Mimosa und die Leonar-Werke in Hamburg-Wandsbek.

Perutz („Kleine Lösung“)

1961 übernahm die Agfa AG 50 %, 1964 dann 100 % der Perutz-Photowerke in München. Dieses Unternehmen hatte Otto Perutz 1880 gegründet, es produzierte zunächst fotografische Platten, ab 1922 auch Rollfilme.

Agfa-Gevaert-Gruppe („Große Lösung“)