mini|Katharina Sieverding in ihrer Ausstellung „Kunst und Kapital“ in der Bundeskunsthalle Bonn, 10. März 2017

Katharina Sieverding (* 16. November 1941 in Prag) ist eine deutsche Künstlerin., abgerufen am 12. Januar 2016. Sie gehört zu den Pionieren einer Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Fotografie. Ihre seriellen Fotofolgen sind sowohl Ausdruck von Reflexionen zur eigenen Identität als auch Stellungnahme zu politisch-gesellschaftlichen Fragen.Internetseite des Deutschen Bundestages, abgerufen am 20. September 2012. Mit großformatigen Fotoarbeiten erneuerte Katharina Sieverding das künstlerische Potential der Fotografie.

Leben

Katharina Sieverding wuchs im Ruhrgebiet auf. Ihre Mutter war Künstlerin, ihr Vater Radiologe. Ihr Abitur machte sie am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Dortmund. Das ihr zugedachte Medizinstudium verwarf sie, ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg brach sie nach wenigen Monaten ab. Ihrer Idee vom Gesamtkunstwerk folgend, wechselte sie von 1963 bis 1964 als Volontärin an das Deutsche Schauspielhaus nach Hamburg. Zunächst war sie im Malersaal tätig. Sie lernte dort Fritz Kortner kennen, der sie engagierte und dem sie an das Burgtheater nach Wien folgte, wo sie Assistentin für Kostümausstattung war.Über die Umstände des Kennenlernens erzählt Sieverding zwei unterschiedliche Versionen. Es folgten weitere Häuser, an denen Kortner inszenierte.

Vom Sommersemester 1964 bis 1967 besuchte sie die Bühnenbild-Klasse von Teo Otto an der Kunstakademie Düsseldorf.Biennale Paris 1965: Die jungen Deutschen. 15. Dezember 1965 bis 16. Januar 1966, Städtische Kunsthalle Mannheim, S. 35. Für Bohumil Herlischkas Inszenierung von Giacomo Meyerbeers „Der Prophet“ 1966 an der Deutschen Oper in Berlin war sie für die Kostümausstattung zuständig, während Otto das Bühnenbild gestaltete. Zum Sommersemester 1967 wechselte sie in die Bildhauer-Klasse von Joseph Beuys. Später besuchte sie die Filmklasse von Ole John Povlsen, wo sie sich mit den filmischen und fotografischen Techniken vertraut machte. Bei Beuys schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin im Jahr 1972 ab.: Katharina Sieverding – Weltlinie 1969 (abgerufen am 25. März 2021). Zwischen 1972 und 1988 reiste sie in die USA, nach China und in die Sowjetunion.

Seit 1975 arbeitet sie mit Großfotografie. In ihren Werken befasst sich Sieverding mit dem Zusammenhang zwischen mikroskopischen und makroskopischen, individuellen und globalen Prozessen. 1976 absolvierte sie das Whitney Museum of American Art: Independent Study Program, New York und lehrte 1977 an der New School for Social Research: Graduate Faculty of Political and Social Science. Von 1992 bis 2007 hatte sie eine Professur an der Hochschule der Künste Berlin inne. Zu ihren Studenten gehören unter anderen Jorinde Voigt, Natascha Sadr Haghighian, Heike Baranowsky und Ina Bierstedt.

Von 1995 bis 1998 sowie in den Jahren 2000, 2001, 2003, 2005 und 2007 lehrte sie an der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst in Salzburg, 2002 und 2004 an der Academy of Fine Arts in Hangzhou. Von 2008 bis 2013 gehörte Sieverding zum Universitätsrat der Akademie der bildenden Künste Wien.Im Detail: Die neuen Uni-Räte. In: Der Standard vom 20. Februar 2008. Abgerufen am 25. Januar 2016. Seit 2010 lehrt sie an der Graduiertenschule der Universität der Künste Berlin.

Katharina Sieverding lebt seit 1964 in Düsseldorf.

Werk

Fotografie und gesellschaftspolitische Themen

Seit den späten 1960er-Jahren setzt Sieverding ihr eigenes Gesicht als zentrales Motiv ihrer fotografischen und filmischen Arbeiten ein, wobei sie durch extreme Vergrößerungen, Kontraste und inszenierte Selbstporträts die Möglichkeiten der fotografischen Selbstdarstellung untersucht. Ihre Arbeiten verbinden Fotografie mit Elementen der Performance, der Body Art und des Experimentalfilms und stellen dabei auch gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Identität infrage.

Ein wiederkehrendes Thema ist die Macht von Bildern und deren Einfluss auf die Wahrnehmung gesellschaftlicher und historischer Ereignisse. Sieverding beschäftigt sich unter anderem mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, der deutschen Identität und dem Wiedererstarken antidemokratischer Kräfte. Weitere Themen ihrer Arbeiten sind die Ursachen und Folgen von Kriegen, politische Macht- und Gewaltverhältnisse sowie die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen durch den Menschen.

Filmische Arbeiten

Mit dem 1969 in West-Berlin entstandenen Experimentalfilm Life–Death entwickelte Sieverding eine eigenständige filmische Bildsprache, in der sie Erfahrungen aus ihrer Arbeit am Theater mit Fotografie und performativer Selbstdarstellung verband. Die Dreharbeiten fanden kurz nach den Auseinandersetzungen um die zeitweilige Schließung der Kunstakademie Düsseldorf statt, an deren Protesten Sieverding sowohl als Teilnehmerin als auch dokumentierend beteiligt gewesen war.

Der auf 16-mm-Film gedrehte Life–Death verzichtet auf eine lineare Handlung und verbindet Porträts, Körperstudien und inszenierte Szenen, in denen Sieverding gemeinsam mit Othello, Stephan Runge und Holger Bombusch auftritt. Durch auffälliges Make-up, androgyne Kostüme und wechselnde Rollenbilder werden Gegensätze wie männlich und weiblich, Leben und Tod sowie Bewegung und Stillstand thematisiert. In einer Szene ist Sieverding mit rot geschminkten Lippen und silbernem Lidschatten zu sehen, während sie einen Löffel Honig ableckt. Nachdem eine erste Fassung mit gesprochenem Text verworfen worden war, erhielt der Film 1972 eine in einer improvisierten Studiositzung eingespielte Musik der Band Kraftwerk. Der Film wurde 1972 auf der documenta 5 in Kassel gezeigt.

Die Galerie Thomas Schulte präsentierte den Film 2026 in einer Ausstellung in Berlin zusammen mit großformatigen Fotografien, die aus dem Filmmaterial hervorgegangen waren. Dabei wurde der Film als Zweikanalprojektion gezeigt, die mit großformatigen Filmstills und fotografischen Tableaus in Beziehung gesetzt wurde.

Archiv und spätere Werkschauen

In der Überblicksausstellung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen von 2024 bis 2025 wurde erstmals auch Sieverdings umfangreiches Archiv in die Präsentation ihres künstlerischen Schaffens einbezogen. Das Archiv wurde dabei als offener Denk- und Diskursraum präsentiert, der die Auseinandersetzung mit den historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen ihrer Arbeiten ermöglichte.

Öffentliche Sammlungen

Deutschland Deutsches Historisches Museum, Berlin Hamburger Bahnhof, Berlin Museum für Fotografie, Berlin Nationalgalerie, Berlin Haus der Geschichte, Bonn Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn Albertinum, Dresden Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf Kunststiftung NRW, Düsseldorf Museum Kunstpalast, Düsseldorf Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg Museum Folkwang, Essen Städel, Frankfurt Hamburger Kunsthalle, Hamburg Städtische Galerie im Lenbachhaus & Kunstbau, München Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart Stadtmuseum Düsseldorf

International Ordos Museum of Art, Ordos/China Castello di Rivoli, Rivoli Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg Stedelijk Museum, Amsterdam Van Abbemuseum, Eindhoven Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich Museum of Modern Art, New York San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco

Ausstellungen (Auswahl)

1972–1982: documenta: d5, d6, d7, Kassel 1973: 8. Biennale von Paris; Musée d’art moderne de la Ville de Paris 1976: Biennale Venedig 1977: Museum Folkwang, Essen 1980: Biennale di Venezia 1985: °Ouverture – Arte contemporanea, Castello di Rivoli, Turin 1985: 1945–1985 Kunst in der Bundesrepublik Deutschland, Nationalgalerie Berlin 1990: Kunsthalle Düsseldorf: Konkrete Utopien 1968 1997: Biennale di Venezia: Deutscher Pavillon mit Gerhard Merz; Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1998: Stedelijk Museum, Amsterdam; Residenzgalerie, Salzburg 2000: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Ich ist etwas anderes 2001: Casa di Goethe, Rom: Katharina Sieverding – Metamorphosen 2002: Pamela and Richard Kramlich and New Art Trust, MoMA PS1, New York 2003: Contemporary German Art, Washington University Gallery of Art, St. Louis 2004: Moskau Berlin / Berlin Moskau 1950–2000, Tretjakow Galerie, Staatliches Historisches Museum Moskau 2005: ein Ring von unschätzbarem Wert Ausgewählte Preisträger des Kaiserrings Goslar, museum franz gertsch, Burgdorf, Schweiz 2006: 40jahrevideokunst.de Teil 1 Die 60er Jahre, Kunsthalle Bremen 2007: WACK! Art and the Feminist Revolution, National Museum of Women in the Arts, Washington, DC 2008: Visite, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 2009: Fotokunst, Staatliches Zentrum für Fotografie ROSFOTO, St. Petersburg 2010: Das versprochene Land, Albertinum der Staatlichen Kunstsammlung Dresden 2010: Projected Data Images. Testcuts, Imai – inter media art institute / NRW-Forum Quadriennale Düsseldorf 2011: The Art of Enlightenment, National Museum of China, Beijing 2012: Der dritte Raum, Museum für Moderne Kunst Warschau 2013: Katharina Sieverding – Weltlinie, Schloss MoylandDie Sonne in ihrer mitternächtlichen Form in FAZ vom 25. September 2013, Seite 29. 2014: Katharina Sieverding mal d'archive, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21 Ständehaus, Düsseldorf, abgerufen am 2. Mai 2014. 2017: Katharina Sieverding. Kunst und Kapital. Werke von 1967 bis 2017, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2017: Fototeca de Cuba, Havanna, Kuba 2020: Die Sonne um Mitternacht schauen. Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München (September 2020 – August 2021) 2021: Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg, 120 Werke auf vier Etagen.Katharina Sieverding: Große Ausstellung in Harburg, Kulturjournal ∙ NDR Fernsehen vom 1. Februar 2021. 2021: Katharina Sieverding. Die Sonne um Mitternacht schauen, Museum Frieder Burda, Baden-Baden 2024/25: Katharina Sieverding, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21 Ständehaus, Düsseldorf (1. November 2024 bis 23. März 2025). Die Überblicksausstellung zeigte zentrale Werke aus nahezu sechs Jahrzehnten sowie erstmals das umfangreiche Archiv der Künstlerin. 2026: Katharina Sieverding. Life–Death, Galerie Thomas Schulte, Berlin (11. September bis 7. November 2026). Im Mittelpunkt der Ausstellung standen der Film Life–Death von 1969 und großformatige fotografische Arbeiten.

Auszeichnungen

1967: Poensgen-Preis, Düsseldorf 1975: Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Bildende Kunst 1979: ars-viva-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e. V., Köln/Berlin 1981: Kunstfonds, Bonn 1991: Kunstpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf 1994: Deutscher Kritikerpreis, Berlin 1996: Lovis-Corinth-Preis, Regensburg 2004: Kaiserring der Stadt Goslar 2008: Cologne Fine Art & Antiques-Preis, Köln 2017: Käthe-Kollwitz-Preis der Berliner Akademie der KünsteMeldung des Kulturmagazins 3sat Kulturzeit vom 21. Dezember 2016

Literatur

Sieverding. Edition Cantz, Stuttgart 1992, ISBN 3-89322-485-8. Katharina Sieverding: Stauffenberg Block I–XVI/1969. Fotohofedition, Salzburg 1996, ISBN 3-901756-01-9. Katharina Sieverding: in Austria, 1964–2008. Vol. 1 Salzburg. Fotohofedition, Salzburg 2008, ISBN 978-3-902675-00-2. Katharina Sieverding: Testcuts, Projected Data Images. DuMont Buchverlag, Köln 2010, ISBN 978-3-8321-9369-0. Renate Buschmann/Tiziana Caianiello: Medienkunst Installationen. Erhaltung und Präsentation. Konkretionen des Flüchtigen – Fallstudie 4 Testcuts I von Katharina Sieverding (S. 127 ff.). Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-496-01463-8., abgerufen am 6. Oktober 2019.