mini|hochkant=1.4|Evangelisch-Lutherische Kirche Berlin

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Berlin, Annenstraße 52/53, ist ein Gotteshaus der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) und befindet sich in der Luisenstadt im Berliner Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks. Es ist die erste Kirche der Evangelisch-Lutherischen (altlutherischen) Kirche der Stadt. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Berlin-Brandenburg. Die Kirche wird im Volksmund – wegen ihrer Lage an der Annenstraße – auch Annenkirche genannt und ist ein eingetragenes Baudenkmal. Landesdenkmalamt Berlin, Denkmaldatenbank, Objekt-Nr. 09011026. Auf: berlin.de; abgerufen am 21. Juni 2020.

Geschichte

Vorgeschichte der Gemeinde Im Jahr 1817 verordnete König Friedrich Wilhelm III., dass sich die lutherischen und reformierten Gemeinden im Königreich Preußen zur Evangelischen Kirche in Preußen zusammenschließen sollten. Gegen diese verordnete Union wandten sich die – später als Altlutheraner bezeichneten – lutherischen Bekenntnisgemeinden.

Anfang der 1830er Jahre trafen sich auch im heutigen Berliner Stadtgebiet etwa 40–50 Personen in Privaträumen, zu sogenannten „Erbauungsstunden“. Viele der Teilnehmer kamen aus Schlesien bzw. aus Breslau und hatten regen Kontakt zu Pastor Johann Gottfried Scheibel, der sich gegen die Union stellte.

Diese „lutherischen Zusammenkünfte“ wurden zwar immer wieder untersagt, doch hielten sich die Familien nicht an diese Verbote, sondern versuchten einen Pfarrer zu finden, der sie betreute. Pastor Scheibel empfahl ihnen schließlich sich an Pastor Ferdinand Guericke in Halle zu wenden. Dieser erklärte sich auch bereit zu helfen, sofern sie sich gegenüber der unierten Kirche als lutherische Gemeinde konstituierten. Deshalb schrieben 16 Vertreter der Familien am 12. Mai 1835 einen entsprechenden Brief an das Königliche Konsistorium der Provinz Brandenburg. Dieses Datum wird seitdem als Gründungsdatum der Gemeinde angesehen auch, wenn das Schreiben vom Konsistorium als ungültig zurückgewiesen wurde.

Die Gemeinde traf sich weiterhin in verschiedenen Privatwohnungen und aufgrund des Gemeindewachstums, später auch auf einem Malzboden in der Markgrafenstraße, den der Hausbesitzer zur Verfügung stellte. Die Gemeinde wurde von wechselnden Pastoren betreut bis schließlich im Sommer 1838 Friedrich Lasius als Pastor berufen wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Gemeinde auf etwa 200 Mitglieder angewachsen. Der Pastor der Gemeinde wurde mehrfach wegen „unrechtmäßiger Verrichtung von Amtshandlungen“ verhaftet, bis sich die Lage für die Lutheraner mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1840 langsam entspannte. 1841 wurden im Zuge der geänderten Religionspolitik des neuen Königs alle polizeilichen Maßnahmen gegen die Altlutheraner eingestellt.

Da die Gemeinde bis 1846 auf über 900 Mitglieder angewachsen war, musste sie immer dringender nach geeigneten Räumlichkeiten für die Gottesdienste suchen. Schließlich wurde ihr von Pfingsten bis Weihnachten 1848 durch König Friedrich Wilhelm IV. die Nutzung der Garnisonkirche gestattet. Durch den Magistrat von Berlin wurde bis Juli 1851 die Nutzung der Waisenhauskirche gestattet. Nachdem es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Geistlichen der Waisenhauskirche kam, genehmigte König Friedrich Wilhelm IV. ein weiteres Mal die Nutzung der Garnisonkirche unter der Bedingung, dass sich die Gemeinde schnellstmöglich eine eigene Kirche bauen solle.

Der Kirchbau mini|Blick zum Altar Richtung Ostseite

Nachdem die Gemeinde immer weiter wuchs und sich die Suche nach geeigneten Räumen für den Gottesdienst schwierig gestaltete, richtete sie eine „Kirchbaukasse“ ein, um den Bau eines eigenen Gotteshauses zu finanzieren. Bis 1851 waren etwa 3000 Reichstaler gesammelt worden. Dies war jedoch nicht ausreichend, um eine Kirche zu bauen oder ein Grundstück zu erwerben. Am 5. Juni 1851 schaltete Pastor Lasius deshalb einen Spendenaufruf in der Spenerschen Zeitung. In diesem Aufruf bat er nicht nur um finanzielle Unterstützung, sondern suchte gleichzeitig nach geeigneten Grundstücken, die etwa 300 Quadratruten groß sein sollten.

Da König Friedrich Wilhelm IV. die Gemeinde schon mehrfach unterstützt hatte, bat man ihn in zwei Eingaben erneut um seine Hilfe und hoffte, ein Grundstück in der Bauhofgasse in der Nähe des Hausvogteiplatzes geschenkt zu bekommen. Diese Anfrage wurde, ebenso wie ein entsprechendes Schreiben an den Ministerpräsidenten von Manteuffel am 30. Juli 1853 abgelehnt.

Eine 1852 gegründete „Baukommission“ fand im Oktober 1853 schließlich einen geeigneten Bauplatz auf dem Köpenicker Feld in der Annenstraße 14 und 15 (heutige Hausnummern 52 und 53). Der Kauf des unbebauten Geländes gegenüber dem Exerzierplatz der alten Kaiser-Franz-Grenadier-Kaserne, wurde in der Gemeindeversammlung am 27. März 1855 beschlossen. Im Dezember desselben Jahres wurde der Kaufvertrag über 5530 Reichstaler mit der vorherigen Besitzerin, der Witwe Massante, schließlich rechtsgültig.

Vor dem Erwerb des Grundstücks wurde überlegt, eine eiserne Kirche zu errichten, da diese zerlegbar wäre und je nach Bedarf an verschiedenen Stellen aufgestellt werden könnte. Man entschied sich jedoch letztlich für eine steinerne Kirche. Der Auftrag für den Bau der Kirche wurde an den Maurermeister Herbig vergeben, der 2.600 Reichstaler für den Grundbau und 23.800 Reichstaler für die eigentliche Kirche erhalten sollte. Die Gesamtsumme von 24.600 Reichstalern sollte durch Schuldscheine und über eine Verlosung von Geschenken eingeworben werden. Am 10. November 1855 fand schließlich die Grundsteinlegung statt.

Die nach den Plänen des späteren Stadtbaurates und Schinkelschülers Hermann Blankenstein gebaute Kirche wurde am 11. Oktober 1857 geweiht. Pastor Lasius beschreibt den Kirchbau im Kirchenblatt von 1858 wie folgt:

Zur Kirchweihe waren neben verschiedenen Vertretern der eigenen Kirche auch etliche weltliche bzw. Vertreter anderer Kirchen anwesend, unter anderem Oberbürgermeister Krausnick, Bürgermeister Naunyn, der Stellvertreter des Königlichen Polizeipräsidenten Lüdemann, Konsistorialpräsident Göschel und Gutsbesitzer von Thadden-Trieglaff. Insgesamt nahmen über 2000 Personen an der Feier teil.

Schule und Pfarrhaus Bereits zwischen 1842 und August 1855 hatte die Gemeinde eine eigene Schule betrieben, die jedoch nur aus einer Klasse bestand. Da diese Schule nie eine staatliche Anerkennung erreichte, konnte sie langfristig nicht finanziert werden.

Nach der Kirchweihe taten sich im November 1857 mehrere Gemeindeglieder zusammen und beschlossen auf eigene Kosten ab 1. April 1858 eine „Schulklasse für Knaben ab 10 Jahren“ zu finanzieren. Eine ähnliche Gruppe beschloss im Dezember 1857 eine Klasse für Mädchen einzurichten und im Sommer 1858 wollte eine weitere Gruppe eine Klasse für kleinere Kinder eröffnen. Die insgesamt 16 „Schulunternehmer“ taten sich schließlich zusammen und koordinierten die Verhandlungen zur Errichtung der Schule. Diese wurde schließlich 1858 vom Provinzialschulkollegium genehmigt und am 11. Oktober 1858 mit in einem gemieteten Saal in Neukölln (Am Wasser Nr. 6 und 7) eröffnet. Es wurden 128 Mädchen und Jungen in drei gemischten Klassen unterrichtet. Da die Schule weiter wuchs und am 1. April 1860 ein größeres Haus in der Krausenstraße 31 gemietet werden musste, wurde überlegt, ein eigenes Schulhaus in der Annenstraße zu errichten. Der Bau wurde im Dezember 1863 von der Gemeindeversammlung genehmigt und am 31. Oktober 1864 auf der westlichen Seite der Kirche eingeweiht. Das Haus wurde vom selben Mauermeister, U. Herbig, gebaut wie die Kirche und Kostete 9500 Reichstaler.

Am 1. Oktober 1874 ging die Schule offiziell in die Verantwortung der Gemeinde über. Anfangs wurde die Schule von der Stadt unterstützt, da sie als Hilfsschule auch für städtische Schüler angesehen wurde. Nachdem ausreichend städtische Schulplätze vorhanden waren, wurde die Unterstützung eingestellt und die Gemeindeschule musste wieder als reine Privatschule weitergeführt werden. Je größer die Schule wurde, desto größer wurden auch die finanziellen Schwierigkeiten. Die Schule war ab 1902 auf acht Klassen gewachsen und es wurden sehr gute Leistungen erbracht. Aus finanziellen Gründen wurde Ende 1907 von der Gemeinde die Schließung der Schule beschlossen, nachdem sichergestellt war, dass die Lehrkräfte in den städtischen Schuldienst aufgenommen würden. Am 21. März 1908 wurde die Auflösung der Schule schließlich vom Provinzialschulkollegium bewilligt.

Im selben Stil und vom selben Maurermeister wie das Schulgebäude und die Kirche wurde auch das Pfarrhaus auf der östlichen Seite der Kirche errichtet. Der Bau wurde am 3. März 1864 von der Gemeindeversammlung genehmigt und hat 9750 Reichstaler gekostet. Pastor Lasius, der zuvor in drei verschiedenen Wohnungen gewohnt hatte, konnte am 1. Juli 1865 im neu errichteten Pfarrhaus einziehen.

Sonstige Nebengebäude Hinter der Kirche wurde im Jahr 1881 ein Kirchsaal gebaut und im September eingeweiht. Der Saal war ursprünglich als Aula für die Schule gedacht, wurde schließlich aber auch für verschiedene Gemeindeveranstaltungen genutzt.

Der Kirchsaal wurde im Zweiten Weltkrieg bei einem alliierten Luftangriff am 3. Februar 1945 zerstört und nicht wieder aufgebaut. Stattdessen trennte man 1946 den Raum unter der Orgelempore vom Kirchsaal ab. Dabei wurde die Decke verkleidet, eine separate Beleuchtung eingebaut und zwei Fenster an der Ost- und der Westseite eingebracht.

Am 31. März 1887 schlug Vorsteher Leutke vor, ein Hinterhaus auf dem Gelände der Hausnummer 52 zu bauen. Es sollte zwei weitere Schulzimmer für die Schule, ein Zimmer für das Pfarrarchiv sowie drei Mietwohnungen enthalten. 1888 wurde der Vorschlag umgesetzt und das Gebäude für 24.000 Mark durch den Architekten Götze errichtet.

Renovierungen und Umbauten mini|hochkant|Die Kanzel

Die erste größere Renovierung des Kirchinnenraums erfolgte im Jahr 1889. Die Kosten von 4000 Mark wurden am 7. Juli 1889 von der Gemeindeversammlung genehmigt und die Arbeiten durch den Malermeister Kirsten, einem Vorsteher der Gemeinde, ausgeführt.

Zum 50. Kirchweihjubiläum 1907 erfolgte erneut eine Renovierung des Kirchsaals. Dabei erhielt der Altarraum neue Fenster und einen neuen Teppichbelag. Außerdem wurden an der Wand des Altarraums Bilder von verschiedenen Hilfsbedürftigen („Mühseligen und Beladenen“) angebracht, die sich alle Richtung Kreuz wenden.

Im Vorfeld des 100. Gemeindejubiläums 1935 wurde die Kirche erneut renoviert und eine neue Heizung eingebaut. Zuvor war schon eine elektrische Beleuchtung installiert worden.

Beim Luftangriff am 3. Februar 1945 wurde die Kirche beschädigt. Der Altarraum brannte vollständig aus, das Dach wurde beschädigt und die Fenster zerstört. Das ehemalige Schulhaus wurde schwerbeschädigt, doch die Kirche selbst blieb als eines von wenigen Gebäuden in der ganzen Gegend überhaupt erhalten. Bei den Löscharbeiten kam der Sohn des Pastors, Martin Stier ums Leben.

Für die provisorische Reparatur der Schäden am Dach und am Altarraum wurden die Kirchenbänke auf der Empore weitestgehend abgerissen und das Holz für den Wiederaufbau eingesetzt. Die Verglasung der Kirchenfenster erfolgte durch die Firma Puhl & Wagner nach Entwürfen von Charles Crodel und wurde nach 1947 fertiggestellt. Weitere Instandsetzungsarbeiten im Altarraum, an der Orgel und im Kirchenschiff erfolgten bis zum 100. Kirchweihjubiläum 1957, zu dem auch ein neuer Altar geweiht wurde.