mini|Fritz Julius Kuhn (1938)

Fritz Julius Kuhn (* 15. Mai 1896 in München; † 14. Dezember 1951 ebenda) war ein deutschamerikanischer Chemiker und vor dem Zweiten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten Leiter des „Amerikadeutschen Bundes“. Der deutschstämmige Kuhn war ein eingebürgerter US-Amerikaner und überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus, dessen Ideen er in den Vereinigten Staaten zu popularisieren suchte. Durch Stil und Inhalt seiner Politik geriet er bald in Gegensatz sowohl zur breiten Öffentlichkeit der USA als auch zu der auf Neutralität bedachten Politik Nazideutschlands gegenüber den USA. Seit 1939 wegen Fälschung und Veruntreuung inhaftiert, wurde ihm 1943 die US-Staatsbürgerschaft aberkannt und er wurde als „feindlicher Ausländer“ interniert. Ende 1945 wurde Kuhn nach Deutschland abgeschoben.

Leben und Wirken Leben in Deutschland und Emigration Kuhn wurde als Sohn von Georg Kuhn und Julia Justyna Beuth geboren. Während des Ersten Weltkrieges erhielt er das Eiserne Kreuz als Leutnant einer Maschinengewehrabteilung. 1919 wurde er Mitglied des Freikorps Epp. 1921 trat er in die NSDAP ein.Sander A. Diamond: Zur Typologie der amerika-deutschen NS-Bewegung. In: VfZ 23 (1975), S. 271–296 (PDF).Klaus Kipphan: Deutsche Propaganda in den Vereinigten Staaten, 1933–1941. Heidelberg 1971, S. 63. Danach erwarb er an der Technischen Hochschule München ein Diplom als Chemiker. Später behauptete Kuhn, er habe 1923 am Hitlerputsch teilgenommen; dies lässt sich allerdings durch Quellen nicht erhärten. Sein Bruder Max war laut Kuhn während der Zeit des Nationalsozialismus Richter am Reichsgericht.Investigation of un-American propaganda activities in the United States. Hearings before a Special Committee on Un-American Activities. House of Representatives, Seventy-fifth Congress, third session-Seventy-eighth Congress, second session, on H. Res. 282, Appendix - Part VII, First Section. Washington 1943, S. 62–64.22.000 Nazis Hold Rally In Garden. In: New York Times. 21. Februar 1939; Murphy Spoke Before Bund In Kuhn Says. In: Evening Independent. 17. August 1939, S. 1f.; Fist Fight Avertet Narrowly. In: San Jose News. 12. August 1939, S. 1f.; Bund Leader Kuhn Testifies Brother Is High Berlin Judge. In: Christian Science Monitor. 16. August 1939. Auch dies lässt sich nicht belegen.

Kuhns eigener Darstellung nach heiratete er im März 1923 in München seine Frau Elsa.Kuhn Pays $5 Fine On Plea Of Guilty. In: New York Times. 21. Juli 1939. Einer anderen Darstellung nach fand die Eheschließung erst später in Mexiko statt, wohin er 1923 emigrierte.Cornelia Wilhelm: Bewegung oder Verein? Nationalsozialistische Volkspolitik in den USA. Stuttgart 1998, S. 292. Im Mai 1927 siedelte das Ehepaar mit der in Mexiko geborenen Tochter Waltraut in die Vereinigten Staaten über, wo Sohn Walter geboren wurde. Nach kurzem Aufenthalt in New York ließen sich die Kuhns in Detroit nieder. Kuhn beantragte bald die amerikanische Staatsbürgerschaft, die er 1934 schließlich erhielt. Bis Anfang 1937 arbeitete Kuhn bei der Ford Motor Company des als antisemitisch bekannten Industriellen Henry Ford.Joseph F. Dinneen: Kuhn - America's Would-be Hitler. In: Canadian Jewish Chronicle. 20. Aug. 1937, S. 16.

Als Führer des „Amerikadeutschen Bundes“ mini|Kuhn spricht in einem „Bund“-Camp mini|„Bund“-Parade vor Kuhn

Nach der Machtergreifung Hitlers erneuerte Kuhn 1933 seine ruhende deutsche NSDAP-Parteimitgliedschaft und wurde im Folgejahr in Detroit Mitglied der 1933 gegründeten Friends of New Germany (FONG),Stefan Reinbold: American Nazi. Fritz Kuhn und der Amerikadeutsche Bund. In: G/Geschichte, Nr. 01/2018, S. 32–35, hier S. 34. einer nationalsozialistischen Organisation von Deutschamerikanern, bei der er „Ortsgruppenleiter“ von Detroit wurde.Cornelia Wilhelm: Bewegung oder Verein? Nationalsozialistische Volkspolitik in den USA. Stuttgart 1998, S. 158–168. Aufgrund negativer öffentlicher Reaktionen in Amerika verlor die Organisation aber Ende 1935 die Unterstützung der deutschen Mutterpartei NSDAP. Als Reaktion darauf und auf die im März 1934 begonnenen Untersuchungen des Komitees für unamerikanische Umtriebe benannte sich die FONG 1936 auf Kuhns Vorschlag hin in Amerikadeutscher Bund um. Im März 1936 wurde auf einer Versammlung in Buffalo (NY) Kuhn zum „Bundesleiter“ der Organisation gewählt.Nazi Group Here Changes Its Name. In: New York Times. 1. April 1936.Francis MacDonnell: Insidious Foes. The Axis Fifth Column and the American Home Front. Princeton (NJ) 1995, S. 43–45.

Kuhn wollte die Organisation, deren Mitglieder bislang überwiegend neu eingewanderte Deutsche waren und die bisher von einer Gruppe mit reichsdeutschen Pässen geführt wurde, zu einer großen politischen Bewegung von US-Amerikanern deutscher Abstammung ausbauen. Im Oktober 1936 erklärte er programmatisch: „Wir gehören zur großen Gemeinschaft aller Deutschen in dieser Welt. Andere Staatsbürgerschaftspapiere lassen uns nicht unseren deutschen Charakter verlieren. Wir bleiben was wir sind, nämlich Deutsche in Amerika, Amerikanische Deutsche, weil wir nicht Amerikaner geworden sind.“Fritz Kuhn: Was sind wir? In: Deutscher Weckruf und Beobachter. 7. Oktober 1936.

Unter seiner Führung wurde ein eigener „Ordnungs-Dienst“ (OD) und eine an die Hitlerjugend angelehnte Jugendorganisation („Youth Division“) geschaffen. Trainiert wurden die Mitglieder in mehreren von Kuhn geleiteten Schulungslagern, von denen die größten „Camp Siegfried“ auf Long Island und „Camp Nordland“ in Andover (NJ) waren.Leland V. Bell: In Hitler's Shadow. The Anatomy of American Nazism. Port Washington (NY) 1973, S. 19–27; Fotos der „Nordland“-Eröffnung in der Pittsburgh Press v. 29. Juli 1937.

Auch programmatisch lehnte sich Kuhn an das deutsche Vorbild an. 1936 erklärte er die Schaffung einer „Abwehrfront gegen die marxistische, kommunistische und jüdische Ueberhebung“ zur wichtigsten Aufgabe des Bundes. Öffentlich bekannt wurde Kuhn vor allem durch seine antisemitischen Angriffe. Anfang 1938 erklärte er, in den Vereinigten Staaten müssten die Juden von allen hohen Posten in Regierung, Finanzwelt und Erziehungsbereich entfernt werden.Bund Chief Scores Jews. In: New York Times. 8. Februar 1938.

Im Januar 1937 gab Kuhn seine Arbeit als Chemiker auf und wurde hauptamtlicher und besoldeter „Führer“ des „Bundes“.

Verhältnis zum Dritten Reich mini|Fritz Kuhn im „Bund“-Hauptquartier in New York (1938)

Bereits 1935 hatten sich die NSDAP/AO und das Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle zur Vermeidung von außenpolitischen Spannungen mit den USA von Kuhn und seiner Gruppe distanziert.vgl. LaVern J. Rippley: The German-Americans. Boston 1976, S. 196–213. Davon unbeirrt reiste 1936 eine Delegation des „Bunds“ unter Leitung von Kuhn zu den Olympischen Spielen nach Berlin, wo Kuhn von Adolf Hitler empfangen wurde. Das dabei aufgenommene Foto wurde von Kuhn umgehend in den USA verbreitet,Foto mit Hitler und Bild der New Yorker Veranstaltung 1939 in Life. 6. November 1939, S. 22. was allgemein als Beweis von Hitlers Unterstützung gewertet wurde. In „grenzenlosem Selbstvertrauen“ glaubte Kuhn, Hitler werde ihn zum NS-Führer „ganz Amerikas“ ernennen. Doch der Eindruck trog. Die deutschen Nationalsozialisten und insbesondere das Auswärtige Amt (AA) misstrauten der US-Organisation und ihrem Führer, die zur außenpolitischen Belastung geworden waren, da sie das deutsch-US-amerikanische Verhältnis spürbar störten. Später erklärte Hitler, es sei ein Fehler gewesen, sich mit Kuhn fotografieren zu lassen. Das „sei bedauerlich, aber kaum seine Schuld, da es während der Olympiade war, auf der man mit allerhand Leuten fotografiert worden sei.“

Kuhn reiste im Februar 1938 erneut nach Europa, wo er sich angeblich mit Joseph Goebbels, Hermann Göring sowie dem belgischen Rexisten Léon Degrelle traf. Er erklärte, Goebbels und Göring hätten ihn herzlich empfangen und ihm sorgfältig ausgearbeitete Instruktionen für weitere „Bund“-Aktivitäten mitgegeben.Alton Frye: Nazi Germany and the American Hemisphere. 1933-1941. New Haven, London 1967, S. 88.Kuhn Group Defies Reich Ambassador. In: New York Times. 2. März 1938; deutsche Übersetzung von Benutzer:Tvwatch. Der deutsche Botschafter in den USA Hans-Heinrich Dieckhoff bezweifelte die Darstellung Kuhns, denn ihm lag eine Direktive aus Berlin vor, die dem „Bund“ ab sofort den Gebrauch nationalsozialistischer Embleme untersagte und deutschen Staatsbürgern die Mitgliedschaft in der Organisation verbot. Auf Nachfrage teilte das Auswärtige Amt Dieckhoff mit, Kuhn habe weder Goebbels noch Göring getroffen, sondern sei nur von der Volksdeutschen Mittelstelle empfangen worden, wo ihm erklärt wurde, dass die Reichsführung die Art, wie er den Bund führe, nicht billigen könne. Das Auswärtige Amt kam zu dem Schluss, Kuhn sei wohl – wie schon in anderen Fällen – von der Wahrheit abgewichen, um seine Position bei seinen Anhängern zu stärken. Notgedrungen dementierte Kuhn nun auch die Treffen.Documents On German Foreign Policy, 1918-1945. From the Archives of the German Foreign Ministry. Band IV, Serie D. Washington 1951, Doc. No. 500 (Schreiben Dieckhoff an AA v. 8. November 1938), Doc. No. 508 (Schreiben AA an Dieckhoff v. 15. Dezember 1938); Asks Deportation Of A Bund Leader. In: New York Times. 26. April 1938.

Als der deutsche Botschafter die Verbotsdirektive am 1. März 1938 öffentlich ans amerikanische Außenministerium übermittelte, reagierte Kuhn bockig: „Wir nehmen von niemandem Befehle an, egal ob von Deutschen oder sonst wem.“ Er verzichtete aber von diesem Zeitpunkt an darauf, bei Veranstaltungen des „Bunds“ die deutsche Hakenkreuzflagge zu zeigen. Inhaltlich propagierte er nun einen „Deutschen Block“, „der nicht länger von Deutschland gleichgeschaltet zu werden braucht“ und das Ziel hatte, „die lebensnotwendigen Einflussgebiete für die 100 Millionen arischen Amerikaner, die in einem immer größeren Maße der Diktatur einer kleinen rassisch fremden Minderheit unterworfen sind“, zurückzugewinnen.Arrest of Nazi Camp Chiefs Caused by U.S. War Veterans. In: Montreal Gazette. 6. Mai 1938; Band Here to Quit Displaying Nazi Flag To Avert Insults and Possible Rioting. In: New York Times. 29. April 1938.

Kuhns Bild in der Öffentlichkeit mini|Fritz Kuhn (1938)

Der amerikanischen Öffentlichkeit und seinen Parteimitgliedern gegenüber stilisierte Kuhn sich als „das amerikanische Pendant zum Führer“. Kuhn war groß und kräftig gebaut. In der Öffentlichkeit vermied er es so oft wie möglich, seine dioptrienstarke Brille zu tragen. Er sprach Englisch mit starkem Akzent, hielt sich aber für einen dynamischen Redner.zu sehen und hören in den The March of Time-Outtakes Story RG-60.0699, Tape 316; , courtesy of NARA, File Num 1094 (Rede v. 5. Januar 1938). Da er bewusst den Stil Hitlers zu imitieren versuchte, wirkt er auf viele mehr als Clown denn als Führer, so der Historiker Sander A. Diamond.