Georg Tannstetter, Humanistenname Collimitius (* Mitte April 1482 in Rain; † 27. März 1535 in Innsbruck), war ein deutsch-österreichischer Humanist, Astronom, Astrologe und Mediziner. Er war Professor für angewandte Mathematik an der Universität Wien, wo Peter Apian und Joachim Vadian zu seinen Schülern gehörten. Seine Darstellung der Geschichte der Wiener Astronomen und Mathematiker (Viri Mathematici, 1514) ist ein früher Ansatz von Naturwissenschaftsgeschichte. Auch sein Ansatz zu einer empirischen Astrologie (Libellus consolatorius, 1523) war damals noch ungewöhnlich. Gemeinsam mit einem Schüler entwarf er eine Karte Ungarns (Tabula Hungarie, 1528), die zum Weltdokumentenerbe gehört. Er war königlicher Leibarzt im Dienst mehrerer habsburgischer Regenten. 1531 wurde er geadelt.
mini|hochkant=1.2|Exlibris Tannstetters, von Hans Brosamer 1532 angefertigt: Links oben der Sternenhimmel, unten sein Wappen mit sechsstrahligem Stern.
Leben mini|Gedenktafel an Tannstetters Geburtshaus in Rain am Lech Geburt und Name Georg Tannstetter wurde in Rain am Lech geboren.Tannstetters Geburt erfolgte im Vorgängerbau des heute sogenannten „Altherr-Hauses“, das seit 1975 Teil des Rathauses ist. Als Geburtszeit gibt Franz Graf-Stuhlhofer „Mitte April 1482“ an, ermittelt aufgrund von Angaben auf Tannstetters Grabstein, auf Bildern von Tannstetter, in Briefen an Joachim Vadian sowie in seiner medizin-astrologischen Vorlesung (gedruckt als Artificium de applicatione Astrologiae ad Medicinam).Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 34f.
Sein Vater Gabriel war Pfleger des Klosters Niederschönenfeld (von 1480 bis 1500). Der Sohn Georg nannte sich (da Rain auch „Grenzpfad“ bedeutet) latinisiert Collimitius.Collimitium bezeichnet die Grenze zwischen zwei Orten, abgeleitet von Limes. In seinen Werken finden sich Bezugnahmen auf seine Geburtsstadt, so im Verfassernamen Georgen Tannstetter von Rain am Lech,Z. B. in seinem astrologischen Kalender für das Jahr 1524 (Practica, Wien 1523). oder als Georgius Tanstetter Collimitius. Manchmal fügte er seinem Namen „Lycoripensis“ bei, zusammengesetzt aus Lycus („Lech“) und ripa („Ufer“), also bezogen auf das Lechufer.Graf-Stuhlhofer: Tannstetter, 2013, Sp. 1037.
Studium und erste Unterrichtstätigkeit in Wien Tannstetter studierte ab 1497 in Ingolstadt an der Artistenfakultät die sogenannten freien Künste („artes liberales“), u. a. Mathematik und Astronomie, und wurde 1501 Magister. Er war dort Schüler von Johannes Stabius und Andreas Stiborius, denen er an die Universität Wien folgte, wohl Ende 1502. Dort hielt er Vorlesungen an der Artistenfakultät, wobei deren Akten als Thema die Planetentheorie (Theoricae planetarum) nennen und ihn in den Jahren 1503 bis 1512 wiederholt erwähnen, z. B. als Prüfer. Ungefähr 1513 hielt er eine mathematische Vorlesung,Tannstetter erwähnt im Vorwort seiner Edition mathematischer Texte (Contenta in hoc libello. Arithmetica ...) im Jahr 1515, dass sein Student Sebastian Bunderl – der diese Vorlesung zwei Jahre zuvor bei Tannstetter gehört hatte – ihn zu dieser Edition angeregt hat. im Wintersemester 1514/15 eine astronomisch-astrologische Einführungsvorlesung.Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 144. Diese Vorlesung schrieb Vadian als Student mit; vielleicht hielt Tannstetter diese Vorlesung öfter, jedenfalls veröffentlichte sein Schüler Andreas Perlach die Mitschrift 1518 als Usus almanach („Die Verwendung eines Almanachs“). Bezeugt ist auch eine astronomische Spezialvorlesung über das zweite Buch der Naturgeschichte von Plinius (im Zeitraum bis 1518).Die von Vadian als Student mitgeschriebenen Anmerkungen Tannstetters wurden 1531 von Jakob Ziegler als Anhang seines Kommentars zum zweiten Buch der Naturgeschichte des Plinius veröffentlicht. Dazu Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 109–112.
Tannstetter hatte einige prominente Schüler. Peter Apian kam zum Studium nach Wien, um Schüler von Tannstetter zu werden.Diedrich Wattenberg: Peter Apianus und sein Astronomicum Caesareum. Leipzig 1967, S. 7. 1528 widmete ihm Apian seine Edition der Planetentheorie von Georg von Peuerbach.Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 22. Joachim Vadian hob später hervor, dass er seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse seinem Lehrer Tannstetter verdanke.Joachimus Vadianus: De poetica et carminis ratione, hrsg. von Peter Schäffer. Bd. 1, München 1973, S. 294 (deutsche Übersetzung Bd. 2, 1976, S. 336).
Ab 1508 begann Tannstetter noch ein Medizinstudium und promovierte 1513 zum Dr. med.Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 74. Gemäß den Fakultätsakten erhielt Tannstetter am 11. Mai 1513 die insignia doctoralia („Die Zeichen der Verleihung der Doktorwürde“).Karl Schrauf (Hrsg.): Acta facultatis medicae Universitatis Vindobonensis. 1399–1588, Bd. 3, Wien 1904, S. 84 und 88. Manche Historiker datierten Tannstetters Promotion fälschlich auf frühere Jahre, z. B. Joseph Aschbach auf 1509.Joseph Aschbach: Geschichte der Wiener Universität, Bd. 2, 1877, S. 272, Anm. 3.
Rektor der Universität Wien An der Artistenfakultät war Tannstetter im Sommersemester 1512 Dekan. Im darauf folgenden Wintersemester 1512/1513 war er Rektor der Universität.Zu Tannstetters Rektorat siehe Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 71–73. Das von Oktober 1512 bis April 1513 dauernde Semester ist durch ein Konsistorialbuch dokumentiert, eine aus jenen Jahrzehnten nur selten erhaltene Quellenart. Das Konsistorium bestand aus dem Rektor, den Vertretern (Prokuratoren) der vier akademischen „Nationen“ sowie den Dekanen der vier Fakultäten; es traf sich nahezu wöchentlich zu einer Sitzung, die an verschiedenen Wochentagen stattfand, ausgenommen sonntags. Darin ging es um rechtliche und finanzielle Fragen der Universität und ihre Beziehungen nach außen, gegenüber der Stadt und der Kirche.
Tannstetters Rektorat wird auch in den Dunkelmännerbriefen erwähnt, einer mit satirischer Absicht verbreiteten Reihe gefälschter lateinischer Briefe aus den Jahren 1515 und 1517, mit denen deutsche Humanisten die Scholastik ins Lächerliche zogen, die damals an den Universitäten noch weit verbreitet war, und das ausschweifende Leben des Klerus anprangerten. In einem Brief lässt der Autor einen Scholastiker berichten, dass er am 17. Januar 1513 zum Rektor Tannstetter (Collimitius) kam: „So wanderte ich nach Österreich, zu meinem Unglück. Denn Collimitius – ich kam zu ihm am Tag des hl. Antonius – war dort Rektor, und mein Feind; er nannte mich einen Verräter, und wollte mich in den Kerker werfen, ...“Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 72f. Die erwähnte Stelle in den Dunkelmännerbriefen in Bd. 2, Brief Nr. 9. Hier erscheint Tannstetter als geradezu fanatischer Anhänger der humanistischen Richtung.
Damals war er noch unverheiratet, denn Rektor an der Universität Wien konnte bis 1534 nur ein Unverheirateter werden.Die Bestimmungsänderung durch König Ferdinand I. vom 9. März 1534 bei Rudolf Kink: Geschichte der kaiserlichen Universität zu Wien, Bd. 2: Statutenbuch der Universität. Wien 1854, S. 341 (Dokument Nr. 56). Diese Zölibatsvorschrift war eine klerikale Eigenart der Universität Wien.
Bald nach dem Ende von Tannstetters Rektorat brachen heftige Konflikte zwischen Studenten und Bürgern der Stadt Wien aus; sie dauerten von Ende Mai 1513 bis ins Jahr 1514.Thomas Maisel: „Bellum Latinum“. Eine studentische Rebellion des frühen 16. Jahrhunderts in Wien. In: Kurt Mühlberger, Thomas Maisel (Hrsg.): Aspekte der Bildungs- und Universitätsgeschichte. 16. bis 19. Jahrhundert. Wien 1993, S. 191–231.
Lehrer und Dekan an der Medizinischen Fakultät Noch während seines Rektorats schloss Tannstetter sein Medizinstudium ab. Danach wirkte er als Lehrer an der Medizinischen Fakultät und war dort viermal Dekan: in den Sommersemestern 1514 und 1520 sowie in den Wintersemestern 1524/1525 und 1528/1529. Zur Tätigkeit der medizinischen Doktoren an der Fakultät gehörte auch das Prüfen – bei Tannstetter belegt in den Jahren 1515 sowie 1517, als sein Freund Vadian geprüft und promoviert wurde und von Tannstetter die insignia doctoralia überreicht bekam.Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 77. Tannstetter hatte an der Medizinischen Fakultät aber keine Professur.Tannstetter scheint nicht auf in der mit dem frühen 16. Jahrhundert beginnenden Professorenliste der Medizinischen Fakultät bei Artur Goldmann: Die Universität 1529–1740 (richtig wäre: 1519–1740). In: Alterthumsverein zu Wien (Hrsg.): Geschichte der Stadt Wien, Bd. 6, redigiert von Anton Mayer. Wien 1918, S. 1–205, dort S. 142–151 (auch als Sonderdruck unter dem Titel Die Wiener Universität 1519–1740. Wien 1917.)
Von Tannstetters Unterricht an der Medizinischen Fakultät ist lediglich seine medizin-astrologische Vorlesung belegt, gehalten wahrscheinlich im Sommersemester 1526 (veröffentlicht als Buch 1531 unter dem Titel Artificium de applicatione Astrologiae ad Medicinam).
Die Akten der Artistenfakultät erwähnen Tannstetter oft im Zeitraum 1502 bis 1513, jene der Medizinischen Fakultät von 1512 bis zu seinem Lebensende.Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 76. Abgesehen von seiner etwa 1510 erlangten Professur, die wahrscheinlich zum Poetenkolleg gehörte, verlagerte Tannstetter den Schwerpunkt seiner Tätigkeit seit seiner medizinischen Promotion von der Artistenfakultät zur Medizinischen Fakultät. Auch die Dunkelmännerbriefe sprechen diese Schwerpunktverlagerung an; die Universität Wien erscheint darin im Wintersemester 1516/1517, während des Rektorats von Vadian, als humanistische Hochburg: „es gibt hier so viele Reuchlinisten wie an keiner anderen Universität: nämlich Joachim Vadian, der Rektor, und Georg Collimitius Tannstetter, jetzt Mediziner, früher Mathematiker (pronunc Medicus, olim Mathematicus), und Johannes Cuspinian ...“Dunkelmännerbriefe, Bd. 2, Brief Nr. 30. Zitiert nach Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 94.
Familie In einem Brief eines Freundes Tannstetters an Vadian im April 1514 heißt es, dass Tannstetter geheiratet hat – also Anfang 1514 oder noch 1513, jedenfalls bald nach seinem Rektorat. Seine Frau hieß Martha Merusin und war eine Tochter von Jacob Merus. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor, der Christian hieß, von 1516 bis 1567 lebte und Mitglied des Wiener Stadtrates wurde. Außerdem hatten sie zwei Töchter, Elisabeth und Martha.Franz Stuhlhofer: Georg Tannstetter (Collimitius), Astronom, Astrologe und Leibarzt bei Maximilian I. und Ferdinand I. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 37, 1981, S. 7–49, hier 27, Anm. 87–90.
1516 kaufte Tannstetter ein Haus, das später in dem Komplex des Franziskanerklosters aufging. Es lag zwischen der im Herzogskolleg untergebrachten Artistenfakultät, dem Poetenkolleg (in St. Anna) und der im Haus der Ärzte untergebrachten Medizinischen Fakultät.Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 36.
Angewandte Mathematik im kaiserlichen Dienst Gemäß dem Grabstein Tannstetters war er ab etwa 1510 „Diener“ und „Rat“ Kaiser Maximilians I.Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 78. Diese Dienste betrafen wohl verschiedene Bereiche.
Ungefähr 1510 wurde Tannstetter von Maximilian I. zum Professor (lateinisch: ordinarius) für (angewandte) Mathematik und Astronomie berufen. Hinweise auf Tannstetters Tätigkeit als Professor dieser Fächer gibt es aus dem Zeitraum von 1511 bis 1523. In dieser Zeit veröffentlichte er mehrere Bücher, u. a. Editionen als Studienbehelfe. Seine Professur gehörte wahrscheinlich zum – von Konrad Celtis initiierten – humanistischen Poetenkolleg. Dieses war zwar Teil der Universität Wien, ohne jedoch in die traditionellen Strukturen eingeordnet zu sein.Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 44–62.
In den folgenden Jahren wurde Tannstetter vom jeweiligen Erzherzog von Österreich für verschiedene Aufgaben in den Bereichen Astronomie, Astrologie und Kartografie herangezogen. Die Verpflichtung zur Übernahme solcher Aufgaben könnte mit der erwähnten Professur verbunden gewesen sein. Für den Erzherzog tätig zu sein, war jedenfalls eine Ehre.