Reichensachsen ist ein Ortsteil der Gemeinde Wehretal im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis und Sitz der Gemeindeverwaltung.
Geographie Das geschlossenes Dorf mit ursprünglich einfachem, langgezogenem Grundriss liegt an der Mündung des Leimbachs in die Wehre, ca. 6 km südwestlich der Stadtmitte von Eschwege. Die jüngere Siedlungsentwicklung erfolgte entlang der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Bundesstraße 452 sowie östlich davon. Das sogenannte Schloss mit Wirtschafts- und Wohngebäuden befindet sich im westlichen Ortsteil nahe der der Pfarrkirche und der ehemalige Boyneburgische Gutshof liegt im Osten des Ortes. Das Gebiet des Ortsteils besteht aus der Gemarkung Reichensachsen in der Mitte des Gemeindegebiets mit einer Fläche von 1352 Hektar, davon sind 396 Hektar Wald.
In der Gemarkung liegen die folgenden aktuellen bzw. historischen Siedlungsplätze: Am Bahnhof Hof „Am Geidelbach“ Hof „Am Weinberg“ Hof „Auf der Hufe“ Wüstung Bornershausen Burg Reichensachsen Forstbezirk Reichensachsen Wüstung Korczenbach Gewerbesiedlung Langenhainer Straße Mittelmühle Obermühle Riedmühle Wüstung Rimoldshain Wüstung Rudolfesdorf Gewerbesiedlung Trimbach Wüstung Trimberg Wüstung Vierbach (Germaramark) Wüstung Wassenhausen Die Ortslage befindet sich auf 173 bis und der höchste Punkt ist der Zungekopf mit 390 Meter Höhe im Südwesten auf der Gemarkungsgrenze zu Oetmannshausen. Hausberg ist der 423 m hohe und durch mehrere Wanderwege erschlossene Spitzenberg mit dem Wichtelbrunnen und der Wichtelstube. An den Ortsteil Reichensachsen grenzen, von Norden beginnend, im Uhrzeigersinn, die Eschweger Stadtteile Niddawitzhausen und Oberhone, im Osten die Kernstadt Eschwege und Wehretal-Langenhain, im Süden Ringgau-Datterode und Sontra-Wichmannshausen und im Westen Waldkappel-Bischhausen. Östlich des Ortskerns verlaufen die Bahnstrecke Bebra–Göttingen, die Bundesstraße 452 und die Autobahn 44. Durch den Ort verläuft die Bundesstraße 452 die von Eschwege im Norden zur B 27 im Süden verläuft. In deren Verlängerung erreicht sie nach wenigen Kilometern die Anschlussstelle Ringgau der A 44. Hier treffen auch die B 7 und B 400 aufeinander. Aus dem Ort besteht außerdem eine direkte Verbindung zur B 27, wo dann nach nur ca. einem Kilometer Richtung Süden die Anschlussstelle Eschwege der A 44 liegt. Über die Bahnhofstraße ist der Bahnhaltepunkt „Wehretal-Reichensachsen“ zu erreichen. Er liegt an der Bahnstrecke Bebra–Göttingen, einem Abschnitt der alten Nord-Süd-Strecke von Hannover nach Frankfurt am Main und Würzburg.
Geschichte mini|hochkant|Evangelische Pfarrkirche in Reichensachsen
Ortsgeschichte Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung von Reichensachsen erfolgte unter dem Namen Sassen im Jahr 1253. Weitere Erwähnungen erfolgten unter den Ortsnamen (in Klammern das Jahr der Erwähnung): Sayssen (1320), zu den Sassen (1348) und Richensaczen (1355).
Die dominierenden Grundherren waren die Herren von Boyneburg, weshalb Reichensachsen in der frühen Neuzeit auch zum teilautonomen Gericht Boyneburg gehörte. Anteilig waren die Landgrafschaft Hessen, die Herren von Eschwege und das Kloster Germerode im Ort begütert. Als „Mengedorf“, in dem die Landgrafen von Hessen-Kassel und die Herren von Boyneburg Besitzungen hatten, unterstanden die vormals „bemmelbergischen“ Untertanen ab 1654 dem neu gegründeten landgräflichen Amt Bischhausen, das Dorf als solches blieb jedoch bis zum Aussterben derer von Boyneburg-Hohenstein 1792 Teil des Gerichts Boyneburg. Ab 1821 gehörte Reichensachsen zum Kreis Eschwege.
Hessische Gebietsreform (1970–1977)
Zum 1. Oktober 1971 wurde im Zuge der Gebietsreform in Hessen die Gemeinde Vierbach auf freiwilliger Basis in die Gemeinde Reichensachsen eingemeindet. Zum 31. Dezember 1971 wurde Hoheneiche in die Gemeinde Reichensachsen eingegliedert. Gleichzeitig erhielt die neue Gemeinde den Namen Wehretal. Reichensachsen wurde der Verwaltungssitz von Wehretal. Ein Ortsbezirk nach der Hessischen Gemeindeordnung wurden für Reichensachsen nicht errichtet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Reichensachsen angehört(e):
vor 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen, Amt Eschwege, Samtgericht Boyneburg ab 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Eschwege, Samtgericht Boyneburg 1627–1834: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Landgrafschaft Hessen-Rotenburg (sogenannte Rotenburger Quart), teilsouveränes Fürstentum unter reichsrechtlicher Oberhoheit der Landgrafschaft Hessen-Kassel bzw. des Kurfürstentums Hessen, Amt Eschwege, Dorf derer von Boyneburg-Hohenstein („adelige Quart“) ab 1654: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Bischhausen, Samtgericht Boyneburg ab 1792: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Bischhausen ab 1803: Heiliges Römisches Reich, Kurfürstentum Hessen, Amt Bischhausen ab 1806: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Bischhausen 1807–1813: Königreich Westphalen, Departement der Werra, Distrikt Eschwege, Kanton Reichensachsen ab 1814: Kurfürstentum Hessen, Amt Bischhausen ab 1821/22: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis EschwegeVerordnung vom 30sten August 1821, die neue Gebiets-Eintheilung betreffend, Anlage: Übersicht der neuen Abtheilung des Kurfürstenthums Hessen nach Provinzen, Kreisen und Gerichtsbezirken. Sammlung von Gesetzen etc. für die kurhessischen Staaten. Jahr 1821 – Nr. XV. – August, S. 72 f. (kurhess GS 1821)Trennung von Justiz (Justizamt Eschwege) und Verwaltung. ab 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Eschwege ab 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Eschwege ab 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Eschwege ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Eschwege ab 1918: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Eschwege ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Kurhessen, Landkreis Eschwege ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Eschwege ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Eschwege ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Eschwege ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Eschwege, Gemeinde Wehretal ab 1974: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Werra-Meißner-Kreis, Gemeinde Wehretal
Gerichte Die Gerichtsbarkeit über Reichensachsen wurde im Mittelalter durch das Gericht Boyneburg ausgeübt. Nach langen Rechtstreirigkeitden zwischen der Herren von Boyneburg kam es 1449 zu einem Vergleich, und ab 1460 hielten die von Boyneburg die Burg und den dazu gehörigen ehemaligen Reichsbesitz als landgräflich-hessisches Erblehen. Mit dem Aussterben der Herren von Boyneburg-Hohenstein 1792 ging das Gericht an das Kurfürstentum Hessen, die es dem Amt Bischhausen zuschlug.
Die weitere Zuständigkeit entwickelte sich wie folgt: 1807–1813: Friedensgericht Reichensachsen im Königreich WestphalenWeitere Gerichte siehe Justizwesen im Königreich Westphalen 1814: Amt Bischhausen 1822: Justizamt Eschwege erste Instanz, zweite Instanz Obergericht für die Provinz Niederhessen 1834: Justizamt Eschwege II 1867: Amtsgericht Eschwege (nach der Annexion durch Preußen), zweite Instanz Kreisgericht Kassel 1879: Amtsgericht Eschwege erste Instanz (durch das Reichsjustizgesetze), zweite Instanz Landgericht Kassel
Bevölkerung Einwohnerentwicklung 1585: 50 Haushaltungen 1747: 203 Haushaltungen
Historische Religionszugehörigkeit Quelle: Historisches Ortslexikon • 1885: 1225 evangelische (= 92,03 %), 14 katholische (= 0,84 %), 118 jüdische (= 7,12 %) Einwohner • 1961: 2374 evangelische (= 84,86 %), 165 katholische (= 9,81 %) Einwohner
Religion Christliche Gemeinde Kirchengebäude Die Kirche in Reichensachsen ist ein Saalbau mit dreiseitigem Schluss und einem Mansarddach aus dem Jahr 1773. der romanische Westturm aus Sandsteinquadern trägt einen mit spätgotischen Turmhelm.
Bekenntniswechsel Der erster nachweisbarer evangelischer Pfarrer war Johannes Schade der bis 1562 wirkte. Die reformierte Gemeinde musste 1627–1635, unter hessen-darmstädter Herrschaft zur lutherischen Konfession wechseln, danach wieder reformiert.
Pfarrzugehörigkeit Das Kirchenpatronat lag bei der Familie von Boyneburg. Es wurde 1660 allerdings nicht durch Familie von Boyneburg-Hohenstein, sondern von denen zu Boyneburg-Bischhausen und Ladenbach und denen von Bemmelberg gemeinsam mit Hessen ausgeübt. Für das Jahr 1585 ist belegt, dass Reichensachsen ein Filialort von der Pfarrei Wichmannshausen ist. 1872 wurde Langenhain als beständiges Vikariat der Gemeinde Reichensachsen ausgewiesen. Dieses wurde 1986 in das Kirchspiel Oetmannshausen umgepfarrt. Heute ist Reichensachsen eine selbstäändige evangelische Kirchengemeinde.Ev. Kirchengemeinden Reichensachsen. In: Webauftritt der Kirchengemeinde. Die katholischen Einwohner werden durch die St. Elisabeth in Eschwege betreut.
Ehemalige Jüdische Gemeinde Neben dem allgemeinen Friedhof besteht ein nicht mehr genutzter jüdischer Friedhof, der im Denkmalverzeichnis des Landesamts für Denkmalpflege Hessen als Kulturdenkmal aus geschichtlichen Gründen ausgewiesen ist. 1903 wurde eine Synagoge erbaut. Während der Pogromnacht von 1938 wurde ihre Inneneinrichtung völlig zerstört. Von den 90 Juden und Jüdinnen, die 1933 noch im Ort lebten, wanderte ein Großteil nach der Machtergreifung der Nazis aus oder verzog in andere Städte. 1940 wurden die 33 verbliebenen jüdischen Bewohner des Ortes deportiert und ermordet. Ein Gedenkstein für die Opfer des Holocausts, in der Langenhainer Straße, erinnert seit 2003 an sie.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Regelmäßige Veranstaltungen Seit mehr als 50 Jahren findet in Reichensachsen das Wichtelfest statt. Der Termin ist normalerweise das dritte Wochenende im Juni. Höhepunkt der fünftägigen Feierlichkeiten ist der sonntägliche große Festzug. Montag morgens bis spät in die Nacht findet der traditionelle Frühschoppen im Zelt statt.
Sport In Reichensachsen gibt es einen Sportverein (SV Reichensachsen 1910 e. V.) mit über 1000 Mitgliedern. Dort werden unter anderem Fußball, Handball, Tischtennis, Tennis, Volleyball, Badminton und Gymnastik angeboten. Der Verein wurde 2008 vom damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier und dem Präsidenten des Landessportbundes Hessen Rolf Müller mit dem Heinz-Lindner-Preis ausgezeichnet.
Bauwerke Evangelische Kirche Reichensachsen Die 1953 erbaute katholische St.-Peter-Kirche wurde 2020 wieder profaniert.Katholisches Gotteshaus St. Peter in Reichensachsen ist entwidmet. Werra-Rundschau, 10. März 2020, abgerufen am 27. November 2022.
Infrastruktur Im Ort gibt es ein Dorfgemeinschaftshaus und eine Grundschule. Der Eisenbahnhaltepunkt Wehretal-Reichensachsen an der Strecke Bebra–Göttingen wird von der NVV-Linie RB87 bedient. {| class="wikitable" |- class="hintergrundfarbe6" ! Linie ! Verlauf ! Takt
Daneben hat Reichensachsen drei Bushaltestellen, die stündlich durch die Linie 200 Hessisch-Lichtenau – Reichensachsen – Eschwege sowie die Linie 240 Ringgau – Reichensachsen – Eschwege angefahren werden. Verbindung besteht jeweils zur vollen Stunde nach Eschwege und zur halben Stunde nach Hessisch-Lichtenau beziehungsweise Richtung Ringgau. Südlich bzw. südwestlich des Dorfs entstanden seit 2016 die Wehretalbrücke Reichensachsen, der Tunnel Trimberg und der Tunnel Spitzenberg der Bundesautobahn 44, die alle im Dezember 2024 für den Verkehr freigegeben wurden.
Persönlichkeiten Söhne und Töchter von Reichensachsen