Über viele Jahrzehnte hinweg war Nürnberg Zentrum der deutschen Zweiradindustrie. Die Nürnberger Motorradindustrie wurde zu einem Begriff für Innovation, Qualität und motorsportlichen Erfolg.
Historischer Überblick Seit dem Jahr 1901 erschienen bei den Nürnberger Fahrradherstellern erste Zweirad-Prototypen mit von Fafnir, Motosacoche oder Zedel hergestellten Motoren.
Bald entstand eine Vielzahl neuer Marken und Manufakturen, so dass man in den 1920er Jahren um die fünfzig in Nürnberg und Umgebung zählen konnte. Für viele dieser kleineren Hersteller kam das Ende ihrer Aktivitäten mit der Weltwirtschaftskrise. Die Aufrüstung der Wehrmacht in den 1930er Jahren füllte bei nur wenigen Fabriken die Auftragsbücher. Die Typenvielfalt wurde stark eingeschränkt.
Die Luftangriffe auf Nürnberg im Zweiten Weltkrieg führten zur weitgehenden Zerstörung vieler Fabriken. Nach Ende des Krieges und dem Wiederaufbau der Produktionsanlagen baute man zunächst die Vorkriegsmodelle teils nur leicht verändert weiter, später ergänzt durch neue Zweiräder, die bis Mitte der 1950er Jahre hervorragende Absatzzahlen brachten. Im sogenannten „Wirtschaftswunder“ Westdeutschlands ging dann der Siegeszug der Motorisierung mit erschwinglichen Kleinwagen (VW Käfer, Lloyd LP 600, BMW Isetta und anderen) voll zu Lasten des Zweiradabsatzes und so mussten gegen Ende des Jahrzehnts viele Werke mit anderen fusionieren oder ganz schließen.
Hersteller bzw. Marken Abako
Abako war der Name einer Marke, unter der zwischen 1923 und 1925 bei der Apparatebau A.G. Kracker & Co. in Nürnberg Motorräder entstanden.
Ardie
Ardie ist eine von Arno Dietrich gegründete Motorradfirma, die zwischen 1919 und 1958 produzierte.
Astoria Die Astoria Motorenwerk GmbH wurde am 29. September 1922 gegründet und hatte ihren Sitz zunächst in der Solgerstr. 6a. Später produzierte man in der Äußeren Rollnerstraße 55 in Nürnberg eigene 289-cm³-Dreikanal-Zweitaktmotorräder, die mit unten offenen Dreiecksrahmen und Druidgabel ausgerüstet waren. Das Vorderrad hatte keine Bremse. Der Antrieb zum Hinterrad erfolgte mittels Riemenantrieb, und das Hinterrad war mit einer Klotzbremse ausgerüstet.
Im Jahre 1923 musste Astoria in Nestoria umbenannt werden, weil die Firma Simson, Suhl, Widerspruch gegen den Namen eingelegt hatte. Simson hatte sich den Namen „Rennastoria“ gesichert. So firmierte Astoria im Juni 1923 in Nestoria um und setzte die Produktion dieser Maschinen fort. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 140 Arbeiter beschäftigt.
Der Nürnberger Hans Wolf, einer der Mitinhaber von Astoria, errang bei der Fränkischen Zuverlässigkeitsfahrt im Jahr 1922 in der Klasse bis 350 cm³ auf einer Astoria den ersten Platz.
Bischoff & Pedall Nestoria Siehe Nestoria auf dieser Seite.
Cockerell
Der Konstrukteur Friedrich Gockerell schuf 1921 einen Fahrradhilfsmotor mit „quadratischem“ Querschnitt – das heißt: Kolbenhub = Zylinderbohrung – und liegendem Zylinder, der über dem Hinterrad eines normalen Fahrrades angeordnet war. Auf dieser Grundlage entwickelte er von 1922 an schnelle Zweitakt-Leichtkrafträder mit liegenden luft- und wassergekühlten 110-cm³-Motoren und einer Leistung von maximal 1,5 PS. Die Maschine wurde einfach angeschoben. Primärtrieb mit Kette zum Zweiganggetriebe und Riemenantrieb zum Hinterrad waren übliche Konstruktionsmerkmale. Gockerell ließ seit 1922 diese sehr erfolgreichen Motorräder bei der unter Cockerell Fahrzeug- und Motorenwerke GmbH in der Siegfriedstr. 17 in Nürnberg angesiedelten Firma produzieren. Das waren die Hallen der Firma Kracker & Co., in denen die Abako hergestellt wurden. Der Hauptsitz von Cockerell befand sich in der Gunzenrainerstr. 6 und Schwanthalerstr. 5 in München. Auch seine wohl bekanntere Konstruktion, das Megola-Motorrad mit 5-Zylinder-Umlauf-Sternmotor im Vorderrad, ist München zuzuordnen.
DKW
Die Marke DKW ist mit dem Dänen Jørgen Skafte Rasmussen verbunden, dessen Zschopauer Maschinenfabrik im Ersten Weltkrieg einen durch deutsche Militärbehörden finanzierten Dampfkraftwagen entwickeln sollte. Mitte 1932 wurden die Zschopauer Motorenwerke J. S. Rasmussen Teil der Chemnitzer Auto Union AG, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst wurde. Die 1949 in Westdeutschland neu gegründete Auto Union GmbH verkaufte 1958 ihre Ingolstädter DKW-Zweiradfertigung an die im gleichen Jahr neu geschaffene Zweirad Union in Nürnberg. Diese ging Mitte der 1960er Jahre in den Hercules-Werken von Fichtel & Sachs auf.
Eichelsdörfer Die Brüder Wilhelm und Josef Eichelsdörfer begannen in der Bogenstraße 12 in Nürnberg im Jahr 1930 mit dem Bau von 200-cm³- und 300-cm³-Motorrädern. In das Fahrwerk wurden seitengesteuerte J.A.P.-Motoren eingebaut. Der Absatz beschränkte sich wohl nur auf die engere Region, und Eichelsdörfer musste im Jahr 1934 die Produktion einstellen.
Enag Die Firma Erle und Nestler AG, kurz ENAG in der Johannisstraße 9–11 in Nürnberg war ein altes Unternehmen der Elektrotechnik. Im Jahr 1924 begann man aber mit dem Bau von Zweitaktmaschinen mit 248 cm³, die von Theo Steininger konstruiert wurden. Ein Prototyp entstand bereits im Jahr 1923. Das im Jahr 1924 auf der Leipziger Messe vorgestellte Serienmodell fand große Beachtung auf Grund der besonderen Konstruktionsmerkmale des Motors. Die eigenwillige Konstruktion war gekennzeichnet durch einen wassergekühlten liegenden Zylinder in Verbindung mit einem luftgekühlten Zylinderkopfdeckel. Die Wasserkühlung war als Thermosiphonkühlung ausgelegt.
Da der erwartete Absatz dieser Maschine jedoch nicht eintrat, veräußerte Erle und Nestler die Produktion an die mechanische Werkstätte Michael Sept und Fritz Unger in der Schwabacher Straße 67 in Nürnberg. Dort wurde dann bis 1926 die Maschine mit nun 348 cm³ Hubraum und dem Logo S&U in geringer Stückzahl gefertigt. Der anfängliche Riementrieb wurde 1925 durch Kette ersetzt, ebenso das Zweiganggetriebe durch ein solches mit drei Gängen.
Enlag Siehe Eschag auf dieser Seite.
Epa Die EPA-Motorräder wurden von den Brüdern Edmund und Peter Pazicky in Nürnberg von 1924 bis zur Weltwirtschaftskrise hergestellt. Der Namensgeber Edmund Pazicky war der technische Geschäftsführer des Unternehmens, während Peter Pazicky für den kaufmännischen Bereich verantwortlich zeichnete. Es finden sich die Adressen Schnieglingerstraße 321 und Gertrudstraße 26.
Rahmen und Gabel wurden selbst gefertigt, während alle übrigen Teile hauptsächlich aus England importiert wurden. Die Einbaumotoren stammten von J.A.P. und hatten gewöhnlich einen Hubraum von 293 cm³, später wahlweise auch 344 cm³. Es wurde auch je ein Modell mit einem 1000-cm³-V-Zweizylinder und einem 600-cm³-Einzylindermotor von J.A.P. gefertigt.
Eschag Die Eschag Motoren Gesellschaft mbH in der Julienstraße 14 in Nürnberg baute von 1923 bis 1926 298-cm³-Dreikanal-Zweitaktmaschinen in geringer Stückzahl sowie 150-cm³-Zweitaktmotorräder, die mit einem Riemenantrieb ausgerüstet waren. Mit einer solchen 150er errang der aus Nürnberg stammende Rennfahrer Engelbrecht einen beachtlichen zweiten Platz bei der Bayerischen Bergmeisterschaft im Jahr 1924. Im Jahr 1925 wurde die Firma umbenannt in Enlag Motoren GmbH. Eschag erreichte, wie viele damalige Motorradhersteller auch, nicht die erhoffte Bedeutung und den geplanten Absatz, so dass die Produktion im Jahr 1926 eingestellt werden musste.
Express
Die Express Werke AG in Neumarkt bauten von 1903 an Motorräder und fusionierten im Jahr 1958, zusammen mit Victoria und DKW zur Zweirad Union mit Sitz in Nürnberg.
Ferbedo
Ferbedo war der Firmenname von Ferdinand Betthäuser in der Fürther Straße 306 in Nürnberg-Doos. Von 1953 an produzierte Ferbedo einen von einem 48-cm³-Zündapp-Combimot-Zweitaktmotor angetriebenen einfachen Motorroller mit der Bezeichnung R48 und einer Leistung von 1,5 PS, allerdings ohne großen wirtschaftlichen Erfolg. Die Produktion endete daher bereits im Jahr 1954.
Fortuna Das Fortuna Kleinmotorenfahrzeugwerk in der Fürther Straße 384 in Nürnberg Doos begann im Jahr 1921 mit der Fertigung von 249 cm³ und 297 cm³ Dreikanal Zweitaktmotorrädern mit außenliegender Schwungscheibe. Während der gesamten Produktionsdauer wurden ausschließlich diese beiden Typen hergestellt. Karl Kumpt und Eugen Pospischil belegten mit einer 249-cm³-Fortuna beim Ködelbergrennen am 28. Juni 1925 die Plätze 1 und 2. Die Fortuna GmbH wurde am 1. März 1929 liquidiert.
Franzani L. Seidel produzierte seine Motorräder unter der Firma Franzani Motorenwerk GmbH in der Schwabenstraße 51 in Nürnberg. Von 1923 an war man in der Lage, eigene 298-cm³-Zweitaktmodelle, 1925 dann auch 350-cm³-Modelle anzubieten. Das 350er Motorrad, noch mit Riemenantrieb, verfügte aber bereits über Trommelbremsen. Seit etwa 1926 wurden die Maschinen mit J.A.P.-Viertaktmotoren mit 198 cm³ bis 496 cm³ ausgerüstet.
Die schwierige wirtschaftliche Situation zwang im Jahr 1928 zur Beschränkung auf nur einen Motorradtyp. Gebaut wurden dann allerdings nur wenige Exemplare vom Typ FK59 mit den von Richard Küchen konstruierten, dreiventiligen, obengesteuerten 497 cm³ Motoren. Der schleppende Absatz zwang dazu, die Firma an Gottlieb Düll in der Schoppershofstraße 8 in Nürnberg zu verkaufen. Dort wurde die Produktion unter dem Namen Franzani fortgeführt. Während die FK59 im Programm blieb, erweiterte man das Angebot um vier zusätzliche Modelle. Die Motorradpalette umfasste nun zusätzlich Modelle mit 200 cm³, zwei mit 300 cm³ und ein weiteres mit 500 cm³ Hubraum. Damit hat sich die kleine Motorradfirma wohl übernommen, denn 1931 musste die Produktion eingestellt werden.
Gockerell Siehe Cockerell auf dieser Seite.
Hagel Die Hagel Kraftradbau AG in Nürnberg produzierte von 1923 bis 1925 nur eine sehr geringe Stückzahl von Motorrädern mit eigenkonstruierten Dreikanal-Zweitaktmotoren mit 247 cm³ Hubraum. Es handelte sich um eine der Weißen Mars nachempfundene Kastenrahmenkonstruktion. Sporterfolge oder Presseinserate sind nicht bekannt.
Hecker
Hecker produzierte von 1922 bis 1956 anfangs so genannte Einbaumotorräder Emora, später komplette Motorräder mit unterschiedlichen Hubräumen.
Heilo Die Motorradfabrik Heilbrunn & Co. in der Bauerngasse 21 in Nürnberg produzierte von 1923 bis 1925 die Heilo-Motorräder. In ein sehr ansprechendes und verwindungssteifes Fahrwerk, dessen augenscheinlichstes Merkmal die vier geradlinig verlaufenden Rohre vom Steuerkopf zur Hinterradachsaufnahme war, setzte der Hersteller einen Zweitaktmotor mit 348 cm³ Hubraum eigener Konstruktion ein. Für den Primärtrieb zum Dreiganggetriebe war eine Kette vorgesehen, während für den Sekundärantrieb zum Hinterrad wahlweise Kette oder Riemen verfügbar war. Verzögert wurde das Motorrad mittels Innenbackenbremse in beiden Rädern. Das Vorderrad war in einer Parallelogramm-Federgabel geführt.
Heller Von 1923 bis 1926 produzierte die Heller-Motorradfabrik in der Prechtlgasse 14 in Nürnberg Motorradtypen mit zwei unterschiedlichen Fahrwerkskonstruktionen und diversen Motoren.
Relativ bekannt ist die der Victoria K.R. I. ähnliche Maschine, denn sie hatte auch einen von Martin Stolle bei BMW mitkonstruierten Boxermotor des Typs M2 B15 mit 494 cm³. Es wurden auch Maschinen mit seitengesteuerten 746 cm³ Boxermotoren der Fürst Hohenzollernschen Maschinenfabrik, Immendingen, hergestellt. Die Kraftübertragung erfolgte über ein Dreiganggetriebe sowie Keilriemen zum Hinterrad. Das Motorrad wurde ausschließlich mit der im Hinterrad eingebauten Klotzbremse verzögert. Beim zweiten Motorradtyp handelte es sich um eine für die damalige Zeit beachtliche Doppelschleifen-Rohrrahmen-Konstruktion! Zur Auswahl für dieses Fahrwerk stand ein 200-cm³-Motor entweder in Zweitakt oder Viertaktversion sowie ein 350-cm³-Küchenmotor.
Hercules