mini|250px|Illustration der „Spirale der Entwicklung“. Die vordere Zahl gibt an, wie viel Prozent der Weltbevölkerung sich (Stand Anfang des 21. Jahrhunderts) auf der jeweiligen Stufe befunden haben sollen, die hintere, wie hoch der Anteil des gesellschaftlichen Einflusses der Stufe sein soll.
Spiral Dynamics ist ein eingetragenes Warenzeichen im National Values Center, Inc. Unter diesem Namen wird von der Spiral Dynamics Group, Inc ein Konzept über die Entwicklung von menschlichen Weltanschauungsebenen beschrieben und vermarktet. Das Konzept dieser Theorie wurde von Don Beck und Chris Cowan auf der Grundlage der Theorien von Clare W. Graves entwickelt und 1996 im gleichnamigen Buch (deutsche Ausgabe 2007) vorgestellt. Ursprünglich war es auf das Management als Zielgruppe zugeschnitten, fand aber wegen der griffigen Beschreibung von Kultur und Psyche des Menschen auch andere Anhänger. Die erfolgreichsten Vermarktungsmöglichkeiten fanden sich in der Politik.
Kernaussagen der Spiral Dynamics Spiral Dynamics beschreibt die Entwicklung menschlicher Werte- und Bewusstseinsstrukturen als Abfolge von Ebenen (zu altfranzösisch tiere oder tire, deutsch: ‚Reihe‘ ‚Ordnung‘ ‚Streifen‘; zum Verb: tirer dt. ‚ziehen‘ ‚ordnen‘ ‚aneinanderreihen‘), die jeweils durch spezifische Wertemuster („vMEME“) gekennzeichnet sind und Wahrnehmung, Denken und Handeln prägen. Nach dieser Theorie entwickeln sich diese Wertemuster in einer bestimmten Reihenfolge, wobei sich typischerweise eine sequenzielle Abfolge ergibt, auch wenn individuelle Entwicklungsverläufe variieren können. Die einzelnen Entwicklungsstufen werden häufig als Wechsel zwischen stärker individualistisch-selbstbezogenen und stärker gemeinschafts- bzw. systembezogenen Orientierungen beschrieben. Frühere und mittlere Ebenen werden dabei eher mit individualistischen, spätere Ebenen eher mit kollektiv- oder systemorientierten Wertmustern in Verbindung gebracht. Neue Entwicklungsstufen entstehen nach dem Modell durch Transformation bzw. Integration vorhandener Muster. Dabei werden frühere Strukturen nicht vollständig ersetzt, sondern in übergeordnete Organisationsformen (Organisationsgestaltung) eingebettet. Entwicklung wird in der Theorie unter anderem als Anpassungsprozess (Akkulturation) an zunehmende Umweltkomplexität beschrieben, die neue Formen der Problembewältigung erforderlich macht. Mehrere aufeinanderfolgende „vMEME“ werden in der Theorie zu übergeordneten Entwicklungsordnungen zusammengefasst ( und ), wobei das „first-tier“ durch die Abfolge der grundlegenden Wertemuster charakterisiert wird.Graphische Darstellung und Gegenüberstellung der Begrifflichkeiten von Ken Wilber, Abraham Maslow und Clare W. Graves/Spiral Dynamics, auf researchgate.net
vMeme Der Begriff „Mem“ wurde 1976 von Richard DawkinsRichard Dawkins: Das egoistische Gen. Spektrum, Akad. Verl., Heidelberg / Berlin / Oxford 1994, ISBN 3-86025-213-5, (Originaltitel: „The Selfish Gene.“ 1976, Übersetzt von Karin de Sousa Ferreira) geprägt und bezeichnete ursprünglich eine analog zum Gen gedachte Einheit der kulturellen Informationsweitergabe und -veränderung.
Clare W. GravesGraves, Clare W. (1966): Deterioration of Work Standards. Harvard Business Review, September/October 1966, Vol. 44, No. 5, S. 117–126.Graves, Clare W. (1970): Levels of Existence: An Open System Theory of Values. Journal of Humanistic Psychology, Fall 1970, Vol. 10, No. 2, S. 131–155.Graves, Clare W. (1974): Human Nature Prepares for a Momentous Leap. The Futurist, April 1974, S. 72-87, Edited with embedded comments by Edward Cornish, World Future Society, auf clarewgraves.com Werte-Meme (vMem, ) können als „kulturelle Informationsmuster“ verstanden werden, die sich auf der Ebene individueller und kollektiver Vorstellungen verbreiten, verändern und weiterentwickeln. Der Begriff bezeichnet die Verbindung von Ideen, Überzeugungen, Werten, Normen, Symbolen, Deutungsmustern und Einstellungen, die in ihrer Gesamtheit zur Herausbildung vergleichsweise kohärenter Wertesysteme beitragen können und sich unter anderem in bestimmten Verhaltensweisen widerspiegeln oder abbilden können. Solche Strukturen können Wahrnehmungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Individuen und Gruppen beeinflussen.
Im Rahmen dieses Konzepts werden Werte-Meme als komplexe informationelle Strukturen betrachtet, die sich in individuellen und kollektiven kognitiven Repräsentationen widerspiegeln können. Der Begriff geht auf die Übertragung des Mem-Konzepts auf die Entwicklung und Verbreitung von Wertvorstellungen zurück. Im Mittelpunkt stehen dabei die Entstehung, Weitergabe, Stabilisierung und Veränderung von Wertesystemen sowie deren mögliche Auswirkungen auf individuelles Verhalten und gesellschaftliche Prozesse.
Ein vMeme bezeichnet eine bevorzugte Weise, Unterschiede wahrzunehmen und zu erzeugen, Informationen zu gewichten und daraus Handlungsoptionen zu generieren. Anders gesagt, strukturiert ein vMeme die Wahrnehmung und Verarbeitung von Wirklichkeit, indem es relevante Unterschiede selektiert und diese auf Grundlage einer spezifischen internalisierten psychosozialen Organisationsstruktur verarbeitet. Diese Organisationsstruktur bringt eine charakteristische Grunddistinktion hervor und bestimmt damit in spezifischer Weise, welche Informationen als relevant wahrgenommen, wie sie bewertet und welche Handlungsoptionen daraus abgeleitet werden. Auf diese Weise können sich typische Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungspräferenzen herausbilden.
Ein Individuum verfügt aufgrund seiner Entwicklungsbiografie über ein bestimmtes vMem-Profil und damit über mehrere internalisierte Wertelogiken. Je nach Situation können unterschiedliche dieser Strukturen aktiviert werden. Dieses nimmt die Situation dann aus seiner eigenen Perspektive wahr und interpretiert sie, wodurch auch etwa die entstehende Emotion entsprechend eingefärbt wird. Aus dieser emotionalen Verarbeitung heraus folgt schließlich das konkrete Verhalten. Nicht die Situation bestimmt unsere Reaktion, sondern die Struktur, aus der wir sie wahrnehmen und beurteilen.
Prinzip und Grundlagen, Geschichte Das Grundprinzip von Spiral Dynamics besteht in der Annahme, dass sich menschliches Bewusstsein fortlaufend weiterentwickelt, indem sich Denkweisen, Werte und Wahrnehmungen an die jeweiligen Lebensbedingungen anpassen. Jede Bewusstseinsstufe entsteht, weil frühere Formen des Denkens bestimmte Herausforderungen nicht mehr ausreichend lösen können. Dadurch entfalten sich schrittweise komplexere und umfassendere Perspektiven auf das Selbst, andere Menschen und die Welt. Frühere Stufen verschwinden dabei nicht, sondern bleiben als Teil der Gesamtentwicklung erhalten und können je nach Situation weiterhin wirksam sein. Entwicklung bedeutet daher nicht, „besser“ zu werden, sondern zunehmend fähig zu sein, unterschiedliche Perspektiven, Widersprüche und Komplexität zu integrieren.
In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren entwickelte der Psychologe Clare W. Graves seine „emergente zyklische Theorie“ (John Edward Cook: The Role of the Individual in Organisational Cultures: a Gravesian Integrated Approach. Dissertationsschrift, Sheffield Hallam University 2008, S. 29–30) der menschlichen Entwicklung, die Bewusstseins- und Wertesysteme als aufeinander aufbauende Entwicklungsstufen beschreibt. Auf Grundlage dieser Theorie entwickelten Don Beck und Christopher Cowan seit den 1970er-Jahren das Modell der Spiral Dynamics weiter. Beide arbeiteten zeitweise eng mit Graves zusammen und gründeten 1979 das Beratungsunternehmen National Values Center.
Mit der Veröffentlichung des Buches Spiral Dynamics: Mastering Values, Leadership, and Change (1996) führten Beck und Cowan eine Farbcodierung für die verschiedenen von Graves beschriebenen Wertesysteme ein und ergänzten das Modell um Konzepte der Memetik, insbesondere die sogenannten „vMeme“. Wesentlichen Einfluss auf die Ausarbeitung des Modells hatten Becks praktische Erfahrungen in Südafrika, wo er in den 1980er- und 1990er-Jahren mehrfach an Projekten im gesellschaftlichen und politischen Transformationsprozess beteiligt war.Don Edward Beck, Christopher Cowan: Spiral Dynamics: Mastering Values, Leadership, and Change. Blackwell Publishing, 1996, ISBN 978-1-55786-940-1, S. 3
In den folgenden Jahren entstanden unterschiedliche Weiterentwicklungen des Ansatzes. Besonders einflussreich war die Rezeption durch Ken Wilber, der Spiral Dynamics in seine Integrale Theorie integrierte und dabei spirituelle sowie transpersonale Aspekte stärker hervorhob. Dies führte zu theoretischen Differenzen zwischen Beck, Cowan und Wilber sowie zur Herausbildung verschiedener Varianten und Interpretationen des Modells.Albion Butters: A Brief History of Spiral Dynamics. Approaching Religion 5 (2). Donner Institute for Research in Religious and Cultural Studies (2015) 67–78, doi:10.30664/ar.67574, S. 71
(Initial experiments=Frühe Experimente; E-C levels of existence=E-C-Existenzebenen; Abandoned manuscript=Nicht vollendetes Manuskript, South Africa trips=Südafrika-Aufenthalte; SPIRAL DYNAMICS®=Spiral Dynamics; SD sm/tm filed=Markenanmeldung; SD sm/tm registered=Markeneintragung; Dtm=SPIRAL DYNAMICS®; Integral with SD=Integrale Theorie mit Spiral Dynamics; Spiral Dynamics Integral (SDi); Center for Human Emergence (CHE); AQAL altitudes=AQAL-Bewusstseinsebenen)
Kontext Spiral Dynamics beschreibt unter Bezug auf empirische Beobachtungen der Entwicklungspsychologie, dass Menschen im Lauf ihres individuellen Lebens wie auch im Lauf der Menschheitsgeschichte verschiedene Bewusstseinstufen durchlaufen (können), also unterschiedliche Formen des Fühlens und Denkens (Weltanschauungen).
Menschen seien unter drängendsten Umständen fähig, ihre Umwelt durch neue konzeptionelle Modelle so zu gestalten, dass (alle) neu entstandenen Probleme bewältigt werden können.Marcel Van Marrewijk: Strategic Orientations: Multiple Ways for Implementing Sustainable Performance. Technology and Investment, 2010, 1, 85-96. Umgekehrt beeinflusst die sich wandelnde natürliche und gesellschaftliche Umwelt diese „Modelle“, die als allgemeines Lebensgefühl oder grundlegende Weltanschauung in den Köpfen der Menschen existieren (Beispiele siehe unten). Nach der Idee der Spiral Dynamics schließt jedes dieser neuen Modelle alle vorherigen Modelle ein.
Nach Beck und Cowan sind diese konzeptionellen Modelle in sogenannten Wert-Meme organisiert (engl.: „value meme“, Abk. vMeme)Daniel Christian Wahl, Seaton Baxter, The Designer’s Role in Facilitating Sustainable Solutions. MIT Press Journals, Volume 24, Number 2 Spring 2008. Als Mem wird das kulturelle Pendant zum biologischen Gen bezeichnet – es bezeichnet einen bestimmten Bewusstseinsinhalt (z. B. einen Gedanken oder hier ein vollständiges Weltbild), der durch Kommunikation weitergegeben wird und sich damit vervielfältigt.
Theoriedarstellung Die Theorie der Spiral Dynamics enthält viele Parallelen zur allgemeinen Verständnistheorie von Maslow. Nach dem Verständnis von Maslow versuchen Menschen immer zuerst die Bedürfnisse niederer Stufen zu befriedigen, danach die Bedürfnisse höherer Stufen. In der Theorie von Spiral Dynamics, die von ihrem Begründer Clare Graves in erklärter Abgrenzung zur Theorie seines Institutskollegen Maslow entwickelt wurde, wird die Stufe der Bedürfnisbefriedigung in Farben aufgeteilt und Mem-Ebenen genannt:
Beige: archaisch, instinktiv, überlebensbestimmt, selbsttätig, reflexologisch seit dem mittleren Paläolithikum (100.000 v. Chr.) Ebene des grundlegenden Überlebens; Nahrung, Wasser, Wärme, Sex und Sicherheit haben Vorrang. Gewohnheiten und Instinkte werden zum bloßen Überleben verwendet. Es ist noch kaum so etwas wie ein unterscheidbares Ich erwacht, und es gibt kaum Bemühungen, ein solches zu bewahren. Grunddistinktion: Regulation; überlebensfähig vs. nicht überlebensfähig Purpur: animistisch, tribalistisch, magisch-animistisch seit dem mittleren Paläolithikum (50.000 v. Chr.)