Die Manuelle Medizin ist zusammen mit der Chirotherapie (von ) eine Form der konservativen Medizin. Sie wird zur Heilbehandlung angewendet, insbesondere wenn Funktionsstörungen des Bewegungsapparates Beschwerden verursachen. Somit grenzt sich die Manuelle Medizin von der invasiven und der medikamentösen Medizin ab.
Manuelle Medizin stellt eine Zusatzbezeichnung für Ärzte dar. Hierbei wird die Befundaufnahme und die Behandlung ausschließlich mit der Hand durchgeführt. Sie baut in einigen Bereichen auf den Methoden der Chiropraktik und der Osteopathie auf.
Manualtherapeutische Verfahren stellen zudem einen integralen Bestandteil der Ausbildung zum Physiotherapeuten dar. Zudem kann in weiterführenden Kursen die Bezeichnung Manuelle Therapie erlangt werden.
Begriffe In einem damaligen orthopädischen Standardwerk wurden 1981 unter der Kapitelüberschrift Manuelle Medizin (Chirotherapie) die Fachbegriffe manuelle Therapie, manuelle Medizin, manuelle Behandlungsmethoden, manuelle Behandlungstechniken, Manualtherapie und Manualmedizin ohne deutliche Abgrenzungen nebeneinander benutzt.J. H. Eichler: Manuelle Medizin (Chirotherapie). In: Alfred Nikolaus Witt, Hans Rettig, Karl Friedrich Schlegel, M. Hackenbroch, W. Hupfauer (Hrsg.): Orthopädie in Praxis und Klinik. 2. Auflage, Band II (Allgemeine Orthopädie), Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1981, ISBN 3-13-561202-3, S. 14.1 – 14.40. Das lateinische Wort manus bedeutet Hand (altgriechisch χείρ).
Überblick Manuelle Medizin befasst sich grundlegend mit der Wiederherstellung der Beweglichkeit von Gelenken, die in Form und Zusammensetzung intakt sind, deren Funktion jedoch gestört ist. Funktionsstörungen wie eingeschränkte Beweglichkeit (Blockierung) der Wirbelsäule und der Gelenke, Faszien und Muskeln sind die Zielpunkte der Manuellen Medizin. Diagnostik und Therapie beruhen auf biomechanischen und neurophysiologischen Prinzipien und erfolgen unter präventiver, kurativer und rehabilitativer Zielsetzung mit der Hand.
Sowohl Ärzte als auch Physiotherapeuten können sich an von den Landesärztekammern anerkannten Einrichtungen fortbilden. Fachärzte und praktische Ärzte dürfen nach einer bestandenen Prüfung die Zusatzbezeichnung Manuelle Medizin führen.
Für Physiotherapeuten wurde die Zusatzbezeichnung Manuelle Therapie etabliert.
Heilpraktiker bezeichnen sich meist als Chiropraktiker (oder Chiropraktoren), eine in Deutschland geläufigere, aber nicht geschützte Bezeichnung, hinter der im Einzelfall eine fundierte Ausbildung oder auch nur wenig Wissen stehen kann.
Terminologie Chirotherapie Chirotherapie kann wörtlich mit manueller Medizin übersetzt werden und wird als alternatives bzw. komplementäres Therapiekonzept zur evidenzbasierten Medizin verstanden.
Chiropraktik Das therapeutische Konzept der Chiropraktik beruht auf der Idee durch Subluxationen der Gelenke eine Wiederherstellung des gestörten Gelenkspiels zu erreichen. Die Evidenz der Chiropraktik ist im Vergleich zu anderen Therapieformen gering.Edzard Ernst u. a.: The Desktop Guide to Complementary and Alternative Medicine: An Evidence – Based Approach. Elsevier Health Sciences, 2001, ISBN 0-7234-3207-4, S. 45.Willem J. J. Assendelft, Sally C. Morton, Emily I. Yu, Marika J. Suttorp, Paul G. Shekelle: Spinal manipulative therapy for low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews 2004, Issue 1. Art. No.: CD000447. doi:10.1002/14651858.CD000447.pub2.Edzard Ernst, P. H. Canter: In: J R Soc Med. 2006;99, S. 192–196.
In den USA, Australien und weiteren Ländern können an spezialisierten Colleges und Zentren Abschlüsse in Chiropraktik erworben werden. Nach bestandener Prüfung wird der Titel Doktor/Master der Chiropraktik vergeben.
In Deutschland dürfen nur von Ärzten und auch von Heilpraktikern chiropraktische Techniken ausgeübt werden. Im Ausland qualifizierte Chiropraktoren müssen daher eine Heilpraktikererlaubnis erlangen, um in Deutschland zu praktizieren. In der Praxis haben Behörden regelmäßig dafür aber eine umfassende Kenntnisprüfung verlangt. In der jüngeren Vergangenheit haben einige Verwaltungsgerichte dies beanstandet und geurteilt, dass eine Ausbildung im Ausland anzuerkennen sei.aclanz.de
Osteopathie Osteopathie wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständiges therapeutisches Konzept begründet. Hier wird postuliert, dass mit Handgrifftechniken verschiedener Art Blockierungen von Nerven-, Blut- und Lymphsystemen zu lösen und damit auf fast alle Lebensvorgänge des Körpers Einfluss zu nehmen sei.
Techniken der Manuellen Medizin
Manipulation/Mobilisation Grundlage dieser Technik ist die genaue Diagnose der blockierten Gelenke durch Aufsuchen sogenannter Irritationspunkte, welche über neurogene Verschaltungen die Lage des blockierten Gelenkes anzeigen. Man unterscheidet zwischen einer mobilisierenden oder einer manipulativen Behandlungstechnik. Bei der mobilisierenden Behandlung wird die Beweglichkeit durch sanft und häufig wiederholte Dehnungsbewegungen wiederhergestellt. Bei der manipulativen Behandlung (von ‚Handgriff‘, ‚Kunstgriff‘) bzw. Manipulationsbehandlung wird eine Blockierung mit einem Impuls behandelt. Dabei setzt der Therapeut einen gezielten nervalen Reiz an sogenannten Nozizeptoren, die dadurch ein Reset erfahren und den das Gelenk blockierenden verspannten Muskel wieder entspannen. Im Falle der Wirbelbogengelenke beispielsweise spielen die segmentalen Musculi rotatores breves eine dementsprechende Rolle. Um diesen Effekt zu erreichen, ist weder eine große Kraft noch ein großer Weg erforderlich.
Die manipulierende Behandlung mit sehr schnell durchgeführten und kurzen Bewegungen ist an der Wirbelsäule dem Arzt (in der Chirotherapie) und dem Heilpraktiker (in der Chiropraktik) vorbehalten. Speziell in der Orthopädischen Manuellen Therapie fortgebildete Physiotherapeuten dürfen mit diesen Techniken ebenfalls arbeiten. Manipulative Techniken an Extremitätengelenken sowie sanfte mobilisierende Wirbelsäulentechniken können auch von entsprechend ausgebildeten nichtärztlichen Personen durchgeführt werden. Sie werden dann nicht als Manuelle Medizin, sondern als Manuelle Therapie bezeichnet. Allgemein ist der vorherige bildgebende Ausschluss von Wirbelsäulenschäden wie z. B. Knochenbrüche oder Tumoren mittels Röntgenaufnahme oder CT/MRT vor jeglicher Manipulation der Wirbelsäule unabdingbar.
Geschichte Manualtherapeutische Verfahren sind von jeher als Teil der ärztlichen Heilkunde. Insgesamt sind die hier entwickelten Techniken nur vereinzelt tradiert worden: So ist bereits im Corpus Hippocraticum ist ein Kapitel den Erkrankungen und Verformungen der Wirbelsäule, ihrer Genese (insbesondere im Zusammenhang mit internistischen Krankheitsbildern) und ihrer Therapie gewidmet.Alf Anso Brokmeier: Einführung. In: Lehrbuch Manuelle Therapie. OMT – Orthopaedic Manipulative Therapy. Enke, Stuttgart 1994. 5. Auflage. Eigenverlag, 2018, ISBN 978-3-7528-2702-6. S. 2–4. Nach Karel Lewit finden sich bereits dort Hinweise auf so genannte „Parathremata“, die den später beschriebenen Gefügestörungen der Wirbelsäule entsprechen. Es handelt sich dabei um ein übertragenes Wort, das der Pädagogik entnommen ist und eigentlich so viel wie „neben der Reihe stehende, unbotmäßige störende Zöglinge“ bedeutet, die sozusagen „aus der Reihe tanzen“. Das Wort Parathremata kommt einer geringen Gefügestörung oder dem Subluxationsbegriff der Chiropraktoren nahe.J. H. Eichler: Manuelle Medizin (Chirotherapie). In: Alfred Nikolaus Witt, Hans Rettig, Karl Friedrich Schlegel, M. Hackenbroch, W. Hupfauer (Hrsg.): Orthopädie in Praxis und Klinik. 2. Auflage, Band II (Allgemeine Orthopädie), Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1981, ISBN 3-13-561202-3, S. 14.1–14.40, Zitat S. 14.2.
Der griechische Geograph Strabon beschrieb um 50 vor Christus in seinem vierten Buch Manipulationen an der Wirbelsäule in Indien.Hans Peter Bischoff: Chirodiagnostische und chirotherapeutische Technik. Perimed-Verlag, Erlangen 1988, ISBN 3-88429-290-0, S. 9. Außerdem existieren Aufzeichnungen aus dem Mittelalter, zum Beispiel von Hildegard von Bingen. Seit der Neuzeit waren es vor allem Laienbehandler, welche manuelle Techniken ausübten. So gab es Schäfer, die sogenannten Boandlsetzer ‚Knochensetzer‘ in Tirol, die zurückgebliebene Tiere wieder einrenkten und in die Herde reintegrierten.
Reguläre Handgrifftechniken für spontane „Wirbelsäulenverrenkungen“ wurden anscheinend erst im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit in der Volksmedizin entwickelt und meist in familiärer Tradition gepflegt, in England als „bone setter“, in Deutschland dementsprechend als „Gliedersetzer“ oder „Zieher“ bezeichnet, vielleicht auch in der Zunft der Bader, Barbiere und Laien-Chirurgen betrieben.
Auch die amerikanischen Cowboys sollen durch ausgewanderte Tiroler Viehhirten von den Handgriffen erfahren haben und sie bei den Tieren ihrer Herden angewendet haben, wodurch das Wissen in die Vereinigten Staaten gelangte.
Der Begriff „Orthopädie“ wurde 1741 von dem Pariser Universitätsprofessor Nicolas Andry geschaffen und bezog sich zunächst nur auf die Vorbeugung und Behandlung von kindlichen Körperdeformitäten, insbesondere auch der Wirbelsäule. Zu Beginn des 20. Jh. wurde die Orthopädie jedoch schließlich ein eigenes Universitätsfach und schließlich zum Organ-Fachgebiet des Haltungs- und Bewegungsapparates.
Entwicklung in Amerika Etwa um 1866 wirkte der Arzt Jim Atkinson in Davenport, Iowa. Unter seinen Schülern waren die beiden Begründer der Osteopathie und Chiropraktik, die später getrennte Wege gingen:Bischoff und Moll, 2007. S. 13 ff. Der Chirurg Andrew Taylor Still brach mit der Schulmedizin und wandte sich – inspiriert unter anderem von der neuen Evolutionstheorie sowie indianischen Medizinmännern – einer neuen, ganzheitlichen Sichtweise der Medizin zu. Im Jahr 1892 gründete er die School of Osteopathy. Daniel David Palmer hingegen war kein Arzt, sondern Gemischtwarenhändler. Seine Chiropraktik übte er als Laientherapeut aus. Die von ihm 1897 begründete Palmer School of Chiropractic bildete unter anderem Nicht-Mediziner zu Therapeuten aus. Beide Varianten der amerikanischen Manualtherapie gelangten im frühen 20. Jahrhundert nach Europa. Stoddard und Mennell brachten die osteopathische Schule nach England, von wo sie nach Deutschland übergriff.
Mit der Entwicklung der „Osteopathie“ und „Chiropraktik“ in speziellen Heilpraktikerschulen in den USA im 19. Jahrhundert durch A. C. Still und D. D. Palmer wurden die Grundlagen der heutigen Manuellen Medizin geschaffen. In den 1960er-Jahren gab es dort etwa 20.000 zugelassene Osteopathen und etwa 40.000 approbierte Chiropraktoren.Mittelmeier 2011, S. 321 f.
Entwicklung in Deutschland In Deutschland wurden die ersten redressierenden ärztlichen „Handgrifftechniken“ von Albert Hoffa in seinem Lehrbuch der „Orthopädischen Chirurgie“ von 1891 bei Gelenkkontrakturen dargestellt und die Begriffe „Manipulation“ sowie „Redressement“ geprägt.
Seit Beginn des 20. Jh. wurden auf der Grundlage der so genannten schwedischen Heilgymnastik (P. Ling) an den orthopädischen Kliniken Lehranstalten für Krankengymnastik und Massage zur Heranbildung entsprechender Heilhilfsberufe zwecks Unterstützung der Ärzte gegründet. Die dort entwickelten manuell geführten mobilisierenden Bewegungsübungen sowie manuellen Extensionsmassagen stellen eine wesentliche Grundform der heute in der Manuellen Medizin geübten so genannten weichen Behandlungstechniken dar. Insbesondere entwickelte sich aber die artverwandte medizinische Balneologie, Massage und Heilgymnastik im 19. Jh., die Ende des 19. Jh. vor allem von Albert Hoffa in die moderne wissenschaftliche Orthopädie übernommen und zusammenfassend als „Physiotherapie“ bezeichnet wurden.