Die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa), auch als Gemeine Gottesanbeterin oder nur als Gottesanbeterin bezeichnet, ist die einzige in Mitteleuropa vorkommende Vertreterin der Ordnung der Fangschrecken (Mantodea) und zählt innerhalb dieser Ordnung zur Familie der Mantidae. In Deutschland ist sie in der Roten Liste der GeradflüglerS. Ingrisch, G. Köhler (1998): Rote Liste der Geradflügler (Orthoptera s. l.) (Bearbeitungsstand: 1993, geändert 1997). – In: M. Binot, R. Bless, P. Boye, H. Gruttke und P. Pretscher (zusammengestellt und bearbeitet): Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands. – Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.), Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg 55: 252–254. (Rote Liste) in die Kategorie 3 („gefährdet“) eingruppiert und genießt nach den Bestimmungen des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) in Verbindung mit der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) besonderen Schutz. Deshalb darf sie u. a. weder gefangen noch gehalten werden. Die Europäische Gottesanbeterin wurde zum Insekt des Jahres 2017 erklärt.Die Gottesanbeterin ist Insekt des Jahres 2017 NABU, abgerufen am 11. September 2021

Merkmale mini|Männchen Weibchen können bis zu 80 mm lang werden, die Männchen sind deutlich kleiner und erreichen eine Länge bis zu 60 mm. Obwohl alle Tiere flugfähig sind, nutzen hauptsächlich die Männchen ihre Flügel, sowohl zum Fliegen als auch im Rahmen einer Schreckreaktion, bei der diese weit abgespreizt werden.Gottesanbeterin, Mantis religiosa, Spektrum. Lexikon der Biologie, abgerufen am 11. September 2021 Die Grundfärbung reicht von zartgrün bis braun, auf ehemaligen Brandflächen kann man sogar fast schwarzen Individuen begegnen (Feuermelanismus). An der Basis der Innenseite der Vorderhüften befindet sich ein schwarzer, oft weiß gekernter Fleck, der in der Abwehrhaltung als augenähnliche Zeichnung gezeigt wird (Mimikry). Die unterschiedlichen Färbungsvarianten entstehen nach den einzelnen Häutungen als Anpassung an die Umgebung.S. Ergene (1953): Homochrome Farbanpassungen bei Mantis religiosa. Zeitschr. vergl. Physiol., Berlin 35: 36–41

Auffallend sind der verlängerte Halsschild und der große, dreieckige, sehr bewegliche Kopf. Während die beiden hinteren Beinpaare als Schreitbeine gestaltet sind, sind die Vorderbeine zu Fangbeinen umgebildet. Femur und Tibia sind mit Dornen zum Festhalten der Beute besetzt.

Zwischen den Facettenaugen befinden sich drei Ocellen, die beim Männchen deutlicher ausgebildet sind und als Merkmal zur Geschlechtsunterscheidung herangezogen werden können.

Ähnliche Arten

Die Europäische Gottesanbeterin ähnelt anderen Arten der Unterfamilie Mantinae. Ein Beispiel ist die ebenfalls in Teilen Südeuropas vertretene Afrikanische Riesengottesanbeterin (Sphodromantis viridis), die einen ähnlichen Körperbau und auch ähnliche Farbmuster besitzt. Die Afrikanische Riesengottesanbeterin unterscheidet sich jedoch abgesehen von der Kopfform besonders durch die höhere Endgröße von 10 Zentimetern von der Europäischen Gottesanbeterin. Außerdem unterscheiden sich die Farbgebungen zur Drohgebärde beider Arten, so besitzt die Afrikanische Gottesanbeterin, anders als die Europäische Gottesanbeterin, für diesen Zweck eine gelbe Färbung, die den Großteil der Innenseite der Femora und Tibien der Fangbeine einnimmt. Eine weitere neue ähnliche Fangschreckenart in Europa und in Deutschland ist die Asiatische Riesengottesanbeterin (Hierodula tenuidentata).

Lebensweise mini|Paarung

Im Mittelmeerraum besiedelt die Europäische Gottesanbeterin viele unterschiedliche Lebensräume, in Mitteleuropa ist sie dagegen auf ausgesprochene Wärmeinseln beschränkt. Die Bindung an Wärmegebiete ist bedingt durch ein im Frühjahr notwendiges Beuteangebot für die Nymphen, die Eier dagegen können in Steppengebieten auch Winter mit sehr tiefen Minustemperaturen überstehen (letale Temperatur: −43 °C).

Am Oberrhein findet man die Gottesanbeterinnen häufig an Waldrändern, wo sie sich meist gut getarnt an Besenginster, Goldruten, Rainfarn, Johanniskräutern und Jungpflanzen der Roteiche und des Weißdorn sowie anderen Gehölzen und krautigen Pflanzen aufhalten. Aus einem im Februar am mittleren Oberrhein eingesammelten Eigelege schlüpften ab Mitte Juni innerhalb einer Woche etwa 30 Jungtiere, die wieder in ihren natürlichen Lebensraum entlassen wurden. Zum Zeitpunkt der „Entlassung“ gab es schon reifere Jungtiere im Lebensraum. Einzelne ausgewachsene Tiere zieht es aber auch in Wohngebiete, wo sie tagsüber in Hecken, insbesondere Kirschlorbeerhecken, Schutz finden. In der Dämmerung und nachts bei Laternenschein, gelegentlich aber auch am Tage, gehen die Tiere auf die Lauer. Sie klettern dabei Gebäudefassaden hinauf, inspizieren die Umgebung und warten auf Beute. Zum Beutespektrum der Gottesanbeterinnen gehören hauptsächlich Heuschrecken, Grillen und Waldschaben. Es werden aber auch andere Insekten, beispielsweise von relativ jungen Gottesanbeterinnen Schmetterlinge wie der Russische Bär, und Gliederfüßer erbeutet. Im Jahr 2025 dokumentierte ein Mitarbeiter der Heinz Sielmann Stiftung in der Döberitzer Heide eine Gottesanbeterin, die eine Zauneidechse fraß. Im Gegensatz zu anderen räuberischen Insekten werden die Opfer nicht gelähmt. Sie werden einfach lebend „aufgefressen“. Das betrifft auch Artgenoss(inn)en.

Gewöhnlich sind die Tiere gut getarnt. An Gebäudefassaden ist das nicht unbedingt der Fall. Da sich die relativ großen Insekten nur sehr langsam in der für Lauerjäger typischen Art wackelig fortbewegen oder fast regungslos verharren und aufgrund ihrer Farbe und Form grünen Laubblättern ähneln, werden sie trotzdem oft übersehen. Die Tiere weisen keinen Fluchtreflex auf. Sollten sie trotzdem aufgeschreckt werden, legen die (ausgewachsenen) Imagines, geflügelten Heuschrecken ähnlich, im Fluge Strecken von teils mehr als 20 m zurück, wobei die kleineren leichten Männchen offenbar im Vorteil sind.

Aufgrund ihrer guten Tarnung und des fehlenden Fluchtreflexes werden einige, meist reifere, Tiere auf asphaltierten Feldwegen „Verkehrsopfer“, wo sie entweder (unabsichtlich) zertreten oder durch Rad- oder Kraftfahrverkehr überfahren werden. Eine weitere Gefahr für die Tiere geht vom Rückschnitt der Strauchvegetation entlang von Feldwegen im Sommer aus. Die Fangschrecken, die sich im Mähbereich aufhalten, haben in der Regel keine Fluchtmöglichkeit.

Fortpflanzung mini|Europäische Gottesanbeterinnen praktizieren sexuellen Kannibalismus

Europäische Gottesanbeterinnen sind semelpar, d. h. sie pflanzen sich nur einmal im Leben fort, und alle erwachsenen Tiere sterben vor dem Winter, während der Nachwuchs im Embryonalstadium im Ei überwintert. Wie zahlreiche andere Fangschrecken praktiziert auch die europäische Gottesanbeterin sexuellen Kannibalismus, d. h. das Männchen wird in freier Wildbahn (in bis zu 30 Prozent der FälleSexual cannibalism increases male material investment in offspring: quantifying terminal reproductive effort in a praying mantis (auf engl.) The Royal Society, abgerufen am 11. September 2021) während oder nach der Paarung vom Weibchen aufgefressen.S. E. Lawrence (1992): Sexual Cannibalism in the Praying Mantid, Mantis religiosa: A Field Study. – Source Anim. Behav., London 43 (4): 569–583.M. Fellinger, R. Fellinger, W. Heitland (2003): Wespen beteiligen sich an der Beute von Gottesanbeterinnen. – Natur und Museum 133 (10): 295–301.M. Berg, M. Keller (2004): Die Gottesanbeterin, Mantis religiosa LINNAEUS, 1758 (Mantodea: Mantidae), im Stadtgebiet von Berlin-Schöneberg – Ihre Lebensweise und faunistische Beobachtungen in den Jahren 1998 bis 2003. – Märk. Entomol. Nachr., Potsdam 6 (1): 55–84.M. Fellinger, R. Fellinger (2006): Faszinierende Kannibalen – Die Gottesanbeterin und ihr natürlicher Lebensraum. – Natur und Tier Verlag, Münster, 223 S.M. K. Berg, C. J. Schwarz, J. E. Mehl: Die Gottesanbeterin, Mantis religiosa. (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 656). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 2007, ca. 400 Seiten. Während die Männchen mancher Mantodeen-Arten einen ausgeprägten Balztanz ausführen, um vom Weibchen nicht als Beute angesehen zu werden,W. J. Davis, E. Liske (1985): Der Balztanz der Gottesanbeterin: Anatomie eines wissenschaftlichen Mythos. – Naturwiss. Rundschau, Stuttgart 38 (6): 223–230. konnte ein derartiges Verhalten bei Mantis religiosa bisher nicht festgestellt werden.P. Prokop (2001): K sexuálnemu správaniu modlivky zelenej (Mantis religiosa L.) – Notes on the Mating Behaviour of the Praying Mantis, Mantis religiosa. – Sborník přírodovědného klubu v Uh. Hradišti 6: 98–103 (tschech.).

Forscher der Universität Sydney fanden heraus, dass hungrige Weibchen besonders viele Duftstoffe produzierten, um vital und fruchtbar auf männliche Tiere zu wirken. Für dieses Verhalten gibt es eine einfache, biologische Erklärung: die Duftstoffproduktion ist weniger energieaufwändig als die Produktion der Eier, die somit verschoben wird, bis die Gottesanbeterin gefressen hat und ihr somit wieder mehr Energie zur Verfügung steht.Sexueller Kannibalismus: Wie hungrige Gottesanbeterinnen Männchen täuschen Wissenschaft Aktuell, abgerufen am 11. September 2021

Aus evolutionärer Sicht ist es jedoch auch für das Männchen sinnvoll, sich vom Weibchen bei der Paarung fressen zu lassen, wie die Royal Society bereits 2016 wissenschaftlich untermauerte. Das Gelege macht 30 bis 50 Prozent des Gewichts des Weibchens aus, somit ist ein schwereres Tier in der Lage, deutlich mehr Eier zu produzieren. Die rund 30 Prozent der Männchen, die Opfer von Sexualkannibalismus werden, tragen somit dazu bei, dass sie mehr eigenen Nachwuchs zeugen.

mini|hochkant=1.8|alt=Links: Gottesanbeterin auf rot blühendem Christusdorn (Euphorbia milii). Mitte oben: ... frisst Wespe. Mitte unten: ... frisst Biene. Rechts: An Lampenfuß angeklebtes Ei-Paket.|Eine Europäische Gottesanbeterin an einem Balkonblumenkasten in Wien-Donaustadt im 16. Stockwerk; an einem Lampenfuß wurde ein Eipaket deponiert Einige Tage nach der Begattung legen die Weibchen 200 bis 300 Eier in einer ca. 4 cm langen Oothek ab, die das Gelege durch eine schnell erhärtende, schaumige Eiweißmasse schützt. Die Weibchen suchen sich für die mehrstündige Eiablage in ihrem Revier geeignete, meist klimatisch (Temperatur, Feuchtigkeit) günstige Stellen aus, an welchen der Nachwuchs nach dem Schlüpfen leicht Nahrung findet.

Im Herbst verenden die erwachsenen Tiere, während die Eier mit den Embryonen in den durch ihre spongiöse Schutzhülle ausgezeichnet isolierten Ootheken überwintern. In einem Fall konnte beobachtet werden, wie das Weibchen nach der Eiablage Ende September noch eine Woche in wenigen Metern Entfernung verbracht hat, vermutlich ohne weitere Nahrungsaufnahme, um dann zu sterben.

mini|Nymphe einer Europäischen Gottesanbeterin Die etwa 6 mm langen Nymphen schlüpfen im Mai bzw. Juni und durchlaufen zahlreiche Nymphenstadien bis zur Geschlechtsreife. Sie häuten sich mindestens fünf Mal, größere Weibchen sogar noch öfter, bevor im Hoch- und Spätsommer die ersten erwachsenen Tiere (Imagines) auftreten. Etwa 14 Tage nach der Imaginalhäutung werden die Tiere geschlechtsreif.

Natürliche Feinde Eiparasitoide von Mantis religiosa sind die Erzwespen Mantibaria seefeldiana (Familie Scelionidae) und Podagrion pachymerum (Familie Torymidae). Grabwespen der Gattung Stizus (Familie Crabronidae) erbeuten als Larvenproviant neben Heuschrecken auch Fangschrecken.

Verbreitung